52. Und niemals spring ich über Schatten
Am Abend war Hermine auf der Krankenstation erschienen.
Sie sah fürchterlich aus. Ihre Augen verquollen vom Weinen, ihre Lippen blau vor Kälte. Pommy nahm sie spontan in die Arme, jedoch Hermine schüttelte sie ab.
„Bitte, Pommy, geben Sie mir nur etwas damit ich einschlafen kann und schreiben sie mich für die nächsten Tage krank."
„Hermine, Kindchen, was ist dir nur zugestoßen...?"
Besorgt strich sie Hermine die strähnigen Haare aus der Stirn.
„BITTE, Pommy ich möchte nicht darüber reden!"
Die Eindringlichkeit mit der Hermine ihre Bitte vortrug, veranlasste die alte Krankenschwester nicht weiter in die arme Seele vorzudringen. Dennoch nahm sie sich vor, mit Minerva über diesen „Fall" zu reden
Versorgt mit einigen Medikamenten schleppte sich Hermine ohne Umwege auf ihr Zimmer, stürzte den Schlaftrunk hinunter und fiel, erneut von Weinkrämpfen geschüttelt auf ihr Bett!
Sie wollte nur noch schlafen und vergessen können.
Dank der Tränke verbrachte Hermine die nächsten Tage in einer Art Dämmerzustand,
bis Madame Pomfrey ihr keine weiteren Schlafmittel mehr aushändigte. Danach durchlebte sie die Tage in wacher Verzweiflung.
Minerva McGonagall hatte zwischendurch kurz nach ihr geschaut, aber auch mit ihr wollte Hermine nicht reden.
Minerva machte sich bereits ihren eigenen Reim aus ihrem Verhalten.
Sie hatte Gina Nicemeadows gesehen, als diese Hogwarts verlassen hatte.
Auch wenn Jahrzehnte ins Land gegangen waren, so hatte sie in ihr doch das kleine penetrante Luder wiedererkannt. Für sie war klar, dass sich die Dame an Severus herangemacht hatte. Und anscheinend kam sie nun öfter, denn einige Tage später sah sie sie wieder mit wippenden Locken und auf Stöckelschuhen durch die Halle und in die Kerker stolzieren.
Das Einzige was nicht in Minervas Bild passte, war das Verhalten von Severus.
Er erschien nicht zu den Malzeiten, ließ sich das wenige Essen, dass er zu sich nahm von den Hauselfen bringen. Wenn er nicht unterrichtete saß er entweder brütend in seinem Büro oder hatte sich in seinem Labor eingeigelt. Begegnete sie ihm auf dem Gang, erwiderte er wenn überhaupt nur mürrisch ihren Gruß durch ein angedeutetes Kopfnicken. Alles in allem wirkte er ganz und gar nicht wie ein Mann, der sich im Gleichgewicht befand, und überhaupt nicht wie ein glücklich verliebter Mann. Aber es war schließlich seine Sache und sie hatte immer vermieden, sich in die Privatangelegenheiten ihrer Kollegen einzumischen. Dass er seine Beziehung zu Hermine nicht fortgeführt hatte, hielt sie für äußerst vernünftig. Auch wenn Hermine offensichtlich Liebeskummer hatte. Der würde vorüber gehen, da war sich Minerva sicher.
Als sich Hermines Gemütszustand auch in der zweiten Woche nicht gebessert hatte und sie sich hartnäckig weigerte, wieder dem Unterricht beizuwohnen, zitierte Minerva Snape entgegen ihrer Vorsätzen doch zu einer Unterredung in ihr Büro.
Severus sah ungesund aus, als er sich mit genervter Miene in den Sessel gegenüber ihres Schreibtisches fallen ließ.
„Mach es kurz, Minerva, ich habe zu tun!"
Minerva sah ihn über den Rand ihrer Brille hinweg an und ließ sich Zeit.
„Tee, Severus?"
Snape schnaubte und blickte sie säuerlich an.
„Was, Minerva? Spuck es einfach aus damit ich wieder an meine Arbeit kann."
„Severus," begann Minerva zögernd., „es geht mich nichts an, aber anscheinend gibt es da gewisse Spannungen zwischen dir und Hermine. Da langsam die Gesundheit meiner Schülerin gefährdet ist, möchte ich dass Du diese Sache aus der Welt räumst, und zwar möglichst schnell!"
Snape sah sie für einen Moment direkt an, dann seufzte er gequält und antwortete bissig:
„Du hast Recht Minerva, es geht dich nichts an und sollte meine Nochehefrau gesundheitliche Probleme haben, so empfehle ich einen Besuch auf der Krankenstation!"
Minerva war empört und gab ihrer Empörung auch mit bitteren Worten Ausdruck.
„Findest Du es nicht wirklich unfair, wie Du dich ihr gegenüber verhältst. Severus, sie ist wirklich krank."
Bei ihren Worten hatte Severus die Augenbrauen zusammengezogen. Gerade heute hatte er auf einen Titelblatt wieder Harry Potter gesehen, in den Armen einer Schönheit die ihm den Tapferkeitsorden hundertzwanzigster Klasse überreicht hatte. Gewiss ging es Hermine deshalb so schlecht, denn nach ihrem abendlichen Stelldichein hatte er Potter nicht wieder in Hogwarts gesehen. Wenn es Hermine also so krank war, dann sicherlich wegen Potter.
Snape kniff verstockt den Mund zusammen.
„Misch dich nicht in meine Angelegenheiten, Minerva." und damit war er aufgestanden und hatte eine äußerst verärgerte McGonagall zurückgelassen.
Wie immer ging er in sein Labor und arbeitete an seinem Projekt um sich abzulenken und wie immer blieb es bei dem Versuch, denn alles was er tat erinnerte ihn an Hermine.
Er zerschnitt Zutaten und dachte dabei an sie. Er hatte lange, lange noch nicht mit der Situation abgeschlossen, auch wenn Gina ihm immer und immer wieder vorpredigte, dass alles nicht so schlimm sei und alles gut werden würde, wenn nur der Zeitumkehrtrank endlich fertig würde. Es nützte einfach nichts. Er vermisste Hermine so sehr, dass es ihm den Hals zuzuschnüren drohte.
Wenn sie zu ihm kommen würde, ihn bitten würde ihr zu verzeihen, dann…, dann…
NEIN! Er schlug mit seiner Hand wütend gegen die Tür. Nein, niemals! Er könnte sie nicht mehr berühren ohne das Bild vor Augen, welches ihn die letzten Tage und Nächte verfolgt hatte. Jede Faser seines Körpers, jeder Nervenstrang, jedes noch so kleine Härchen vibrierte bei dem Gedanken an sie. Ihre Haut, ihre Lippen, ihre Küsse, er war fast wahnsinnig vor Sehnsucht nach ihr und wahnsinnig vor Schmerz. Wenn er nur eher zurück gekommen wäre, wenn er sich nicht solange bei der dummen Ministerin aufgehalten hätte, dann hätte Potter keine Gelegenheit gehabt sie alleine zu treffen. Und wenn, dann hätte er es wenigstens nicht gesehen und nicht gewusst!
Er machte sich anscheinend eh nicht viel aus ihr. Die Fotos im Tagespropheten und in den Gazetten sprachen für sich. Der strahlende Held und sein Hofnarr Ron Weasley.
Und sie sass in ihrem Zimmer, wie ein kleiner unglücklicher Vogel mit gebrochenem Herzen.
Wieso konnte sie ihn nicht lieben, ihn der für sie durch Hölle und Fegefeuer gehen würde.
Er hatte nur 28 Tage Zeit gehabt ihr Herz zu gewinnen, Potter aber fast 7 Jahre. Es war so ungerecht. Wenn er wenigstens diese verdammten 28 Tage besser genutzt hätte.
Aber er hatte seine sadistische Rolle weitergespielt, die er begonnen hatte in der Nacht wo er sie in der Bibliothek erwischt hatte. Wie sie da im Mondlicht stand, so verschreckt und verloren, das Buch an ihre Brust gepresst. Wie hatte er sich schon beherrschen müssen sie nicht einfach in seine Arme zu ziehen, sie zu trösten, ihr zu sagen dass sie das bezaubernste Wesen ist, dass ihm jemals begegnet sei. Nein, er war hart gewesen, gemein und böse. Er hatte sie gequält und sich selber dafür mit Arbeit bestraft. Wäre er nur nicht so stolz gewesen. Sein verdammter Stolz und seine Angst die er mit verschränkten Armen und zusammengekniffenen Augen stets so gekonnt verbergen konnte.
Er musste Ginas Trank fertig bekommen. Dann würde alles gut werden. Gina hatte einige zündende Ideen gehabt. Letztes Wochenende hatten sie fast komplett durchgearbeitet.
Ja sie waren ein wirklich gutes Team, Gina und er. Und wie immer, wenn seine Laborarbeit mit Erfolg gekrönt wurde, war er sehr zufrieden gewesen. So zufrieden dass er sogar Gina zum Essen ausführen konnte. Sie hatte es ihm mit ihrer unnachahmlichen Heiterkeit und ihrer Fürsorge vergolten. Er war so froh, dass sie immer für ihn da war, wenn er wegen der selbstzerstörerischen Verzweifelung wieder in ein Loch zu stürzen drohte. Er bedauerte, dass er und sie wegen ihrer beider Arbeit nicht noch mehr Zeit miteinander verbringen konnten. Niemals hätte er sich in der Vergangenheit vorstellen können, dass es einmal für ihn so wichtig sein würde, nicht allein zu sein. Wenn sie vergnügt durch sein Labor wirbelte, voller Energie und Zuversicht und dabei für kurze Momente seine Traurigkeit durch ihr Lachen einfach wegzaubern konnte, dann fühlte er sich fast wieder gut. Sie war so ganz anders als er. Sie ging die Probleme einfach an, war nicht nachtragend wenn er sie mal wieder angeraunzt hatte und bewies ihm ihre innere Größe beständig dadurch, dass sie seine zuweilen schon fast beleidigenden Bemerkungen einfach mit einem spöttischen Handkuss in seine Richtung entkräftete. Abends konnte sie sich einfach auf die Seite legen und einschlafen, während er grübelnd wach lag und am nächsten Morgen unausgeruht und übernächtigt mit Kaffeetassen nach Hauselfen schmiss, während sie beim Frühstück ungerührt und in strahlender Laune ein Brötchen nach dem anderen verdrückte. Und bei all dem war ihm durchaus bewusst, dass Gina selber am Rande ihrer Kraft war. Alles in ihr war nur noch durch ihr Streben bestimmt, endlich in die Vergangenheit zu reisen. Er hoffte für sie und auch für ihn, dass es ihr bald gelingen würde, denn er war nicht bereit, mit dem Schmerz in seinem Herzen bis zu seinem Tode weiterzuleben.
tbc
