Wahrer Name
Der Eingang zum Verließ der Seelen, oder was ich als solchen vermutete, war bei den verwinkelten Gängen nicht leicht zu finden. Obwohl ich mir den Weg vorher angeschaut hatte, bog ich an manchen Stellen falsch ab und musste umkehren. Es dauerte fast eine Stunde, bevor ich den richtigen Ort gefunden hatte.
Nun stand ich vor einem großen schwarzen Bogen, der sich über die Tür erstreckte, durch die ich hindurch wollte. Das Problem war natürlich, dass ich keinen blassen Schimmer hatte, wie ich dies tatsächlich anstellen sollte. Ich hatte immerhin noch immer nicht meinen wahren Namen herausgefunden.
Unsicher bewegte ich mich vorwärts und legte meine Hand an die Tür, in der Hoffnung etwas auf der anderen Seite spüren zu können, um vielleicht zu erahnen was mich dort erwarten würde, wenn ich es tatsächlich schaffen sollte, dort hinein zu kommen. Aber dort war nichts. Alles was ich fühlen konnte war eine weite Leere. Seufzend entfernte ich mich ein paar Meter von der Tür und lehnte mich gegen die Wand auf meiner rechten Seite.
Ich tastete nach Saphira. Ich spürte ihre Sorgen und wollte ihr versichern, dass es mir gut ging und das hier bisher keine Gefahr zu drohen schien. Das schien sie jedoch in keiner Weise zu beruhigen. Direkt vor der Tür zu stehen und nicht spüren zu können, was tatsächlich dahinter war, fand sie alles andere als sicher.
„Saphira, sieh es doch so, bisher waren Solembums Ratschläge doch auch sicher für uns."
In meinem Kopf schnaubte es ungläubig. „Du nennst es also sicher, dass uns der Menoa-Baum auf der Suche nach dem Sternenstahl für dein Schwert fast getötet hätte? Ja, du hast Recht, das ist natürlich absolut ungefährlich."
„Naja, dass wir den Baum angreifen hat Solembum als solches ja nicht vorausgesagt", versuchte ich ihre Aussage zu relativieren, doch ich wusste dass sie Recht hatte.
„Sei einfach vorsichtig bei dem was du tust, Era. Bitte."
Ihre Sorge und Unruhe spürte ich in mir wiederhallen. Und ich wusste, dass dies mir nicht dabei helfen würde meinen wahren Namen zu finden. Aber ich würde es Saphira nicht antun, meinen Geist in dieser Situation von ihrem abzugrenzen.
Die Frustration, die ich auf dem Flug hierher bereits schon gefühlt hatte, kam in vollen Zügen zurück. Mein Kopf fiel nach hinten und ich rutschte an der Wand herunter.
Auch Rückblickend hätte ich nicht sagen können, wie lange ich dort saß. Minuten, Stunden, Tage? Mein Zeitgefühl war in dieser Dunkelheit nicht zu trauen. Das einzige Licht, welches hier war, war das der magischen Kugel, die ich hervorgerufen hatte. Ich starrte auf die gegenüberliegende Wand und sah sie doch nicht wirklich. In diesem Moment war mein Kopf absolut leer. Keine Idee stahl sich an die Oberfläche meiner Gedanken.
„Era!"
Saphiras Ruf riss mich aus diesem Zustand. Sie brauchte gar nicht mehr sagen als meinen Namen. Ich wusste genau, was sie mir sagen wollte. Ich hatte nicht die Zeit um hier zu sitzen und nichts zu tun. Entschieden legte ich meine Waffen vor mir ab. Um einen gemütlichen Sitz zum Meditieren zu haben waren sie im Weg, aber ich wollte sich trotz allem in greifbarer Nähe wissen.
Ich setzte mich nun in den Schneidersitz und schloss die Augen. Doch Meditation war schwieriger als erwartet. Normalerweise war ich dabei von Leben umgeben, nicht unbedingt Menschen, Elfen oder Zwerge, aber zumindest Pflanzen, Insekten und andere Tiere. Hier jedoch war kein Leben, Meditation zog mich hier in die Leere, die ich hier schon mehrfach erahnt hatte, aber dieses Mal wurde ich darin integriert. Es war ein grauenhaftes Gefühl, als wäre die Welt um mich herum gestorben.
Entsetzt riss ich die Augen wieder auf. Nein, Meditation würde mir an diesem Ort auch nicht weiter helfen. Ich wusste einfach nicht was ich tun sollte. Während ich mit diesen verbitterten Gedanken beschäftigt war, bemerkte ich etwas, das mir zuvor nicht aufgefallen war. Mein Schwert war ein Stück aus seiner Scheide heraus gerutscht, als ich es vor mir auf den Boden gelegt hatte. Und die von mir heraufbeschworene Lichtkugel fiel auf das freie Stück des Schwertes, welches in dem Licht leicht blau glitzerte.
Fasziniert fasste ich nach der Klinge und zog sie komplett aus ihrer Scheide. Gedankenversunken betrachtete ich das Lichtspiel, welches nun stattfand. Blaue Lichter wurden an verschiedene Stellen der Wand geworfen. Leicht nostalgisch erinnerte ich mich an ähnliche Lichtspiele, als ich das Schwert das erste Mal in der Hand gehalten hatte. Ein Schwert, welches ich mithilfe von Rhunön mit meinen eigenen Händen geschmiedet hatte.
Dabei hatte ich, laut der Aussage der Elfenschmiedin, einen Teil meines eigenen Charakters in das Schwert fließen lassen. Brisingr. Als ich ihm seinen Namen gegeben hatte, war das Schwert in Flammen aufgegangen. Irgendwie hatte ich es geschafft seinen wahren Namen zu erkennen, was diese Reaktion ausgelöst hatte.
Ich erstarrte in meiner Position. War es das? War das die Lösung? Hatte ich sie so lange vor meiner eigenen Nase gehabt und es doch nicht verstanden? Dieses Schwert hatte einen Teil meines Charakters in sich und ich hatte seinen wahren Namen erkannt. Am Rande bemerkte ich, wie Saphira zu demselben Schluss kam wie ich.
Plötzlich voller Überzeugung stand ich auf, das Schwert noch immer fest in meiner Hand und trat wieder auf die schwarze Tür mit dem Bogen darüber zu. Ich war mir sicher, dass ich die Lösung gefunden hatte und war etwas angespannt was das Ergebnis sein würde. Ich atmete ein paar Mal tief ein und aus, bevor ich tatsächlich bereit war.
Ich spürte Saphiras Unterstützung, bevor ich den Mund öffnete und laut und deutlich sagte: „Brisingr."
Nichts geschah. Nun, jedenfalls wenn man davon absah, dass meine Klinge einmal mehr in Flammen aufging. Enttäuscht löschte ich die Flammen und starrte auf die Tür. Doch noch immer regte sich nichts. All die Energie, die ich vor ein paar Momenten noch gefühlt hatte verließ mich wieder. Natürlich, das wäre ja auch zu einfach gewesen.
Ich hätte mir diese Antwort auf die Frage meines wahren Namens sogar erklären können. Feuer war flexibel. Man konnte nie voraussehen was es als nächstes tun würde. Es konnte als Waffe genutzt werden und gleichzeitig Wärme und Sicherheit spenden. Einmal außer Kontrolle geraten war es kaum noch zu stoppen. Auch Regen, der natürliche Feind, konnte die Flammen oft nicht löschen. Das alles beschrieb mich und auch Saphira, die natürlich Teil meines Charakters war, überraschend perfekt. Aber ich lag falsch. In diese Gedanken versunken hätte ich Saphira fast nicht bemerkt, doch sie war niemand, der sich einfach verdrängen ließ.
„Vielleicht hast du nicht falsch gelegen, Era", schlug sie mir ruhig vor.
„Offensichtlich habe ich das, du hast doch mitbekommen, dass nichts passiert ist."
„Und das kannst du dir nicht erklären, ich weiß. Du glaubst, dass du die richtige Antwort gefunden hast und es frustriert dich, dass es trotzdem nicht funktioniert. Aber ich glaube auch, dass du Recht hast."
„Bitte nicht, ich kann mich jetzt nicht auf diese Antwort versteifen, auch wenn ich es gerne hätte. Das steht mir sonst nur noch mehr im Weg um die richtige Antwort zu finden."
Saphira hatte die Bitterness in meiner Stimme wahrgenommen und versuchte mich zu trösten: „Vielleicht bist du es einfach falsch angegangen?"
„Saphira, ich weiß es wirklich zu schätzen, dass du mich aufmunterst, aber ich habe den Namen nicht falsch ausgesprochen, noch sonst irgendwas getan, dass mir die fehlende Reaktion erklären würde, wenn ich den Namen richtig erkannt hätte."
„Und ich glaube, dass du falsch liegst. Era, denk doch einmal darüber nach. Du versuchst in das Verließ der Seelen zu kommen."
Langsam wurde ich ungeduldig, dementsprechend klang auch meine Antwort: „Ja, das ist mir durchaus bewusst, genauso bewusst ist mir, dass ich daran scheitere diese Aufgabe zu erfüllen."
Ein lautes Brüllen fuhr durch meinen Kopf. Ich verstummte und wartete ab was Saphira zu sagen hatte. Doch ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie es mit irgendetwas aufmuntern konnte. Das Gefühl versagt zu haben war einfach zu stark und der Gedanke die Varden im Stich zu lassen noch schlimmer.
„Verhalte dich nicht wie ein bockiges kleines Kind, Eragon. Das steht dir nämlich ausgesprochen schlecht. Und jetzt hör mir bis zum Schluss zu. Du möchtest in das Verließ der Seelen. Schau dir doch mal den Namen des Ortes an, Era. Seelen. Vielleicht reicht es nicht den Namen laut auszusprechen. Vielleicht ist es viel wichtiger, dass du den Namen mit deinem Geist aussprichst. Und zwar direkt zur Tür."
Jetzt verstummte ich. Natürlich! Wie hatte ich nur so blind sein können? Saphira könnte völlig Recht haben, es würde nur Sinn machen. Ich lächelte als ich daran dachte, wie verloren ich tatsächlich ohne meine intelligente Drachendame wäre. Ich richtete mich wieder auf und sandte meinen Geist zu der Tür aus. Wieder stieß ich auf die Leere, doch ich ließ mich von dieser nicht irritieren. Sobald die Verbindung soweit wie möglich hergestellt war, dachte ich intensiv nur ein Wort.
„Brisingr!"
Gleichzeitig mit meinen Gedanken sprach ich das Wort aus. Und diesmal zeigte sich eine andere Reaktion als nur das Aufflammen meines Schwertes. Ein lautes Rumpeln ertönte, als die schwere Steintür vor mir begann sich zu bewegen. Langsam aber stetig erhob sie sich nach oben, bis sie schließlich ganz in der Decke verschwunden war. Der Moment in dem das Rumpeln aufhörte, war der Moment in dem meine Sinne überschwemmt wurden. Und ich konnte nicht glauben, was ich vor mir sah.
