Ruf der Insel, Kapitel 52

"Julia hat uns eine Einladung zukommen lassen. Ihr Mann feiert seinen 41. Geburtstag und wir sind eingeladen", meinte Rilla, lehnte sich gegen den Türrahmen und lächelte den beiden wichtigsten Menschen in ihrem Leben zu. Kenneth stand mitten im Raum und machte mit Joy das Spiel "Flugzeug". Das Mädchen konnte gar nicht genug davon bekommen und quietschte vergnügt und die Nussbraunen Haare auf ihrem Kopf wehte verwegen durch die Luft.

"Kenneth pass bitte auf. Ich habe Angst das ihr schwindlig oder übel wird", flötete Rilla und machte ein besorgtes Gesicht. "Keine Angst Rilla-My-Rilla, unser kleiner Liebling hier, liebt dieses Spiel", grinste er und setzte zur "Landung" an.

Rilla nahm ihm das Mädchen ab und setzte sich in einen Sessel. Sie nahm ein Fotoalbum zur Hand und schlug es auf. "Das ist dein Onkel Walter. Er wird nächsten Monat deine zukünftige Tante Una heiraten", meinte Rilla und deute auf ein Passbild von Walter. Es war ihr wichtig, dass Joyce den "Kontakt" zu ihrer Familie nicht verlor. Des Öfteren zeigte sie dem Mädchen die Fotoalben und stellte ihr die einzelnen Personen vor.

"Du wirst sie ja alle bei der Hochzeit kennen lernen. Sie werden dich lieben mein kleiner Engel, sie können gar nicht anders. Besonders dein Großvater Gilbert wird dir verfallen. Wir werden einige Tage dort verbringen und dann wieder hierher, nach Ivy Porch zurück kehren", meinte Rilla und küsste ihre Tochter auf die Stirn.

Kenneth stand am Fenster und starrte hinaus. "Rilla ich muss mit dir sprechen", hörte sie ihn plötzlich mit ruhiger Stimme sprechen. "Was ist los?", fragte sie und erhob sich. Sie stemmte die kleine Joy auf ihre Hüfte und trat zu ihm ans Fenster. "Nun, ich habe einen Entschluss gefasst und das schon seit längerem".

"Ich wusste doch, dass etwas in dir vorgeht. Um was geht es? Kann ich dir helfen?". Kenneth drehte sich um, lächelte seinen beiden Frauen an und strich der kleinen Joy sanft über die Wange.

"Es geht um dich, unseren Sonnenschein und mich. Es betrifft unsere Zukunft".
"Du machst es ja spannend. Was hast du den mit uns vor", lächelte Rilla ihrer Tochter zu.

"Ich habe vor, Toronto zu verlassen und mit euch auf der Insel ein neues Leben zu beginnen". Dieser einzelne Satz war wie ein Peitschenhieb durch den Raum geweht. Rilla stand wie vom Donner gerührt da und schaute ihn ungläubig an. "Du…aber was hat das zu bedeuten? Hab ich richtig gehört, du willst Toronto verlassen und nach Prince-Edward-Island gehen?", fragte Rilla.

"Ich habe den Entschluss gefasst Toronto zu verlassen und mit euch an einem anderen Ort eine neue Existenz aufzubauen".
"Aber wie bist du den auf diese Idee gekommen? Du kannst doch nicht einfach Toronto verlassen. Du bist hier Zuhause. Deine Karriere als Arzt hat eben erst begonnen und du arbeitest in einem der besten Krankenhäuser von Toronto. Also, wie kommst du auf diese absurde Idee?", fragte Rilla und reichte der quengelnden Joyce ihren Schnuller.

"Durch dich", antwortete Kenneth.
"Durch mich? Aber ich habe nie ein Wort erwähnt, dass ich Toronto verlassen möchte. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich dich auf diese Idee gebracht haben könnte", flötete sie.

"Es ist nicht das was du sagst, sonder was du tust. Du redest sehr viel von der Insel, betrachtest die Bilder auf unserem Kamin sehr häufig und zeigst unserer Kleinen so oft es geht die Alben. Rilla, ich weis was für großes Heimweh du hast und deshalb habe ich meinen Job im Krankenhaus bereits gekündigt. Wir werden erst einmal im alten Traumhaus leben und Gilbert hat mir angeboten, ich könnte bei ihm und Jem für die erste Zeit in der Praxis mithelfen".

Rilla schüttelte den Kopf: "Das wollte ich nicht. Das hättest du nicht tun dürfen. Du bist hier geboren und aufgewachsen, es ist dein Zuhause. Ich werde nicht zulassen, dass du wegen mir alles aufgibst. Ich würde es mir nie verzeihen", keuchte Rilla.

"Rilla ich liebe dich! Es ist mir egal wo ich leben. Hier in Toronto oder wo anders auf der Welt. Hauptsache ich bin bei euch beiden und ihr seit Glücklich. Aber du bist nicht Glücklich, dass sehe und fühle ich", er küsste sie zärtlich.

"Aber Persis lebt hier und deine Eltern. Du würdest sie vermissen und ich möchte ihnen Joyce nicht vorenthalten. Ich würde mir mein Leben lang vorwürfe machen".

"Rilla liebes", hörten die beiden hinter sich eine Stimme. Leslie Ford war die ganze Zeit über in der Küche gewesen und hatte genau im richtigen Moment beschlossen heraus zu kommen. Rilla drehte sich zu ihr um. "Leslie", hauchte sie ihre Schwiegermutter zu. Leslie lächelte Rilla an und nahm die kleine Joyce auf den Arm.

"Es ist ok Rilla. Es ist für mich und Owen völlig in Ordnung. Uns ist ebenfalls nicht entgangen das du hier Unglücklich bist. Du warst schon immer wie eine Tochter für uns und wir wollen nur das beste für dich. Persis und Michael sehen es ebenfalls so. Geh mit meinem Sohn zurück zur Insel und werdet Glücklich", lächelte Leslie.

In Rillas Augen glänzten einige Tränen. Sie umarmte Leslie, achtete jedoch darauf ihre Tochter nicht zu erdrücken. "Wie soll ich dir jemals danken", flüsterte Rilla.

Leslie grinste: "Du musst versprechen uns immer darüber zu informieren wie es Joyce geht. Ihr drei müsst uns so oft es geht besuchen und wenn ihr nicht könnt, dann werden Owen und ich euch besuchen, wenn wir dürfen".

"Natürlich dürft ihr. Ihr seit meine Familie und mir sehr wichtig. Ihr werdet uns und Joyce so oft sehen, wie es geht", lächelte Rilla und küsste Leslie auf die Wange.