Hey Leute. Hier ist es wieder, denn es ist wieder ein Donnerstag: Mein neues Kapitel. :-) Viel Spaß dabei.
Es tut mir Leid, dass es erst so "spät" on geht, denn der vorweihnachtliche Stress und einige Aktionen bei der Bahn haben mich heute den ganzen Tag beschäftigt. Ich hoffe allerdings, dass es euch dennoch früh genug ist und ihr auch weiterhin euren Spaß haben werdet. :-)
Ich wünsche euch allen eine frohe und besinnliche Weihnachtszeit. Habt Spaß, entspannt euch und treibt es nicht zu bunt. ;-)
-Kapitel 43-
-Der Tote in der alten Kirche-
Brattahlid, Grönland
Am nächsten Tag
Wenn, so nah am Polarkreis, von Sonnenaufgang gesprochen wurde, war eigentlich immer dieses dämmrige Zwielicht gemeint, in dem sie sich in diesem Augenblick befanden. Lara war erstaunt, wie fit Nate und Sully waren, denn so, wie sie es mitbekommen hatte, hatten sie fast gar nicht geschlafen, aber vielleicht hatte sie einfach so fest geschlafen, dass sie gar nicht mitbekommen hatte, wie sie zu Bett gegangen waren.
„Was bin ich froh, dass wir nicht im Winter hier sind.", konstatierte Nate, während sie das beheizte Zelt verließen und in die Kälte traten. Ein leichter, kalter Wind ging und Schneeflocken wirbelten durch die Luft, vollführten einen unbeholfenen, aber dennoch grazilen Tanz, bevor sie sich zu Boden ließen.
„Kann es noch kälter werden?", Sara rieb sich die Augen. Sie schien nicht gut geschlafen zu haben.
„Ein wenig.", mit diesen Worten wand sich Lara an Sully, der seinen Kopf durch die Zeltplane gesteckt hatte und die drei Abenteurer ansah: „Du bist hier und behältst die Umgebung im Auge, richtig?"
„Ja.", er nickte: „Und wenn es Ärger gibt, ich habe ein Funkgerät und ihr habt ein Funkgerät. Wir werden schon miteinander sprechen können."
„Das hoffe ich.", sagte Lara und kontrollierte noch ein Mal das schwarze Funkgerät an ihrem Gürtel. Es war ein spezielles Funkgerät mit einer sehr guten Reichweite und gutem Empfang. Alles dürfte funktionieren.
„Okay. Dann wünsch ich euch viel Erfolg, oder was auch immer ihr braucht und hoffe, dass ihr keine Engelmonster bekämpfen müsst.", witzelte Sully und erntete von Lara einen finsteren Blick als Kommentar.
„Wissen wir denn, was wir suchen?", fragte Nate schließlich, als sie sich in Bewegung gesetzt hatten. Sein Hals war zwar noch etwas blau angelaufen, aber seine Stimme klang wieder völlig normal, fast so, als wäre er nicht beinah zu Tode gewürgt worden.
Lara wusste es, weil sie heute Morgen gesehen hatte, wie er sich umgezogen hatte und dabei war ihr sein Hals aufgefallen. Im Augenblick verschwanden seine Blessuren hinter einem schwarzen Schal, der zu seiner schwarzen Winterjacke und der schwarzen Hose passte. Sein Haar war, wie immer, perfekt in Form gebracht und absolut unzerstörbar.
Während der Wind an Laras geflochtenem Zopf hin und her zerrte, als müsse er jeden Moment abreißen, sah es bei Nate beinah so aus, als würde der Wind einen Bogen um seine Haare machen.
„Ich denke wir sehen uns mal die Kirche an, dann werden wir schon sehen, ob wir etwas finden.", war Laras Antwort. Da sie sich bereits darauf eingestellt hatte, dass es im Inneren der Kirche sicher kein Licht geben würde, hatte sie Magnesiumfackeln und eine kleine Taschenlampe mit geringer Ladekapazität mitgenommen. Falls diese entleert war, konnten sie problemlos auf die Fackeln zurückgreifen. Sie hatten Lara schon in früheren Abenteuern treue Dienste geleistet.
„Hast du den Wegweiser mitgenommen? Vielleicht kann er uns…na ja, den Weg weisen oder so.", Sara schien etwas niedergeschlagen zu sein, denn in ihrem dunkelgrauen Winteroverall verschwand sie beinah vollständig und das, obwohl es sonst perfekt saß. Sie wirkte irgendwie eingefallen, aber das konnte auch nur eine Einbildung sein.
„Wir sind da.", sagte Lara und überging damit die Frage, die ihr ihre Freundin gestellt hatte. Es war eigentlich eine überflüssige Bemerkung, da sie kaum vierzig Meter von der Kirche gezeltet hatten, aber irgendwie war sie Lara herausgerutscht, noch ehe sie sich hatte zurückhalten können.
„Ladies first!", sagte Nate mit einem frechen Grinsen im Gesicht und stieß die Tür auf. Lara entzündete sofort die Taschenlampe und ging voran ins Innere der rekonstruierten Holzkapelle. Sehr viel gab es zu dem Ort nicht zu erzählen. Lara fielen die drei Reihen mit Holzbänken auf und der kleine Altar am Ende der Kapelle. Obwohl die Kirche wirklich klein war, versuchten sie wenigsten den Anschein einer Vierung zu erwecken, so dass das große Holzkreuz etwas weiter zurückgestellt war, als der Altar.
„Sieht so aus, als wäre hier lange niemand mehr gewesen.", Sara fuhr mit den Fingern über die staubigen Rückenlehnen der Holzbänke.
„Ich denke die Kirche wiederaufzubauen war ein rein symbolischer Akt. Es lohnt sich kaum zu einem Gottesdienst hinauszufahren.", überlegte Lara laut.
„Scheint so.", Nate nickte zustimmend.
Während sie weiter ins Innere der kleinen Kapelle drangen, bemerkte Lara, dass es hier drin nicht wärmer war, als draußen. Irgendwo schien die Kirche bereits erste Abnutzungserscheinungen zu zeigen, denn von der Seite pfiff ein leiser Wind.
„Seht euch mal das an.", Nate lenkte die Aufmerksamkeit mit Winken auf sich: „Was glaubt ihr, was das ist?"
Er deutete auf eine deutliche Verfärbung auf dem Fußboden, wo das Holz deutlich dunkler war, als anders wo. Lara richtete ihre Taschenlampe auf den Boden und ging dann in die Hocke. Mit der behandschuhten Hand fuhr sie über das Holz und blickte dann auf ihre Finger. Der Verdacht, es könnte vielleicht frisches Blut sein, hatte sich nicht bestätigt. Was aber nicht hieß, dass es nicht vielleicht doch Blut war. Nur eben ein paar Jahre alt, vielleicht so alt, wie die Kirche selbst.
„Das ist Blut.", hörte sie Sara in ihrem Rücken sprechen: „Das habe ich schon einige Male gesehen."
„Du klingst nicht so, als wäre es was Gutes.", manchmal konnte Nate ein echter Blitzmerker sein, stellte Lara gerade amüsiert fest. Er war es auf jeden Fall immer, der aussprach, was allen längst bewusst war.
„Das bin ich auch nicht. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden wir unter diesen Holzbrettern einen Leichnam finden.", erklärte Sara.
„Du meinst, es könnte Eriksson sein? Der vielleicht versucht den Eingang zu einer Katakombe zu bewachen?", wunderte sich Lara und bemerkte im selben Moment wie naiv ihre Frage gewesen war.
Wer auch immer unter diesen Brettern lag, war ganz nicht älter als aus dem 15. Jahrhundert, dem Zeitpunkt etwa, als die kleine Gemeinde in Brattahlid sich endgültig auflöste. Vielleicht hatten sie gerade den Grund dafür gefunden.
„Was stehen wir noch hier rum, brechen wir den Boden auf.", schlug Nate vor und griff nach einer Brechstange, die er an seinen Rucksack befestigt hatte. Lara hatte sie ursprünglich nehmen wollen, aber Nate hatte darauf bestanden, ihr diese Last abnehmen zu können. Jetzt wusste sie auch wieso, er wollte sich als den großen Helden darstellen. Lara schmunzelte amüsiert. Nate erinnerte sie hin und wieder an Chase, ihren Exfreund. Der hatte auch immer versucht, sich selbst ins Rampenlicht zu rücken.
Bis auf die Tatsache, dass Nate dich nie betrogen hat…
Das Holz war alt und ließ sich deshalb ohne große Mühen entfernen. Größere Probleme bereitete da allerdings das bisschen gefrorenes Erdreich unter der Kirche, das ebenfalls von dieser dunkelroten Farbe durchtränkt war.
„Das Opfer muss begraben worden sein, während es noch lebte. Außerdem scheinen die wichtigen Blutgefäße verletzt worden zu sein, sonst wäre da nicht so viel Blut.", erklärte Sara. Als Polizistin in New York hatte sie solche und schlimmere Dinge schon mehrfach gesehen. Da hatte sie schon einiges an Erfahrung gesammelt, leider.
„Machen wir uns an die Arbeit. Vielleicht erfahren wir mehr über das Schicksal der Kolonie, wenn wir uns den Leichnam ansehen.", Lara ließ sich von Nate das Brecheisen geben und begann damit den vereisten Boden zu lockern.
Es würde Stunden dauern, wenn nicht sogar länger. Wahrscheinlich würde sie doch nicht bis Ende der Woche wieder in England sein können. Auch wenn Brattahlid für grönländische Verhältnisse einen eher milden Winter hatte, gefror der Boden trotzdem und wurde damit steinhart.
„Warte mal.", Lara spürte Saras Hand auf ihrer Schulter, die sie sanft zurückschob. Als die Archäologin aufblickte, sah sie, dass Saras rechter Arm von der Witchblade ummantelt worden war und sie bereits damit begann Energie zu sammeln.
„Nicht.", Lara wollte dazwischen gehen: „Du könntest die Knochen gefährden. Wir könnten Indizien zerstören."
„Wie du meinst. Aber wie sollen wir es denn dann machen? Der Boden ist hart wie Stahl.", Sara wirkte etwas skeptisch.
„Wir werden es wohl auf die harte Tour machen müssen. Nate, gehst du bitte zum Camp zurück und holst die Schaufeln und meine Pinsel?", begann Lara damit Anweisungen zu geben. Sie wollte nicht unnötig viel Zeit verlieren.
Nate nickte und eilte wieder hinaus in die Kälte, während Lara wieder damit begann mit dem Brecheisen den Boden zu lockern. Sara ließ sich neben ihr nieder und folgte ihrem Beispiel, wobei sie allerdings die Witchblade zum lockern des Erdreichs benutzte.
„Wir müssen vorsichtig sein. So wie es scheint, ist der Leichnam nicht besonders tief vergraben worden.", vermutete Lara.
Das war auch der Grund, weshalb sie das Brecheisen immer in einem sehr flachen Winkel ansetzte, um eventuelle Knochenfragmente nicht zu beschädigen. Sie wussten nicht genau, was sich unterhalb der Erde verbarg, aber sie würden es herausfinden.
Es dauerte etwa zehn Minuten, bis Nate wieder zurück war. In der Zeit hatten sie schon die oberste Eisschicht so weit gelockert, dass sie jetzt mit Schaufeln und Pinseln weiterarbeiten konnten.
Die Arbeit als Paläoanthropologin war zwar nicht Laras Fachgebiet, aber sie genoss es mal wieder in aller Ruhe, wobei sie immer noch etwas Zeitdruck hatten, sich einem Gebiet zu widmen und etwas Stück für Stück freizulegen. Das war Arbeit, die sie mochte, worin sie richtig gut war, leider sahen die meisten Auftraggeber in ihr immer nur die Abenteurerin und schickten sie dann auf halsbrecherische Jagden, anstatt sie mal als Archäologin schätzen zu lernen.
„Wow.", Nate keuchte. Sie hatten bereits mehrere Stunden gearbeitet und hatten schon einiges freigelegt, von dem Lara nicht angenommen hatte, es an einem Ort, wie diesem zu finden. Allerdings wollte sie erst ein Mal alles freilegen, bevor sie sich ein endgültiges Bild davon machen würde.
So zogen die Stunden dahin, während sie Stück für Stück immer weiter vorankamen, sich durch einzelne, dünne Erdschichten arbeiteten und alles nachträglich noch mal durchsiebten, um auch ja nichts zu übersehen. Lara wollte die Überreste nicht gefährden.
Mehrmals kam Sully zu ihnen herein und brachte erst eine Stehlampe, die mit einem Akku betrieben wurde, so dass sie in der dämmrigen Kirche etwas sehen konnten und anschließend kam er noch mal und brachte Kaffee und Tee für alle.
Die Pause war eine willkommene Abwechslung, denn egal wie neugierig Lara war, ihre Finger waren mittlerweile steifgefroren und ihre Gelenke schmerzten. Es war kein leichter Job, aber Lara liebte ihre Arbeit.
Nach der kurzen Pause, ging die Arbeit weiter bis tief in die Nacht hinein. Kaum einer sprach ein Wort, während sie sich auf die Arbeit konzentrierten. Lara schwitzte und fror gleichzeitig, das war ein wirklich merkwürdiges Gefühl.
Aber sie sah jetzt schon, dass es die Mühe wert sein würde. Vielleicht würde Sara, vielleicht würde sogar Nate, sich für die alten Knochen nicht begeistern können, aber Lara sah darin mehr. Ein Schicksal, eine Seele, ein Stück Geschichte.
Vielleicht nicht unbedingt ein Stück Weltgeschichte, bei weitem nicht so bewegend, wie die Weltkriege, aber vielleicht gerade deswegen umso faszinierender. Was auch immer diesem armen Teufel zugestoßen war, den sie da aushoben, es würde ihnen Aufschluss geben über das, was hier im 15. Jahrhundert passiert war.
Ein kurzer Blick auf die Uhr zeigte Lara, dass sie am heutigen Tag nirgendwo mehr hinabsteigen würden. Das Symbolon, sofern es nicht am Grund dieses Grabes lag, würde heute nicht in ihren Besitz übergehen. Doch es war Lara auch egal. Sie genoss viel zu sehr die Ablenkung, die sie dabei empfand, diese Gebeine frei zu legen.
Als sie schließlich nach rund sieben Stunden fertig waren und die Gebeine soweit von Erde und Dreck befreit hatten, bot sich ihnen ein sehr interessantes Bild.
Der Leichnam saß, er lag nicht, wie Lara zuerst angenommen hatte und was noch viel interessanter war. In seinem Rücken befand sich eine verrostete, alte Metalltür.
„Wo mag die bloß hinführen?", sprach Nate nach mehreren Stunden wieder den ersten Satz. Für einen kurzen Moment war Lara etwas erschrocken, denn sie hatte sich so sehr an die Stille gewöhnt. Mit der Taschenlampe, deren Batterie sie in den letzten Stunden geschont hatte, begann sie das Skelett auszuleuchten.
„Das Opfer war männlich, ein Weißer.", begann sie: „Was man sowohl am Kiefer, Nase, als auch an der Form der Hüfte erkennen kann. Soweit ich das sehen kann, war der Mann ausgewachsen. Die Fontanelle und die Schambeinfuge haben sich bereits geschlossen."
Sara und Nate lauschten Laras Ausführungen.
Sie war zwar bei weitem nicht so gut, wie die Anthropologen und Forensiker, mit denen sie es schon zu tun gehabt hatte, aber Lara hatte einiges über die Entwicklung des menschlichen Körpers und das richtige Deuten von Verletzungsspuren am Knochen gelesen und mehrere Vorträge gehört und auch gehalten.
Die Gesellschaft für Forensische Anthropologie hatte ihr Engagement und ihr Fachwissen geschätzt und Lara eine Mitgliedschaft angeboten, die sie allerdings abgelehnt hatte, da sie es nicht fair fand, den Platz jemandem wegzunehmen, der damit sein Geld verdiente, während sie darin eher ein Hobby sah, dass sich wunderbar mit der Archäologie verbinden ließ.
„Das Opfer erlitt mehrere Stiche im Brustkorb, was man an den Rippen und der Wirbelsäule wunderbar erkennen kann und offensichtlich stach ihm auch jemand ins Auge.", sie deutete auf die Kerbe die ein Mal über die komplette Augenhöhle verlief.
„Ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen, aber ich glaube das war der tödliche Schlag.", sie meinte damit immer noch die Kerbe.
„Du meinst also, jemand hat hier diesen armen Teufel erstochen und vergraben, gleich neben einer Tür?", fragte Nate nach.
„Ich glaube viel mehr, dass mehrere Leute auf ihn einstachen. Die Wunden sehen so aus, als wären sie fast zeitgleich von verschiedenen Waffen zugefügt worden. Mistgabeln, Speeren, Schwertern, ich kann es leider nur schätzen und für genauere Analysen bräuchte ich ein mobiles Labor und das bekommen wir wohl nicht so schnell.", verbesserte Lara den Abenteurer.
„Er wurde also von mehreren getötet. Glaubst du er wollte hinter dieser Tür Zuflucht suchen?", Sara versuchte, auf ihr Wissen als Polizistin zurückgreifend, sich ein Bild vom Tathergang zu machen.
„Ich glaube, dass etwas anderes geschehen war. Ich vermutete viel mehr, dass es etwas mit dem Symbolon zu tun hat und dass die Menschen, die ihn erstochen haben, das Opfer begruben, aus Scham oder aus Angst. Du sagtest, das Opfer müsste noch gelebt haben, als sie es vergruben. Wenn er wirklich so schnell, so viel Blut verloren hat, wie wir annehmen, dann hat er wahrscheinlich nicht mehr viel davon mitbekommen.", überlegte Lara laut.
„Aber was treibt Menschen dazu einen anderen Menschen zu töten und das Symbolon dann, vermutlich hinter dieser Tür zu verstecken?", wunderte sich Nate.
„Ich würde sagen, damit befassen wir uns morgen. Heute Abend steigen wir da nicht mehr hinab, das wäre nicht zu empfehlen. Ich denke, wir kommen bei Tageslicht wieder zurück. Die Ruhe wird uns gut tun und der Leichnam läuft uns schon nicht davon.", Laras Vorschlag fand allgemeine Zustimmung und so löschten sie die Lampe und verließen die alte Kirche durch die Tür, durch die sie vor einigen Stunden hineingekommen waren.
Es würde eine kühle Nacht werden, aber Lara würde zum ersten Mal seit langer Zeit wieder beruhigt schlafen können.
Arbeit an der frischen Luft macht mich immer so müde, dachte sie gähnend und trat hinter Nate und Sara ins Zelt ein.
Fortsetzung folgt:
