Sommerregen
Kapitel 45
„Ron!", schimpfte Hermine laut, bereute es jedoch sofort, als sie sah, das sich etliche Schüler, manche von ihnen mit vollen Mündern, nach ihr umdrehten und wie erstarrt innehielten. Schlagartig erstarb das morgendliche Stimmengewirr.
Hermine räusperte sich, um mit gedämpfter Stimme fortzufahren.
„Ich werde nicht mit dir darüber reden. Klar?"
„Schon gut, Mione, ich werde alles für mich behalten. Ich wollte dir nur sagen, dass ihr vorsichtig sein müsst. Du hast ihn gehörig um den Finger gewickelt, wie mir scheint. Mal ehrlich, wer hätte das je für möglich gehalten?"
Er gluckste leise und Hermine war nicht sicher, ob seine Worte ein Trost sein sollten oder nicht.
In ihrer Verlegenheit versank sie in eisiges Schweigen. War es wirklich so offensichtlich gewesen, dass sie und der Professor derart aneinander gefesselt waren, dass sie nur schwer die Finger voneinander lassen konnten? Sie wusste, wie besitzergreifend Severus sein konnte, wenn er etwas für sich haben wollte. Einerseits fühlte sie sich dadurch bestätigt und geschmeichelt, andererseits jagte es ihr schreckliche Angst ein, weil sie wusste, dass genau diese Eigenschaft ihm das Leben so schwer gemacht hatte. Sein Stolz, die jahrelange Trauer um Lily...
Hermine war nicht wohl bei der Sache. Ihr Herz schlug unbarmherzig schnell gegen ihre Brust. Es schmerzte, ihre Gefühle füreinander immer wieder aufgrund von Konventionen unterdrücken zu müssen, gegen die sie nicht ankamen. Doch Ron hatte Recht: Niemand durfte mehr davon erfahren. Die zerstörerische Macht des Ministeriums würde nicht davor haltmachen, sie und Severus mit aller Härte zu bestrafen. Ganz zu schweigen von dem Zorn, den Voldemort an ihnen auslassen würde.
Beinahe schattenhaft sah sie Snape zu seinem Platz gleiten. Schnell senkte sie den Blick auf ihren unberührten Teller. Sie wagte nicht, zu ihm zu schauen. Der einzige Hoffnungsschimmer für sie bestand darin, dass Harry im Krankenflügel lag und sich vermutlich nicht vollständig an das erinnern konnte, was er im Labor gesehen oder gehört hatte.
„Ich glaube, mir ist der Appetit vergangen", sagte Hermine leise. Sie sprang auf und griff nach einer Scheibe Toast, die sie später essen wollte. „Ich geh schon mal und hol meine Bücher."
Schnellen Schrittes verließ sie die Große Halle und spurtete in Richtung Gemeinschaftsraum davon.
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Als Snape an diesem Nachmittag in die Kerker kam und seine Bürotür öffnete, fand er Hermine an seinem Schreibtisch sitzend vor. Zu allem Übel auch noch an seinem Platz.
Erstaunt blieb er stehen, die Hand fluchtbereit am Türgriff. Es war das erste Mal, dass sie wie selbstverständlich seinen Arbeitsplatz eingenommen hatte. Ein beachtlicher Stapel ihrer eigenen Bücher lag bereitwillig über seinen Papierstößen ausgebreitet, unter ihnen Geschichte Hogwarts'. Flink wie ein Wiesel kritzelte sie etwas auf ein Blatt Pergament und murmelte dabei unverständliche Silben vor sich hin; sie schien ihn nicht einmal zu bemerken, so sehr war sie in ihre Arbeit vertieft.
Snape sah ihr eine Weile zu, ehe er hinter sich die Tür verriegelte, sie rührte sich jedoch immer noch nicht vom Fleck.
Er räusperte sich.
Nichts.
Lautlos kam er näher und stützte die Hände zu beiden Seiten ihres Pergaments auf der Tischplatte ab. Ihre Hand kam kurz zum Stillstand, doch sofort nahm sie ihre Arbeit wieder auf.
„Hallo, Severus."
Er zog die Brauen zusammen, seine Nasenflügel erzitterten vor Ungeduld.
„Was machst du hier?"
„Ich arbeite", kam es unbehelligt zurück.
„Das sehe ich. Ich frage mich nur, wieso du an meinem Schreibtisch sitzt."
„Weil ich ein ruhiges Plätzchen gebraucht habe", sagte Hermine, die unermüdlich weiter drauflos kritzelte. „Im Gemeinschaftsraum war es mir zu voll und in der Bibliothek ist mir ständig die alte Pince hinterher geschlichen. Ich hab mich drei mal umgesetzt, kannst du dir das vorstellen? Dann hatte ich genug. Endlich kam ich auf die geniale Idee, mich hier meiner Arbeit zu widmen, wo niemand mich stören würde. Es ist perfekt, nicht wahr?"
„Perfekt", murrte er und versteifte sich. Sie hatte noch immer nicht aufgeblickt und machte auch jetzt keine Anstalten, die Feder aus der Hand zu legen. „Würdest du bitte aufhören und mich ansehen, wenn ich mit dir rede?"
„Oh, hast du was gesagt?"
„Das sollte man meinen. Ich wollte wissen, wieso -"
„Das habe ich dir doch erklärt. Ich brauchte einen Platz, wo ich in Ruhe nachdenken kann."
Es war ihm anzusehen, dass die Unterhaltung nicht so vonstatten ging, wie er es sich wünschte. Nur Hermine merkte davon nichts.
Schließlich hatte er genug. Er beugte sich tief zu ihr hinab und zog vorsichtig mit der einen Hand an dem Pergament, unter dem noch weitere beschriebene Exemplare zum Vorschein kamen, und mit der anderen an ihrer Schreibfeder.
„Du wirst jetzt aufhören und mir zuhören."
„Das geht nicht. Ich muss das fertig machen."
„Nicht jetzt und nicht hier", sagte er hart.
Endlich hob sie den Kopf und registrierte, dass er gefährlich nahe daran war, die Geduld zu verlieren.
„Na schön", sagte Hermine, die mit einer berechnenden Falte auf ihrer Stirn zu ihm empor lugte. Sie lehnte sich zurück und verschränkte die Arme ineinander.
Snape wappnete gewohnheitsgemäß seinen Geist und richtete sich auf. Hatte sie geweint? Und wenn, sollte es ihn in einem Moment wie diesem überhaupt kümmern?
„Ich will dir nichts vormachen, Hermine. Aber so kann es unmöglich weitergehen. Oder ist es das, was du wolltest? Dass ich darum bettle, deine Aufmerksamkeit zu erhalten?"
Hermine fröstelte. Er sprach ganz leise und sie konnte fühlen, wie sich beim Klang seiner wunderbaren Stimme die feinen Härchen in ihrem Nacken sträubten. Es lag etwas Verruchtes und Verführerisches darin, das es ihr fast unmöglich machte, der Botschaft an sich zu folgen; da sie nach den Vorkommnissen der letzten Tage insgeheim damit gerechnet hatte, war sie jedoch nicht sonderlich überrascht von dem Gespräch.
„Du hast mich dazu gebracht, alles zu verleugnen, woran ich immerzu festgehalten habe. Ich wollte nicht im Beisein von Potter und Weasley eine Szene machen. Es gibt keinen Grund für mich, auf die beiden Eifersüchtig zu sein." Er atmete tief ein und wieder aus - wenn sie es nicht besser gewusst hätte, hätte sie gesagt, dass es genau darum ging, er es sich aber nicht eingestehen wollte. „Wie dem auch sei, deinetwegen habe ich es getan. Und ich wäre bereit, es wieder zu tun. Du raubst mir die Sinne und den Verstand. Aber sollte ich nicht darüber erhaben sein? Ein Mann in meinem Alter?"
Wie er sich irrte. Wusste er denn nicht, dass das Alter zwischen ihnen keine Rolle spielte? Es war seine Unerfahrenheit, die ihn so anfällig und schwach für die alltäglichen Begegnungen mit ihr machten. Banale menschliche Gefühle und Sehnsüchte, kurz alles, was ihm bisher so fremd gewesen war, weil er sich strickt dagegen gewehrt hatte, sie zuzulassen.
Eine lange Pause trat ein. Sie musste sich krampfhaft zwingen, ihm ins Gesicht zu sehen. Die verständnislos geformten aber immer noch markanten Züge, die unbeschreiblich schwarzen Augen, die sie so sehr liebte.
Sie spürte ihre Lippen vibrieren und schluckte schwer. Hatte sie es nicht längst gewusst? War nicht der Zusammenprall mit Harry der lang erwartete Auslöser von etwas gewesen, das sie immer schon geahnt hatte? Es nun von ihm zu hören, brachte sie fast an den Rand ihrer Beherrschung.
Sie wollte aufstehen und die Arme um ihn legen, wollte verhindern, dass er sich vor ihr erniedrigte und sich selbst zwang, in die Knie zu gehen. Doch sie konnte es nicht, weil sie wusste, dass ihre Beine ihr diesen Dienst versagen würden.
„Du wirst nichts dergleichen tun", sagte sie, die Stimme nur unweit von einem Krächzen entfernt. Seine große, hagere Erscheinung, die ihr, umhüllt von seinem schwarzen Umhang, anfangs immer solche Furcht eingejagt hatte, erschien ihr nun grotesk. Seine verhärmte Mimik sah seltsam verzerrt aus, die Haut fahl wie tote Asche. Selten hatte er so zerschlagen und verloren auf sie gewirkt. Warum also ausgerechnet jetzt?
Noch bevor sie sich zurückhalten konnte, sprudelten ihre Gedanken aus ihr heraus.
„Ich werde es nicht zulassen. Ich möchte nicht mehr Teil dieser Teufelei sein. Du wirst vollenden, was du angefangen hast. Bleib stark. Ich bin dir nur im Weg. Ich habe es begonnen, genau wie McGonagall gesagt hat. Ich bin eine Gefahr für dich, deshalb muss ich dich verlassen."
Seine Augen weiteren sich. Er war nicht sicher, ob er richtig gehört hatte.
Hermine stand auf, Snape aber rührte sich nicht.
Sie sah ihn an und wartete. Er erwiderte starr den Blick, machte jedoch nicht den kleinsten Versuch, etwas dagegen zu unternehmen.
Bei ihrem ersten Schritt kippte sie auf ihren wackligen Beinen fast um. In letzter Sekunde gelang es ihr, sich zu fangen.
Snape sah zu. Innerlich schlug ihm das Herz bis zum Hals, aber er zuckte nicht mal mit der Wimper.
Die Tür schloss sich hinter ihr und er stand noch genauso wie zuvor auf seinem Platz. Er wusste um das Gefühl der Hitze, die ihm zu Kopf stieg, während seine Glieder erkalteten. Es war ihm geradezu erschreckend bekannt. Doch er traute sich selbst nicht über den Weg. Er brachte es nicht über sich, ihr nachzulaufen. Es stand ihm nicht zu, sie aufzuhalten.
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Er fand die drei Briefe, die sie hinterlassen hatte, direkt auf seinem Schreibtisch. Drei identisch anmutende Blatt Pergament, von denen zwei an ihre idiotischen Freunde gerichtet waren, das dritte an ihn selbst.
Er las alle drei und stellte fest, dass sie sich nur unwesentlich voneinander unterschieden.
Warum? Warum hatte sie das getan? Warum hatte sie sie selbst geschrieben, anstatt sie mit einem Schlenker ihres Zauberstabs zu vollenden? Warum war ihm nicht aufgefallen, was sie im Begriff gewesen war, zu tun, als er ihr das Pergament weggenommen hatte?
Er konnte nicht klar denken und starrte erregt auf seinen Tisch ... Aber er musste denken. Er musste herausfinden, was sie damit bezweckte.
Seine Hände zitterten, seine Augen hingegen huschten unermüdlich über die Zeilen, untersuchten jeden noch so kleinen Hinweis, der ihr Vorhaben erklären konnte.
Er legte die drei Briefe aneinander, ließ sie mit dem Zauberstab Seite an Seite durch die Luft tanzen und schob einen über den anderen, bis sich schließlich ein Muster ergab: Eine Karte, ein Plan.
Er sprach von Nagini und einem Raum. Einem geheimnisvollen Raum, den niemand für andere Zwecke verwenden konnte, wenn er bereits besetzt war. Verwunschene Türen führten in diesen Raum und verbargen drei Kämpfer, die darin lauerten. Einer war mit dem Schwert von Gryffindor bewaffnet, ein anderer mit Giftzähnen des getöteten Basilisken, während der dritte Kämpfer seinen Zauberstab schwang, einen schrecklichen Fluch auf den Lippen.
Snape kochte innerlich vor Wut. Er stieß ein finsteres Lachen aus. War sie dem Wahnsinn verfallen? Das würde niemals funktionieren. Der Dunkle Lord würde Hogwarts dem Erdboden gleichmachen, sobald er erfuhr, dass Nagini in Gefahr war. Er würde nach seinen übrigen Horkruxen suchen wollen und feststellen, was mit ihnen geschehen war. Es war zu riskant, ein aussichtsloses Spiel auf Zeit.
Nur widerstrebend gestand er sich ein, dass er versagt hatte. Er hatte ihre halbherzigen Bemühungen, die ihr Vorhaben vor ihm verbergen wollten, auf ihrem Gesicht abgelesen, aber nichts dagegen unternommen. Nichts. Erst nach und nach war ihm bewusst geworden, was sie damit bezwecken wollte. Nicht in seinen kühnsten Träumen hätte er ihr das zugetraut. Sie war ein jämmerlicher Lügner. Wieso um alles in der Welt hatte er sie also nicht davon abgehalten?
Es zerriss ihn schier. Das schlechte Gewissen, die Schuldgefühle. Am schlimmsten aber war das Gefühl, hintergangen worden zu sein. Sie hatte ihn verraten. Es tat weh. Es leckte an seinem blutenden Herzen und lachte über ihn. Und dann war da trotz allem noch die Angst, sie zu verlieren. Was, wenn ihr Plan nicht aufgehen würde? Er durfte nicht daran denken. Die Wut auf sie war das einzige Mittel, mit dem er etwas ausrichten konnte, das Einzige, mit dem er umzugehen verstand.
Er nahm die drei Briefe und stopfte sie in die Innentasche seines Umhangs. Dann verließ er das Büro und kehrte den Kerkern den Rücken zu.
