„Sir Valerius es ist so, …" Scrimgeour drehte sich, vor sich hin murmelnd, um die eigene Achse und schritt durch den Raum. „Grosser Duke … nein, das klingt bescheuert."

„Lieber Fürst, da wäre noch eine Sache …", redete Rufus weiter mit sich selbst und blieb in einer Ecke der Bibliothek stehen. Langsam trank er sein Glas aus, während er eine alte Landkarte von England studierte, welche an der Wand hing.

Sein Begleiter hatte nur kurz aufgeblickt, als der Auror mit seinen Selbstgesprächen begann. Merllano schüttelte grinsend den Kopf und vertiefte sich in das nächste Kapitel über das Thema Schädelknochen und Zähne.

Eine Seite nach der anderen blätterte er um und schrieb die interessantesten Dinge in sein Notizbuch.

Im Hintergrund war ein Knarren zu hören, da Mister Scrimgeour wahrscheinlich seine Wanderung über die Holzdielen wieder aufgenommen hatte.

Erst als er ein Rascheln von Kleidern neben sich hörte und ein Schatten auf sein Buch fiel, hob Merllano den Kopf. Es war aber nicht Rufus, der sich neugierig über die Lektüre beugte. Neben ihm auf der breiten Lehne des Polsterstuhls sass Valerius, der unbemerkt den Raum betreten hatte.

Der Fürst trug einen grauen Satinumhang, der auf der Innenseite mit himmelblauem Samt gefüttert war. Unter dem leichten Stoff waren die Schwingen zwar verborgen, dennoch war der Umhang nicht zu warm.

„Vergiss nicht, die Anatomie des menschlichen Halses gleich im Anschluss zu studieren", riet ihm der Experte.

Merllano nickte, notierte sich den Hinweis und musterte dann den Fürsten nachdenklich. „Wirst du je wieder einen Bruder haben? Oder willst du für immer alleine bleiben?"

Valerius antwortete nicht sofort. Der junge Mann neben ihm dachte schon, er wäre zu weit gegangen, da räusperte sich der Fürst und erwiderte leise: „Ich bin nicht gerne alleine und so Gott will, werde ich es auch bald nicht mehr sein. Du erinnerst dich vielleicht noch an unser Gespräch im Haus vom Mister Scrimgeour. Du hast mich über die Vergangenheit ausgefragt."

Rufus, der hinzutreten wollte, um den Adeligen zu begrüssen, blieb abwartend in seiner Ecke stehen.

„Ja, ich erinnere mich sicher, an alles, was wir dort besprochen haben." Merllano sah den geflügelten Menschen erwartungsvoll an.

„Nun, dann wirst du dich auch erinnern, was ich von meiner Freundin erzählte, die ich mal gehabt hatte." Valerius schmunzelte, als die Augen des jungen Iren immer grösser wurden. „Maureen ist vor zwei Tagen zurückgekehrt und heute Abend habe ich ein Rendezvous mit … Oh uuff!"

Merllano war László freudestrahlend um den Hals gefallen. „Viel Glück und alles Gute für die Zukunft", wünschte ihm der Junge.

Nach der ersten Überraschung schloss Valerius den Burschen ebenfalls in die Arme und stand auf. „Danke für die guten Wünsche. Ich denke mal, meine Chancen sind nicht schlecht."

Natürlich wollte der Jüngling noch vieles wissen, doch der Vampir vertröstete ihn auf später. „Ich habe heute nur kurz Zeit für eine Schlossführung, nachher muss ich los, um alles vorzubereiten. Bei meinem ersten Rendezvous möchte ich auf keinen Fall zu spät kommen."

Endlich konnte auch Rufus den Fürsten begrüssen. Er hatte nichts gesagt, als der Aurorenlehrling dem Vampir überschwänglich um den Hals gefallen war. Valerius konnte selbst die Grenzen setzen, und wenn er es zuliess, hatte er gewiss seine Gründe dafür. Scrimgeour hatte mitbekommen, dass es eilte, so bat er den Fürsten, sein Anliegen während der Schlossführung vorbringen zu dürfen.

„Aber natürlich!", gab der Schlossherr sein Einverständnis. „Kommt meine Herrschaften, schreiten wir durch die Korridore, finden die Vergangenheit und auch die Zukunft."

Schwungvoll öffnete er die Verbindungstüre und schritt in den nun leeren Sternensaal. „Dieser Raum war nicht immer der Audienzsaal. Er wurde eigentlich als Studienraum für die jungen Adeligen, die hier im Schloss aufwuchsen, gebaut. Wie unschwer an der Sternenkuppel zu erkennen, gehörte Astrologie zum Lehrstoff, der vermittelt wurde. Aber nicht nur dies, es gab auch noch andere Schulstunden hier."

Der Fürst eilte den Wänden entlang und schob einige der Vorhänge beiseite. „Da wäre die Kunst der Ölmalerei, der wir so manches der Portraits und Landschaftsbilder hier im Schloss zu verdanken haben." Dabei deutete er auf die lebensgrosse Darstellung eines Mannes in höfischem Gewand und barocker Halskrause, der gegenüber einer dunkelblau gewandeten Dame sass, die ihr Spitzentaschentuch in der Hand hielt. „Thomas Howard, der einundzwanzigste Earl von Arundel, lebte von 1585 - 1646. Er heiratete Alathaia Talbot, die hier auch abgebildet ist."

Als Nächstes wurden antik wirkende Degen enthüllt. „Der Sternensaal eignete sich auch hervorragend für Kurse im Fechten. Im Gegensatz zu den jungen Recken, die sich hier im Duell übten, widmeten sich die jungen Damen eher dem Spinnen von Wolle und Weben von edlen Tüchern."

Hinter den Tüllvorhängen kamen nun auch ein altes Spinnrad und Bilder von den Ladys an den Webstühlen zum Vorschein.

Merllano folgte begeistert der Ausführung über die vielfältige Verwendung des Saales und betastete vorsichtig die Waffen an der Wand.

„László ich weiss, dass es sehr unpassend kommt, aber das Ministerium hat eine Anordnung für die Opfer und alle gefährdeten Beteiligten der Anschläge in letzter Zeit verfügt", informierte Rufus den Fürsten in Kurzfassung.

„Da du zu mir kommst, wird es auch mich betreffen", vermutete Valerius. „Also lass mal hören, um was es dabei geht."

Es dauerte nicht lange, bis der Fürst über die wichtigsten Dinge informiert war. Auch, dass Ulysses und Valerius sich in diesen geschützten Krankensaal begeben sollten.

„Sie sind alle geschliffen und scharf genug, um einen Arm vom Körper abzutrennen", sprach László. Dies war aber nicht die Antwort auf die Order des Ministeriums.

„Lass den Degen bitte, wo er ist, diese Waffen sind nur mit Schutzkleidung zu verwenden."

Merllano, dem der Rat galt, hängte das reichverzierte Rapier folgsam wieder zurück an die Wand.

„Wollen wir etwas weiter gehen, es ist draussen schon dunkel und wir müssen die Fenster nicht mehr meiden. Ich möchte euch den Wohn-Salon zeigen, in dem die Bewohner sich treffen, um sich in ungezwungener Gesellschaft zu unterhalten. Danach können wir kurz einen Blick in das Zimmer meines ersten Bruders werfen, bevor wir über die Galerie dem Dachfirst entlang das halbe Schloss umrunden."

„Ihr erster Bruder?", fragte Rufus völlig aus dem Konzept gebracht. Merllano war aber so schnell zu Valerius geeilt, dass er fast über die eigenen Füsse stolperte. „Er meint Lachlan MacKeltar, oder?", fragte der Bursche atemlos. „So ist der Vampir, der dich in seine Welt holte, nicht tot. Er müsste doch schon fast tausend Jahre alt sein."

„Lachlan ist 873 Jahre alt und er ist nicht tot. Vampire sterben nicht an Altersschwäche, auch tödliche Krankheiten gibt es bei uns nicht. Das ist nur bei Menschen, die noch nicht gewandelt sind, möglich. Aber jetzt kommt, das Schloss und seine Geheimnisse warten", antwortete László geheimnisvoll. „Ihr werdet sehen, dass wir den Schutz des Ministeriums hier in unseren eigenen Mauern nicht brauchen."