51. Der Sommer

Die nächsten Tage verbrachte Stefanie nur zu gerne draußen, wo sie in der Sonne döste, die Wärme genoss und versuchte, nicht von den Zwillingen in den See gestoßen zu werden, was ihr besser gelang als Angelina, die zwei ihrer Garnituren von Umhängen zum Trocknen aufhängen musste. Nur ein einziges Mal gelang es den beiden, sie in einem unvorbereiteten Moment zu überraschen und in den See zu werfen, aber zu Stefanies großer Befriedigung klammerte sie sich reflexartig an Fred und riss ihn mit sich ins Wasser.

Eigentlich verging die Zeit bis zum Ferienbeginn ohne besondere Vorkommnisse, auch wenn zwei Dinge dazwischenkamen, die nicht alltäglich waren.

Erst einmal machte sich das hartnäckige Gerücht breit, dass Scheidenschnabel, der zum Tode verurteile Hippogreif Hagrids, kurz vor seiner Hinrichtung entkommen war. Zweitens hatten sie Sirius Black endlich gefasst und auch er war, kurz vor seiner Hinrichtung durch die Dementoren, entkommen und das aus einem verschlossenen Turm.

Und dann war da natürlich noch die Sache mit Lupin. Snape hatte durchblicken lassen, dass er ein Werwolf war und nun wusste es die ganze Schule. Er hatte gekündigt, weil er glaubte, niemand würde von einem Werwolf unterrichtet werden wollen, aber das stimmte natürlich nicht.

Bis auf ein paar wenige waren sie alle unglaublich traurig darüber, dass er ging, war er doch seit langem wieder einmal ein guter Lehrer gewesen.

Ihr Bedauern saß tief, aber egal wie sehr sie es ihm auch antrugen, zu bleiben, er war entschlossen, zu gehen.

Dennoch genossen sie die Tage bis zum Ende des Schuljahres. Sie hatten nicht mehr die geringste Lust, irgendetwas für den Unterricht zu tun und taten es auch nicht. Stattdessen faulenzten sie in der Sonne, arbeiteten an den Würgzungen-Toffees oder anderen Dingen und manchmal träumte Stefanie auch einfach nur vor sich hin und überlegte, wie wunderbar es doch wäre, einen Tagtraumzauber zu erfinden, durch den man für etwa eine halbe Stunde einfach in einen Tagtraum seiner Wahl versinken konnte.

Die Zeit bis zu den Ferien verging schnell, immerhin hatten sie nun nichts mehr zu tun, und dank dem gewonnen Quidditchpokal, bekam Gryffindor erneut den Hauspokal. Dumbledore verkündete, dass sie die Dementoren, zumindest in Hogwarts, nicht mehr wiederzusehen brauchten und der Jubel kannte keine Grenzen.

Während des Festmahls ging es munter zu und die Zwillinge vergaßen nicht, Stefanie daran zu erinnern, dass sie mindestens die Hälfte ihrer Ferien bei ihnen verbringen musste.

„Ich bleibe bei euch, sobald ich nach London komme", versprach sie und steckte ein paar Pfefferminzbonbons für die Ferien ein.

Am nächsten Tag dann fuhren sie mit dem Hogwartsexpress nach Hause. Stefanie saß zusammen mit den Zwillingen, Lee, Alicia und Angelina in einem Abteil und sie vertrieben sich die Zeit mit Zauberschnippschnapp und vagen Spekulationen über ihre ZAG-Ergebnisse. Sie alle hatten die Hoffnung, zumindest ein paar geschafft zu haben, wollten aber eigentlich nicht darüber reden, bis sie die Briefe dann tatsächlich bekommen haben würden.

In London angekommen, nahmen sie ihr Gepäck und verließen den Zug. Zu dritt gingen sie durch das magische Tor in die Außenwelt, wo die Familie Weasley schon auf ihre Kinder wartete. Stefanie und Mariechen nahmen sich die Zeit, ihnen kurz ‚Hallo' zu sagen, ehe sie zu Daniel liefen und mit ihm durch London Richtung Tropfender Kessel eilten. Dort erwischten sie mühelos ihren Portschlüssel nach Hause. Daniel war ein wenig angesäuert, weil er noch nicht apparieren durfte, obwohl er es eigentlich schon beherrschte. In der sechsten Klasse machte man nämlich einen Kurs und wer vor April 17 Jahre alt wurde, konnte im April die Prüfung ablegen und danach apparieren. Wer erst nach dem April 17 Jahre alt wurde, musste die Prüfung im nächsten Herbst ablegen und Daniel hatte das Pech, im Juni Geburtstag zu haben, weswegen er noch ein wenig warten musste, was ihm wirklich missfiel.

Dafür, so meinte er, könnte er jetzt endlich außerhalb der Schule zaubern und Stefanie wurde ein wenig rot, weil sie schon immer außerhalb der Schule gezaubert hatte. Allerdings war sie nie dafür bestraft worden, hatte auch nie eine Ermahnung erhalten, weswegen sie glaubte, dass das Gesetz in Österreich irgendwie nicht galt.

Als der Portschlüssel sie bei der zerfallenen Hütte ausspuckte, wartete dort schon ihre Mutter auf sie, die strahlend ihre Arme ausbreitete, um sie zu empfangen.

„Mariechen! Du bist so gewachsen! Und Stefanie, du siehst ja aus wie eine richtige Frau!"

Stefanie grinste und stemmte ihre Arme in die Hüften, um ein wenig zu posen. „Ja, nicht wahr? Besser als wie eine falsche Frau ist es allemal."

Dabei übertrieb ihre Mutter, denn sie selbst fand, dass sie noch deutlich als junges Mädchen zu erkennen war. Zwar sah sie nicht mehr aus wie 12, aber auch nicht wie 20 oder, Gott behüte, noch älter.

Als sie mit dem Auto nach Hause fuhren, konnte ihre Mutter es nicht lassen, sie ein wenig tadelnd anzusehen und zu sagen: „Und du lässt uns schon wieder im Stich? Man möchte wirklich meinen, dass du von deinen Zwillingen während des Schuljahres genug hättest. Aber nein, du musst ja auch in den Ferien zu ihnen."

Stefanie lachte. „Mama, es geht immerhin um die Quidditchweltmeisterschaft! Wer will die denn verpassen?"

„Ich nicht, und ich darf trotzdem nicht hin", maulte Mariechen und verschränkte ihre Arme. Hinten konnten sie Whiskey laut maunzen hören, aber niemand achtete darauf, weil sie gerade in ihre Hauseinfahrt einbogen.

Stefanies Blick fiel zu allererst auf den Hof ihrer Großmutter. Unkraut war keines zu sehen, alles war sauber und gepflegt. Es wirkte sogar richtig bewohnt.

Dafür sah sie ihren Bruder, der gerade ritt und keinen Blick für das ankommende Auto hatte. Wie alt war er noch einmal? 18?

„Und, hat er die Schule geschafft?", fragte Stefanie, als ihr das klar wurde und ihre Mutter nickte.

„Natürlich hat er das. Sehr gut sogar. Er hat sich auch schon für die Universität in Salzburg eingeschrieben…" Ihr Blick nahm etwas wehleidiges an und Stefanie fiel ein, dass damit alle ihre Kinder praktisch aus dem Haus waren.

„Und, was will er dort studieren?"

Ihre Mutter lächelte. „Jus, ob du es glaubst oder nicht." Als Stefanie ihr Gesicht verzog, nickte sie. „Ganz genau, das Studium für alle, denen nichts besseres einfällt. Wenigstens kann er sein Pferd mitnehmen, er hat dort etwas gefunden, was ihm das ermöglicht…"

Sie seufzte und öffnete die Fahrertür und auch Stefanie und Marie stiegen aus und holten ihre Koffer.

„Können wir, solange ich da bin, vielleicht mal Oma besuchen?", fragte Stefanie beiläufig, als sie auf dem Weg zur Haustüre waren. Ihre Mutter sah sie überrascht an.

„Oma? Ich weiß nicht… ehrlich gesagt haben weder ich, noch dein Vater, Zeit dahin zu fahren…"

Stefanies Laune verschlechterte sich schlagartig. Mit so etwas hätte sie eigentlich rechnen können. Sie besuchten ihre Großmutter so gut wie nie und wenn, dann nur, wenn es unbedingt notwendig war. Warum wusste sie nicht, im Prinzip war ihre Großmutter immer sehr nett und hatte auch ein gutes Verhältnis zu ihnen. Vermutlich lag es daran, dass ihre Eltern nie Zeit hatten, und auch, weil die Fahrt recht lange dauerte.

„Wieso willst du denn zu ihr?" hakte ihre Mutter nach und Stefanie zuckte mit den Achseln.

„Sie ist alt", sagte sie dann, obwohl sie ganz anders darüber dachte. „Und deine Mama ist auch gestorben. Stell dir vor, sie würde es auch tun, aber ich hätte sie nicht kurz zuvor gesehen und verabschiedet."

Das schien ihre Mutter zu verstehen, auch wenn sie schwieg und wortlos begann, den Tisch zu decken. Mariechen ließ Whiskey aus ihrem Weidekörbchen und begann, ihren Koffer nach oben zu schleppen. Sie schien sich darüber zu freuen, Zuhause zu sein.

Auch Stefanie freute sich, aber noch mehr verspürte sie Vorfreude wegen der Quidditchweltmeisterschaft und weil sie einen Monat lang im Fuchsbau leben würde.

Als Stefanie nach den vielen Monaten in ihr Zimmer trat, war ihr, als würde sie die Tür zu einem früheren Leben aufstoßen. Einem Leben vor ihrer Zeit als Hexe, oder eher, ehe sie es herausgefunden hatte.

Eigentlich sah ihr Zimmer noch genauso aus wie damals, als sie es zum ersten Mal für so viele Monate zurückgelassen hatte und nun würde sie es bald schon zum sechsten Mal tun.

War es merkwürdig, dass sie es nicht mehr als ihr Zuhause ansah? Vermutlich nicht, denn es war auch einfach nicht mehr der Ort, an dem sie sich am wohlsten fühlte. Hier fühlte sie sich immer ein wenig… missverstanden. Sie liebte ihre Familie, aber sie konnte spüren, dass die Monate, in denen sie sich nicht sahen, eine Kluft zwischen ihren aufgerissen hatte. Sie hatten sich auseinander gelebt, sie war früher erwachsen geworden, oder zumindest diesem Haus und Zimmer entwachsen.

Vielleicht, dachte Stefanie, als sie sich seufzend auf ihr Bett fallen ließ und Ivys Käfig auf den Boden abstellte, lag es auch daran, dass sie alle Muggel waren.

Oder es zu sein glaubten.

Ihr Blick fiel auf die Barbiepuppe, die sie damals von Marie zu ihrem elften Geburtstag bekommen hatte. Sie lag in einer Kiste neben ihrem Schrank.

„Meine Güte, gibt es dich immer noch?", fragte sie halblaut und stand auf, um sie sich näher anzusehen. Sie hatte kaum mit ihr gespielt, aber so sah sie nicht aus. Im Gegenteil, eher wirkte sie, als wäre sie oft benutzt worden, was vermutlich auch der Fall gewesen war. Mariechen dürfte mit ihr gespielt haben, in den Jahren, in denen sie noch nicht in Hogwarts gewesen war, Stefanie aber schon.

Als Stefanie begann, ihren Koffer auszupacken, dachte sie schon daran, dass sie ihn bald wieder für ein neues, wunderbares Jahr packen würde und das zauberte ein Lächeln auf ihr Gesicht. Gleichzeitig fragte sie sich, wie es sein konnte, dass sie, die von ihren Eltern immer so geliebt worden war, die ihre Familie liebte und sich immer wohl gefühlt hatte, diesen Ort als so kalt und unberührt empfand.

Ihre Augen suchten das Zimmer ab und schließlich kam sie zu dem Entschluss, dass es hier einfach an zauberhaften Weasleystreichen fehlte, die dem ganzen sicher den nötigen Pepp gegeben hätten.

Vielleicht war es auch einfach zu sauber, zu unberührt, zu ordentlich.

Erst später, als sie in ihrem Bett lag und beobachtete, wie derselbe Mond, den sie auch von Hogwarts aus sehen konnte, durch ihr Zimmerfenster schien, wurde ihr klar, dass es einfach daran lag, dass sie hier nicht mehr wohnte. Würde sie das, dann würde sie dem Raum ihre persönliche Note verleihen und sich wohlfühlen.

In den nächsten Tagen versuchte Stefanie, ihre Familie zu bearbeiten, mit ihr zu ihrer Oma zu fahren, aber niemand ließ sich überreden. Christoph hatte nun zwar den Führerschein, wollte seine Zeit aber nicht mit einer „verrückten alten Dame" verbringen, während ihre Eltern tatsächlich die ganze Zeit am Arbeiten zu sein schienen und war es nicht ihre Arbeit im Krankenhaus, dann war es Arbeit im Garten oder bei den Pferden.

Manchmal ertappte Stefanie sich dabei, wie sie ihren Vater einfach nur ansah und darüber nachdachte, dass er ein Zauberer war, ohne es zu wissen, ohne seine Kräfte je bewusst eingesetzt zu haben.

Oder hatte er das? Wurde er denn nicht ‚Wunderdoktor' genannt? Aber wusste er, warum er so vielen hoffnungslosen Fällen das Leben gerettet hatte? Ahnte er, dass er kein normaler Mensch war?

Eigentlich musste er es tun, hatte er doch zwei Hexen als Töchter, aber er hatte ihnen gegenüber nie etwas erwähnt, das darauf hindeutete.

Und wenn er sie fragte, warum sie denn so dringend seine Mutter sehen wollte, dann schaffte sie es nicht, ihm die Wahrheit zu sagen und tischte dieselbe Geschichte auf, die sie schon ihrer Mutter erzählt hatte, obwohl sie sehr genau wusste, dass Hexen und Zauberer langlebiger waren als Muggel.

Eines Tages dann fasste sie den Entschluss, dass sie ihre Oma unbedingt sehen und sprechen wollte. Sie wollte endlich Klarheit über diesen Teil ihrer Familiengeschichte haben und brannte darauf, mit ihrer Großmutter zu sprechen. Das tat sie schon, seit sie wusste, dass diese auch eine Hexe war.

Also ging sie zum Frühstück herunter, wo gerade die ganze Familie saß, und verkündete laut: „Ich gehe Oma besuchen."

Ihre Mutter sah von ihrer Zeitung auf, in der sie gerade gelesen hatte, obwohl es unhöflich war, während des Essens zu lesen, und blinzelte verwundert.

„Und wie willst du das anstellen?"

Stefanie zuckte mit den Schultern. „Wenn mich niemand hinbringt, dann radle ich eben."

Hoffnungsvoll sah sie die anderen an, in der Erwartung, dass nun jemand sagen würde, dass er sie hinfahren konnte, aber niemand sagte etwas. Marie hatte ihren Mund voll und wirkte ein bisschen erstaunt, dass Stefanie bereit war, so viel Anstrengung auf sich zu nehmen, nur um ihre merkwürdige Oma zu besuchen und auch die anderen schienen irritiert.

„Kennst du denn den Weg?", fragte ihr Vater schließlich und nun sah ihre Mutter ihn überrascht an.

„Aber du kannst sie doch nicht wirklich radeln lassen!"

„Wieso? Ich kann sie nicht hinbringen, du auch nicht und Chris will es nicht, also kann ich sie sehr wohl Radfahren lassen." Als seine Frau ihre Lippen zusammenpresste, lächelte er. „Sie ist 16. Sie wird das schon hinbekommen."

Also musste Stefanie wohl oder übel tatsächlich ihr Rad nehmen und fuhr nach dem Frühstück los. Wenn man mit dem Auto eine Stunde brauchte, dann würde es mit dem Rad ein richtiger Horrortrip sie kannte den Weg nicht. Ihr Vater erklärte ihr zwar, dass es einen Radweg gab und wann sie wo wie abbiegen musste, aber ihre Laune war einfach zu schlecht, um auch noch genau zuzuhören.

Zum Abschied gab ihr Vater ihr noch eine Kopie des Maturazeugnisses ihres Bruders. „Damit sie es mal sieht."

Vor ihrem inneren Auge sah sie schon die ganzen Berge, die sie nun mit dem Rad bezwingen musste und ihre Laune besserte sich erst, als sie an die ganzen Kalorien dachte, die sie dabei verbrauchen würde.

Also trat sie, schon besser gelaunt, in die Pedale und radelte los. Tatsächlich war es eine furchtbar zähe Partie und sie brauchte mehr als fünf Stunden, bis sie endlich in dem Ort ankam, in dem ihre Großmutter lebte. Es war wirklich anstrengend und nicht selten hatte sie ihr Rad einfach einen Hügel hinauf geschoben und noch öfter daran gedacht, umzudrehen, aber irgendwann hätte sich das nicht mehr ausgezahlt. Außerdem war es deprimierend, ab und zu von, professionell in Radtrikots gekleideten, Radfahrern überholt zu werden, die eine beachtliche Wattzahl traten und ihr spöttische Blicke schenkten, wenn sie gerade allzu langsam fuhr.

Dafür war die Landschaft durchaus ansehnlich gewesen und sie hatte sich, dank einiger Hinweisschilder zu Orten, von denen sie wusste, dass sie in der richtigen Umgebung lagen, nie verirrt.

Dann, endlich, es war schon 2 Uhr nachmittags, stand sie vor dem abseits gelegenen, kleinen Haus ihrer Großmutter.

Es gab nur einen Fußpfad dorthin, weil Abigail nie ein Auto besessen hatte, und dieser Pfad war so zugewachsen, dass man meinen könnte, dort würde niemand mehr leben.

Tatsächlich schien sich auch nie jemand in die Nähe des Hauses zu begeben, bis auf sehr viele Tiere, die auch recht eindeutige Spuren hinterließen.

Eine niedere Mauer umrahmte den Garten und sie wirkte, als hätte die Natur diesen Fleck schon zurückerobert. Efeu überwucherte die Steine, Moos wuchs zwischen den Rillen und das schmiedeeiserne Tor machte ein furchtbares Geräusch, als Stefanie es öffnete.

Sie lehnte ihr Fahrrad gegen die Mauer und trat dann in den Garten.

Vogelgesang erreichte ihre Ohren, während sie den gepflasterten Weg entlang Richtung Haus ging. Der Rasen sah gemäht aus, kein Unkraut war zu sehen, Blumen wuchsen fröhlich vor sich hin und sogar die Bäume wirkten so, als hätte sie jemand gestutzt.

An einem knorrigen, aber kräftigen Ast des einzigen Apfelbaumes, hingen zwei dicke Seile herunter, die eine Schaukel trugen. Man konnte sehen, dass unter der Schaukel lange kein Gras gewachsen war, weil dauernd darauf herumgetreten worden war, aber nun wuchs dort Gras und von dem Jungen, der dort einst gespielt hatte, war nichts zu sehen.

Das Haus selbst wirkte alt. Es war ein Steinhaus, ähnlich einem englischen Cottage, und hinter den Fensterscheiben konnte sie bunte Gardinen sehen, die sie an den Fuchsbau erinnerten.

Es gab keine Klingel, die neben der gewaltigen, dunkelgrün gestrichenen Türe hing, aber dafür einen Türklopfer in Form eines Löwen.

Stefanie zögerte kurz, dann klopfe sie. Sie warte keine Sekunde, schon öffnete sich die Türe von innen und vor ihr stand ihre Großmutter wie sie leibte und lebte.

Sie war eine große, schlanke Frau, größer als Stefanie selber, und sie wirkte um vieles jünger als McGonagall, obwohl sie nur ein Jahr trennte, soweit Stefanie wusste.

Und sie war von atemberaubender Schönheit.

Ihre Großmutter hatte zwar nicht mehr Stefanies herbstbraunes Haar, was sie gehabt haben musste, sonst hätte man nicht gesagt, sie würden sich ähnlich sehen, aber ihr Haar war noch nicht weiß, sondern eher silbern. Sie trug es, ganz ähnlich wie McGonagall, hochgesteckt, nur längst nicht so streng, sondern eher kunstvoll, was auch daran liegen dürfte, dass sie mehr Haar und mehr Volumen besaß. Bei sich dachte Stefanie, dass es auch merkwürdig aussehen würde, trüge eine alte Frau ihr Haar offen.

Was Stefanie aber am meisten überraschte, war nicht das beinahe faltenlose, jung gebliebene Gesicht ihrer Oma, oder die blitzenden, jugendlich wirkenden blau-grünen Augen, sondern ihre Kleidung. Sie trug einen gut sitzenden Hosenanzug, in dem sie wirkte, wie eine Geschäftsfrau, oder wie die repräsentative Frau eines reichen Mannes. Auf jeden Fall wies sie keinerlei Ähnlichkeiten mit einer älteren Hexe auf, die keine Ahnung hatte, was Muggel zur Zeit gerade trugen.

Sie wies auch keine Ähnlichkeiten mit einer Muggel-Oma auf, die ja normalerweise auch nicht wussten, was gerade so in Mode war.

Und das verunsicherte Stefanie. Es war aber nicht nur das Gefühl der Verunsicherung, das auf sie einströmte, sondern auch ein gewisser Wow-Effekt. Die Erscheinung ihrer Großmutter beeindruckte sie zutiefst und machte sie für einige Momente lang sprachlos, zumindest solange, bis ihre Oma sagte: „Ich wusste, dass du da bist, ich habe den Hausfriedenszauber losgehen hören."