Chris deckte den Küchentisch für das Frühstück, war gerade dabei die Kaffeekante auf den Tisch zu stellen.

Es war warm an diesem Herbsttag, weshalb er sich für eine Jeans und ein leichtes, grünes T-Shirt entschieden hatte. Zufrieden lächelte der Agent in sich hinein an diesem Freitagmorgen. Sein Haar war noch feucht von der gemeinsamen Dusche mit Jill.

Ihr ging es gut.

Dessen war er sich sicher.

Ein volle Woche war seit dem Vorfall im Hauptquartier vergangen. Chris wusste zwar noch immer nicht um die genauen Gründe, weshalb Jill so einfach verschwunden war, aber er ließ es auf sich beruhen. Sie hatten beide viel geredet und beschlossen den Tag zu vergessen unter der Bedingung das Jill versprach es ihm mitzuteilen wenn in Zukunft irgendetwas nicht stimmen sollte.

Bisher war das jedoch noch nicht eingetreten, im Gegenteil, Jill lächelte immerzu, wenn er in ihrer Nähe war und das freute ihn. Sie machte Scherze mit ihm und er war mehr als beruhigt.

Chris zweifelte daran, das Jill wirklich ein `Problem´ oder etwas in der Art hatte, wie Rebecca es beim letzten Treffen angesprochen hatte. Die Alpträume waren ja wohl normal für jemanden der so viel durch gemacht hatte. Er glaubte einfach nicht, das Jill eine psychische Störung davon getragen hatte, ja sie war anders als früher, aber sie war Jill Valentine, seine Jill Valentine und er war sich sicher, das sie völlig in Ordnung war.

Natürlich war Chris zu seinem Boss gegangen. Er hatte ihm Vorhaltungen gemacht, wie Amber denn nur an Jills Akte gekommen war und dergleichen, Miller hatte nichts dazu gesagt. Im Gegenteil, er hatte sich bei Chris entschuldigt und gemeint, das er seinen Schlüssel künftig unter besserer Kontrolle halten würde. Jill hatte sich darüber aufgeregt. Wie konnte Chris auch nur den Kerl anmeckern, der ihm Arbeit gab? Aber wie es schien, nahmen seine Vorgesetzten ihm das nicht übel, wozu denn auch, der Fehler lag bei dem Kerl im Anzug.

Abrupt legten sich zwei zierliche, kleine Hände von hinten über seine Augen, versperrten ihm die Sicht und hüllten ihn in angenehme Dunkelheit. Chris lächelte augenblicklich, als er ihre Stimme hörte.

,,Rate richtig und du bekommt einen Kuss!"

,,Hm..." Er musste sein Lachen zurück halten, wollte auf ihr kleines Spielchen eingehen, ,,…Wer könnte mich denn so hinterhältig überfallen…Claire! Jetzt weiß ich es! Es muss meine Schwester sein, denn meine Freundin braucht gefühlte zehn Stunden im Badezimmer."

Ein unzufriedenes murren entglitt ihrer Kehle und sie zog ihre Hände zu sich zurück: ,,Tja, zu schade, Chris, vielleicht hast du morgen mehr Glück." Jill drehte sich zum Küchenschrank und wollte nach einer Tasse für sich greifen.
Mit einem glucksenden Lachen dreht Chris sich zu ihr um und schlang die Arme um ihre Taille, zog sie zu sich: ,,Komm schon, gibst du mir noch eine Chance?"

,,Niemals…" sie lächelte. Das ebenfalls noch feuchte blonde Haar, wellte sich licht über ihre Schultern, als sie gespielt den Kopf zur Seite drehte.

,,Als ob du mir je widerstehen konntest…" murmelte er, fasste an ihr Kinn, um ihren Kopf wieder zu sich zu drehen und kurz darauf seine Lippen mit ihren versiegelte. Er drückte Jill an sich, strich ihr über den Rücken und grinste, als sie den Kuss erwiderte.

Jill löste die Berührung der Lippen nach einem Augenblick. Lächelnd trafen ihre Augen die seinen. ,,Nein, da hast du wohl recht."

Er grinste und deutete mit dem Kopf auf den Esstisch, während er ihre Tassen aus dem Schrank nahm und auf den Tisch stellte: ,,…Heute war ich mal an der Reihe das Frühstück zu servieren."

,,Danke…" entgegnete Jill und setzte sich derweil an den Tisch.

Nur wenige Sekunden später saß er ihr gegenüber und schenkte ihr Kaffee ein, dann erst sich selbst.

,,Wie komm ich zu der Ehre, gleich einen Butler obendrauf zu bekommen?" wollte Jill skeptisch wissen, als sie ihrem Verlobten zusah.

Chris strahlte förmlich und das blau seiner Augen war tiefer denn je. Er zuckte nur mit den Schultern: ,,Ach nur so…darf ein Mann denn nicht mal seine Verlobte verwöhnen?"
Jill lächelte zurück, nahm es so hin und griff nach einem, noch etwas warmen Bagel. Sie machte sich daran es aufzuschneiden und dann mit Schokoladencreme zu bestreichen.

Chris wählte Erdbeermarmelade und sagte dabei: ,,Weißt du, mir hat letzte Woche wirklich gut gefallen, wir hatten viel Spaß zusammen."
Sie stimmte nickend zu, erinnerte sich daran, wie sie jeden Abend, nachdem er Feierabend gehabt hatte zusammen in der Stadt waren. Zusammen waren, einfach nur redeten. Sie waren auch ins Kino gegangen, waren gemütlich im Mondschein durch den Park spaziert, hatten leidenschaftlichen Sex gehabt und waren einfach füreinander da gewesen. Ihr hatte es ebenso gefallen. Sie liebte es Zeit mit Chris zu verbringen, niemals könnte sie seiner müde werden.

,,Was hältst du davon, wenn wir nach Washington ziehen?"

Abrupt hielt Jill inne und schluckte den Bissen in ihrem Mund hinunter, ehe sie sich vor Schreck verschlucken konnte. Das war aber ein schnelles Wechseln des Themas und hatte sie wirklich diese Worte aus seinem mund gehört? Umziehen?

Fragend starrte sie ihn an.

Chris kam nicht umhin verlegen zu Grinsen, als er kurz mit den Schultern zuckte und sich dann ausführlicher Erklärte: ,,Weißt du…Es wäre näher. Ich müsste nicht jeden Morgen und jeden Abend fast eineinhalb Stunden im Berufsverkehr totschlagen und da du ohnehin den Job bei Barry abgelehnt hast, kam mir eben dieser Gedanke."

Ja, Jill hatte abgelehnt also Polizistin zu arbeiten. Sie hatte lange darüber nachgedacht, die Gründe weshalb sie nicht zurück zur BSAA wollte, waren dabei außen vor gelassen. Sie hatte einfach keine Motivation einen Bürojob in einem Polizeirevier nachzugehen. Sie wollte etwas anderen, etwas, was sie noch für sich entscheiden musste.

Sie hatte auch genügend Zeit um sich das zu überlegen, denn das Geld, das sie von der BSAA für die drei Jahre bekommen hatte, lag noch immer sicher auf ihrem Konto. Das Einzige, was abgegangen war, war etwas Geld für Kleidung und andere diverse Artikel, die sie brauchte, dann ein neues Auto, ihre Versicherungen und ein Teil für die Miete bei Chris. Letzteres hatte er ihr natürlich nicht gestatten wollen, er hatte ihr beteuert, das sie ihm nichts dazu geben musste, sollte, doch Jill ließ nicht davon ab. Sie wohnte nun mal offiziell bei ihm, war auch so gemeldet, also wollte sie ihren Teil dazu beitragen.

,,Was sagst du dazu?" wollte Chris wissen, da er ihr Schweigen registriert hatte. Er wusste nicht, wie Jill dazu stand.

,,Em…" brachte die Blondine hervor, kam jedoch nicht weiter, denn Chris ergriff wieder das Wort: ,,Ich weiß, diese Bude hier scheint gemütlich, aber mal ehrlich, auf Dauer ist meine Einzimmerwohnung wohl kaum das Richtige für uns beide."

,,Und an was hast du gedacht? Ich meine, es ist mir relativ egal, wo wir wohnen, solange wir zusammen sind. Außerdem ja…" sie überlegte kurz, ,,…wir wären sicherlich dann näher an deiner Arbeit und näher bei Claire."

Chris grinste erleichtert, das Jill nichts dagegen hatte.

,,Ich weiß noch nicht genau, an was ich dachte…" gestand Chris ehrlich, ,,…Wie gesagt, es war mal eine Idee und da du der nicht abgeneigt bist, werde ich sie vertiefen."

Jill lächelte und trank einen Schluck des Heißgetränkes, fügte dann aufziehend hinzu: ,,…So wie die Idee von unserer Hochzeit?"

Beschämt bekam Chris rote Ohren und blickte unter sich. Er war mehr als verlegen: ,,Das war nur so eins von meinen wirklich dusselig dummen Hirngespinsten…"

,,Ja…" lachte Jill, ,,…Ein Junggesellenabschied in Vegas ist das wirklich, genau darum machen wir´s."

Chris blickte sie mit großen Augen an.

Als er ihr diesen Vorschlag vor zwei Tagen unterbreitete, hatte sie nicht rechtgewusst, was sie sagen sollte und er hatte es beinahe bereut diese Schnapsidee laut ausgesprochen zu haben.

,,Echt jetzt?" bohrte er ungläubig nach.

Jill nickte: ,,Aber sicher, wenn du mir erstens versprichst, keine dahergelaufene Bordsteinschwalbe aufzureißen und zweitens auch versprichst, das wir nicht irgendwann mitten in der Nacht und total besoffen vor einem Pfarrer stehen, der fünfundzwanzig Dollar pro Ja-Wort nimmt."

Chris lachte amüsiert, ebenso wie sie, dann schüttelte er den Kopf: ,,Nein, keine Sorge, Schatz, das kann ich dir ohne zu zögern versprechen. Unsere Hochzeit wird ohnehin woanders stattfinden."

,,Okay…" grinste sie und widmete sich vergnügt wieder ihrem Bagel.

Eine kurze Weile war es ruhig, ehe Chris sich erneut in Erinnerung rief das, obwohl Jill durch und durch eine Soldatin, Elitepolizistin und Agentin war, die früher keine Gnade gezeigt hatte übles zu beseitigen und Drecksäcke fest zu nageln, doch sie anscheinend im punkto heiraten genauso verspielt und romantisch war, wie die meisten anderen Frauen auch. Sie wollte keine schnelle Abmachung beim Standesamt, sie wollte es, wenn überhaupt, richtig tun, genau wie er.

Plötzlich begann und er laut zu lachen und blickte zur Seite.

,,Was?…" Jill sah zu ihm auf, ,,…Habe ich mich wieder mit Schokolade bekleckert?" Sein Lachen steckte sie an.

Der Agent schüttelte den Kopf: ,,Nein, diesmal nicht!…Ich stelle mir dich nur gerade vor, in einem weißen Minikleid mit Strapsen, einem schief sitzenden Schleier, vor diesem besagten Pfarrer und besoffen vor, wie du dich an mir fest hältst, obwohl ich ebenfalls kaum noch gerade stehen kann."

,,Oh Mann, Chris!" protestierte Jill. Sie verdrehte dann doch amüsiert die Augen.

,,Ja…und meine Schwester und Leon, hängen irgendwo über den Stühlen, genau wie Rebecca und Barry..." er lachte so herzlich, das ihm beinah Feuchtigkeit in die Augen stieg.

Jill fand die Vorstellung ebenfalls witzig: ,,Du glaubst doch nicht allen erstes, das ich mich so `wegsaufen´ werde? Falls du es noch immer nicht bemerkt hast, ich lebe schon seit geraumer Zeit abstinent, aber vielleicht bin ich ja dann diejenige, die dich festhalten muss und feststelle, das ich dein Gewicht nicht halten kann, sodass wir beide auf den rosa Teppich der Honeymoonsuite poltern."

Chris streckte seine Hand aus und nahm die ihre in seine. Er entgegnete nichts.

Glücklich sahen beide einander an.

Ja, ihre Hochzeit war in Planung und es würde perfekt werden, das hatte Chris ihr versprochen, doch Jill wusste, egal wie es sein würde, würde es perfekt sein, weil nur er diesen Tag zu etwas Perfektem machen würde.

,,Also…" begann er dann von neuem, um das Thema zu wechseln und widmete sich wieder seinem Frühstück, ,,…Was wirst du heute unternehmen, während ich mich im Büro langweile?"

Jill trank einen weiteren Schluck und wurde gleich sentimental, denn was sie heute tun wollte, hatte sie sich fest vorgenommen. Es war immer wieder ein schwerer Gang, der mit großer Enttäuschung verbunden war, wieder nicht erkannt zu werden.

,,Ich wollte meinen Vater besuchen."

,,Oh…" Chris nickte ernst, ,,…Okay." Jill hatte ihn oft besucht, sie fuhr jede Woche zu ihm, doch jedes Mal aufs Neue musste Chris von Jill erfahren, das Dicks Zustand sich nicht besserte.

,,Ich gebe ihn nicht auf, Chris…" sagte Jill dann leise, ,,…Ich hoffe jedes Mal, das er mich erkennt, in seinen wenigen klaren Momenten, mich ansieht und lächelte."

Chris nickte und nahm erneut ihre Hand, drückte diese Trost spendend, denn er wusste, das Jill davon belastet wurde, ihren Dad so zu sehen. ,,Irgendwann, wird er dich wieder erkennen, glaub mir!…"

Sie hielt seinen Augen stand, sie hoffte es wirklich.

,,…Dich kann man nämlich nicht vergessen, Jill"


Genervt schaltete Jill das Autoradio aus.

Sie hatte jetzt keine Geduld sich irgendwelche, hirnlosen Popsongs anzuhören. Sie war immer das reinste Nervenbündel, wenn sie in das Sanatorium fuhr. Jedes mal aufs Neue, war ihre Hoffnung enorm. Die Hoffnung, in das Zimmer zu treten und endlich wieder Klarheit in den Augen ihres Vaters zu sehen.

Bisher war das nie der Fall.

Dick schien immer verwirrter zu werden, schien immer Hirngespinsten nachzuhängen, bekam kaum noch was mit von seiner Umgebung. Er reagierte auch kaum noch auf irgendwelche Reize.

Jill hatte mit dem Arzt ihres Vaters gesprochen, er hatte ihr versichert, das während des Hirnschlages sein Erinnerungsvermögen nicht gelitten hatte, hatte sogar nach dem Koma anfangs klar geredet und seine Umgebung voll wahr genommen. Wieso sich sein Zustand dann allerdings so rapide verschlechtert hatte, war selbst dem Arzt ein Rätsel gewesen.

Sie seufzte und blickte beiläufig in den Rückspiegel, als sie vom Highway abfuhr, bald würde sie da sein, durch das nächste Städtchen und durch das kleine Waldstück. Ihre Augen blieben für einige Sekunden auf dem Rückspiegel hängen, beäugten den dunkelblauen Wagen, der ihr mit heruntergeklappter Sonnenblende folgte.

Jill hätte schwören können, das dieser Wagen ihr schon nachfuhr, seit sie gestartet wahr. Sie schwor sich, das sie den selben Wagen auch schon einige Male zuvor gesehen hatte, als sie mit Chris unterwegs war. Er würde allerdings wieder nur wieder abwinken und behaupten, das es diese Autos wie Sand am Meer gab, so hatte er es nämlich das letzte Mal getan, als sie ihn darauf angesprochen hatte, keine vier Tage war das her und wahrscheinlich hatte er auch recht. Es war eine deutsche Marke, ein BMW in diesem dunklen, fast schwarzen Blau.

Urplötzlich erinnerte sie sich an den Mann, den sie geglaubt hatte gesehen zu haben, an die vielen Momente, in denen sie glaubte, verfolgt zu werden. War das denn so?

Sie tat den Gedanken ab: ,,Jill, das ist alles Unsinn! Du interpretiert einfach zu viel in Dinge die völlig harmlos sind! Wer, außer Chris, würde dich denn auch beobachten?…Denk jetzt nur an deinen Dad, Valentine!" Sie ermahnte sich selbst und seufzte ein weiteres Mal…


Es war kurz nach eins, als Jill in das Zimmer ihres Vater trat.

Mit gemischten Gefühlen sah sie ihn an, wie jedes Mal, wenn sie ihn besuchen kam. Jedes Mal hatte sie diese Engegefühl in der Brust und jedes Mal fühlte sie sich völlig hilflos, sie hatte das Gefühl niemals mit dem Zustand ihres Vaters fertig zu werden, konnte sich nur schwer damit abfinden, das er sein Leben so leben musste.

Dick saß wie gewohnt in seinem Rollstuhl, trug einen bequemen Hausanzug und Pantoffel. Seine Linke Seite war nach wie vor gelähmt, doch heute bekam er keine Infusion.

Der Arzt hatte Jill gesagt, das ihr Vater trotz seiner medizinischen Umstände wieder regelmäßig zum Essen zu bewegen war und daher kaum noch medikamentösen Hilfsmittel brauchte. Ob es nun an ihr Lag wusste sie nicht, aber vielleicht hatte ihr Vater während ihrer vielen Besuche doch bemerkt, das jemand bei ihm war, der ihn liebte und der ihm selbst viel bedeutete. Sie klammerte sich irgendwie an diesen tröstenden Gedanken.

Erneut stieß Jill einen leisen Seufzer aus und trat näher, sie setzte sich auf die kleine Couch neben ihn und blickte beiläufig zum Fernseher. Eine sinnlose Sitcom plärrte aus dem Apparat.

,,Hallo Daddy…" sprach Jill, legte ihre Hand sanft auf seine Rechte.

Sie wusste, das es nichts brachte, doch er Arzt hatte ihr gesagt, das eine vertraute Stimme vielleicht ein Wunder wirken kann. So sprach Jill mit Dick, bei jedem Besuch erzählte sie, was es neues gab, ließ nichts aus, lachte sogar zeitweise.

Ihr Vater reagierte nicht auf sie, so wie immer, er starrte noch nicht einmal in den Fernseher, sondern einfach nur gerade aus.

Jill folgte seinem Blick, ruhte er etwa auf der Fotografie, die Jill ihm schon vor einigen Wochen geschenkt und dort hingestellt hatte? Das Foto zeigte sie und Chris, seinen Arm um ihre Schultern, beide lächelten in die Kamera. Es war erst vor knapp vier Wochen von Claire gemacht worden, als Rebecca alle zu sich nach hause eingeladen hatte.

Irgendwie wurde Jill warm uns Herz, auch wenn sie keine große Hoffnung hegte, das ihr Vater die beiden Personen auf dem Bild erkennen würde, hielt sie wieder an den seichten Gedanken fest, das er es vielleicht irgendwie doch tat.

,,…lange nicht gesehen…" sprach Jill weiter, ,,…Ich hoffe dir geht es gut, denn uns allen geht es auch gut. Rebecca arbeitet Tag und Nacht an einem Impfstoff, ich glaube sie macht das wirklich gut und wenn jemand dazu in der Lage ist, ist sie es, da bin ich sicher…Barry und Kathy sind momentan dabei ihr Haus zu renovieren. Letztens waren wir dort, haben geholfen die Küche zu streichen, nachher war mehr Farbe an und wie an den Wänden…" Sie lächelte kurz, als sie sich an den Spaß erinnerte.

,,…Carlos hat vor ein paar Tagen angerufen, er ist jetzt in Guatemala einem Drogenboss auf der Spur, ich hoffe nur, ihm passiert nichts und ich soll dich von ihm grüßen…" Jill schluckte, ,,…Leon ist schon wieder unterwegs, irgendwo auf einer Top-Secret Mission, aber er wird in ein, zwei Wochen wieder zurück sein. Er hört ja nicht auf Claire oder Angela, die ihm beide raten zuhause zu bleiben und seinen Hintern nicht immer zu riskieren, er ist in diesem Punkt wohl genau wie Chris…Claire lässt dich auch grüßen, fragt, ob du sie überhaupt noch kennst…" sie verdrehte amüsiert die Augen, ,,…als ob man Claire vergessen könnte…Sie ist genau wie ich so froh darüber, das Chris jetzt endlich etwas ungefährliches macht, ich bin beruhigt, das er sein Leben nicht mehr so einfach aufs Spiel setzt…"

Sie sah unter sich und atmete durch. ,,Weißt du, Dad, wir vermissen dich, ich vermisse dich, es wäre schön, das alles wirklich mit dir besprechen zu können…"

Jill hielt inne und sah in das Gesicht ihres Vaters. Er machte keine Anstalt, das ihre Worte bei ihm ankamen.

Betrübt blickte die Blondine erneut unter sich und Enttäuschung breitete sich einmal mehr in ihr aus. Zeigen wollte sie es nicht, sie wollte weiter sprechen, so, als wäre ihr Vater wirklich dabei ihr zuzuhören, als würde er sich mit ihr freuen. Sie rief sich in Gedanken, was sie ihm sonst noch erzählen konnte, als ihr Blick auf ihren Finger fiel, der Ring glitzerte im hereinfallenden Sonnenschein. Dann lächelte Jill.

,,Daddy, weißt du, Chris hat sich getraut, er hat es mich endlich gefragt…das wovon ich dir schon erzählt habe…" sie strich ihm sanft über den Handrücken und ja, ihrem Vater hatte sie schon immer alles anvertrauen können, ,,…Ich dachte wirklich nicht, das er es so bald tun würde, aber jetzt sind wir tatsächlich verlobt und ich werde ihn heiraten, so wie du dir mein Leben immer vorgestellt hast. Wir freuen uns und wir wollen nach Washington ziehen, wir wissen nur noch nicht genau wohin und…" sie lachte plötzlich auf, als sie an eine winzige Kleinigkeit zurück dachte, ,,…Weißt du, Chris und ich…wir wollen auch Kinder haben, stell dir vor. Du wirst irgendwann Großvater, so wie du es dir gewünscht hast, ich hoffe das freut dich, denn ich war schon so lange in meinem Leben nicht mehr so glücklich wie in den letzten Wochen…Was würdest du wohl jetzt dazu sagen?…Das Einzige, was jetzt noch zu meinem Glück fehlt ist es, deine Stimme zu hören…"

Plötzlich ruckte Dick, zuckte heftig und gab ein Stöhnen von sich.

Noch in der selben Sekunde blickte Jill erwartungsvoll zu ihm auf. Sie konnte nicht leugnen, das Hoffnung in ihr aufgekeimt war: ,,Daddy?"

Ein zweiter Ruck durchfuhr den alten Mann und plötzlich krallte er seine Finger eng um ihre Hand. Der Druck war fest.

Jill glaubte kaum, was sie spürte, sah auf ihrer beider Hände, ihr Vater hatte wirklich eine Reaktion gezeigt.

Erkannte er sie doch? Ein Lächeln begann sich in ihrem Gesicht zu erhellen, ihr Herz begann gespannt schneller zu schlagen und in ihre Ohren drang ein weiteres Geräusch, wie wunderschöne Musik. Ein verzerrtes Wort, ein Name.

,,…J…Jil…ly…"

Ihr Herz machte einen Sprung, sie konnte es förmlich spüren. Ihre großen, hellblauen Augen zeugten voller Hoffnung, als sie aufblickte, erkannte, das Dick seinen Kopf zu ihr gedreht hatte.

Braune Augen fixieren ihre.

Jill konnte es kaum fassen, ihr Vater sah sie an. Er erkannte sie!

,,Daddy!…" sie lächelte, legte ihre freie Hand an seine Schulter und konnte ihre Freudentränen kaum zurück halten, ,,..Oh Gott! Du erkennst mich?…Ich bin es, Jill!"

Dicks Lippen formten Worte, doch er kam nicht dazu sie auszusprechen, seine Augen verzerrten sich zu Schrecken und plötzlich verdrehte er diese, zuckte heftig zusammen und stöhnte. Er schloss die Augen, krampfte so fest, das er Jills Hand beinahe zerquetschte, seine Fingernägel bohrten sich in ihre Haut.

Angst überflutete die blonde Frau, Schrecken und Schock zeichnete sich in ihrem Gesicht ab, als sie seine Schulter drückte, nicht verarbeiten konnte, das sie vor sich sah: ,,Dad! Was…"

Dick krampfte. Er war den Kopf zurück, rang um Atem und Jill wusste mit einmal Mal, das etwas nicht stimmte. Etwas schreckliches passierte gerade mit ihrem Vater.

,,Um Gottes Willen…" hauchte sie gehetzt, befreite ihre Hand von seinen starken Fingern. Es war kaum zu glauben, welche Kraft in der sonst so schwächlichen Gestalt zurück geblieben war.

Jill zögerte nicht, unterdrückte ihr eigenes, pochendes Herz gegen ihre Brust und die Furcht, das es mit ihm zu Ende ging und hastete aus dem Zimmer, sie musste Hilfe holen…


16:37 Uhr.

Seit Stunden saß Jill regungslos im Wartebereich des benachbarten Krankenhauses. Sie ließ den Kopf hängen und versuchte sich zu beruhigen.

Angst und Schock zitterten in ihren Innereien, sie machte sie große Sorgen um ihren Vater. Er war ohnehin schon schwächlich gewesen und hatte jetzt noch, weiß der Himmel was, bekommen.

Sie wollte es sich nicht schön reden, malte sich nicht die heile Welt aus, denn sie wusste, das es etwas ernstes war.

Drei Schwestern und ein Pfleger waren herbeigestürmt, hatten Dick auf eine Trage verfrachtet und nebenan ins Krankenhaus gebracht.

So schnell die Hoffnung vorhin in ihr aufgekeimt war, so ewig tief war sie nun in ihr versunken. Ihr Vater war krank, geschwächt und Jill freundete sich schmerzlich mit der Vorstellung an, eine schlechte Nachricht übermittelt zu bekommen. Sie wollte ihn nicht verlieren, sie liebte ihren Vater und gerade jetzt, wo sein Zustand sich scheinbar gebessert hatte, wo er sie erkannt hatte, seine Augen sie angesehen hatten, sollte ihr das genommen werden?

Es wäre nicht fair.

Schniefend strich Jill sich das Haar hinters Ohr, es war über die Jahre hin sehr lang geworden. Vielleicht sollte sie es doch schneiden lassen? Ein Pony hatte sie kaum noch, nur ein Paar Flankenhaare schmeichelten ihre Stirn, alles andere hing gewellt über ihren Rücken in einem lockeres Pferdeschwanz. Wellen…

Jill konnte sich überhaupt nicht daran erinnern je Wellen gehabt zu haben, sie hatte immer angenommen ihr Haar war glatt. Das Haar ihre Mutter war lockig gewesen. Zwar konnte sie sich nicht mehr daran erinnern, sie selbst war noch zu klein gewesen, als ihre Mutter gestorben war, doch so war es stets auf alten Fotos abgebildet gewesen.

Ihre Mutter…

Jill hatte nie viel darüber nachgedacht, sie war bei ihrem Vater groß geworden, doch jetzt, die Jahre ihres Leben revue passieren zu lassen, hätte sie doch gerne eine Mutter gehabt.

Irgendwie fühlte sie sich plötzlich allein.

Ein erneuter Aufschwall von heißen Tränen, machte ihre Ablenkungsversuche zunichte. Jill unterdrückte ein schluchzen und legte sich beide Hände vors Gesicht.

Wieso dauerte das nur so lange?

Wieso konnte nicht jemand kommen und ihr etwas beruhigendes sagen? So viele Schwestern und Ärzte und nicht einer hatte eine Antwort für sie?

Wie sehr wünschte Jill sich in diesem Augenblick Chris an ihre Seite. Er würde sie aufbauen, so wie er es immer tat, wenn es ihr schlecht ging. Er würde ihr Halt geben, sie aus dem Sog zerren, der sich gerade um sie schloss.

Doch Jill hatte ihr Handy im Wagen gelassen, sie hatte ihn vom Krankenhaustelefon nicht anrufen wollen. Sie wollte erst Gewissheit haben, was überhaupt los war, würde ohnehin keine Worte finden, alles zu erklären.

,,Miss Valentine?"

Erschrocken blickte Jill auf, wurde unsanft aus ihren Gedanken gerissen, als der weiß gekleidete Arzt ihres Vaters vor ihr stand.

Abrupt stand Jill auf: ,,Wie geht es ihm?"

,,Würden Sie mich bitte begleiten, ich würde Ihnen das gerne in einer ruhigeren Umgebung mitteilen."

Jill hatte dem Blick des dunkelhaarigen Mediziners stand gehalten, spürte die Ernsthaftigkeit in seinen Worten und wie ihr selbst der Hals zugeschnürt wurde, doch sie brachte es gerade so fertig zu nicken. Nach etlichen Abzweigungen der weiß in weiß gehaltenen Gänge, betraten beiden Dr. Brandon´s Arztzimmer.

,,Setzten Sie sich bitte." Der Arzt nahm derweil selbst hinter seinem Schreibtisch platz, Jill saß davor, unterdrückte ihr Zittern. Sie wusste, das ein Gespräch unter vier Augen nie etwas gutes bedeutete.

,,Bitte sagen Sie mir die Wahrheit." forderte sie mit leiser Stimme.

Mit ernster Mine nickte der Arzt und schluckte, ehe er Jill antwortete: ,,Ihr Vater hat einen schweren Myokardinfarkt erlitten."

Ungläubig starrte Jill dem Mann entgegen, die Finger der rechten Hand kratzten wieder nervös über die Nagelhaut der Linken. Sie hatte nicht viel am Hut mit Medizin, verstand sich gerade mal auf erste Hilfe und konnte nicht wirklich etwas mit diesen Fachwörtern anfangen.

Das erkannte Dr. Green wohl auch und erläuterte es genauer: ,,…Einen Herzinfarkt."

Jill legte sich eine Hand vor den Mund und beruhigte ihren Atem: ,,Er nimmt doch Blutverdünner, wie kann so was, em…Ist er…"

,,Nein, er lebt…" fuhr der Mediziner fort, ,,…allerdings ist sein Zustand sehr schwach. Er hat während der Behandlung akutes Kammerflimmern erlitten. Ich möchte ehrlich zu Ihnen sein, Miss Valentine, wir haben Ihren Vater vorübergehend in ein künstliches Koma gelegt, um seinem Körper die nötige Ruhe zu gewährleisten. Momentan sind seine Werte weitgehend stabil, aber schwach. Wir wissen allerdings noch nicht genau weshalb er so plötzlich einen so akuten Infarkt erlitten hatte, deshalb halten wir ihn unter beobachten, da nicht ausgeschlossen ist, das er einen weiteren bekommt. Wenn wir weitere Tests abgeschlossen haben, können wir Ihnen mehr mitteilen."

,,Wird er sterben?" Jills Hals war trocken.

Der Arzt hielt ihrem Blick einige Sekunden lang stand, ehe er antwortete: ,,Ich weiß es nicht. Wir tun alles, was wir können, Miss Valentine, obwohl es einfach so aussieht, als ob sein Herz nicht mehr mitspielen möchte. Sie sollten sich mit allen Eventualitäten konfrontieren."

,,Kann ich zu ihm?" fragte Jill benommen.

Dr. Brandon nickte: ,,Ja…"


Erschöpft und mit Tränen in den Augen, startete Jill den Motor. Sie fuhr los, wollte nur noch nach Hause.

Sie versuchte vergeblich das Bild ihres Vaters aus dem Kopf zu bekommen. Er hatte ausgesehen, als würde er schlafen, doch die vielen Maschinen und Gerätschafen um ihn herum erschreckten sie noch immer.

Sie hatte bis zum Ende der Besuchszeit an seinem Bett gewacht, dann hatte der Arzt sie endgültig nach hause geschickt, denn ihr war die Müdigkeit sicher anzusehen. Zum ersten Mal dann, hatte Jill das knurren ihres Magens bemerkt.

Vor lauter Aufregung hatte sie das einfach verdrängt und vergessen, doch ohnehin würde sie jetzt nichts runter bekommen.

Sie durchquerte das Wäldchen und die kleine Stadt, bog wieder auf den Highway. Zu aufgelöst war sie, um einen klaren Gedanken zu fassen, ertappte sich immer wieder, wie ihre Gedanken zurück zur Klinik sanken.

Warum war das nur passiert?

Warum jetzt?

War es, als ihr Vater sie erblickt hatte? War sie selbst daran Schuld?

Sie war tot gewesen, Dick glaubte das über drei Jahre und dann konnte ihm die Wahrheit sicherlich einen solchen Schock versetzen.

,,Nicht dran denken, Jill!" Sie mochte sich nicht ausmalen, wenn plötzlich ihr Handy klingeln würde und die schlimmste aller Nachrichten doch noch eintreten würde. ,,Oh Fuck…" hauchte Jill dann von neuem und griff nach dem klingelnden Mobiltelefon auf dem Beifahrersitz. Ein Blick huschend von der Straße auf das Display verriet ihr, das es kurz nach halb neun Uhr abends war und Chris schon viermal versucht hatte sie zu erreichen.

Sicher machte er sich Sorgen.

Einen prüfenden Blick auf die Straße, dann einen prüfenden in den Rückspiegel, sie war gerade dabei, seinen Anruf entgegen zu nehmen, als sie abrupt inne hielt.

War sie jetzt total verrückt?

Sie glaubte ihren Augen nicht, was sie dort im Rückspiegel erblickte.

Der dunkelblaue BMW war wieder da.

Jill kam nicht umhin zu lachen, strich sich das Haar hinters Ohr: ,,…Jetzt hast du es geschafft, Jilly! Jetzt bist du wahnsinnig!"

Erneut sah sie in den Rückspiegel, der Wagen war noch immer da, noch immer war die Sonnenblende nach unten geklappt, obwohl die Sonne längst nicht mehr gellend hell schien, im Gegenteil, sie war bereits dabei am Horizont zu verschwinden. Es war allerdings unmöglich den Fahrer zu erkennen.

Furcht breitete sich in ihr aus, eine kalte Gänsehaut überlief ihren Rücken, zog ihren Hals zusammen, ihre Brust. Ihre Atmung ging tief und heftig.

Wurde sie doch verfolgt?

Sie stellte sich das doch nicht einfach vor! Es war der selbe Wagen, wie am Mittag und einen solchen Zufall konnte es doch nicht geben, zumindest wäre es äußerst unwahrscheinlich. Oder?

Jill versuchte sich zu beruhigen, versuchte nur auf die Straße vor sich zu blicken. Sicher bildetet sie sich das ein, wer sollte sie auch schon verfolgen?

,,Du reagierst nur über, alles ist okay…" sie schniefte und wischte sich mit den Tränen auch gleich einige Haarsträhnen aus dem Gesicht, ehe sie den nach Aufmerksamkeit schreienden Anruf endlich entgegen nahm.

Nur wenige Sekunden später, erklang seine Stimme in ihrem Ohr: ,,Jill! Hey, ich wollt schon einen Suchtrupp losschicken. Hast du mit deinem Dad einen Einkaufsbummel gemacht? Wenigstens an sein Zimmertelefon hättest du gehen können."

Er klang fröhlich und sichtlich erleichtert, Jill konnte sein Lachen förmlich vor sich sehen, doch es drang nicht in sie hinein. Er konnte ja nicht wissen, was gewesen war. Sie versuchte Worte zu finden und atmete tief durch, versuchte ihn nicht hören zu lassen, das sie weinte.

,,Jill? Bist du in Ordnung?" Besorgnis war nun zu hören, da ihre Antwort ausgeblieben war.

Jill schluckte und fand ihre zitternde Stimme: ,,Nein, em…" Ihre Augen erfassten im Rückspiegel, das der Wagen ihr noch immer folgte. Sie verdrehte die Augen, drückte ihre Angst und ihre Befürchtung so weit zur Seite wie sie konnte. ,,…Es ist mein Dad…" Ihre Tränen und ihr Schluchzen übermannten sie.

,,Was ist passiert?" Jetzt klang Chris aufgeregt…