Im nächsten Frühjahr brachten die geflügelten Boten uns Kunde, dass ein Tross aus Lothlórien die Grenze überquert hätte. Sofort ließen wir die Gastquartiere vorbereiten. Ich freute mich schon darauf Mallenloth und auch Caladúneth wiederzusehen. Seit dem Ringkrieg waren die beiden in Lothlórien gewesen.
Umso überraschter war ich, als ich Galadriel, Celeborn und Elrond an der Spitze der Kolonne entdeckte. Von Mallenloth und Cala sah ich nichts. Ich blickte zu Anordil. Auch er schaute ein wenig verwundert. Glordoron ging den Ankömmlingen ein paar Schritte entgegen.
„Seid willkommen in Cillien", hieß er alle willkommen. Galadriel, Celeborn und Elrond stiegen von ihren Pferden. Dann trat als erste Galadriel auf Glordoron zu. „Wir danken Euch, edler Glordoron, dass Ihr uns für ein paar Tage Eure Gastfreundschaft gewährt", erwiderte Galadriel huldvoll, „unser Weg ist noch weit." Glordoron sah sie prüfend an. „Die Grauen Anfurten ist Euer Ziel?", fragte er schließlich. Celeborn nickte. „Es ist nun soweit", sagte er, „Mittelerde wird in die Hände der Menschen gegeben."
Wir waren mittlerweile nähergetreten. „Ist das schon klug?", wagte ich zu fragen, während ich die ersten Kelche verteilte. Galadriel lächelte milde als sie einen davon dankend annahm. „Es gibt keine Gefahr mehr, außer die, welche von ihnen selber ausgeht", entgegnete sie weise, „Saurons Macht ist ein für alle Mal geschlagen. Das Böse ist gebannt. Nur die Dunkelheit, die in den Menschen ist, gilt es zu vertreiben."
„Und die paar Orks, die sich noch herumtreiben, stellen keine große Bedrohung dar", warf Celeborn ein, „außerdem wird es noch ein paar Jahrhunderte dauern, bis der letzte Elb Mittelerde verlassen hat. Für die jüngeren unter uns ist Valinor zurzeit nicht wirklich attraktiv."
Elrond lachte verhalten. Seine Augen blitzten vergnügt. „Auch Ihr sucht den Weg nach Valinor, Elrond von Bruchtal?", fragte Anordil ihn, während er ihm einen Kelch mit Wein zur Begrüßung reichte. „Es gibt nichts mehr, was mich in Mittelerde hält", erwiderte dieser gelassen, „meine Söhne sind erwachsen und treiben sich mit diesem Prinzen vom Düsterwald herum, der Legolas genannt wird. Außerdem bereitet dieser Zwerg mir Kopfschmerzen, den Legolas seinen Freund nennt."
Ich lachte verhalten. Nur zu gut konnte ich Elronds Bedenken verstehen. Er trank einen Schluck und zuckte mit den Schultern. „Und meine Tochter ist glücklich vermählt mit ihrem Menschen", fuhr er aufseufzend fort, „als ich in Minas Tirith war, hatte ich die Gelegenheit meinen Enkelsohn begrüßen zu dürfen. Nun ist für mich nichts mehr zu tun. Soll ich noch warten, bis Arwens Lebensspanne vorüber ist? Oder die meiner Enkel?" Er drehte den Kelch in der Hand. Entschlossen blickte er dann Anordil an. „Nein", sagte er mit fester Stimme, „ich könnte es nicht ertragen, ihre Leiber verfallen zu sehen. – Außerdem ruft mich Celebrian zu sich. Meine Zeit ist hier vorüber."
Er blickte sich um und deutete zu den verlassenen Behausungen hinüber, an denen auch schon deutliche Spuren des Verfalles zu erkennen waren. „Und wie es aussieht, zieht es hier ebenfalls einige Richtung Valinor", sagte er lächelnd.
Glordoron erwiderte das Lächeln. Er wirkte mit einem Male müde. „Mein Freund, auch ich habe mich seit geraumer Zeit gefragt, was mich noch in Mittelerde hält", entgegnete er. Galadriel blickte ihn mit ihren gütigen Augen an. „Und was könnte den großen Glordoron noch hier fesseln?", fragte sie mit leichtem Vergnügen.
Er deutete hinüber zu uns und Luvalaes. „Eigentlich habt ihr Recht, werte Galadriel", seufzte er, „meine Kinder sind erwachsen – jedenfalls sollten sie es sein." Sein Blick streifte Luvalaes, der demonstrativ auswich. „Und meine Gemahlin wartet bereits an den Gestaden auf mich", fuhr er fort. „ich denke, es ist dann auch für mich Zeit aufzubrechen."
Mit Überraschung sah ich ihn an. Anordil und Luvalaes schienen seine Worte gelassen hinzunehmen. Immerhin hatte Glordoron vor einiger Zeit bereits seine Absicht verlauten lassen. Allerdings hatte ich nicht so rasch damit gerechnet.
Glordoron geleitete die Gäste ins Haus hinein. Anordil, Luvalaes und ich kümmerten uns um den Tross. Bis jeder versorgt war, dauerte es eine Weile. So bekamen wir beinahe nicht mit, dass die Nachhut eintraf.
Ich gab gerade einer Magd Anweisung, als ich am Waldrand Bewegung sah. „Alae, Mallenloth, Caladúneth", rief ich erfreut, als ich die Ankömmlinge erkannte und rannte den beiden entgegen. Anordil schaute auf und lachte.
„Willkommen zu Hause", begrüßte ich die beiden und drückte sie, völlig unelbisch, an mich. „Ich freue mich wieder hier zu sein", erwiderte Mallenloth vergnügt. Sie sah in ihrer Reisekleidung sehr kriegerisch aus, obwohl sie doch eher die Heilerin war. „Auch ich bin froh, wieder in Cillien zu sein", sagte Caladúneth neben ihr. Sie trug ebenfalls zweckmäßige Reisekleidung.
Dann war Anordil bei uns angelangt. Auch er begrüßte seine Töchter herzlich. Er machte dabei keinen Unterschied zwischen seiner leiblichen und der Ziehtochter. „Es ist schön, euch wieder in den Arm zu schließen", sagte er mit sichtlicher Erleichterung.
„Vater", mahnte Mallenloth sanft, „wir sind erwachsen." „Gerade das macht es nicht leichter", lächelte Anordil und nahm beide Töchter bei der Hand, „solange ich euer Vater bin, werde ich mich um euch sorgen, ob ihr das wollt oder nicht. – Es ist doch bei meinem Vater genauso." Er winkte mit dem Kopf in Richtung des Hauses.
Auf der Terrasse von Glordorons Gemächern sahen wir nicht nur ihn, sondern auch unsere Gäste. „Glordoron wird uns verlassen", sagte er leise, „er wird nach Valinor gehen."
Beide sahen ihn mit großen Augen an. „Aber er hatte doch vor einigen Sonnenläufen gesagt, dass er noch eine Weile hier bleiben wollte", platzte es aus Mallenloth heraus, „Großvater kann doch nicht einfach gehen!" „Es war schon eine Weile in ihm zu spüren", warf Caladúneth beschwichtigend ein, „er sehnt sich nach seiner Gemahlin. Sein Herz ist bei ihr." Schweigend sah sie hinüber.
„Und du, Vater?", fragte sie plötzlich, „wirst du auch gehen, oder hier bleiben?" Sie blickte Anordil unergründlich an. Es war mir, als würde mit einem Mal eine Spannung zwischen uns allen stehen. Dann wurde mir klar, was Caladúneth sagen wollte. – Míriel! Anordils erste Frau. Sie war schon seit langem in Valinor. Ein Stich fuhr mir ins Herz.
„Meine Zeit ist noch nicht gekommen", antwortete Anordil ausweichend, „außerdem ist mein Leben hier. Valinor kann warten und Míriel wird es verstehen. Sie hat ihre Entscheidung getroffen, wie ich die meine. - Wie ist es mit dir, Mallenloth? Zieht es dich zu den Weißen Stränden?"
„Auch ich habe noch viel Zeit, bis ich aufbreche", entgegnete sie in ähnlichem Tonfall, „es ist viel zu tun in Mittelerde. Solange ich gebraucht werde, werde ich bleiben. Vorerst jedenfalls ein Weilchen in Cillien." „Was ist mit dir, Caladúneth?", fragte ich neugierig.
„Ich werde die Herrin Galadriel begleiten", sagte sie und blickte zu der Terrasse herüber, „sie braucht mich." Sie machte eine kurze Pause. „Aber nur bis Mithlond", fuhr sie lächelnd fort, „ich habe noch nicht vor in den Westen aufzubrechen." „Und was wirst du tun, bis es dich doch an die weißen Strände zieht", fragte ich neugierig.
„Ich werde an Aragorns Hof gehen", erzählte sie enthusiastisch, „Ithilien ist nicht weit und Legolas wird möglicherweise meine diplomatischen Fähigkeiten schätzen lernen. – Wer weiß, vielleicht ziehen wir sogar gemeinsam in den Westen, wenn unsere Zeit gekommen ist." Sie schmunzelte leicht. „Hier in Cillien habe ich mich wohl gefühlt", fuhr sie fort, in dem sie auf die stumme Frage Anordils antwortete, „ihr habt mir Vater und Mutter ersetzt. Nie stand der Makel meiner Geburt zwischen uns. Doch es ist eine Leere in mir, die ich füllen möchte."
„Meinen Segen hast du", sprach Anordil sanft, „Legolas wird es gutheißen, dass du in seiner Nähe bist. Auch wenn es ihm wohl schmerzt. Doch manches Mal muss man denen, die man liebt weh tun, um ihrer Liebe gewiss zu sein. Aber sei gewiss, dass dir hier immer Tür und Tor offen stehen werden."
„Auch mein Segen sei mit dir", sagte ich ruhig. „Weiß Legolas von deinen Plänen?", fragte Anordil sie, während wir auf das Haus zugingen. „Er billigt meine Wünsche", erwiderte Caladúneth ausweichend, „zwar hatte er gehofft, ich würde eine Weile in Ithilien verweilen, sobald er die Enklave aufbaut, aber er wird auch zurecht kommen ohne dass ich täglich dort bin. Minas Tirith ist nicht weit und so kann ich beiden dienen, dem König von Gondor und dem Fürsten von Ithilien."
„Und wer weiß", unterbrach Mallenloth, „womöglich machen wir gemeinsam Gondor oder sogar Mittelerde unsicher. – Mallenloth und Caladúneth – was für ein Gespann." Lachend und scherzen gingen wir zum Haus hinüber.
In den nächsten Tagen wurden die wenigen Habseligkeiten gepackt, die Glordoron mitnehmen wollte. Außerdem legte er offiziell die Angelegenheiten der Enklave in Anordils Hände. Schließlich kam der Abend, der wohl der letzte gemeinsame Abend hier in Mittelerde sein würde. Ein prächtiger Sonnenuntergang verschönerte die Lichtung, auf der wir feiern wollten.
„Einen schöneren Abschied könnte ich mir nicht vorstellen", sagte Glordoron zufrieden, „ich werde dieses Tal in Erinnerung behalten." Dann trat er in die Mitte des Tanzplatzes. Viele Augen richteten sich erwartungsvoll auf ihn. Inoffiziell hatte sein Wunsch in den Westen zu gehen bereits die Runde gemacht. Nun wartete man gespannt, was der Herr von Cillien zum Abschied sagen würde.
„Bewohner Cilliens, ehrenwerte Gäste und meine liebe Familie", hob er an, „seit vielen Jahrhunderten habe ich Mittelerde meine Heimat genannt. Hier in Cillien verbrachte ich wunderschöne Sonnenläufe. Sie brachten mir Freude und Leid. Doch nun ist es Zeit für mich nach Hause zu kehren. Valinor wartet auf mich."
Er machte eine kleine Pause. Dann hob er den Kelch. „Ich freue mich darauf, die weißen Strände zu sehen und meine geliebte Gemahlin wieder in den Arm zu schließen", sagte er mit Freude, „trinkt mit mir auf ein Wiedersehen!" Wir hoben unsere Kelche und prosteten ihm zu, bevor wir austranken.
Dann nahm der Abend seinen Lauf. Es wurde reichlich aufgetragen und die Musiker spielten lustige Weisen. Es wurde viel gesungen und gelacht. Aber ich fühlte mich doch wehmütig.
„Was ist mit dir, Schwägerin?", wisperte es auf einmal neben mir. Ich blickte zur Seite. Luvalaes hatte sich zu mir gesetzt. „Was soll schon sein", seufzte ich bedrückt. „Du siehst traurig aus", warf er ein. Ich seufzte erneut. „Ich habe allen Grund traurig zu sein", murmelte ich und drehte den Kelch in meinen Händen, „Glordoron war wie ein Vater zu mir. Er hat mir nie das Gefühl gegeben, dass ich nur ein Mensch bin, oder dass er mich ablehnt, weil ich den Bund mit seinem Sohn eingegangen bin. - Und nun geht er fort."
Ich schaute zu Glordoron hinüber, der sich angeregt mit Anordil unterhielt. „Ich werde ihn nie wiedersehen", sagte ich leise, „obwohl ich weiß, dass er lebt. Doch wenn Anordil und du die Reise nach Valinor antreten werden, um euch zu euren Eltern zu gesellen, werde ich schon längst zu Staub zerfallen sein."
Unergründlich sah Luvalaes mich an. In seinen Augen las ich so etwas wie Verständnis für mich. Brüderlich legte er dann seinen Arm um mich. „Gräme dich nicht, Schwägerin", sagte er aufmunternd, „Glordoron wird sich deiner erinnern. Dessen sei gewiss." Ich sah ihn traurig an. „Glaubst du das wirklich?", fragte ich betrübt, „warum sollte er sich an eine Menschenfrau erinnern, die er nur ein paar Sonnenläufe gekannt hatte? Ich bin doch nichts weiter als eine flüchtige Begegnung an einem Sommertag."
Luvalaes lachte leise. „Und ob er sich erinnern wird", erwiderte er amüsiert, „du bist jedenfalls der einzige Mensch, zumal auch noch eine Frau, der seine Schwertmeisterprüfung bestanden hat. Darauf kannst du wahrlich stolz sein."
Anordil kam mit Glordoron auf uns zu. Ich erhob mich respektvoll, wie es sich für eine gute, wenn auch angeheiratete, Tochter gehörte. Auch Luvalaes stand auf. Glordoron lächelte. „Nun ist der Abschied gekommen, mein Kind", wandte er sich zu mir, „du hast mir viel Freude bereitet und ich bin sehr stolz darauf, dich meine Tochter nennen zu können." Vor soviel Lob errötete ich sichtlich. Ich verneigte mich rasch und zog etwas aus der Tasche meines Gewandes.
„Edler Glordoron", sagte ich mit belegter Stimme, „es ehrt mich sehr, dass ich Euch Vater nennen durfte. Ich bin sehr traurig über Euren Aufbruch, da ich weiß, dass ich euch in meiner Lebensspanne nicht mehr wiedersehen werde. Daher nehmt dies als kleines Geschenk mit Euch nach Valinor, auf das Ihr Euch meiner erinnert."
Ich reichte ihm das kleine Amulett, welches ich trug, als ich nach Mittelerde kam. Ein einfaches Sonnenrad aus Silber an einem schlichten Lederband. Trotzdem nahm er es in die Hand, als wäre es ein kostbares Kleinod aus Mithril.
„Nie werde ich dich vergessen, meine Tochter", sagte er sichtlich gerührt. Dann gab er mir einen Kuss auf die Stirn. „Passe gut auf dich auf", ermahnte er mich, bevor er sich Luvalaes zuwandte.
„Mein Sohn", sagte er mit etwas strengerer Stimme, „nun hast du erfolgreich geschafft, was du dir vorgenommen hattest. Ich werde deiner Mutter nicht berichten können, dass du dich gebunden hast." Luvalaes verneigte sich knapp und lachte dabei. „Verehrter Herr Vater", konterte er, „bisher war nicht das passende Weib für mich dabei, auch wenn du mir Hunderte präsentiert hast. Was soll ich mich dann binden? Außerdem haben deine übrigen Söhne und Töchter dich doch reichlich mit Enkeln versorgt, oder?"
Glordoron lachte. „Und doch hätte ich auch gerne dich in der Vaterrolle erlebt", warf er ein, „um dieses Vergnügen hast du mich gebracht." „Du hast noch reichlich Zeit mich damit aufzuziehen", sagte Luvalaes, „schließlich gehöre ich zu der Eskorte, die den Tross nach Mithlond geleitet."
Der Abend wurde wehmütiger, je länger er dauerte. Gegen Mitternacht löste sich das Fest auf. In den frühen Morgenstunden des folgenden Tages wurde sich nur kurz verabschiedet. Alles war bereits gesagt worden. Wir begleiteten den Tross bis zur Grenze. Ich konnte meine Tränen nicht verkneifen, als sie am Horizont verschwanden.
In den nächsten Wochen fanden wir uns in unsere neuen Rollen hinein. Wir hatten schließlich bereits vor einigen Sonnenläufen üben können. Allerdings gab es doch noch viele Dinge, die nun anders waren, jetzt wo Anordil Herr über Cillien war und ich damit die Herrin.
Das äußerte sich schon darin, dass die schöne Zeit vorbei war, in der ich mich ins Küchengewölbe schleichen und dort ungestört morgens meinen Tee sowie ein Stück frischen Brotes verzehren konnte. Nibenchugu gab mir schweigend, aber doch unmissverständlich zu verstehen, dass mein Platz nun an der herrschaftlichen Tafel sei. Seufzend gab ich nach. Ich fügte mich allerdings nur sträubend in die Rolle der Herrin des Hauses hinein.
Es war schon ein merkwürdiges Gefühl, als ich dann gemeinsam mit Anordil bei der nächsten Wintersonnenwende die Feuer neu entfachte, wie es Sitte war. Auch als wir am folgenden Morgen das neue Brot brachen und damit den Segen der Valar erbaten, kam es mir seltsam vor. Ich würde noch lange brauchen, um mich darin einzufinden.
Die Jahreszeiten kamen und gingen. Der Friede tat dem Land gut. Nur wenige Orks streunten noch durch die Gegend. Ab und an kam uns zwar zu Ohren, dass ein Warg aufgetaucht sei, doch alles in allem waren die Geschöpfe Saurons auf dem Rückmarsch. Es hieß, dass sie sich tief nach Mordor hinein verkrochen hätten. Dorthin, wo nie ein Mensch oder Elb seinen Fuß setzen würde. Nur im Winter wagten sie sich aus ihren Löchern heraus. Dann überfielen sie die kleinen Dörfer nahe der Grenze. Allerdings wurde die Verteidigung mit jedem Sonnenlauf besser. Es schien mir fast, als würde Aragorn die Überfälle als persönliche Beleidigung auffassen.
Ab und an kamen auch erfreuliche Nachrichten. Die Königin gebar zwei Töchter. Peregrin und Meriadoc hatten gleich Samweis wunderbare Gefährtinnen gefunden, mit denen sie Familien gründeten. Von Tjann hörte man, dass er an den königlichen Hof berufen worden war. Er verwaltete den Haushalt Aragorns und war ihm in mancher Hinsicht zu Diensten. Eigentlich war alles in bester Ordnung.
Nachdenklich ließ ich die Feder sinken. Ja, es war alles in bester Ordnung. Nur in mir breitete sich wieder einmal Unruhe aus. Doch den Grund vermochte ich nicht zu ergründen. Seit unserem Besuch an der Kultstätte war viel Zeit vergangen. Zeit, in der ich mir klar machen musste, dass ich ins Rad des Schicksals nicht mehr eingreifen konnte. Zumindest nicht in das, welches Fiona und die andere Welt betraf. Aber was mochte das Schicksal mir noch bringen?
Immer stärker nagte es an mir, dass ich keine Kinder gebären konnte. Wie gerne hätte ich als Zeichen meiner Liebe Anordil eines geschenkt!! Ruckartig stand ich auf. Ich durfte nicht anfangen zu grübeln. Heute war einer der Tage, wo ich von meinen Pflichten entbunden war. An solchen Tagen ging ich meist in die Übungshalle und widmete mich dem Schwertkampf oder dem Bogenschießen. Trotz allen Friedens mochte ich nicht aus der Übung kommen.
Ich zog mich an und flocht sorgfältig meine Haare, damit sie mich beim Übungskampf nicht behinderten. Plötzlich starrte ich in den Spiegel. Zitternd entwirrte ich meine Haare und betrachtete sie sorgfältig Strähne für Strähne. Da war es schon wieder. Silbrig schimmerten sie in meiner Hand. Gestern waren sie doch noch nicht da gewesen! „Es ist soweit", murmelte ich, „du wirst alt!" Prüfend ließ ich meinen Blick über mein Gesicht gleiten. Hier und da sah ich nun die ersten Anzeichen des Alterns. Die Falten, die tiefer waren, als noch vor wenigen Sonnenläufen. Die ersten silbernen Fäden, die meine Haare durchzogen. Ich betrachtete meine Hände. Auch hier waren die ersten Spuren zu sehen. Wie ein eisiger Hauch spürte ich meine Sterblichkeit. Bittere Tränen liefen mir über das Gesicht, denn mir wurde mit einem Mal bewusst, dass meine Zeit in Mittelerde gezählt war.
Ein paar Tage nach der Wintersonnenwende wurde uns Besuch gemeldet. Ein Mensch sei zu uns unterwegs, hieß es. Neugierig geworden schlang ich mir meinen pelzverbrämten Umhang aus schwerer Wolle um die Schultern und trat hinaus. Von der Schmiede her kam Anordil auf mich zu. Ich fror, als ich ihn in der einfachen Tunika dort stehen sah.
„Ein Mensch?", fragte er mich, „hat der Bote gesagt, wer es ist?" Ich schüttelte den Kopf. „Nein", erwiderte ich, „nur, dass es ein Mann sei." „Na, dann lassen wir uns mal überraschen", meinte er. Dann sahen wir bereits die dick vermummte Gestalt zu Pferd, die langsam aus dem Wald kam. Dem Pferd standen dicke Schwaden bei jedem Ausatmen vor den Nüstern. Es war sichtlich froh, dass es nun einen festgetretenen Pfad unter die Hufe bekam, denn es beschleunigte seine Gangart. Die Gestalt auf seinem Rücken schien nun ebenfalls zu sehen, dass sie sich dem Ziele näherte. Sie hob die Hand zum Gruß.
„Es ist ein Pferd aus Gondor", stellte Anordil fest, „das Sattelzeug ist aus der königlichen Stallung. - Ein Bote Aragorns?" „Möglich", sagte ich knapp, denn mir wurde kalt in meinem Gewand, trotz des warmen Umhangs.
„Willkommen in Cillien", begrüßte Anordil den Reiter und ging auf das Pferd zu. „Sei gegrüßt, Anordil, Herr von Cillien", tönte es aus der Vermummung. Erfreut blickte ich auf, denn ich hatte die Stimme sofort erkannt. „Auch ich grüße dich, Tjann Grünauge", sagte ich, „was führt dich zu dieser Zeit weg von deiner Gemahlin und den Kindern?"
Mühsam schwang sich Tjann aus dem Sattel und schob die Kapuze aus dem Gesicht. Mit der anderen Hand zog er den dicken Schal nach unten. Er lächelte müde. „Ich wäre gerne jetzt bei Frau und Kindern", sagte er leise in Englisch, „aber Aragorn hat wichtige Kunde für euch. Kunde, die er nicht jedem Boten anvertrauen wollte."
Anordil deutete ihm ins Haus zu gehen. Dort im Arbeitszimmer schälte Tjann sich zuerst einmal aus seiner dicken Reisekleidung. Beim Hineingehen hatte ich Anweisung gegeben das Feuer im Kamin hoch zu schüren. Mit sichtlichem Behagen wärmte Tjann sich auf. Als ich ihm einen Becher Tee mit einem guten Schuss Gebranntem drin reichte, nickte er dankbar. Mit der anderen Hand strich er durch das mit einzelnen grauen Strähnen durchzogene Haar. Wind und Wetter hatten in seinem Gesicht tiefe Falten hinterlassen. Seine Gestalt war etwas gesetzter geworden, wenngleich immer noch kraftvoll. Nur seine Augen sprühten den gleichen Tatendrang wie vor etlichen Sonnenläufen.
„Es war eine verflixt lange Reise", sagte er, „und ich hatte eigentlich vorgehabt, vor der Wintersonnenwende hier zu sein. Aber ich musste einen Umweg einschlagen." Nun zog er eine Rolle aus seinem Gewand. „Dies hier soll ich dir überbringen", sagte er und reichte die Rolle an Anordil.
Dieser wog das Pergament in der Hand. „Worauf wartest du noch, Bruderherz?", tönte es von der Tür, „während du dich mit dem Pergament beschäftigst, kann ich doch Tjann begrüßen." Luvalaes betrat mit einem erfreuten Lächeln den Raum. Er trug noch die Schutzweste aus dem Übungssaal, wo er mit einigen Kriegern geübt hatte. Mit einem freundschaftlichen Handschlag begrüßte er Tjann, bevor er sich auf einen der Stühle setzte.
Anordil brach in der Zwischenzeit das Siegel und entrollte das Pergament. Minuten lang schwieg er, während er das Geschriebene las. Dann reichte er es erst an Luvalaes, der es schließlich mir gab. Ich überflog die Zeilen. Aragorn sprach von einer Gefahr aus dem Süden. Horden von Südländern und Haradhrim fielen an den südlichen Grenzen ein. Angeführt von Uruk-Hai, die ein Zeichen trugen, dass er nicht kannte. Außerdem sprach er von schwarzen Wolken, die von Mordor her über das Land wehten. Das Volk war beunruhigt.
Stirnrunzelnd las ich den Bericht. „Sauron ist doch gefallen", entfuhr es mir, „und Saruman ist auch vernichtet. Wer könnte denn dort am Werke sein?" Luvalaes hatte sich ein paar Würfel aus dem Würfelbecher genommen. Seufzend ließ er sie klackernd von einer Hand in die andere fallen. Auf seiner Stirn war eine tiefe Falte zu sehen. „Vielleicht gab es doch ein paar Uruk-Hai mit Verstand", mutmaßte er düster, „die jetzt versuchen ihr eigenes Süppchen zu kochen."
Tjann reckte sich. „König Aragorn vermutet eher, dass es sich um jemanden aus Saurons Diensten handelt", warf er ein, „einen Menschen oder einen Abtrünnigen irgendeines Volkes, denn die Uruks sind Befehlsempfänger. Unter ihnen war und ist keiner, der in der Lage wäre, die Haradhrim in Aufruhr zu versetzen. Weiterhin ist König Aragorn der Meinung, dass es vielleicht noch jemanden gibt, abgesehen von Sauron, der in den Diensten Melkors steht. Jemanden, dem es gelungen ist, nach Saurons Vernichtung an Ansehen und Macht zu gewinnen."
Ich lehnte mich zurück. Mein Blick fiel nach draußen. Am strahlendblauen Himmel zog ein Raubvogel seine Runde. In langen Bögen suchte er nach Nahrung auf den schneebedeckten Feldern. Es fröstelte mich bei dem Gedanken, einem Gegner ins Auge sehen zu müssen, der ähnlich stark wie Sauron sein könnte.
„Galadriel sagte, dass das Böse gebannt sei", warf ich ein, „was also bringt die Haradhrim und die Südländer dazu, sich zusammenzuschließen und gegen Gondor zu ziehen?" „Soweit bekannt vermeiden beide Völker im Regelfall eine Begegnung", gab Luvalaes zu Bedenken, „geschweige denn, dass sie miteinander gegen irgendjemanden ziehen. – Was sagst du dazu, Bruder? Du warst eine Zeitlang mit Elrond im Süden. Wie schätzt du das ein?"
Anordils Mine verdunkelte sich. Er ging langsam zum Fenster und blickte sinnend hinaus. „Die Völker im Süden sind zahlreich und verbleiben normalerweise in ihren Enklaven", sagte er nachdenklich, „die Fürsten haben meist genug damit zu tun, ihre Ländereien gegeneinander zu verteidigen. Krieg wird dort nicht nur auf dem Schlachtfeld geführt, sondern meist bereits in den Ratsversammlungen. - Aber eines haben sie alle gemeinsam - sie verachten die Haradhrim, da diese Nomaden sind. Auf der anderen Seite treiben sie zwar mit ihnen Handel, aber nur in begrenztem Umfang. Die Haradhrim dagegen sind stolz und sehen mit Herablassung auf die übrigen Völker. Sie meiden es mit den Südlanden zusammenzukommen."
„Was könnte sie also zu Verbündeten machen?", fragte Tjann noch mal. „Ein gemeinsamer Feind", warf Luvalaes ein, „etwas, was sie mehr hassen, als sich gegenseitig." „Oder jemand, der ihnen einredet, dass sie einen gemeinsamen Feind hätten", unterbrach ihn Tjann. „Es ist schon eine ganze Weile her und ich müsste in den Archiven suchen", überlegte Anordil, „aber damals wurde von einer Feste gesprochen, tief im Süden, in der ein Diener Melkors leben sollte. Ein Zauberkundiger, der genauso mächtig war wie ein Maia."
„Ich erinnere mich schwach", sagte Luvalaes bestätigend, „du hattest Kunde mitgebracht über einen gebannten Zauberer. Ein Mischling, mit der Kraft der Maia. Entartet durch Melkors perfide Tricks." „Unser Archiv ist nicht weitreichend genug", entgegnete Anordil, „wie schade, dass Elrond bereits nach Valinor abgereist ist."
„Elrond von Bruchtal hat die Archive seines Hauses an das Königshaus gegeben", warf Tjann ein, „die Königin wollte während meiner Abwesenheit die alten Pergamente durchsehen, ob sie irgendwelche Anhaltspunkte für eine Gefahr aus dem Süden finden könnte."
Entschlossen sah ich in die Runde. Von hier aus konnten wir nichts tun. „Wir sollten nach Minas Tirith reisen", schlug ich daher vor. Anordil nickte zustimmend. Dann sah er Tjann an. „Ich vermute, Aragorn hat auch Nachricht in den Düsterwald und nach Ithilien geschickt", sagte er mit fragendem Unterton, „wenn Legolas an einem dieser Orte sein sollte, so wird er bestimmt an Aragorns Seite eilen." „Ein Elb aus dem Düsterwald, der an Aragorns Hof weilte, brach zeitgleich mit mir auf", bestätigte Tjann, „ich vermute, dass Prinz Legolas schon unterwegs ist."
„Dann ruhe dich aus, Freund Tjann", sagte Anordil zufrieden, „wenn das Wetter sich hält, werden wir in drei Tagen aufbrechen. – Luvalaes, du wirst über Rohan und den Süden Gondors nach Minas Tirith reisen. Ich möchte von dir eine Einschätzung der Lage. Sieh vor allem in den Hafenstädten nach. Wir werden von Norden am Fangorn entlang reisen."
Luvalaes blickte ihn zweifelnd an. „Du willst über den Caradhras gehen?", fragte er verwundert, „jetzt? Kurz nach Mittwinter?" Anordil schüttelte lächelnd den Kopf. „Nein", erklärte er, „wir werden dich ein Stück bis oberhalb von Isengart begleiten. Dort werden wir erst nach Nordosten gehen. Ich gedenke Baumbart aufzusuchen. Wenn sich etwas Böses rührt, so wird er es spüren und von den Ents aus dem Süden schon Kunde erhalten haben."
Erleichtert atmete ich auf. Der Gedanke im Winter über den Caradhras zu gehen, stieß auch bei mir auf wenig Gegenliebe. Die Reise würde bereits kalt genug sein, wenn wir nur über Isengart zogen. Mehr Winter brauchte ich nicht.
Nach drei Tagen brachen wir auf. Tjanns Pferd würde den Rest des Winters in den Stallungen verbringen. Für Pferde war der Weg durch den Schnee mittlerweile einfach zu mühsam. Selbst zu Fuß war die Reise noch sehr beschwerlich. Zu unserem Glück gab es keine weiteren Schneefälle, so dass wir nicht auch noch damit kämpfen mussten.
Am südlichsten Punkt des Nebelgebirges dauerte es einen ganzen Tag, bis wir die Spitze umrundet hatten. In der klaren kalten Luft konnten wir bis nach Isengart sehen. Oder eher zu dem, was davon übrig war. Obwohl Baumbart und die Ents recht fleißig gewesen waren, hielten sich manche Spuren der Zerstörung recht hartnäckig. Der Turm aber blieb verlassen. Keiner wollte die Stätte betreten, an der Saruman gelebt hatte. Einzig ein paar einsame Vögel zogen dort ihre Kreise. Vielleicht hatten sie ja in der Ruine ihre Nester gebaut. Hier trennten wir uns von Luvalaes.
Wir übrigen wanderten noch ein kurzes Stückchen ostwärts, bevor wir nach Norden abbogen. Nach wenigen Tagen lag der Fangorn-Wald vor uns. Düster und furchteinflößend wirkte er. Mir war nicht wohl bei dem Gedanken dort hineingehen zu müssen.
Anordil hatte mein Zögern bemerkt. „Fangorn ist den Menschen nicht wohlgesonnen", sagte er leise, „wenn es dir Unbehagen bereitet, so betrete ich ihn alleine. Den Elben gegenüber waren die Ents stets freundlich." „Ich möchte nicht den Zorn der Ents herausfordern", antwortete ich, „es ist mir angenehmer hier zu warten." „Auch ich möchte eine Begegnung mit den Ents vermeiden", warf Tjann ein.
Rasch schlugen wir ein Lager auf. Am Rand des Waldes sammelten wir Holz für ein kleines Feuer. Allerdings achteten wir darauf, nur vertrocknetes, altes Holz zu nehmen. Ein unvorsichtiger Hase hoppelte uns über den Weg. Er war nicht schnell genug, um zu entkommen. Zufrieden packte ich das Tier an den Hinterläufen. Während Anordil im dichten Dickicht des Fangorn-Waldes verschwand, ging ich zurück zum Lager. Dort zog ich dem Hasen erst einmal das Fell ab und waidete ihn aus. An einem langen Stecken befestigt, brutzelte er kurze Zeit später vor sich hin. Ich wickelte mich dick in meine Fellumhänge, als ich mich vor die prasselnden Flammen hockte und den Fortgang des Bratens zuschaute. Tjann hatte unterdessen aus einer Handvoll Mehl, einem bisschen Salz und Wasser einen Teig geknetet. Geschickt wickelte er diesen um ein paar Stöcke. Er ordnete sie um das Feuer herum an, so dass sie garen konnten.
„Wird Anordil lange in diesem Wald bleiben?", fragte Tjann und wies zu der düsteren Front hinüber. Ich zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht", antwortete ich, „Fangorn ist zwar das Gebiet von Baumbart, aber es ist nicht gesagt, dass er auch da ist." „Bist du schon einmal einem Ent begegnet?", wollte Tjann wissen.
„Nein", lächelte ich, „Ents sind sehr scheu. Wenn sie es nicht wollen, dann wirst du sie nicht sehen, auch wenn du nur eine Armlänge von ihnen entfernt bist. Jeder Baum kann ein Ent sein." Tjann schüttelte sich. „Wenn ich daran denke, wie viele Bäume ich hier in Mittelerde schon gefällt habe", brummte er, „da grenzt es an ein Wunder, dass ich noch keinen Ent erwischt habe."
Jetzt musste ich lachen. „Aber Tjann", scholt ich ihn, „bevor du einen Ent gefällt hättest, hätte dieser dich schon längst getötet. Es gibt nur sehr wenige in Mittelerde. Ein sehr alter Baum kann möglicherweise ein Ent sein, muss es aber nicht." Vorsichtig knabberte ich an dem Stockbrot, dass schon eine schöne braune Kruste hatte.
In dieser Nacht wechselten wir uns mit dem Wachen ab. Der nächste Tag verlief recht ereignislos. Das Jagdglück war auch nicht bei uns. Gegen Abend versuchten wir es daher an dem Wasserlauf, der vom Nebelgebirge herunter kam. Dieser war zwar an der Oberfläche gefroren, doch man sah, dass das Wasser darunter noch floss. Also war die Chance recht groß ein paar Fische zu fangen. Mit den Dolchen hieben wir Löcher in das Eis, durch die man eine Angelschnur werfen konnte. Es dauerte auch gar nicht lange, bis wir ein paar kleinere Fische gefangen hatten. Sie waren nicht besonders groß, würden aber unser Abendmahl ein wenig verbessern. Mit einer Handvoll getrockneter Beeren, einem Stück Stockbrot vom Vorabend und einem Becher Tee konnte man sie durchaus genießen.
Die Nacht brach heran, aber von Anordil war noch nichts zu sehen. Langsam begann ich unruhig zu werden. Ich schloss die Augen und versuchte seine Aura zu spüren. Tastend bewegte sich mein Geist vorwärts. Dann hatte ich ihn gefunden. Seine Aura schien normal. Es ging ihm gut. Wenn ich nur fühlen könnte, wie weit entfernt er war! Etwas beruhigter bezog ich meinen Wachtposten. Ab und zu legte ich ein neues Scheit aufs Feuer. Wegen der Kälte wollten wir es nicht zu sehr herunter brennen lassen. Dann spürte ich einen Hauch hinter mir.
Blitzschnell drehte ich mich um. In der Drehung zog ich mein Schwert, dass ich aber sofort wieder sinken ließ, denn Anordil stand im Lichtkreis des Feuers. Er bedeutete mir leise zu sein, da Tjann selig schlief. Leise ging ich zu ihm hin.
„Hast du Baumbart gefunden?", flüsterte ich fragend. Anordil nickte. „Ja, er ruht sich aus von den Strapazen des Ringkrieges", wisperte er zurück, „es war nicht leicht, ihn zu wecken."
„Ich hoffe, er war nicht ungehalten", unkte ich. „Ich konnte ihn von der Notwendigkeit überzeugen", lächelte Anordil vergnügt, „aber es hat sich gelohnt." „Du konntest etwas erfahren?", jetzt wurde ich neugierig. „Morgen früh", blockte Anordil ab, „jetzt schlafe ein wenig." Ich seufzte. Von ihm würde ich heute nichts mehr erfahren. Gehorsam legte ich mich daher neben das Feuer. Schon bald war ich eingeschlafen.
Am Morgen wurde ich von dem belebenden Duft eines Kräutertees geweckt. Tjann werkelte bereits am Feuer. Von Anordil sah ich nichts. „Guten Morgen", grüßte ich und streckte die Hände nach dem Becher aus, den Tjann mir hinhielt, „wo ist Anordil?"
Tjann wies hinüber zum Fangorn-Wald. „Er ist noch einmal kurz hineingegangen", sagte er, „aber er wollte nicht lange bleiben." Hungrig machte ich mich über das Stück Lembas her, dass er mir reichte. Es war garniert mit einer dünnen Scheibe Speck. „Das ist das letzte Stück", erklärte Tjann, „den nächsten gibt es erst in Minas Tirith." Seufzend genoss ich das knusprige Stück.
Ich hatte kaum aufgegessen, da kam Anordil aus dem Wald auf uns zu. Er nahm sich einen Becher Tee. Dann begann er ohne Umschweife mit seinem Bericht. „Es hatte etwas gedauert, bis ich Baumbart gefunden hatte", fing er an, „und noch länger dauerte es, bis ich ihn wecken konnte." Ich schmunzelte, denn Ents waren für ihre Langsamkeit bekannt. „Baumbart hat tatsächlich Kunde aus dem Süden", fuhr er ernst fort, „es braut sich dort etwas zusammen. Ströme von Furcht durchziehen die Wurzeln, sagte er. Furcht, die von weither kommt." „Wie weit?", fragte ich beunruhigt.
„Du erinnerst dich, wo wir gestrandet waren, tief unten im Süden?", fragte er zurück. Ich nickte. Der Gedanke daran behagte mir nicht. Waren wir doch beinahe Opfer einer politischen Intrige geworden. „Die Gefahr kommt von jenseits des Gebirgszuges, den wir damals sahen", sagte er, „wie ich vermutete, ist die Quelle wohl in dieser Feste zu suchen, an die ich mich erinnere."
„Dann müssen wir in den Süden", unterbrach ihn Tjann fragend. Anordil neigte abwägend das Haupt. „Nicht unbedingt", erwiderte er ausweichend, „als allererstes müssen wir nach Minas Tirith. Die Archive sollten uns weitere Auskunft geben. Die Königin wird vielleicht schon etwas gefunden haben." „Wollen wir es hoffen", seufzte ich, denn ich hatte keine besondere Lust ein weiteres Mal die Wüste zu durchqueren. Gemeinsam brachen wir das Lager ab. Nach kurzer Zeit waren wir auf dem Weg nach Minas Tirith.
Wir nahmen die wieder intakte Handelsstraße am Rande des Ered Nimrais nach Osten. Die Gegend war friedlicher geworden. Man spürte, dass die Herrschaft Aragorns dem Lande gut tat. Dann bogen wir ins Gebirge ab. Der Pass über die Feste Calenad war in den letzten Sonnenläufen ausgebaut worden. An der Feste selber waren ebenfalls zahlreiche Veränderungen zu sehen. Man öffnete schon von weitem die Tore, als man uns sah. Ein Umstand, der wahrlich zeigte, wie sehr man sich auf den Frieden verließ.
Von Calenad aus war die Wegstrecke nicht mehr weit. Nur wenige Tage später lag Minas Tirith in der Mittagssonne vor uns. Die Mauern glitzerten und funkelten in strahlendem Weiß. Auf den Pelennor-Feldern spross vereinzelt Gras aus der dichten Schneedecke hervor. Nur die zahlreichen Hügel vor der Stadt erzählten noch vom vergangenen Krieg. Auf der anderen Seite des Flusses sah man, dass auch in Osgiliath fleißige Hände tätig gewesen waren. Aus den ehemaligen Ruinen war eine blühende Stadt geworden. Neue Türme und Wehrmauern glänzten in der Wintersonne. Trotz dieser recht positiven Zeichen bemerkten wir doch auch die zahlreichen bewaffneten Posten, welche die Städte bewachten.
Hoch oben auf den Türmen standen mit Bogen und Pfeilen ausgerüstete Krieger, die wachsam ihren Dienst versahen. Da wir uns offen der Stadt näherten, hörten wir bereits das Horn, welches unsere Ankunft meldete. Trotzdem öffnete sich das schwere Tor in der unteren Ebene erst kurz vor unserem Eintreffen.
Hinter uns fiel es hastig wieder zu. Hinter dem Tor herrschte reges Treiben. Hauptsächlich Krieger waren zu sehen, die in sorgfältiger Rüstung ihrem Dienst nachgingen. Nur wenige Frauen hasteten dazwischen umher. In wollene Gewänder gehüllt schienen sie die Krieger zu versorgen.
Die Wachsamkeit in der Stadt zog sich durch alle Ebenen. Überall spürten wir eine verhaltene Spannung. Sie war zwar bei weitem nicht zu vergleichen, wie damals kurz vor der Stürmung durch die Orks, aber sie war da. Umso mehr fiel auf, wie die angespannten Gesichter auf leuchteten, wenn wir an ihnen vorbei kamen. Festen Schrittes gingen wir die strohbedeckte Straße hinauf. Der Schnee zwischen den Halmen knirschte leise unter unseren Füßen.
Oben im obersten Ring hielten wir auf die Feste zu. Aragorn kam uns bereits entgegen. Auch an ihm waren die Sonnenläufe nicht spurlos vorbei gegangen. In seinem dichten schwarzen Haar hatten sich die ersten silbernen Fäden breitgemacht. Trotzdem wirkte er noch voller Tatendrang. Eigentlich ein Wunder, wenn man bedachte, dass er bereits auf die Hundert Lebensjahre zuging.
„Willkommen in Minas Tirith", sagte er erleichtert, „ich bin sehr froh, dass Cillien meinem Ruf gefolgt ist." Er begrüßte uns, wie es Elbenart war. Dann wies er auf das Tor. „Tretet ein", sagte er, „Arwen erwartet uns im Ratsraum." Als wir vor Aragorns Krönung in Minas Tirith weilten, hatten wir diesen kleinen Saal bereits kennen gelernt. Er lag hinter dem imposanten Thronsaal und diente in erster Linie für Beratungen. Tjann verbeugte sich noch einmal tief vor Aragorn. „Meine Dienste sind beendet, Herr?", fragte er höflich. Er hoffte, dass er rasch zu seinem Weib und den Kindern eilen konnte. Leider machte Aragorns Geste dieser Hoffnung ein Ende.
„Bleibt noch, Tjann Grünauge", befahl er, „es wäre möglich, dass wir Eure Dienste noch benötigen." Aragorn eilten raschen Schrittes die Stufen hinauf. Wir folgten ihm im gleichen Tempo. Wenn er uns nicht einmal eine Verschnaufpause gönnte, dann musste es wirklich wichtig sein.
Im Ratsraum empfing uns Arwen Undómiel. Sie schien um keinen Tag gealtert zu sein. Strahlend schön war sie, wie ein unberührter Sonnentag. Sie erhob sich schwerfällig von einem der zahlreichen Stühle, die um den großen runden Tisch aus dunklem Holz standen. Ihre vierte Schwangerschaft war schon weit fortgeschritten. Schützend legte sie einen Arm auf ihren Bauch.
„Chen suilon mellyn nin", begrüßte sie uns auf Sindarin, „ich bin glücklich, dass ihr dem Rufe Aragorns gefolgt seid." „Setzt euch", bat uns Aragorn. Aus einer der kleinen Türen in der hinteren Wand kam eine Magd und brachte ein Tablett mit Speisen, Wasser und Wein.
Aragorn wartete, bis sie gegangen war. „Die Bedrohung ist ernst", hob er an, „offenbar bereiten sich die Haradhrim und ihre Verbündeten auf einen großen Schlag vor. Arwen hat etwas in den Pergamenten gefunden, was diese Kunde noch erhärtet."
Mit ernstem Blick zog die Königin ein altes Pergament aus den Falten ihres Gewandes und breitete es auf dem Tisch aus. Im oberen Drittel war eine Landkarte gezeichnet. Ich erkannte die Südlanden darauf. Die unteren beiden Drittel waren eng beschrieben mit hastigen Zeichen in einer Schrift, die ich nicht lesen konnte.
Anordil beugte sich jedoch über die Karte und an seinen Augen sah ich, dass er wohl verstand, was dort hingekritzelt war. „Die gebannte linke Hand", murmelte er, „jemand muss den Bann gelöst haben." Die Königin nickte bestätigend. „Wir haben Kunde aus den Südlanden, dass es dort mehrere Umstürze in den politischen Reihen gab", sagte sie. „Sehr oft fiel der Name Akhôrahil", ergänzte Aragorn.
Anordil nickte wissend. „Akhôrahil", wiederholte er, „der blinde Zauberer, der zweite Númenórische Fürst, der unter Saurons Ringbann fiel." Er streckte sich und sah zu Aragorn. „Etwa Mitte des zweiten Zeitalters stieg er zur Linken Hand Melkors auf", erklärte er weiter, „gleichberechtigt neben Sauron. Etwas, was diesem keineswegs gefiel. Kurz vor Saurons Fall zum Ende des zweiten Zeitalters hin, gelang es diesem Akhôrahil zu bannen. Es heißt, Sauron sperrte ihn in eine Feste weit unten in den Südlanden."
„Diesen Aufzeichnungen zufolge wurde er mit verschiedenen Bannsprüchen belegt", fuhr die Königin fort, „keiner kann von einem Zauberkundigen alleine gebrochen werden." „Aber alle Bannsprüche hatten eine Gemeinsamkeit", warf Aragorn ein und wies mit der Hand in Richtung Mordor, „sie waren an den Tod Saurons gebunden."
Mir ging in diesem Augenblick ein ganzer Kronleuchter auf. „Sauron wurde vernichtet und gab damit den Weg frei, um seinen ehemaligen Nebenbuhler befreien zu können", fasste ich zusammen. „Und nun sucht er eine Möglichkeit sich auf Saurons verlassenen Thron zu schwingen, um Mordor zu neuem Glanz zu verhelfen", ergänzte Aragorn düster.
„Folglich müssen wir in den Süden", wandte ich mich an Anordil. Dieser blickte nachdenklich auf die Pergamente. „Zuallererst sollten wir herausfinden, ob sich in Mordor bereits wieder etwas regt", erwiderte er und richtete sein Augenmerk auf Aragorn, „vermutlich hast du bereits einige Späher ins dunkle Land geschickt?"
Aragorns Augen verdüsterten sich noch mehr. „Ja", bestätigte er, „ich entsandte zehn Späher in verschiedene Richtungen. Sie brachen zeitgleich mit Tjann auf. Doch von denen ist bisher nur einer zurückgekehrt." „Wo ist er?", fragte ich dazwischen.
„In den Häusern der Heilung", erwiderte die Königin, „die Wachen von Osgiliath griffen ihn auf, als er wirres Zeug redend Einlass in die Stadt verlangte. Er faselte von Orkhorden, wilden Wargen und Uruks, die sich in Minas Morgul zusammenrotten würden."
Seufzend erhob sich Aragorn und ging zum Fenster, von welchem man zu den mordorianischen Grenzen blicken konnte. Dunkle Wolken zogen sich dort zusammen. „Erneut versucht das Böse sich von Mordor aus über Mittelerde auszubreiten", sprach er, „dabei hatte ich gedacht, wir hätten die Gefahr gebannt."
Entschlossen drehte er sich um. „Legolas und Gimli haben mir ihre Unterstützung zugesagt", erklärte er, „sie brachen bereits vor etlichen Tagen auf um sich die Gegend um die Totensümpfe anzusehen. Sie versuchen von Nordwesten her einen Weg nach Mordor zu finden. Ich bedauere es sehr, dass Caladúneth zur Zeit in Ithilien weilt. Doch sie wird dort gebraucht. – Tjann Grünauge, ich weiß, dass Ihr Euch nach Eurer Familie sehnt und ich gestatte Euch auch einen Tag, doch ich brauche Euch übermorgen, damit Ihr eine Botschaft an die Herren des Meeres bringt. Ihr kennt Euch in Pelargir und Linhir aus."
Tjann verbarg geschickt seine Enttäuschung und verbeugte sich. „Ich fühle mich geehrte, mein König", sagte er stattdessen. Erwartungsvoll sah ich nun zu Anordil. Ich hatte schon die ganze Zeit das Gefühl, dass er etwas ausbrütete.
„Aragorn, ich denke nicht, dass sich Akhôrahil bereits in Mordor aufhält", sagte er, „zum einen hätte er dann schon längst verstärkt die Grenzen attackiert. Zum anderen scheint es immer noch von Süden her heranzuwogen. Wenn ich die Berichte deiner Heerführer richtig deute, so sind die Angriffe vermehrt an den südlichen Grenzen zu finden. Ich schlage vor, uns einzuschiffen und so weit nach Süden zu fahren, wie möglich, damit wir hinter die Linien kommen."
„Dies hatten wir bereits bedacht, edler Anordil", warf die Königin ein, „ein Schiff ist bereits nach Süden unterwegs." „Außerdem brachte heute in der Morgendämmerung Brethil, einer der Heeresführer von Legolas neueste Kunde aus dem Osten", ergänzte Aragorn, „offenbar scheinen die Haradhrim weit im Osten einen Weg für Akhôrahil zu bereiten, auf dem er sicher nach Mordor gelangen kann."
„Dann müssen wir nach Mordor", unterbrach ich ihn, „selbst wenn dieser Akhôrahil noch nicht dort ist, konzentriert sich alles auf das dunkle Land." Anordil überlegte kurz. Ich spürte, wie es in ihm arbeitete. „Wir werden übermorgen in der Morgendämmerung aufbrechen", sagte er dann entschlossen.
Aragorn nickte zustimmend. „Ich gebe euch Pferde aus meinen Stallungen", sagte er, „wenn ihr den Fluss überquert habt, so wird das Gelände schneefreier. Außerdem beginnt es zu tauen." Zu diesem Schluss gekommen, gingen wir auseinander. Aragorn ließ uns Gästegemächer zuweisen, so dass wir uns ausruhen konnten.
Doch lange ruhten wir nicht. Bereits am nächsten Morgen begannen wir sorgfältig damit unser Marschgepäck zusammen zu stellen. Wir wollten nicht zu viel mitnehmen, aber dennoch genug, dass wir eine Weile ohne jagen zu müssen auskommen konnten. Zudem schloss sich Brethil uns an. Am Vorabend unseres Aufbruchs kam dann auch Luvalaes nach Minas Tirith. Er brachte neue Kunde aus den Hafenstädten, so dass sich Tjann nicht mehr dorthin aufmachen musste. Aufgrund seiner Neuigkeiten wurde die Strategie für die Verteidigung der südlichen Grenzen neu festgelegt.
Dann brachen wir endlich auf. Tapfer stapften die Pferde durch den Schnee. Unsere erste Station war Osgiliath, wo wir mit einer Fähre den Fluss überquerten. Dann hielten wir auf das gewaltige Bergmassiv zu, welches Mordor abgrenzte. Drei Tage benötigten wir, bis wir endlich vor den Überresten des ehemaligen Tores von Mordor standen. Erfreulicherweise ließ der Schnee spürbar nach. Das lag zum einen daran, dass sich der Winter allmählich seinem Ende zuneigte, zum anderen aber auch an der Wärme des Landes. Durch die vulkanische Tätigkeit wies der Boden eine schwache Eigenwärme auf, welche es nicht zuließ, dass sich Schnee breit machen konnte.
Die Landschaft wurde immer noch von den Spuren des vergangenen Krieges geprägt. Durch ein gewaltiges Erdbeben hatte sich ein Teil des vor uns liegenden Landes abgesenkt. Schwarze Felsen ragten drohend auf. Der Abstieg auf die mit Trümmern bedeckte Talsohle war recht mühsam. Vorsichtig folgten wir Anordil. Auf der Talsohle ging es etwas rascher vorwärts. Trotzdem mussten wir vielen Felsstücken ausweichen.
Hier und da suchte sich ein zarter grüner Grashalm einen Weg nach oben. Unzählige Ratten lugten neugierig aus ihren Verstecken. Mich schauderte, doch solange es nur bei den Ratten blieb, sollte es mir nichts ausmachen. Totenstill war es um uns herum. Mir war, als könnte ich den Geruch des vielen Blutes riechen, welches hier vergossen worden war.
Wir rasteten nun nur noch, wenn es unbedingt notwendig wurde. Mit Vorsicht bewegten wir uns durch das dunkle Land. Viele Tage folgten wir den kaum zu erkennenden Pfaden auf die zerstörte Stadt Minas Morgul zu.
Auch an diesem Tag legten wir ein gutes Stück Weg zurück, obwohl die Wege recht schwierig waren. Aber auch hier in Mordor waren überall die Zeichen zu sehen, dass das Land sich erholte. Die grünen Grasflecken sahen reichlich bizarr aus in der grauschwarzen Lavalandschaft. Sie bildeten jedoch eine willkommene Nahrungsquelle für unsere Pferde. Die Bäume am Rand, die ich kahl und verkohlt in Erinnerung hatte, zeigten auch schon die ersten Anzeichen von Leben. An manchen sprossen kleine Knospen und ab und an sah ich sogar den zarten Versuch eines Blattes.
Müde trotteten die Pferde den immer noch aschgrauen Pfad entlang. Sie benötigten dringend eine Pause. Außerdem sollten wir unsere Sicherheitsvorkehrungen erhöhen. Der Schicksalsberg lag bereits vor uns und es konnte nicht mehr lange dauern, bis die ehemalige Festung Saurons in unser Sichtfeld kommen würde.
Ich war schon gespannt darauf, was wir dort zu sehen bekommen würden. Schließlich war sie in den letzten Tagen des Ringkrieges zerstört worden. Hatte sich vielleicht wieder jemand dort eingenistet? Wir begegneten zwar keinen Orks, aber trotzdem, oder gerade deshalb, näherten wir uns mit äußerster Vorsicht.
An diesem Abend rasteten wir an einer kleinen Felsgruppe, vor der ein paar neu knospende Bäume standen. Zwischen den Felsen trat Wasser hervor. Erstaunlicherweise schmeckte es sogar recht frisch. Gar nicht abgestanden oder schwefelig, wie so viele andere Quellen in Mordor. Müde legte ich mich nieder. Wir würden bereits kurz nach Mitternacht weiterziehen.
...
Unser Ritt war voller Gefahren, die wir meisterten. Bis zu jener Nacht. Um schneller voran zu kommen, reisten wir oft auch durch die dunklen Stunden. Die elbischen Augen waren daran gewöhnt. Du vertrautest mir, wie so oft. Unser Weg führte durch unwirtliches Gelände. Schwarze Felsen lagen verstreut. Ich konnte bereits die Andeutung der Morgendämmerung im Osten sehen, als der Angriff unvorbereitet kam. Wir waren zu leichtsinnig! Die Zeiten des Friedens hatten uns unvorsichtig werden lassen. Wie sonst hätten wir die Anzeichen übersehen können. Blind gingen wir in die Falle. Auch wir Elben bemerkten es nicht.
Der Feind war uns zahlenmäßig überlegen. Wir kämpften ums schiere Überleben. Als ich dich fallen sah, wurde ich zornig. Allen Warnungen Gandalfs zum Trotz nutzte ich die Magie, die mir gegeben. Nachdem der Feind vernichtet war, eilte ich an deine Seite. Du sahst mich an mit deinen wunderschönen Augen, in denen Tränen standen. Vorsichtig nahm ich dich in die Arme. Mein Herz erstarrte zu Eis, als ich deine Wunden sah. Verzweifelt suchte ich einen Weg das fliehende Leben in dir zu halten. Aber es wurde mir dieses Mal verwehrt. Meine Kraft versagte!
„Anordil, mein Leben", flüstertest du. Hustend erbrachst du Blut. „Weine nicht um mich", hörte ich deine süße Stimme, „die Götter werden mich beschützen und den Weg weisen. Meine Familie wartet. Ich sehe sie – dort im Licht. Lasse mich gehen." „Wie kann ich dich gehen lassen?", fragte ich mit tränenerstickter Stimme, „du bist mein Leben. - Meine Sonne, die den Tag erhellt." Ihre Augen suchten die meinen. Sie lächelte, als ihre erkaltende Hand die meine ergriff.
„Meine Zeit ist zu Ende", wisperte sie, „ich höre die weißen Möwen, wie sie meinen Namen rufen. – Ich sehe die silberne Küste im Sonnenlicht. – Wir werden ..." Sie bäumte sich auf. Ein Zittern durchlief ihren Körper. In ihren Augen brach sich das fahle Mondlicht, als das Leben aus ihr floh.
Stumm vor Schmerz beugte ich mich über dich. Versiegelte ein letztes Mal deinen süßen Mund mit einem Kuss und atmete den letzten Hauch ein, der aus dir entwich. Süß und bitter zugleich schmeckte der Tod auf deinen Lippen.
Wie hatte ich nur so leichtsinnig sein können, dich auf diese Reise mitzunehmen!! Hatte ich nicht bemerkt, dass deine Lebensuhr sich dem Ende zuneigte? Wie hatte ich so töricht sein können, zu glauben, ich könnte dich ewig beschützen? Warum nur hatte ich dich nicht gebeten, in Minas Tirith zu bleiben?
Eine Hand legte sich auf meine Schulter. Luvalaes stand neben mir. Tränen rannen aus seinen Augen. Voller Trauer erwies er dir die letzte Ehre, als du in meinen Armen einschliefst. Ach, könnte ich nur glauben, dass es nur der Schlaf war!
Deine Augen blickten in die Ferne. Kein Leben war mehr in ihnen. Sanft drückte ich deine Lider zu. „Was siehst du am Horizont, meine Sonne?", flüsterte ich tonlos, „siehst du das Schiff, das auf uns wartet? Siehst du die Zeiten, wie sie zu silbernen Glas sich wandeln? – Einst versprach ich dir meine Liebe. – Doch ich gab dir mein Herz. – Ich verspreche dir, wir werden uns wiedersehen in Mandos Hallen."
Der Schmerz raubte mir meinen Verstand. Ein Stich traf mich ins Herz. Tief hinein und verwundete mich tödlich. Doch meine Zeit war noch nicht gekommen. Ich brachte dich nach Minas Tirith. Dort in der Gruft der Könige bettete ich dich zur Ruhe. Die Königin hielt Totenwache bei dir, denn ich musste zuende bringen, was notwendig war. Bis ins Herz der Haradhrim stießen wir vor. Es gelang uns den Befehlshaber in unsere Gewalt zu bekommen. Danach ging alles sehr schnell. Mit der Hilfe Gandalfs gelang es uns Akhôrahil erneut zu bannen. Die Maia werden nun über ihn Gericht halten.
Als alles vorüber war, brachte ich dich nach Hause. Hier im lieblichen Tal von Cillien solltest du deinen Weg in Mandos Hallen antreten. In Trauer brachten wir dich zurück. Die Kraft des Elbenblutes in dir ließ dich nicht schwinden. Kein Zeichen des Verfalls zeichnete deinen wunderschönen Körper.
Und als die Zeit kam, trauerten wir um dich. Mein Haus gab dir die Ehre, die einem toten Elbenkrieger gebührte. Wir feierten für dich das Ritual des Schwindens. Niemand rechnete damit, dass die Valar dir die gleiche Ehre erweisen würden, wie uns Erstgeborenen. Sie gestatteten dir den Übergang in Mandos Hallen. Als ich deinen Körper schwinden sah, brach mein Herz ein weiteres Mal. Mit stummen Tränen folgte mein Blick dem Sternenlicht, das dich geleitete. Dann ging ich an deinen Tisch, um diese Worte nieder zu schreiben.
Und doch, obgleich ich dir oft zusah, deine Worte las und sie mir Vergnügen bereiteten, sitze ich nun hier und finde keine Worte. Zahllos sind die Pergamente, die sich nun hier türmen. Sorgfältig von dir beschrieben, sorgfältig von dir gebunden. Nie dachte ich, dass es an mir wäre, deine Worte zu vollenden. Was kann noch geschrieben werden?
Dein Weg ist zu Ende, genau wie deine Geschichte. Es gibt nichts mehr hinzuzufügen.
Die Nacht hat sich herab gesenkt und der Mond sich über dem Wasserfall erhoben. Sein silbernes Licht bricht sich in den winzigen Wellen des Sees. Noch einmal sehe ich mich in deinem Gemach um. Atme den Duft, der von deinen Gewändern ausströmt. Meine Hand fährt über dein Schwert, dass vermeintlich noch die Wärme deiner Hand trägt. Ich sehe dein Antlitz im Spiegel, wie du dein Haar bürstest und es mit der dir eigenen Sorgfalt flichtst. Ich höre das Geräusch, das deine Schritte auf dem Boden verursachen. Dieses kaum wahrnehmbare Rascheln deiner Gewänder, wenn du dich mir nähertest. Ich sehne mich nach deinem Antlitz!
Für mich wird es kein Schiff geben, dass mich nach Valinor trägt. Denn ich fühle, wie meine Kraft mich verlässt. Stück für Stück. Ich schwinde in der Sehnsucht nach dir!
Nun sitze ich hier, wo du einst gesessen hast und spüre deine Wärme. Meine Hand fährt über die Kante des Tisches, den du berührt hast, vor gar nicht allzulanger Zeit. Ich kann nicht begreifen, was geschah. Doch bald, schon ganz bald, werde ich wieder an deiner Seite sein...
Anor nîn, gilgalad nîn.
Sílannech arad a fuin.
Ú-reniathach i amar galen.
Lend lín methant ne môr.
In gwidh ristennin a i fae narchannen.
I lach annor ed ardhon gwannen.
I lach elin gwannen.
Meleth lin nûr sui aer.
Gwaedh lin ú-fíreb.
man cerir aen cerir aen.
Uich gwennen na 'wannath ah na dhin.
An uich gwennen na ringyrn ambar hen.
Boe naid bain gwannathar.
Boe cuil ban firitha.
Im naer ceni, padach, dan aen ú-ben harthad.
Celebren ithil ortha or aer.
In cîr tolen togi chen na bar.
A pain prestar na celebren heledh.
Cenin gail amin aer
Estel gwanna ned amar o dúath
Estel danna trî dae renth a lû
Ú-bedo, sen aen meth.
Silivren felais canir a iston
Adtíratham men.
Lostach ned ereb ranc nin.
Man cenich bo tiriw?
Amman canir fain maew?
Cenin cair, i gol gen ned annûn.
Daro en bo nin, anor nîn.
Si meth i lend dollen aen.
Caedon sí.
I fuin dôl.
Losto si, anor nîn a
Oltho o 'waith I doll.
Canir o i balan falas eneth nin.
Amman ech naer aen?
Man carir in nir mi nîf nin?
Ned then lû cenithach,
echais nin gwannen.
garon nin tirnen ned ranc nîn,
ned lû lostach.
Cenon in fain maew bo tiriw
Canir nin.
Silivren cîr tollen aen an adab togi nin.
A pain prestar na celebren heledh.
Godref in gîr togithar men ned annûn.
(Meine Sonne, mein Licht der Sterne.
Du erhelltest Tag und Nacht.
Nie mehr wirst du über die grünen Lande Mittelerdes ziehen.
Deine Reise endete in der Dunkelheit.
Das Band ist durchtrennt und der Geist gebrochen.
Das Licht der Sonne hat diese Welt verlassen.
Das Licht der Sterne ist verloschen.
Unsere Liebe ist tiefer als das Meeres.
Unser Versprechen ist nicht sterblich.
Was geschehen soll wird geschehen.
Du bist nicht mehr gebunden an Vergängnis und Schweigen.
Weil du nicht mehr gebunden bist an den Kreislauf der Welt.
Alle Dinge müssen vergehen
Und das Leben ist verdammt zum Sterben.
Ich bin traurig, dass du gehst, aber es ist nicht ohne Hoffnung.
Ein silberner Mond erhebt sich über dem Meer.
Die Schiffe sind gekommen dich heimzubringen.
Und alles wandelt sich zu silbernem Glas.
Ich sehe ein Licht auf dem Wasser.
Die Hoffnung vergeht in der Welt von Dunkelheit.
Hoffnung fällt durch die Schatten der Erinnerung und Zeit.
Sage nicht, dies ist das Ende.
Die weißen Strände rufen und ich weiß
Wir werden uns wiedersehen.
Du schläfst nur in meinem Arm.
Was siehst du am Horizont?
Warum rufen die weißen Möwen?
Ich sehe das Schiff, das dich in den Westen trägt.
Warte dort auf mich, meine Sonne.
Nun ist das Ende der Reise gekommen.
Ich liege hier.
Die Nacht kommt.
Schlafe nun, meine Sonne und
Träume von denen die kamen.
Sie rufen von der entfernten Küste deinen Namen.
Warum bist du traurig?
Was sollen die Tränen in deinem Gesicht?
Schon bald wirst du sehen,
dass deine Ängste vergehen.
Ich halte dich sicher in meinen Armen,
während du schläfst.
Ich sehe die weißen Möwen am Horizont.
Sie rufen mich.
Weiße Schiffe sind gekommen mich nach Hause zu bringen.
Und alles wird sich wandeln zu silbernem Glas.
Zusammen werden die Schiffe uns in den Westen bringen.)
I Meth (das Ende)
