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(Inspiriert von 'I might be wrong', Radiohead)

„Wo willst du hin?" fragte Carol laut und deutlich nachdem sie endlich einen Plan von Negans Lager hatten. Daryl drehte sich zu ihr um und gab sich nicht einmal die Mühe seinen Fluchtversuch zu verstecken oder mit leeren Worten abzumildern.

„Raus, wohin sonst", warf er ihr schnippisch entgegen und wandte sich zum Gehen ab.

„Bleib stehen", herrschte Carol ihn an und setzte diesen Blick auf, den Daryl so fürchtete. Sie beobachtete ihn mit ihren grau-blauen Augen und durchbohrte ihn beinahe damit. In solchen Momenten fragte er sich immer, ob sie ihm hinter die Stirn sehen konnte. Ob sie seine Gedanken wirklich in seinem Gesicht lesen konnte. Und in zahlreichen dieser Momente hatte er sich eine Antwort darauf geben können: Ja, konnte sie.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete ihn abschätzig. „Du warst noch nicht ein einziges Mal bei ihr", bemerkte sie nüchtern und hob die Augenbrauen an. Diesen Gesichtsausdruck konnte er nicht leiden. Sie setzte damit voraus, dass sie Recht hatte – was sie immer hatte, wenn es um Themen wie dieses ging.

„Hm", machte er bloß und wollte losgehen, doch setzte Carol sich ebenfalls in Bewegung und trat an ihn heran. Dann packte sie seine Weste und zog ihn mit nach draußen auf die Straßen Alexandrias.

„Na schön. Mitkommen", zischte sie wütend und führte ihn zum Krankenzimmer. Er wehrte sich innerlich mit aller Kraft, äußerlich bekam er keine Bewegung zustande außer eben die Schritte, die ihn immer weiter auf Denises Haus zu trugen.

Carol trat die Treppen zur Veranda stampfend nach oben, ihn im Schlepptau und riss dann unwirsch die Haustür auf.

„Rein da", sagte sie und zog ihn an seiner Weste ins Haus. Er blieb mitten im Raum stehen, der wie immer nach Desinfektion und Blut roch. Wie ein Krankenhaus eben, aber das erklärte seine natürliche Abneigung gegen diesen Raum umso mehr.

Denise war an ihrem Schreibtisch aufgestanden und sah die beiden mit einem neutralen Gesichtsausdruck an. Sie wollte sich wohl nicht einmischen, trat aber auf Daryl zu, so als wüsste sie wieso Carol ihn hier hergebracht hatte.

„Sie ist immer noch nicht aufgewacht, du wirst also nicht mit ihr reden müssen", sagte sie lahm und führte ihn zu diesem blütenweißen Bett, auf dem Judith noch kleiner aussah als sie ohnehin war. Im Hintergrund hörte er wie sich Schritte auf dem Boden zur Haustür bewegten, Carol war also gegangen. Denise saß wieder an ihrem Arbeitsplatz auf der anderen Seite der Tür.

Er wollte die Tür nicht schließen, falls irgendetwas passierte, allerdings wollte er aber auch nicht heimlich beobachtet werden können. Bei was eigentlich? Dabei wie er neben einer Verletzten saß, die beinahe draufgegangen wäre?

Schnell verdrängte er diesen Gedanken und ließ sich auf dem winzigen Stuhl neben ihrem Bett nieder. Etwas gestelzt versuchte er es sich darauf bequem zu machen, doch würde es das niemals werden. Neben Judith war es nie bequem gewesen, war es gerade in diesem Moment nicht und würde es auch in Zukunft nicht sein.

Daryl überlegte einen Moment lang und beschloss nicht länger als fünf Minuten hier zu bleiben. Von seinem Besuch hätte sie ohnehin nichts, denn sie war bewusstlos. Warum sollte er also hier sitzen? Er verstand Carols Verhalten nicht und traute sich das erste Mal Judith von seinem neuen Standort aus zu betrachten.

Sie war sehr blass, zumindest die Teile der Haut, die nicht bläulich verfärbt waren. Ihre Hand steckte in einem Gips. Jemand hatte ihr übel zugesetzt. Den Grund dafür kannte er nicht, aber den würde sie ihnen vielleicht noch nennen können.

Sofern sie jemals wieder aufwachte. Über diesen Teil sprach niemand. Wenn sie nicht innerhalb der nächsten Stunden wach wurde, dann war sie verloren. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Augenblicklich kam ihm diese Idee lächerlich vor. Niemals hätte Judith so viel Glück. Kein Mensch dieser Erde hatte so viel Glück. Oder? Die Möglichkeit bestand schließlich trotzdem, selbst wenn er nicht daran glaubte. Nur weil er so ein ewiger Schwarzseher war, mussten andere das nicht auch sein.

Dabei könnte man glatt meinen, er hätte diese Weltanschauung von der Frau vor sich übernommen... Sie war extrem, in jeder Hinsicht.

Merle hatte damals Recht gehabt, er spürte es. Er hätte sich vielleicht nicht weiter um sie kümmern sollen, denn sie war eine Einzelkämpferin, eine Überlebenskünstlerin. Es war noch nicht zu spät gewesen, doch hatte er sich in der Sache verfangen.

Zwar war sein Bruder ein Unmensch gewesen, doch hatte er im Prinzip dennoch Recht behalten, sie hatte sich immer wieder bewusst von der Gruppe distanziert. Wer garantierte, dass sie nach ihrer Genesung nicht wieder verschwinden würde? Im Innersten entschuldigte er sich bei Merle, denn der hatte – egal, was man von ihm halten mochte – eigentlich immer nur das Beste für Daryl gewollt. Er war ein vielleicht besserer Mensch gewesen als den meisten jemals aufgefallen wäre.

Und das war etwas, das er an ihm beneidete. Selbst im Angesicht des Todes hatte Merle sich für seinen kleinen Bruder entschieden, obwohl er dem Governor sein Leben zu verdanken gehabt hatte.

Er war für sie alle gestorben und niemand schien das zu wissen. Kein Wunder, Daryl hatte es auch nie jemandem erzählt. Die einzige, die diese Seite von Merle gekannt haben konnte war eben Judith. Und sie war das einzige, das von seinem alten Leben übrig geblieben war.

Nicht, dass er das alte Leben in Georgia vermisste, aber manche Dinge waren eben wichtig, auch wenn sie aus diesem Teil seines Lebens stammten. Obwohl er Judith aufgegeben hatte. Obwohl er sie für tot erklärt hatte. Obwohl sie im Umgang miteinander eigentlich nur Fehler gemacht hatten... Aber wer konnte es ihnen schon verübeln? Immerhin hatten sie nie gelernt, was den Kontakt zu anderen Menschen ausmachte und wie er normal vonstatten gehen sollte.

Miteinander zu schlafen war also nicht die beste Idee gewesen und er hatte sich auch noch darauf eingelassen... Er fragte sich manchmal, was ihn dazu verleitet haben könnte. Ihre Art war es sicher nicht gewesen. Sie war nicht einmal sympathisch oder charmant.

Das wusste sie auch, ein Vorwurf war das sicher nicht.

Allen Umständen zum Trotz kam er sich nicht so vor, als hätte er sich an sie verschwendet, im Gegenteil. Sex war für ihn bisher immer irgendwie peinlich gewesen und er hatte auch nie richtiges Interesse daran gehabt, doch schien ihm die Entscheidung bezüglich Judith ziemlich leicht von der Hand gegangen zu sein.

Es war auch nicht unangenehm gewesen, schließlich hatte sie genau so viele Narben zu verstecken gehabt wie er. Keine Fragen, kein Mitleid. Die wenigen Menschen, mit denen er zuvor das Bett geteilt hatte, waren meistens entweder neugierig oder mitleidig gewesen. Deshalb hatte er irgendwann aufgehört sich für Zweisamkeit zu interessieren, denn schließlich beruhte das meistens nur auf dem kurzfristigen Wunsch zu vögeln und danach das Weite zu suchen. Und er bekam nicht gerne Fragen gestellt, das kam noch erschwerend hinzu.

Dadurch, dass Judith sich in keinster Weise für ihn interessiert zu haben schien – vielleicht auch, weil sie es nachvollziehen konnte oder sogar wusste, wieso er so aussah, wie er aussah – war es einfacher gewesen. Sie hatte sogar gesagt, dass er schöner war als sie... Das hatte er bis heute nicht verstanden. Er wusste nicht, was sie damit gemeint haben könnte. Aber es war auch egal.

Denn er glaubte jetzt erklären zu können, wie sein Verhältnis zu ihr war. Er respektierte sie wie er Rick respektierte. Er brauchte sie wie er Carol brauchte. Und sie gehörte zu ihm wie Merle zu ihm gehört hatte. Er erinnerte sich daran wie Carol ihn auf Hershels Farm einmal gefragt hatte, ob er sie liebe. Nein, das tat er nicht.

Er hasste sie allerdings auch nicht. Egal war sie ihm auch nicht... Eigentlich war es sogar so, dass er Angst vor ihr hatte. Sie war furchteinflößend. Nicht, weil sie es wollte, sondern weil sie so eine Wirkung auf ihn hatte. Judith hatte die Macht.

Das machte sie gefährlich und dominant. Er wollte ihr nicht unterlegen sein, aber er war es dennoch. Er war ehrfürchtig und in ihrer Gewalt – ohne dass sie aktiv etwas dafür tat. Er glaubte, dass es daran lag, dass er das dringende Bedürfnis hatte etwas an ihr gutzumachen. Es wiedergutzumachen, dass sich niemand für sie eingesetzt hatte bisher. Er lud sich die Verantwortung für ihr Leben auf, das ihr selbst so egal war.

Daryl blickte verstohlen in Judiths Gesicht und blieb an ihrem immer noch ein wenig verkrusteten Mund hängen. Das Blut war noch nicht vollständig abgewischt.

Die erdrückende Stille in dem Raum wurde von Judiths plötzlichem Aufatmen unterbrochen. Sie atmete immer schneller und ihre Augenlider begannen zu flackern. Daryl setzte sich ruckartig auf und sprang von seinem Stuhl hoch.

„Denise!" rief er und sofort hörte er wie sich Schritte aus dem Nebenzimmer näherten. Die Ärztin trat ein und ging direkt auf das Bett zu, in dem Judith begann sich hin und her zu wälzen. Sie wurde anscheinend wach. Daryl hatte das sofortige Bedürfnis wegzulaufen, doch Denises Stimme holte ihn aus seinem Gedankenstrom.

„Hol mir eine Flasche Wasser, einen Lappen und die Beruhigungsmittel von nebenan, schnell!" Er setzte sich sofort in Bewegung und sammelte alles zusammen, was er mitbringen sollte. Nebenan hörte er Denise, wie sie leise auf Judith einredete und dann laute Atemzüge, die sich zu einer Mischung aus Weinen und Schreien entwickelten.

„Bleib ganz ruhig, Judith, du bist in Sicherheit", wiederholte Denise, aber Judith wurde trotzdem immer lauter.

Daryl atmete tief durch und ging zurück ins Krankenzimmer, die Hände voll mit den Sachen für die Ärztin. Judiths Blick wanderte hektisch durch den Raum, sie schien eine Panikattacke zu haben. Dann entdeckte sie ihn und riss die Augen auf.

Sie schrie und drückte sich tiefer in ihr Bett. „Ich hab niemandem was gesagt!" rief sie völlig zusammenhangslos und versank noch tiefer in ihrer Decke. „Ich schwöre es", wimmerte sie und begann wieder zu weinen. Daryl löste sich aus seiner Starre und ging auf das Bett zu. Judith setzte sich auf und sah ihn flehend an, beinahe unterwürfig, voller Angst.

„Ich habe nichts verraten, wirklich!" schrie sie und schluchzte danach unkontrolliert. „Bitte", brachte sie mühsam hervor und zitterte am ganzen Körper. Wovor hatte sie eine solche Angst? Davor, dass sie sie folterten?

„Wir glauben dir, Judith", antwortete Denise mit einem Seitenblick zu Daryl, der immer noch mitten im Raum stand und die kleine Frau anstarrte. Judiths Blick huschte zu der Ärztin, sie schien sich zu beruhigen. Wenn auch nur für einen Moment. Danach versank sie in einer Art Starre und sagte gar nichts mehr.

Daryl bekam in diesem Moment wahnsinnige Angst. Doch nicht vor Judith, sondern vor dem, der sie so sehr hatte verletzen können.