Kapitel 49

Lassen Sie uns nach Hause gehen, Miss Granger

Der Morgen hatte sich sanft über das Land gelegt und leichte, graue Nebelschwaden durchzogen die kühle Luft. Doch Hermine war zu erschöpft, um aufzustehen. Regen setzte ein. Es war so friedlich und still hier draußen, dass sie den ganzen Tag verschlief.

Erst am späten Nachmittag, als der Regen in kräftigen Strömen auf die Erde herab fiel, wurde sie wach. Verschlafen streckte sie sich. Noch immer war Leben in ihr und eigenartiger Weise fühlte sie sich nicht mehr ganz so schwach wie am Tag zuvor. Ihr war, als wäre sie von einer schützenden Aura umgeben, ein Gefühl das ihr vertraut vorkam, auch dann, wenn es in Wahrheit nichts gab, das es erklären konnte.

Sie seufzte und rappelte sich auf. Langsam befreite sie sich aus ihrem wärmenden Schlafsack und zog eine dicke Jacke über. Dann schlüpfte sie in ihre Stiefel und erfrischte sich das Gesicht in einer Schüssel mit eiskaltem Regenwasser, das an einer undichten Stelle durch die Zeltplane tropfte. Sie war ausgehungert, doch es war nur das Knurren ihres leeren Magens, das sie verspürte. Der Vernunft halber schnappte sie sich einen Müsliriegel und kaute lustlos auf ihm herum. Eigentlich wollte sie gar nichts essen, kein Wunder, nach allem, was geschehen war. Sie hatte gelernt, ihren Professor zu lieben, doch dann hatte sie ihn verraten und schließlich hatte sie sich einfach aus dem Staub gemacht. Es gab keine Logik, die dahinter steckte, es war einfach alles so geschehen.

Sie rieb sich die Augen, die immer noch verquollen waren, von all den Tränen, die sie vergossen hatte. Ihr war durchaus bewusst, dass sie vor dem Nichts stand. Im Moment ging es nur darum einen Tag nach dem anderen zu überleben. Wie lange sie das so durchhalten würde, wusste sie nicht. Doch einen Ausweg aus dieser Lage sah sie ebenfalls nicht.

Sie lauschte dem Regen, der monoton auf das Zeltdach prasselte und hoffte sehr, dass es nicht bald undicht sein würde. Ermattet zählte sie die Sekunden, die zwischen den dicken Tropfen lagen, die nach und nach in die Wasserschüssel fielen.

Sollte das nun ewig so weitergehen? Sie fühlte sich schon jetzt wie der einsamste Mensch auf Erden. Wie wäre es da erst in einigen Wochen oder gar Monaten? Vorausgesetzt, sie würde so lange durchstehen.

Irgendwann, als es ihr zu bunt wurde, überwand sie ihre Abscheu vor der Kälte und zwang sich nach draußen. Sie öffnete das Zelt und starrte wie gebannt hinaus. Sie blinzelte. Ihr Herz begann kräftig zu schlagen, als sie nur wenige Meter von sich entfernt einen Mann sah, der so unglaublich still in der Einsamkeit stand, dass sie dabei schauderte. Sein Gesicht war blass und von schwarzen Haarsträhnen umrahmt, verwegen und würdevoll zugleich. Stolz lag in seinem Ausdruck, er wirkte absolut perfekt und unerschütterlich. Er war der Mann, den sie so sehr lieben gelernt hatte. Und er war zu ihr gekommen.

Hermine schlug die Hand vor den Mund, ihre Beine zitterten. Sie konnte es nicht glauben, er hatte sie gefunden! Und nun war er hier, in all seiner Schönheit und Pracht und blickte sie an, mit dem endlosen Schwarz seiner Augen.

Sie starrten sich an, minutenlang, während der Regen auf sie hinab fiel und sie beide nichts weiter taten, als ihre Gegenwart in sich aufzunehmen.

Hermine machte einen Schritt auf ihn zu, doch er war nach wie vor so still und sah sie einfach nur an und ließ sich unaufhörlich vom Regen berieseln.

Wie lange hatte er hier auf sie gewartet? Er war durch und durch nass. Dampf stieg von seinen schwarzen Gewändern auf. Und wie hatte er sie überhaupt gefunden? Was ging in ihm vor? Was musste er denken, nach allem was sie ihm angetan hatte? Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass er sie wahrhaftig sehen konnte. Doch wie war das möglich? Hatten ihre Schutzzauber an Wirkung verloren?

In ihrem Kopf drehte sich alles. Das Fieber, das sie so sehr geschwächt hatte, war verschwunden. Er stand hier und hatte auf sie gewartet! Plötzlich spielte alles keine Rolle mehr für sie, weder Vernunft, noch Logik.

Kamen sie denn nicht beide aus einer magischen Welt?

Sie stürmte auf ihn zu und warf sich seinem Körper entgegen. Dieses Mal zuckte er nicht zusammen, als sie die Arme um ihn schlug. Er presste sie fest an sich und versenkte seine Finger in ihren wirren Haaren. Sie saugte seinen vertrauten Duft in sich auf und hielt ihn fest, um ihn nie wieder zu vergessen.

„Wie?", fragte sie vollkommen überwältigt. „Wie haben Sie mich gefunden?"

Er hob die Augenbraue und seine nassen Strähnen fielen ihm ins Gesicht. Hermine konnte nicht anders, als sie ihm auf die Seite zu schieben. Sie wollte ihn sehen und jedes Detail von ihm tief in sich aufnehmen.

„Ich habe Ihr Fotoalbum in Ihrem Zimmer gefunden."

„Sie waren bei meinen Eltern?", fragte sie verblüfft.

Er nickte knapp. „Sie wissen nichts davon."

„Ah, verstehe. Sie haben eingebrochen." Ein sanftes Lächeln huschte über ihre Lippen. Sie verspürte Stolz auf ihren schönen Mann.

„Das ist so nicht ganz korrekt", antwortete er knapp und blickte in die Ferne.

Hermine schwieg. Sie fürchtete sich davor, etwas falsch zu machen. Sehnsüchtig ließ sie ihre Finger über die Knöpfe an seinem Gewand gleiten. „Ich dachte, ich würde Sie nie wieder sehen", flüsterte sie leise.

Er strich ihr sanft mit der Hand über die Haare. „Und ich habe mir vor Angst um Sie fast in die Hose gemacht." Ironie schwang in seiner Stimme mit und Hermine klemmte beschämt ihre Lippe zwischen die Zähne, als sie seine Anspielung hörte.

Noch immer war sein Gesicht unbeweglich, doch er musste nichts weiter tun, als sie festzuhalten, um ihr die Sicherheit und Geborgenheit zu geben, nach der sie sich so gesehnt hatte.

Sie blickte zu ihm auf und lächelte, dann seufzte sie tief.

„Professor …"

Es war so friedlich um sie herum, dass es schon wieder unwirklich war. Niemand außer ihnen war hier, nur die Einsamkeit der Natur umgab sie.

„Sie sind zu mir gekommen", murmelte sie ungläubig. Noch immer plagte sie das Gewissen, was sie mit ihrer Lüge angerichtet hatte. „Ich war so dumm und das werde ich mir nie verzeihen können …"

„Sie waren verzweifelt", stellte er klar. „Es war nicht richtig, Sie damit zu konfrontieren, welches Schicksal mich ereilen wird. Ich hätte es besser wissen müssen."

„Sie haben getan, was Sie für richtig hielten."

„Das haben Sie ebenfalls, Miss Granger. Aber mein Verhalten hat nicht gerade dazu beigetragen, die Situation für Sie erträglicher zu machen."

Sie schüttelte den Kopf. „Ich hätte Sie nie belügen dürfen. Sie hatten recht mit allem, ich war nicht mehr als ein dummes, einfältiges Kind ..."

Er legte seinen Daumen auf ihren Mund und strich sanft darüber. „Nicht jetzt. Lassen Sie uns nach Hause gehen, Miss Granger."

Der Blick seiner Augen war ernst und Hermine verbarg ihren Kopf an seiner Schulter, als sie sprach. „Das klingt wunderbar, Professor." Sie griff nach seiner Hand und hielt sie fest, so fest, dass sie ihn nie wieder gehen lassen wollte.

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Snape brachte sie sicher zurück nach Hogwarts, ohne dass Hermine auch nur einmal seine Hand losgelassen hätte. Ein leichtes Grinsen lag auf seinem Gesicht. Sie war so dumm gewesen, so unsagbar dumm! Und jetzt schien sie so unendlich froh zu sein, dass sie wieder bei ihm war, dass er gar nicht anders darauf reagieren konnte.

Kaum waren sie in ihrem gemeinsamen Zimmer, warf sie sich ihm an den Hals, drückte ihn an sich und heulte los.

Er ließ sie gewähren und hielt sie fest in seinen Armen. Sein Kinn ruhte auf ihrem Haupt und seine Augen waren geschlossen.

Eine ganze Weile taten sie nichts anderes, als sich zu spüren und sich zu versichern, dass sie einander wieder hatten, bis er plötzlich die Stille durchbrach.

„Ich muss Ihnen etwas mitteilen, Miss Granger", sagte er ruhig. Doch sein Herz pochte wie wild, er war zutiefst nervös.

Noch immer schluchzte sie ungehalten drauf los. „Gehen Sie nicht fort, Professor. Nicht heute. Ich brauche Sie …"

Sie hatte Angst davor, ihn erneut zu verlieren. Er fühlte, dass sie auf jede seiner Bewegungen reagierte, fast so, wie er selbst es immer getan hatte.

Vorsichtig nahm er ihren Kopf zwischen seine warmen Hände, bis sie gezwungen war, ihn anzusehen. „Nein, nicht heute", versicherte er ihr und strich ihr die nassen Strähnen aus dem Gesicht.

Noch immer hatten sie ihre triefenden Sachen an und Hermine fröstelte. Sie wollte sich fest an ihn kuscheln, doch er hielt ihr Gesicht fest. „Miss Granger, hören Sie mir zu …" Sie schüttelte den Kopf und öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch er legte seinen Zeigefinger auf ihre Lippen. „Bitte. Hören Sie mir zu." Ein tiefer Seufzer entfuhr ihr und langsam beruhigte sie sich. Er nickte. „So ist es besser."

Sie blinzelte ihn fragend an. Noch immer lag Angst in ihrem Blick. „Ich werde es wieder gut machen, ich verspreche es …"

Er zog die Mundwinkel zurück und entblößte seine Zähne. Es war Kräfte zehrend, ihr auf diese Art und Weise etwas sagen zu wollen. „Würden Sie mir bitte einfach nur zuhören?"

Endlich verstummte sie und er versuchte es erneut. „Zum ersten Mal seit langem hatte ich keine Gewissheit darüber, was mit meinem Leben geschehen würde."

Sie konnte nicht aufhören, ihn anzusehen. Ihr Herz pochte vor Aufregung darüber, wieder seine Stimme zu hören.

„Ich wusste immer, dass ich nicht eines natürlichen Todes sterben würde. Aber diesmal hatte ich Angst, was geschehen würde, wenn ich Sie nicht mehr in den Armen halten könnte."

Sie schluckte bewegt und fühlte sich so machtlos, dass sie nicht wusste, was sie tun sollte. Er stand vor ihr und hielt sie in seinen Armen und versuchte ihr klar zu machen, dass sie ihm nicht gleichgültig war. Das war mehr, als sie je zu träumen gewagt hätte. Aber es war auch beunruhigend, denn sie wollte nach wie vor, dass er so stark und unbeugsam war, wie sie ihn von Anfang an kannte.

„Ich hätte niemals gehen dürfen, Professor …"

Er schloss die Augen und atmete tief ein. Als er sie wieder anblickte, sah er die Tränen, die über ihre Wangen liefen. „Miss Granger", sagte er mit rauer Stimme, „ich möchte nicht, dass Sie um meinetwillen weinen."

Sie versuchte zu lächeln. „Aber ich liebe Sie so sehr, Professor! Ich liebe Sie!"

„Miss Granger, bitte lassen Sie mich endlich aussprechen, ich bin etwas nervös darüber, können Sie das denn nicht sehen?"

Er bemühte sich sichtlich, nicht aus der Haut zu fahren und Hermine erstaunte dieses Geständnis und so beobachtete sie ihn mit einem interessierten Ausdruck auf ihrem Gesicht, was es ihm nicht gerade leichter machte, sein Anliegen vorzutragen.

Er räusperte sich, während er ihre Hand nahm und sie in seiner hielt. „Ich möchte, dass Sie heute etwas für mich tun." Sie legte fragend die Stirn in Falten, doch er sah sie streng an und so versuchte sie, sich zu entspannen, so gut sie nur konnte. „Ziehen Sie die nassen Sachen aus, wenn Sie nicht wollen, dass ich mir aus Sorge um Sie die Haare ausreiße, verstanden?"

Sie nickte niedergeschmettert von der Ernsthaftigkeit, die er ausstrahlte.

„Gut. Dann werden Sie ein warmes Bad nehmen, bevor Sie sich noch erkälten. Ich bin in einer Stunde zurück und werde Sie abholen. Wir werden diesen Abend nicht in den Kerkern verbringen."

Sie riss alarmiert die Augen auf und er seufzte, als er merkte, wie sie bei diesen Worten in Aufruhr geriet.

„Keine Sorge, es ist alles in Ordnung. Ich muss nur eben zu Albus, um ihm Entwarnung zu geben. Und dann bin ich wieder für Sie da."

Er blickte sie mit erhobenen Brauen an, bis sie endlich einwilligte. Dann beugte er sich zu ihr und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. „Ich bin bald zurück, versprochen." Langsam löste er sich von ihr los und ging zur Tür hinüber.

Hermines Herz pochte so wild, dass sie fürchtete, er könnte es hören. Sie wollte nicht, dass er ging. Nicht jetzt. Und überhaupt nie wieder! Sie wollte bei ihm sein. Sie musste bei ihm sein!

„Professor!", rief sie mit zittriger Stimme. „Ich liebe Sie!"

Er drehte sich zu ihr und sah sie milde an. „Ich weiß."

Einen winzigen Moment schloss er die Augen und seine nassen, schwarzen Strähnen fielen ihm ins Gesicht.

Hermine senkte betrübt den Blick. Was konnte sie von ihm erwarten, nachdem sie all das getan hatte?

„Granger!", rief er und sie zuckte zusammen, als er sie mit einem unglaublichen Lächeln auf den Lippen ansah, das ihr einen kalten Schauder den Rücken hinunter jagte. „Ich werde vor der Tür auf Sie warten."

Sie nickte. Und er? Er lächelte! Severus Snape lächelte. Was für ein wunderschöner Anblick das doch war. Sie war so hin und her gerissen davon, dass ihr zuerst gar nicht auffiel, wie sie ihn mit offenem Mund anstarrte. Wie dämlich musste sie wohl in ihrer jämmerlichen Erscheinung wirken, während er all diese Würde ausstrahlte!

„Ziehen Sie sich was Hübsches an", hörte sie ihn sagen. Dann verschwand er, doch noch immer konnte sie das Lächeln erkennen, das ihn auf seinem Weg begleitete.