43

43. Kapitel: „Möglichkeiten"

Alle hatten sich dort bereits eingefunden und sahen Aragorn erwartungsvoll entgegen, als er und Linnyd eintraten. In Elronds Gesicht stand immer noch die Missbilligung über die Unvernunft seines Jüngsten, aber er äußerte sich nicht. Er ließ ihn aber auch nicht aus den Augen, sondern verfolgte, wie er Linnyd zu einem der Sessel führte, ihr diesen zurecht schob und ihr sacht einen Kuss auf den Scheitel drückte. Dann erst ließ auch er sich nieder, nickte Ruchon zu, der fragend einen Krug hochhob und nahm dankbar den gefüllten Kelch entgegen. Sein Leibwächter bediente auch alle anderen Anwesenden, ohne erst dazu aufgefordert werden zu müssen. Als alle versorgt waren, nahm er seinen Platz hinter Aragorn ein.

Dieser ließ den Wein in seinem Kelch in einem geheimnisvollen Rhythmus vor jedem Schluck kreisen. Es schien ihm zu helfen, seine Gedanken zu ordnen. Als er schließlich sprach, hörte man noch immer den Rauch in seiner Stimme.

„Ich habe nachgedacht. Über das, was ihr mir nach der Zerstörung des Vorratshauses gesagt habt. Ich glaube inzwischen, dass ihr Recht habt mit eurer Vermutung. Jedenfalls zum Teil…"

Hatten die Elben zu Beginn seiner Worte noch erleichtert aufgeatmet, so stockten sie nun und erwarteten gespannt, was Aragorn wohl damit meinen könnte.

„Ich glaube, es gibt tatsächlich jemanden, der diese „Unfälle" bewusst verursacht." Er machte eine kleine Pause, in deren Stille alle gespannt lauschten. „Aber… aber ich glaube, dass nicht ich das Ziel all dieser Anschläge bin – sondern ihr Elben!"

Elrond erstarrte mitten in der Bewegung, seinen Weinkelch auf halben Weg zum Mund erhoben. Boromir verschluckte sich, musste husten und spie einen Teil seines Weins quer über den Tisch. Legolas und die Zwillinge wechselten nicht zu deutenden Blicke. Linnyd hingegen zeigte keine erkennbare Regung, schien aber zu überlegen, ob Aragorns Vermutung begründet war, wobei ihre Fingerknöchel weiß wurden, weil sie die Hände so fest auf die Tischplatte drückte. Aragorns Hand legte sich sanft auf ihre und umschloss diese. Seine Wärme ließ sie aufatmen und ihr wurde erst jetzt bewusst, dass sie die Luft angehalten hatte.

Die Stille dehnte sich aus, wurde schwer und belastend, während jeder der Anwesenden die Möglichkeit überdachte. Wieder war es Aragorn der als erster sprach.

„Und deshalb möchte ich, dass ihr die Stadt noch heute verlasst." Abrupt hoben alle ihren Blick und fixierten Aragorn, Elrond und Legolas schon bereit, umgehend zu protestieren, doch Aragorn unterband dies mit einer raschen Geste. „Das ist nicht euer Kampf – sondern meiner!", erklärte er entschieden und nachdrücklich. „Es ist meine Stadt, mein Volk, das durch die Drachen bedroht wird und somit meine Pflicht, mich dieser Gefahr anzunehmen."

„Aragorn. Glaubst du wirklich, wir würden jetzt so einfach gehen? Du kannst jede Unterstützung brauchen, die du kriegen kannst!", Legolas konnte nicht glauben, was sein Freund ihm da unterbreitete. „Ob du es möchtest oder nicht – ich bleibe hier."

Aragorn hielt dem herausfordernden Blick seines besten Freundes stand. „Dann befehle ich dir eben zu gehen!"

„Und es wird der erste Befehl sein, den ich in meinem Leben verweigere!", stieß Legolas hervor, der sich jetzt nicht länger die Mühe machte, seinen Ärger über Aragorns Starrsinn zu verbergen.

„Wenn du das tust, lasse ich dich von meinen Truppen mit Gewalt aus der Stadt bringen! Ihr seid hier nicht länger sicher, Legolas! Was muss noch geschehen, damit du das endlich einsiehst. Eure Anwesenheit macht alles nur noch schlimmer. Du hast die Vorwürfe des Volkes gehört!", entgegnete Aragorn mit erhobener Stimme.

„Und diese Vorwürfe sind ebenso dumm wie dein Befehl! Und wenn du darüber mit Verstand nachdenken würdest, würdest du zu dem gleichen Entschluss kommen. Und was deine Männer betrifft – nun, ich würde es bedauern, wenn einer bei dem Versuch zu Schaden käme, mich aus der Stadt zu schaffen, aber wenn mir keine andere Wahl bliebe…"

Aragorn fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und schien dem Verzweifeln nahe. Als er den Blick wieder hob und dem von Legolas erneut begegnete, lag Sorge darin. „Dann bitte ich dich eben zu gehen. Als mein Freund – tue es. Die Vorstellung, dass dir etwas zustoßen könnte – oder einem von euch – schnürt mir die Kehle zu. In den letzten Wochen war ich schon zu oft zu nahe daran, einen von euch zu verlieren!"

„Und das Gleiche gilt auch für uns", ergriff nun Elladan das Wort. „Es ist zu viel geschehen, um Klarheit zu haben und genauso gut könnten wir im Recht sein und du bist das Ziel all dieser Anschläge. Ich werde diese Möglichkeit jedenfalls nicht außer Acht lassen und dich diesem Risiko alleine gegenüber lassen."

Elrond beugte sich in seinem Sessel vor und zwang seinen Jüngsten, seinem Blick zu begegnen. „Elladan hat Recht, Estel. Es gibt einfach zu viele Möglichkeiten. Zu viele Anhaltspunkte und Motive, um mit Sicherheit die Wahrheit zu bestimmen. Solange nichts erwiesen ist, werde ich dich nicht ungeschützt dieser Gefahr überlassen."

„Würdest du an unserer Stelle gehen?", konterte Elrohir und beantwortete sich seine Frage selbst, als er Aragorns Worte wiederholte, die er vor einem Tag noch selbst gesprochen hatte. „Unter keinen Umständen lasse ich einen Freund – meinen Bruder in Gefahr alleine."

Legolas sah, wie der Widerstand seines Freundes zu bröckeln begann, wie der Putz eines Hauses, dass zu lange den Witterungen ausgesetzt gewesen war. Darunter kam sein wahres Ich zum Vorschein, das in diesem Augenblick zwischen Erleichterung und Sorge nicht zu wählen vermochte.

Legolas zwang ihn, sich für die Erleichterung zu entscheiden. „Ich habe dich nie im Stich gelassen, mellon nin. Und ich werde es auch diesmal nicht tun. Da müssen schon andere Geschöpfe kommen, als einfache Drachen."

Aragorn lachte auf, auch wenn er nicht wusste, was es noch Schrecklicheres geben sollte, als diese feuerspeienden Ungeheuer.

Hannon le, Legolas. Und auch euch. Aber ich möchte, dass ihr kein unnötiges Risiko mehr eingehen werdet. Ihr verlasst den Palast nur noch, wenn ihr von einer Gruppe von meinen Kriegern begleitet werdet. Es mag in euren Augen unsinnig erscheinen, aber ich würde mich dadurch besser fühlen."

„Und was wirst du in Zukunft tun? Immerhin bist du derjenige, an dem es im Augenblick keinen Flecken Haut gibt, der nicht von Prellungen, Schnitten oder Verbrennungen gezeichnet ist", entgegnete Elrohir herausfordernd.

„Der Punkt geht an dich, kleiner Bruder", lachte Elladan, wartete aber gespannt auf Aragorns Entgegnung. Doch zur Überraschung von allen, war es Linnyd, die antwortete. Bisher hatte sie schweigend den Wortwechsel verfolgt, doch jetzt lächelte sie beinahe schelmisch.

„Keine Angst. Ich werde schon dafür sorgen, dass niemand so rasch eine Gelegenheit bekommt, ihn alleine anzutreffen."

Die Türe fiel mit einen leisen Klacken hinter dem Letzten ins Schloss und Aragorn lehnte sich erleichtert mit der Stirn dagegen. Nachdem sich die Elben einig gewesen waren, dass sie nicht auf seine Bitte eingehen wollten, hatte er nicht mehr viel tun können, um sie vom Gegenteil zu überzeugen. Deshalb hatte er sie schließlich alle entlassen, einschließlich Linnyd, die ohnehin ebenso erschöpft war, wie er selbst. Er hatte sie sanft aber entschieden aus der Türe geschoben und sie aufgefordert etwas zu ruhen. Schließlich war auch sie nur knapp dem Flammentod entgangen. Die Erinnerung daran, ließ ihn erschaudern.

Doch nun wünschte er sich einen Moment der Ruhe, an diesem unseligen Tag. Nur einen Augenblick, in dem niemand etwas von ihm wollte, wo er sich keiner Gefahr stellen, oder einer Pflicht nachkommen musste! Nur einen kleinen Moment!

Müde ging er hinüber zum Tisch, wo wie immer ein Krug mit Wein für ihn bereit stand und er goss ihn in den goldenen Kelch, den er einmal von Aiglos und Luthawen geschenkt bekommen hatte. Der Wein war zwar nicht mehr so kalt, aber er rann dennoch wie Balsam durch seine Kehle, spülte den faden Geschmack hinunter und füllte seinen leeren Magen.

Er musste jäh gegen eine heftige Woge Schwäche ankämpfen und einen stechenden Schmerz, der seinen Schädel zu durchbohren drohte. Seine Beherrschung, die er den ganzen Tag aufrecht gehalten hatte, schwand und schmolz unter dem Ansturm dahin. Übelkeit vereinnahmte ihn.

Er sah den Kelch über den blanken Stein vor seinem Gesicht rollen. Er lag auf dem Boden!

Er konnte nicht richtig atmen und rang mühsam nach Luft. Er versuchte, sich hochzuziehen, brach jedoch stöhnend wieder zusammen. Aragorns Magen wollte sich nicht beruhigen, kalter Schweiß stand auf seiner Stirn. Tief atmete er ein, immer und immer wieder und als er sich aufrichten konnte, taumelte er auf den Waschtisch zu. Mit zitternden Händen wrang er das Tuch aus und presste es gegen sein Gesicht. Die feuchte Kühle half augenblicklich, doch als er sein Spiegelbild betrachtete, sah er, wie blass er war.

Was war nur los mit ihm? Hatte er sich nach dem Feuer tatsächlich zu viel zugemutet? Oder quälte ihn eine Krankheit? Warum ausgerechnet jetzt? Er hatte es schon immer gehasst, wenn eine Krankheit ihn geschwächt hatte – vor allem, als er noch als junger Mann in Bruchtal gelebt hatte. Auch wenn er gesund gewesen war, waren seine Brüder und die übrigen Elben ihm überlegen gewesen und er hatte lange gebraucht, um zu akzeptieren, dass er aufgrund seiner Abstammung in vielen Dingen ihnen gegenüber im Nachteil war. Doch auch noch durch Krankheit verwundbar zu sein, bedeutete eine Schwäche, gegen die er nichts ausrichten konnte. Es war, als müsste man gegen einen unsichtbaren Gegner kämpfen.

Sich dieser Schwäche ausgerechnet nun gegenüber zu sehen, da er doch all seine Kraft benötigte, um für sein Volk da zu sein, brachte ihn schier zum Verzweifeln.

Noch einmal drückte er das Tuch gegen seine Stirn und verharrte so lange, bis die Hitze in seinem Körper dessen Kühle verdrängt hatte.

„Alles in Ordnung?"

Aragorn fuhr erschreckt zusammen, als Legolas so unerwartet die Frage an ihn richtete. Der König hatte nicht einmal gehört, wie der Elb in das Zimmer getreten war!

Rasch warf er noch einen flüchtigen Blick in den Spiegel, bevor er sich zu ihm umdrehte. Das Wasser hatte ihn etwas belebt und der Fieberschub hatte Farbe auf seine Wangen getrieben. Der Anfall von Übelkeit und Schwindel war vergangen. Er sah erschöpft aus, aber das tat er schon seit Tagen und vielleicht würde diese Tatsache ihm nun helfen, seine wahre Verfassung vor Legolas zu verbergen.

Ein Lächeln war alles, was er augenblicklich zustande brachte, denn er traute der Sicherheit seiner Stimme noch nicht wirklich. Doch zu seiner Erleichterung reichte diese Geste, um Legolas zu ermutigen, das auszusprechen, was ihm anscheinend auf dem Herzen lag.

„Aragorn, ich habe eben nicht so aufbrausend sein wollen… Es tut mir leid. Nie hast du eine falsche Entscheidung getroffen. Du hattest immer deine Gründe um so zu handeln, wie du es in der Vergangenheit getan hast. Ich wollte dich nicht anzweifeln…"

„Aber…?"

Legolas lachte auf. „Aber du musst doch zugeben, dass du auf keine Hilfe verzichten kannst! Schon gar nicht, auf die deiner Freunde. Und du hast doch nicht wirklich geglaubt, dass auch nur einer von uns deiner Aufforderung nachkommen würde?!"

„Geglaubt nicht – aber gehofft", entgegnete Aragorn und straffte die Schultern in dem Versuch, die verspannten Muskeln zu lockern.

„Du hast eine Übermacht gegen dich Aragorn! Du brauchst mehr Männer! Und du solltest die Sturheit der Elben inzwischen kennen. Jedenfalls die von deinen Brüdern und mir!"

Aragorn seufzte.

„Du warst zu lange mit Gimli unterwegs", stellte Aragorn fest, wobei ihm noch ein anderer Gedanke kam. „Lass uns einige Schritte gehen, Gimli würde es mir nie verzeihen, wenn ich seine Axt den Flammen überlassen habe. Ich muss sie wieder an den Ort schaffen, wo er sie hinterlassen hat."

Legolas konnte sich ein Grinsen angesichts dieser Vorstellung nicht verkneifen und Aragorn erwiderte es. Sie kannten den Zwerg beide lange genug um zu wissen, dass er einen Tobsuchtsanfall bekommen würde. Außerdem fand Aragorn, dass er schon viel zu wenige Gründe hatte, um wieder befreit zu lachen und er diese Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen sollte. Es tat gut, einmal mit den Gedanken nicht bei den Problemen, sondern bei erfreulicheren Gegebenheiten zu sein und Erinnerungen die mit Gimli zu tun hatten, waren immer sehr amüsant!

Sie tauschten während ihrem langen Weg durch die Gänge bis in die untersten Gewölbe einige Erinnerungen an Ereignisse aus, die sie gemeinsam mit dem Zwerg erlebt hatten. Manche waren so frisch in ihren Köpfen, als wären sie gestern gewesen und ihr Lachen hallte von den Wänden der leeren Gänge wieder. Ein lang vermisstes Geräusch in diesen Tagen.

Aragorns Lachen verklang allerdings abrupt, als er dem Eingang der Bibliothek ansichtig wurde. Selbst in dem breiten Gang lagen verkohlte Bruchstücke aus Holz und Stein auf dem Boden. Die Wände waren rußgeschwärzt und der Geruch des Feuers lag immer noch in der Luft. Selbst einige angesengte Buchseiten wirbelten durch den leichten Luftzug und trieben um ihre Füße. Neben ihm bückte sich Legolas, schob Trümmer und Balken beiseite und zog an einem langen, reichlich verziertem Gegenstand, den Aragorn nur noch schwer als den Griff der Streitaxt identifizieren konnte. Der Elb zerrte und ruckte mit all seiner Kraft an dem Heft der Waffe und bekam diese schließlich frei, allerdings nicht ohne einen kleinen Steinregen in dem Schuttberg auszulösen, unter dem sie festgeklemmt gewesen war. Das einst strahlende, polierte Schneideblatt war nun verschmutzt und verkratzt.

Die beiden Freunde wechselten einen Blick, der mehr sagte als tausend Worte und Aragorn begann im Stillen schon einmal damit, sich seine Erklärung für Gimli zurecht zu legen, wenn dieser der Waffe ansichtig werden würde.

Legolas wischte mit spitzen Fingern den gröbsten Schmutz von dem Stoßdorn am Ende des Blattes.

„Nur ein bisschen polieren und er wird den Unterschied sicher gar nicht bemerken…", äußerte Legolas todernst.

Aragorn konnte nicht anders, als bei dieser Äußerung, gepaart mit Legolas ausdruckslosen Zügen, herzlich zu lachen, doch in der Luft des Ganges, in der noch immer Rauch-, Qualm- und Brandgeruch hingen, erinnerten sich seine gereizten Lungen nur zu gut an die Qual, die ihm jeder Atemzug bereitete. Das Lachen erstarb abrupt, wurde von einem Hustenanfall abgelöst, der ihn daran hinderte zu atmen. Augenblicklich begann sein Herz in Furcht zu rasen, seine Lunge zu brennen, weil der dringend benötigte Sauerstoff ausblieb. Ohne sein Zutun krümmte sich Aragorn zusammen und wäre sicherlich auf die Knie gesunken, wenn Legolas' Arme ihn nicht aufgefangen hätten. Der Elb hielt ihn aufrecht, redete beruhigend auf ihn ein.

„Kämpfe nicht dagegen an. Ruhig und gleichmäßig… Ein… Aus… Ja, so ist es richtig. Gut so! Langsam und gleichmäßig."

Aragorn konzentrierte sich auf die Stimme seines Freundes und merkte, wie sich die eiserne Faust um seinen Brustkorb langsam löste. Immer leichter fiel ihm das Luftholen und er schaffte es, sich dem Rhythmus anzupassen, den Legolas ihm vorgab. Sein Atem wurde ruhiger, sein rasendes Herz beruhigte sich und drohte nicht länger zu zerspringen.

„Komm. Stütz dich auf mich. Es ist an der Zeit, dass du in deine Gemächer kommst und dich hinlegst. Hier gibt es nichts mehr zu tun."

Aragorn nahm das Angebot dankbar an und nachdem sie die mehr als gezeichnete Axt wieder an ihrem angestammten Platz verstaut hatten, schlugen sie den Weg in das obere Stockwerk ein.

„All das Wissen, dass das Feuer zerstört hat. Gandalf wird ebenso mürrisch sein, wie Gimli über das Aussehen seiner Axt, wenn er den Schaden zu Gesicht bekommt", brummte Aragorn, als er neben Legolas die Treppe hinauf ging. Sie kamen nur langsam voran, doch der Elb ließ ihm jede Zeit, die er für den Aufstieg benötigte.

In Legolas' Stimme lag Ernst, als er darauf erwiderte: „Wenn er erfährt, dass die Flammen auch genauso gut dich und Linnyd verschlingen hätten können, wird er mit diesem Opfer leben können. Hast du nicht einmal daran gedacht, ihn um Hilfe zu bitten? Er würde sicher sofort kommen, wenn er von all dem erführe."

Aragorn schüttelte den Kopf. „Ich will nicht um noch einen Freund fürchten müssen. Bereits einmal habe ich geglaubt, ihn verloren zu haben. Nein. Er würde alles riskieren, um mir zu helfen und ob er es wahrhaben will oder nicht – er ist nicht mehr der Jüngste. Er hat bereits so viele Strapazen in seinem langen Leben ertragen müssen. Nun verdient er sich Ruhe und Frieden."

Legolas zog zweifelnd eine Augenbraue hoch und leistete sich einen Blickkontakt mit Aragorn, als sie den Flur zum Thronsaal erreichten. „Und du glaubst, er wird hiervon nichts erfahren? Er hat seine Späher überall in Mittelerde. Es ist nur eine Frage der Zeit. Was glaubst du wird er denken, wenn er es von jemand anderem erfährt und nicht von dir?"

Aragorns Blick verdunkelte sich alleine bei der Vorstellung. „Ich kann nur hoffen, dass er es erst erfährt, wenn die ganze Sache ausgestanden ist. Er würde mir sonst…"

Sein Satz endete abrupt und erstarb auf seinen Lippen, als er etwas hörte und aufsah, um zu sehen, wer den Gang hinter Legolas betreten hatte. Dieser brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, wer hinter ihm stand. Selbst auf seine elbischen Sinne hätte er in diesem Augenblick verzichten können, denn in Aragorns Gesicht stand die Antwort so deutlich geschrieben, dass sie selbst Aiglos erkannt hätte. Keiner anderen Person hatte sein menschlicher Freund jemals soviel Abneigung und Missbilligung entgegen gebracht, wie dem leiblichen Bruder von Laietha.

Auf dem Korridor herrschte vollkommene Stille.

Legolas lauschte mit gesenktem Kopf darauf, wie Eban sich verhielt, behielt aber die ganze Zeit Aragorn im Blick. Als sich dessen Körper versteifte und er den Kopf fast herausfordernd hob, wusste der Elb, dass Eban dessen Blick sicherlich genauso herausfordernd oder trotzig begegnen musste.

In Legolas' Kopf spielten sich verschiedene Möglichkeiten zum Ausgang dieses unvorhergesehenen Treffens ab und keine wirkte sonderlich beruhigend auf ihn. Seine Augen wanderten an Aragorns linke Seite und er unterdrückte ein erleichtertes Aufatmen, als er sie leer vorfand. Sein Schwert führte er nicht mit sich. Aber er hatte natürlich noch seinen Dolch bei sich und sicherlich auch sein Stiefelmesser. Außerdem war er sich vollkommen sicher, dass Aragorn notfalls auch mit bloßen Händen angreifen würde. Eban brauchte nur eine falsche Äußerung machen, oder ihn in einer anderen Art und Weise provozieren und Legolas würde nicht mehr für Aragorns Beherrschung garantieren! In dessen momentaner Verfassung konnte der Freund ihn sogar nur zu gut verstehen. Es lastete derart viel Druck auf dessen Schultern, dass er jedes Recht hatte, einmal den Kopf zu verlieren.

Vielleicht wäre das Verhältnis zwischen den beiden Männern nicht so gespannt gewesen, wenn sie sich zu einem anderen Zeitpunkt begegnet wären – jetzt jedoch, war Eban das Zünglein an der Waage.

Aragorn ließ den Mann nicht mehr aus den Augen. Er stand reglos da, kaum zwei Meter vor ihm. Neben Eban stand ein Fensterflügel offen und warf das matte Mondlicht in den Gang. Wolken zogen an der Himmelsscheibe vorüber und spielten wie Wellen auf einem Felsen. Auch er selbst zeigte nicht mehr Regung als ein Fels. Was in ihm vorging, vermochte er nicht in Worte zu fassen.

Er legte Legolas die Hand auf die Schulter und schob ihn langsam aber bestimmt zur Seite. Er wusste, dass seine Berührung nichts mit der sonst so freundschaftlichen Geste gemein hatte, denn jetzt war sie kalt und hart, aber er klammerte sich einen Herzschlag lang daran, als hinge sein Leben davon ab. Schließlich löste er den Kontakt zu Legolas. Seine Stimme brach das Schweigen und hallte unheilvoll durch den Gang.

„So spät noch auf den Beinen, mein Herr? Und nicht in Begleitung meiner Schwester, wie ich sehe! Ihr weicht doch sonst nicht von ihrer Seite? Fast könnte man meinen, Ihr wollt nicht, dass sie alleine auf jemanden ihrer Familie trifft…"

Eban zuckte unbeeindruckt mit den Schultern. „Vielmehr ist es so, Herr Aragorn, dass sie nicht von meiner Seite weicht. Sie kann gar nicht genug davon bekommen, Geschichten von unseren Eltern zu hören oder den Spielen, die sie mit mir gespielt hat."

Aragorns Wangenknochen mahlten, doch als er zu sprechen begann, klang seine Stimme gefasst, beinahe ausdruckslos. „Was wollt Ihr wirklich von ihr? Was erhofft Ihr, durch sie zu erhalten? Ansehen? Reichtum? Eine hochrangige Stellung innerhalb dieses Palastes? Sagt mir was es ist und ich werde sehen, was ich tun kann, damit Ihr es erhaltet. Als Gegenleistung verlange ich aber, dass Ihr meine Schwester in Frieden lasst."

„Ihr überschätzt Euch!" Ebans Stimme war ruhig, fast herablassend. „Ihr glaubt doch nicht etwa, ich würde meine Schwester für solche Dinge aufgeben, nachdem ich sie nach so langer Zeit gerade erst gefunden habe? Nein, Herr Aragorn. Findet Euch mit dem Gedanken ab, dass Ihr diesen Kampf verlieren werdet." Damit drehte er sich einfach um und verschwand in den angrenzenden Flur.

Sofort wollte Aragorn ihm nacheilen, doch Legolas' Arm schnellte vor und packte mit unbezwingbarem Griff seinen Ellenbogen.

„Lass mich los. Ich werde diesem… diesem dreckigen Mistkerl zeigen, was es heißt, mich zum Kampf zu fordern."

Legolas blieb ganz ruhig, ließ aber seinen Freund nicht los. „Aragorn. Du kannst Eban nicht töten."

Dessen Mundwinkel zuckten kaum wahrnehmbar. „Ich weiß nicht, ob ich wegen deiner Sorge gerührt oder über dein geringes Vertrauen in mich gekränkt sein soll. Aber so oder so kannst du unbesorgt sein. Ich kann ihn töten. Mit Leichtigkeit." Die letzten Worte sprach er mit einem Unterton, in den sich Hass und Befriedigung mischten.

„Daran zweifele ich nicht", entgegnete Legolas. „Aber glaubst du, so würde es zwischen dir und Laietha wieder so werden, wie es einmal war? Wenn du ihren vermeintlich leiblichen Bruder umbringst? Du kennst sie lange genug um zu wissen, was dann geschehen würde! Sie würde dich für den Rest deines Lebens hassen, dich völlig aus ihrem Leben verbannen. Ist es das, was du willst?"

Aragorns Gesicht, von der Frühlingssonne gebräunt, wurde fahl und fleckig. Ein Zeichen für Legolas, dass seine Worte ihre Wirkung nicht verfehlten.

„Laietha wäre diejenige, die erneut die Folgen tragen müsste. Trauer, Einsamkeit, Unwissenheit. Das hat sie nicht verdient. Verstehe mich richtig, Aragorn. Eban ist mir egal…"

„Aber mir nicht!" Mit einem Ruck befreite er seinen Arm und schritt auf den Quergang zu.

„Aragorn. Bitte!" Gegen Legolas' Erwartungen blieb er tatsächlich stehen. „Warte – um meinetwillen. Ich werde versuchen, mehr über ihn in Erfahrung zu bringen. Gib mir Zeit, um herauszufinden, ob er wirklich der ist, für den er sich ausgibt, oder der Lügner, für den du ihn hältst."

Der Kandelaber in einer der Fensternischen warf Aragorns Schatten riesenhaft und schwankend an die gegenüberliegende Wand. Er starrte ihn an, als hätte er ein Ungeheuer vor sich, das ihn bedrohlich überragte. Wie im Selbstgespräch flüsterte er: „Ich bin ein großer Mann. Groß und stark. Ich kann viel aushalten. Ja – ich halte viel aus." Völlig unerwartet wirbelte er herum und schrie Legolas an. „Ich halte viel aus! Aber heißt das, dass ich das auch muss? Muss ich die Schwächen aller anderen ertragen? Kann ich nicht ein Mal selbst schwach sein?"

„Reiß dich zusammen!", herrschte Legolas ihn völlig unerwartet an, stieß die Türe zum Thronsaal auf und zog Aragorn mit sich. Nicht jeder im Palast musste Zeuge werden, wie der König die Fassung verlor. Auch hier brannten Kerzen, hüllten den steinernen Raum in rotes Licht.

Aragorn begann im Saal auf und ab zu gehen und sein Schatten folgte ihm lautlos.

„Wie kannst du das von mir verlangen, Legolas? Ausgerechnet du? Du weißt… weißt wie…. Verdammt, du weißt, was sie mir bedeutet! Wie sehr ich sie brauche! Jetzt mehr denn je!"

Er schlug im Gehen immer wieder mit der Faust auf die Wand, die jeden Hieb ohne einen Laut schluckte. Schwer atmend blieb er schließlich vor dem Freund stehen, begegnete dessen Blick, bis er ein – zweimal nickte, als beantworte er sich selbst eine Frage. Dann zog er seinen Dolch aus dem Gürtel und hielt ihn dem Elb auffordernd hin. Das Kerzenlicht tanzte auf der glänzenden Klinge.

„Ich kann nicht leben, solange sie mir so fern ist. Wenn du nicht willst, dass ich ihn töte, dann schneide mir jetzt und hier das Herz heraus, Legolas. Nicht anders fühlt es sich ohnehin schon an!"

Er packte die Hand des Elben und zwang dessen Finger um den Griff, dann riss er sein Hemd auf, entblößte seine Brust und führte die Klinge nach oben.

Legolas benötigte nicht viel Kraft, um sich gegen Aragorns Absicht zu stemmen. Er packte mit der anderen Hand die seines Freundes und lockerte mit eisernem Griff den seinen so weit, dass der Dolch scheppernd zu Boden fiel. Er sprang über die Bodenfliesen und landete schließlich geräuschlos auf einem kleinen Teppich.

Aragorn stand wie erstarrt, sein Blick klar wie der Winterhimmel an einem sonnigen Tag und genauso glühend.

„Du schuldest nicht nur mir, Elladan, Elrohir oder deinem Vater mehr, als das hier. Was ist mit deinem Volk, deinen Freunden? Was würden sie sagen? Du bist mehr als nur Laiethas Bruder. Du bist Sohn, Freund, Herr und König. Du bist ein Teil dieser Welt, Aragorn. Und du bist für einen erheblichen Teil dieser Welt nun einmal verantwortlich. Du schuldest all diesen Menschen, den verbliebenen Elben und allen anderen Völkern dein Leben!"

Aragorn starrte ihn lange an, bevor er antwortete. Seine Stimme klang wieder ruhig und ein wenig bitter.

„Verstehe. Und diese Schuld willst du jetzt einfordern?" Seine Augen glühten nicht länger. Sie wirkten plötzlich matt und glanzlos.

„Ich muss. Anders bringe ich dich nicht zur Vernunft!"

„Vernunft. Ah, Vernunft. Ich kann nicht behaupten, dass ich Vernunftgründen gegenüber gerade besonders zugänglich wäre. Nein." Langsam entfernte er sich von Legolas und schritt mit gesenktem Kopf den Saal entlang. Er nahm sein stetiges auf und ab wieder auf, bis er endlich wieder vor dem Prinz stehen blieb. Seine Miene blieb undurchdringlich, kein Zucken verriet seine Erregung, aber die tiefen Furchen um seine Augen zeigten seine innere Anspannung.

„Wie lange?"

„Das ist schwer zu sagen", entgegnete Legolas. „Wir wissen nicht viel von ihm. Ich müsste versuchen, mehr von Laietha zu erfahren, ohne dass sie Verdacht schöpft."

Aragorn nickte, entfernte sich erst langsam und hastete schließlich wortlos davon. Die Flügeltüren fielen hinter ihm mit einem leisen Klacken ins Schloss und Legolas war allein.

Laietha lenkte ihre Schritte mit einer lang vergessenen Energie den Gang hinunter zum Arbeitszimmer ihres Bruders. Sie wollte endlich diesen Ballast loswerden, endlich mit ihm sprechen, ihn umarmen, herzen und küssen, wie sie es noch nicht einmal getan hatten in der langen Zeit, in der sie nun hier war. Sie hatte die Gefühle, die sie an Aragorns Krankenbett durchflutet hatten, nicht vergessen.

Wir leben in gefährlichen Zeiten."

Boromirs Worte verfolgten sie seit Tagen und das Feuer in der Bibliothek war ihr wie ein Warnschuss erschienen. Wie lange wollte sie noch warten? Was musste noch geschehen, damit sie endlich zu ihm ging und Aragorn sagte, dass sie ihn liebte?

Den ganzen Tag über hatte sie an nichts anderes denken können, nur daran, dass sie zu Dunai gehen würde, wenn er wach war und endlich ihr Herz erleichtern konnte. Nachdem sie dafür gesorgt hatte, dass alle Kinder, die unter ihrem Schutz standen etwas zu Essen bekommen hatten und Rosalie ins Bett gebracht hatte, konnte sie sich endlich auf die Suche nach ihrem Bruder machen, der schon wieder auf den Beinen zu sein schien.

Ein nervöses Lachen entrang sich ihrer Brust bei dem Gedanken daran, ihm bald wieder nahe zu sein. Sie war so lange nicht zu ihm gegangen, weil sie seine Worte und Blicke fürchtete, mit denen er sie vielleicht zurückweisen könnte. Sie war nicht zu ihm gegangen, aus Angst, dass ihr die Worte fehlen könnten, um mit ihm zu sprechen, aber nun war sie sich sicher, dass ihr Herz wissen würde, was zu tun war. Vielleicht würde sie ihn fragen, was sich zwischen ihm und Linnyd anbahnte!

All die Zweifel, ob sie jemals wieder zusammenfinden würden, waren plötzlich Schatten der Nacht, die dem hellen Tageslicht wichen. Sie war schon fast auf dem Korridor vor dem Thronsaal angelangt, als sie Stimmen vernahm – die Stimmen von Aragorn und Eban, die miteinander zu streiten schienen.

Der Mut und die Zuversicht, die sie eben noch durchflutet hatte, waren wie fortgeschwemmt. Laietha hielt in der Bewegung inne und konnte kaum fassen, was an ihr Ohr drang.

Was wollt Ihr wirklich von ihr? Was erhofft Ihr, durch sie zu erhalten? Ansehen? Reichtum? Eine hochrangige Stellung innerhalb dieses Palastes? Sagt mir was es ist und ich werde sehen, was ich tun kann, damit Ihr es erhaltet. Als Gegenleistung verlange ich aber, dass Ihr meine Schwester in Frieden lasst."

Die Kriegerin schluckte. Sie wünschte sich, nicht zu wissen, wer diese Worte ausgesprochen hatte, aber sie kannte diese Stimme besser als irgendjemand sonst. Das war Aragorn – ihr geliebter Bruder – der sie jetzt wie eine Ware anpries, der versuchte, Eban ihre Liebe abzukaufen, als wäre sie ein Sklavenmädchen, das nicht bestimmen konnte, wem seine Zuneigung gehörte.

Glaubte er tatsächlich, Eban so beeinflussen zu können? Ihr Herz raste, als sie in die Stille lauschte, um Ebans Antwort zu vernehmen. Was, wenn er zustimmte? Der Gedanke war ihr unerträglich.

Ihr glaubt doch nicht etwa, ich würde meine Schwester für solche Dinge aufgeben, nachdem ich sie nach so langer Zeit gerade erst gefunden habe?"

Schwer atmend lehnte sie sich gegen die kühle Mauer in ihrem Rücken. Ihre Hände zitterten, Tränen stiegen in ihre Augen und am liebsten wäre sie davon gelaufen, um nicht noch mehr dieses Gespräches mit anhören zu müssen, aber ihre weichen Knie hinderten sie daran. Die Hoffnung, mit der sie aufgebrochen war, der Vorsatz, sich mit Aragorn zu versöhnen, lag wie die Scherben eines geborstenen Kruges zu ihren Füßen.

Schritte wurden laut und sie drückte sich in eine Nische in der Wand. Jetzt sollte sie niemand sehen – nicht in diesem Zustand! Laietha hielt den Atem an, als jemand an ihr vorbei lief, den sie als Eban erkannte – Eban, ihr guter treuer Bruder, der Aragorns Angebot abgelehnt hatte.

Ich kann ihn töten. Mit Leichtigkeit.", dröhnte Aragorns Stimme voller Wut und Hass durch den Flur und Laietha bekam es mit der Angst zu tun. Sie hätte sich nie träumen lassen zu glauben, ihr Bruder könne zum Mörder werden, aber jetzt in diesem Moment, fürchtete sie um Ebans Sicherheit.

Vielleicht kannte sie Dunai doch nicht so gut, wie sie es vermutet hatte. Vielleicht waren sie sich zu fremd geworden in den Wochen seit ihrem Streit. Die Geräusche des Palastes um sie herum verschwammen zu einem Rauschen, die Wände schienen immer enger um sie zu werden und die aufkommende Verzweiflung schnürte ihr die Kehle zu. Sie musste raus aus diesem Gebäude – fort von Aragorn und seinem Hass auf ihren Bruder.

Vorsichtig, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, schlich sie sich fort, erst gehend, dann rannte sie durch die Flure und es kümmerte sie nicht mehr, wem sie begegnete. Ein Bediensteter schimpfte, als sie ihn anrempelte und sein Tablett mit Gläsern auf dem Boden zerschmetterte, fast hätte sie Ruchon umgerannt, der sie entgeistert ansah und endlich gelangte sie ins Freie!

Die Nachtluft kühlte ihre heiße Stirn und vorbei an Rejin und Fajin, die am Palasttor ihren Dienst antraten, stürmte sie in die nächtliche Stadt.