Kapitel 49


27. August, Malfoy Island, Snape Manor

Ach, Hermine…

Was soll ich nur mit dir tun? Mir gehen die Möglichkeiten und die Kraft aus, mich gegen etwas zu wehren, gegen das ich mich eigentlich gar nicht wehren will.

Ich bin nur sehr schlecht darin, zwischen den Zeilen zu vermitteln, was ich sagen, will, wenn ich mich außerstande sehe, die eigentlichen Dinge niederzuschreiben.

Ich beschrieb dir das Meer nie aus Wut, Hermine – es war immer nur Traurigkeit und vor allem Mutlosigkeit, die mich nach draußen hat blicken lassen, während ich einen weiteren Bogen mit Worten füllte, und die dann stets festgestellt hat, daß es beinahe immer so ist, daß das Meer gerade genau das widerspiegelt, was ich empfinde. Wobei ich zugebe, daß viel natürlich an meiner Interpretation liegt – und das diese stets von meiner augenblicklichen Stimmung eingefärbt ist.

Auch jetzt ist es so.

Die Feier ist endlich zuende doch ich finde keinen Schlaf und ich sitze auf dem Balkon, blicke hinaus aufs Meer und die endlose Schwärze scheint in ihrer Endlosigkeit die Leere in meinem Inneren darstellen zu wollen. Die Nacht auf dem Fest hat sehr viel Kraft gekostet, aber du wirst gleich, trotz aller Wut auf mich, schallend lachen, wenn ich dir schreibe, wie ich die Angelegenheit Narcissa Malfoy gelöst habe. Ich habe ihr im Kreise der Gäste ein „Geschenk" überreicht. Ich habe ihr das Ballkleid vom Leib gerissen, bis sie nur noch im Unterkleid dastand und dann hat sie von mir eine Dienstbotenbekleidung bekommen und die Order, für die Dauer der Feier in der Küche den Dienst eines niederen Küchenmädchens zu versehen. Ich habe ihr jegliche erotischen Avancen gleich welcher Art untersagt und allen Gästen klar gemacht, wie ich es zu ahnden gedenke, wenn irgendwer sich meiner Anordnung widersetzt. Sie musste im Laufe des Abends mehrfach Buffetplatten in die Halle bringen und benutztes Geschirr abräumen. Wenn Blicke töten könnten, hätte ich Narcissa wegen, diese Nacht nicht überlebt. Die Demütigung war tiefer, als jede sexuelle Handlung hätte sein können. Ich bin um einen Akt herumgekommen, den ich, aufgrund meiner Abneigung ihr gegenüber, auch nur mit Hilfe eines Trankes überhaupt hätte ausführen können. Lucius wußte nicht ganz, was er von der Situation halten sollte. Er hat sich den ganzen Abend über sehr zurückgehalten und war kaum zu finden, wenn man nach ihm Ausschau gehalten hat.

Ich habe heute Nacht nicht nur klargestellt, daß ich der neue Regent bin – ich habe auch klar gemacht, daß ich ein paar neue Regelungen einführen werde...

Doch die ganze Nacht über ging mir dein Brief nicht aus dem Sinn...

Hermine, was habe ich nur mit dir angestellt? Was habe ich dir angetan, daß du mir solche Briefe schreibst? Ich müsste lügen, wenn ich behauptete, daß mich deine Zeilen nicht in einem Maße erregt haben, die jede bisherige Grenze die wir bisher überschritten hatten bei weitem übertraf. Aber wie wirst du morgen darüber denken, daß du es mir geschrieben hast? Wirst du dich oder mich dafür verfluchen?

Hermine... du schreibst, daß ich zwanghaft alles von mir stoßen muß, was mir ein Gefühl von Liebe entgegenbringt. Ich glaube, daß du damit Recht hast. Es ist wohl wirklich so. Aber es ist nicht deshalb so, weil ich dieses Gefühl nicht will, sondern weil ich ein Mann bin, der alles ganz oder gar nicht will, weil ich die lauen Zwischenstufen nicht ertrage. Ja, ich kann es mir vorstellen, deinen Mund, deine Brüste, deinen Schoß zu spüren. Ich kann es mir vorstellen, dich vor Lust keuchend unter mir zu sehen, während meine Hände genau das tun, was deine eigene Hand beim Schreiben des letzten Briefes tat. Du musst den Briefbogen beim Zusammenfalten mit eben dieser Hand berührt haben, denn es liegt ein kaum wahrnehmbarer Hauch deines Duftes auf dem Papier, der mich jetzt, in Kombination mit der wackeligen Schrift der entsprechenden Zeilen, in diesem Moment, in den Wahnsinn treibt.

Du spielst mit mir und ich kann es nicht verhindern. Du schreibst mir diese Zeilen nicht, um mich zu erregen. Oder doch – natürlich zu diesem Zwecke – aber du schreibst sie vor allem, um mich dafür zu bestrafen, daß ich dich verletzt habe... Deine Behauptung, Sex würde nur auf dieser Insel zur Bestrafung eingesetzt ist falsch, Hermine...

Du quälst mich in genau dem gleichen Maße, in dem du mich begeisterst. Ich sitze hier, winde mich in der Hitze die du mit deinen Zeilen in mir entfacht hast, wissend, daß du genau das erreichen wolltest und du schreibst mir in sarkastischster Manie, daß du jetzt wohl ausprobieren solltest, wie es mit einem anderen Mann wäre.

Du setzt deine Spitzen sehr gekonnt, Hermine und wunderst dich dann, wenn ich darauf eingehe.

Du hast mich mehr als einmal gefragt, welche Farbe das Meer hat – und du hast es immer getan, um mir weh zu tun. Und dann wunderst du dich, wenn ich es genau dann beschreibe, wenn ich Schmerzen habe? Und interpretierst es dann auch noch als Wut?

Als ich dir schrieb, daß ich deine Liebe nicht glauben kann, habe ich dir deutlich geschrieben, daß ich dich nicht verletzen will. Ich habe diesen Brief damit beendet, daß ich dir gestanden habe, daß du – noch vor Hadass! – der wichtigste Mensch in meinem Leben bist! Niemals habe ich etwas derartiges zu irgendeinem Menschen vor dir gesagt – geschweige denn, es schriftlich festgehalten.

Was mehr erwartest du in drei Wochen von mir?

Du kennst mich kaum – aber kennst du mich nach diesen drei Wochen wirklich noch immer so wenig?

Könntest du MIR glauben, wenn ich nach drei Wochen von Liebe schreiben würde? Könntest du das wirklich?

Es tut mir weh, Hermine. Du tust mir weh. Deine Wut tut weh.

Mich gegen meinen Willen, durch deine Zeilen, auf diese beinahe gewalttätige Weise von dir erregt zu fühlen, tut weh.

Du hast mich gestern gesehen als ich bereits schlief? Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich vielleicht anders eingeschlafen, als ich es bin, denn ich habe nach meinem letzten Brief gedacht, daß der Kontakt beendet wäre und ich habe nach dem Abschicken der Eule noch kurz ein paar Dinge erledigt, bevor ich endgültig schlafen gegangen bin. Ich habe es in der Zeit geschafft, eines der Dienstmädchen und ihre Tochter völlig zu verschrecken und damit meinem Namen wieder einmal alle Ehre gemacht. Und an dich denkend, dich fühlend, dich vermissend, habe ich das Dienstmädchen danach nicht einmal von der Prozedur erlöst, in der sie mir abends die Haare macht. Sie muß es, nachdem ich sie vorher so angeschrieen habe, gehasst haben... und ich bin sicher, sie hätte mir die Bürste lieber in den Nacken geschlagen, als mich damit zu kämmen - aber ich brauchte diese kleine Berührung, ich brauchte sie so sehr, daß ich es in egoistischster Art in Kauf genommen habe, daß sie mit Widerwillen ihre Arbeit verrichtet.

An den meisten Tagen denke ich über diese Dinge nicht nach. Ich bin, wie ich schon schrieb, sehr streng mit ihnen und weiß, daß man mir deswegen im besten Fall Respekt entgegenbringt und ich erwarte auch keine Sympathien – aber gestern Abend war mir klar, daß sie sich, genau wie ich, nichts mehr wünscht, als geordnete, freie Verhältnisse – die Möglichkeit, eine Wahl zu haben, die Möglichkeit „nein" zu sagen, wenn man nicht will.

Sie vermissen Hadass alle sehr – vor allem die Kinder. Der Gedanke, daß es nicht mehr sie ist, die sie nun anleitet, sondern daß sie nun mir direkt unterstellt sind, ist für viele sicher schwer zu ertragen.

Hadass hat gesagt, ich könne manchmal nicht anders?

Vermutlich ist das wahr – aber es ist wohl keine besonders gute Entschuldigung, nicht wahr?

Hadass ist weise – viel weiser, als sie es in ihrem Alter sein kann. Ich denke, daß es das Erbe ihres Großvaters ist, das sie in sich trägt.

Weiß sie schon, daß sie keine Kinder mehr bekommen kann?

Sie hat sich immer so sehr welche gewünscht...

Es tut mir so unendlich leid für sie... aber – wie ich ebenfalls schon schrieb – mein Mitleid ändert nichts, nicht wahr? Daher ist es unwichtig, was ich davon halte. Allein was sie fühlt, zählt.

Ich habe dir weh getan, Hermine.

Und wenn wir weiter in Kontakt bleiben sollten, wird es nicht das letzte Mal gewesen sein.

Ich will dir aber nicht weh tun.

Du schreibst, ich hatte alles von dir.

Nein, Hermine – ich hatte nur alles, was du in der Situation wie sie ist, geben konntest. Aber das reicht mir nicht, denn Liebe ist ein Konzept, das mir so unverständlich ist, wie Ron Weasley die Arithmantik. Ich muß Liebe greifen können. Ich möchte dich greifen können. Ich möchte meine Hände über deinen Körper streichen lassen. Ich möchte dein Gesicht in meine Hände nehmen und dich küssen, sanft, wild, intensiv, hauchzart – in jedem Fall so lange, bis dir der Atem versagt, damit ich dir meinen geben kann. Ich will dein Herz auf meiner Haut schlagen fühlen können. Ich möchte, daß meine Haare sich auf der zerwühlten Bettdecke mit deinen vermengen, wenn wir uns ineinander und aufeinander bewegen. Ich möchte deine Lustschreie mit meinen Lippen ersticken, während wir uns gemeinsam von einem Höhepunkt zum nächsten treiben. Ich möchte dich sehen – ich weiß ja nicht einmal, wie du heute aussiehst. Zu hören, daß du dein Haar lang trägst, hat in mir sofort wieder eine Welle der Sehnsucht hochgespült und der Wunsch dich zu sehen, zu fühlen, zu riechen und zu schmecken wird übergroß.

Ich kämpfe gegen diese Wünsche an, weil sie in ihrer Unerfüllbarkeit ebenfalls nur Schmerz bewirken können, aber ich weiß jetzt schon, daß ich der Versuchung nicht mehr lange widerstehen können werde, mit irgendwem wenigstens so zu tun als ob. Es muß reichen, denn mehr ist nicht möglich.

Nein, ich will nicht, daß du gehst. Ich will auf gar keinen Fall, daß du gehst – aber ich weiß nicht, ob ich es ertrage, wenn du bleibst.

Severus