Kapitel 49
~ Schmerzliche Erkenntnis ~
Als Amanda aufwachte wusste sie, dass es noch sehr früh war. Tatsächlich verriet ihr der Blick auf den Wecker, dass es erst halb fünf war und sie noch zwei Stunden schlafen konnte. Langsam drehte sie sich wieder auf den Rücken und ihr Blick fiel unweigerlich auf die Person, die neben ihr lag - Steven...
Seit Tagen, wenn sie ganz ehrlich war wohl schon eher seit ein paar Wochen, war das Verhältnis zu ihm nicht mehr das, was sie unter einer glücklichen Beziehung verstand. Die Geschichte mit dem verunglückten Zaubertrank hätte Amanda ihm unter normalen Umständen schnell verziehen, doch danach passierten immer mehr anstrengende Dinge.
Noch immer schien Steven auf Alan eifersüchtig zu sein, was ja vollkommen blödsinnig war, da Alan sich nun mal nicht für Frauen interessierte. Amanda kam sich eingeengt vor und das war etwas, dass sie nicht gut ertragen konnte. Sie brauchte hin und wieder ihren Freiraum und ihre Ruhe, doch Steven hatte wirklich Schwierigkeiten das zu akzeptieren. Vor allem weil auch Felonwood vom momentanen vorweihnachtlichen Trubel nicht verschont blieb, fiel es Amanda schwer, ihre komplette kostbare und rare Freizeit IMMER teilen zu müssen – vor allem gerade jetzt, in der letzten Woche vor Weihnachten.
Aber nein, Mr. McLane hatte da kein Einsehen und eigentlich konnte Amanda inzwischen schon die Uhr danach stellen, dass er um kurz nach acht im Geschäft stand, um sie abzuholen. Er wartete dann auch hartnäckig, bis sie mit allen Arbeiten fertig war, anstatt einfach zu akzeptieren, dass er den Abend besser alleine verbrachte.
Amanda seufzte leise und vergrub ihr Gesicht unter ihren Armen, wobei sie Steven leicht anstieß. Der drehte sich daraufhin zu ihr um und umschlang sie im Schlaf mit einem Arm. Amanda verzog entnervt das Gesicht. DAS war noch so eine Sache. Steven war sogar im Schlaf schrecklich einengend. Nähe war natürlich schön, aber wenn kein Platz mehr blieb sich umzudrehen, hörte das Schöne definitiv auf und momentan war es viel zu eng. Vorsichtig befreite sich Amanda aus der Umarmung und stand auf. Leise zog sie sich etwas über und verließ ihr Schlafzimmer.
Wenn sie jetzt nicht etwas Abstand bekam, würde sie den Mann in ihrem Bett gleich ganz aus ihrer Wohnung schmeißen. Eigentlich noch müde, aber viel zu aufgewühlt um wieder zu schlafen, ließ Amanda sich im Wohnzimmer auf ihr Sofa fallen. Das war doch alles nicht wahr. Wieso kamen ihr so plötzlich diese ganzen Gedanken? Vielleicht war es der ganze Weihnachtsstress, aber eigentlich dachte sie wohl schon länger darüber nach. Vor zwei Tagen erst hatte sie sich wirklich einsam gefühlt und das obwohl Steven neben ihr gesessen hatte. Das konnte doch nicht richtig sein. Amanda seufzte erneut. Sie brauchte eine Beschäftigung, um diese wirren Gedanken los zu werden. In ein paar Stunden würde sicherlich alles wieder in Ordnung sein. Ihr Blick fiel auf ihren Zutatenschrank. Eigentlich hatte sie den wirklich lange nicht mehr aufgeräumt. Also erhob sie sich langsam, ging zum Schrank und öffnete ihn.
Amanda hatte einen Großteil der vielen Zutatengläschen bereits ausgeräumt, als ihr eine kleine Dose auffiel, die sie vollkommen vergessen hatte.
Langsam nahm sie sie heraus und schraubte sie auf. Ein angenehmer Geruch nach Wald stieg ihr in die Nase. Snapes Rheumagel… Nun waren die gerade einigermaßen verdrängten Gedanken alle wieder da. Es schossen ihr lauter Erinnerungen an Severus durch den Kopf, vor allem die letzten, in denen er so abweisend war. Doch die Bilder aus Askaban und während ihres gemeinsamen Prozesses blieben im Vordergrund. Er hatte so... so hoffnungslos und leer ausgesehen. Amanda schluckte, schloss die Dose in ihrer Hand wieder und stellte sie ins Bücherregal. Doch leider konnte sie ihre Gedanken nicht einfach so wegstellen.
Vielleicht war das alles ein großer Fehler gewesen, vielleicht hätte er einfach etwas mehr Zeit gebraucht und sie war zu blind gewesen, es zu sehen. Stattdessen hatte sie nichts Besseres zu tun gehabt, als sich auf Steven einzulassen. Sonst war sie doch auch nicht der Typ, der sich von einer Beziehung in die nächste stürzte.
Amandas Blick schweifte zum Fenster. Es hatte gerade wieder angefangen zu schneien. Trotzdem musste sie gerade hier raus. Sie brauchte dringend frische Luft.
Sie ließ alles, so chaotisch wie es war, stehen und ging ins Badezimmer, um sich für die Arbeit anzuziehen. Es war erst kurz nach sechs, als sie ihre Wohnung verließ und Steven würde nun ohne sie aufwachen, aber das war gerade ihr geringstes Problem.
Dafür dass es schneite, war es draußen ungewöhnlich kalt. Zügig lief Amanda in die Richtung los, in der sie die Winkelgasse vermutete. Nicht weil sie es eilig hatte, oder tatsächlich vorhatte, den ganzen Weg zu laufen, sondern viel mehr in der Hoffnung, dass das Tempo sie etwas ablenken würde. Doch ohne großen Erfolg.
Seit sie die kleine Dose gefunden hatte, war sie plötzlich von Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen geplagt. Wie hatte sie nur so dumm sein können?
Amanda verbrachte die nächsten zwei Stunden damit, recht ziellos durch London zu laufen, allerdings ohne dabei ihre Gedanken irgendwie erfolgreich zu ordnen. Schließlich apparierte sie vor Felonwood und während sie die Tür aufschloss, fasste sie den, ihrer Meinung nach, ersten vernünftigen Entschluss an diesem Morgen: Sie würde am Abend mit Steven reden und es beenden.
Als Amanda zwei Tage später gegen Mittag zu Felonwood kam und die frisch gelieferte Ware durchsah, war sie erleichtert, darunter Snapes fühlende Samenkörner zu finden. Sie hatte nicht mehr damit gerechnet, dass sie wirklich noch vor Weihnachten kommen würden.
Sofort setzte sie sich hin und schrieb einige Zeilen an Severus, dass er die bestellte Substanz abholen könne. Nachdem sie sich noch bei Matthew nach der aktuellen Lage erkundigt hatte und es ruhig im Geschäft war, setzte sich Amanda hinter ihren kleinen Schreibtisch im Lager und machte sich daran, weiter am Jahresabschluss zu arbeiten.
Snape arbeitete gerade an den letzten paar Korrekturen des Jahres, bevor er sich in ein paar Tagen in die wohlverdienten Ferien verabschieden konnte und mal wieder ein paar Tage Ruhe vor seinen Schülern hatte. Missmutig, in seiner Arbeit gestört zu werden, schmiss er die Feder auf die Pergamente vor sich, als eine Eule ihren Besuch ankündigte.
Doch als er las, was sie ihm überbrachte, hellte sich seine Stimmung augenblicklich wieder etwas auf. Das waren ja gute Nachrichten, dachte er sich und schnappte sich sogleich seinen warmen Winterumhang.
Er wollte seine bestellte Zutat sofort abholen gehen, damit seine Pläne, in den Ferien zu brauen, nicht mehr durchkreuzt werden konnten, auch wenn er dafür durch den meterhohen Schnee nach Hogsmeade laufen musste, der sich mittlerweile auf den Ländern der Schule türmte.
Mit vom Schnee steif gefrorenem Umhangsaum, betrat Snape schließlich eine gute halbe Stunde später Felonwood. Matthew begrüßte ihn und holte schließlich die bestellte Zutat aus dem Lager. Froh darüber, dass gerade niemand sonst bei Felonwood war und Snapes Besuch verlängerte, gab Matthew seinem ehemaligen Professor die kleine Tüte und wünschte ihm zum Abschied ein schönes Weihnachtsfest.
Snape war mindestens genauso froh als er sah, dass er gerade der einzige Kunde im Laden war und somit gleich bedient werden konnte. Kaum hatte er die Tüte, verabschiedete er sich auch schon wieder und machte sich auf den Weg zurück nach Hogwarts.
Als er eine Woche später die Festlichkeiten alle wieder hinter sich gebracht hatte, widmete er sich schließlich voll und ganz dem Brauen des Bowman-Elixiers.
Er empfand es als eine willkommene Abwechslung, bei einem Brauvorgang wieder einmal so herausgefordert zu werden, wie bei diesem, denn er verlangte ihm all sein Können und all seine Konzentration ab. Doch die Belohnung konnte am Ende nicht schöner sein – eine zartgelb schimmernde Flüssigkeit in einer Phiole. (A/N: Hach wie schön! *lach*)
Für Amanda war Weihnachten in diesem Jahr stiller als gewöhnlich verlaufen. Mit ihrem Bruder hatte sie die drei Feiertage bei ihrem Vater verbracht und bis auf den einen Nachmittag bei ihrer Mutter war die Zeit ruhig und entspannend gewesen. Hätte Amanda nicht ein permanent ungutes Gefühl begleitet, hätte sie vielleicht auch von einem schönen Weihnachtsfest gesprochen, doch Stevens überraschender Besuch einen Tag vor Heiligabend hatte ihr die Konsequenz dieser Trennung noch einmal verdeutlicht.
Steven hatte versucht, sie zum Umdenken zu bewegen und hatte dabei einen recht verzweifelten Eindruck gemacht. Inzwischen schob Amanda es mehr auf sein verletztes Ego, als auf wirklich verletzte Gefühle, aber es hatte sie doch mitgenommen. Vor allem war es so unnötig geschehen. Sie hätte nur vor einigen Monaten besser nachdenken sollen.
Seit dem Moment, in dem sie beschlossen hatte, sich von Steven zu trennen, hatte sich Amanda gefragt, wie sie sich überhaupt jemals auf ihn hatte einlassen und Severus so einfach aufgeben können. Denn inzwischen war in diese Richtung sicherlich alle Hoffnung verloren und das war natürlich nur zu verständlich.
Amanda schüttelte den Kopf. Es hatte ja doch keinen Sinn, sich noch länger Vorwürfe zu machen. Sich bei Severus für das Geschehene zu entschuldigen wäre doch sehr seltsam. Amandas Blick fiel auf die Buchhaltung vor ihr. Auch damit konnte sie sich jetzt erst einmal nicht weiter beschäftigen. Langsam schlug sie das große Buch zu, stand auf und nachdem sie sich ihren Umhang übergezogen hatte, verabschiedete sie sich von Matthew. Vielleicht würde ihr etwas frische Luft gut tun. Außerdem wollte sie sich auch schon lange mal wieder in der Nokturngasse umsehen.
Etwas später betrat Amanda eines der kleineren Geschäfte, welches nicht ganz so finster war wie die Übrigen und auch einen jungen neuen Besitzer hatte. Sie sah sich um und blätterte hin und wieder in einem interessant aussehenden Buch, aber es war nichts für sie dabei. Als sie sich schließlich schon zum Gehen wandte, fiel ihr doch noch ein recht altes, irgendwie bekannt aussehendes Buch auf.
Kaum hatte es Amanda in die Hand genommen und den Titel gelesen, wusste sie, um was für ein Buch es sich handelte und woher sie es kannte. Es war der zweite Band eines sehr alten und berühmten Zaubertrankbuches. Amanda wusste, dass schon der erste Band selten war und einen zweiten Band hatte sie noch nie gesehen. Nachdem sie einige Zeit darin geblättert hatte, sah Amanda auf der Rückseite nach dem Preis: 10 Galleonen. Eigentlich ein stolzer Preis, aber für dieses Buch geradezu ein Schnäppchen. Scheinbar hatte der Ladenbesitzer keine Ahnung, was er dort anbot. Kurz hielt Amanda das Buch in der Hand und überlegte. Da war jemand, bei dem sie sicher war, dass er den ersten Band besaß, denn sie hatte ihn gesehen und sicherlich würde dieser Jemand sich auch über den zweiten Band freuen. Aber sollte sie wirklich so viel Geld ausgeben? Nachher würde er es nicht annehmen, auch wenn er bald Geburtstag hatte... Es dauerte noch ein paar Minuten bis sich Amanda zu einer Entscheidung durchgerungen hatte, aber schließlich ging sie zur Kasse und kaufte das Buch.
