Quidditch

Die Hoffnung auf vier Stunden Schlaf sollte sich am 25. Dezember als sehr optimistisch herausstellen, denn genau 5:30 Uhr morgens verkündete episches Freudengeheul, dass Albus und James ihre Geschenke nicht nur gefunden, sondern auch für gut befunden hatten. Punkt 5:31 Uhr zeugte ein lautes Kreischen und der Ausruf „Ein iBolt Freestyle, wie geil …", dass die Marke genehm war. Später war zu erfahren, dass die Lackierung in der Trendfarbe Mitternachtsschwarz eigentlich schon seit Wochen als nicht lieferbar galt, und dass der iBolt Freestyle der teuerste serienmäßig gefertigte Flugbesen am Markt war. Natürlich waren seine Flugeigenschaften hervorragend auf die Anforderungen der Sucherposition abgestimmt.

Um 5:35 Uhr klirrte und krachte es in der Küche sehr laut, woraufhin um 5:36 Uhr Molly lauthals ein Flugverbot im Haus aussprach. 5:38 Uhr hatten die zwei Jungs allen Hausbewohnern das Versprechen auf ein Quidditchspiel nach dem Frühstück abgerungen. Danach kehrte für wenige Stunden noch einmal Ruhe ein.

Nach dem Frühstück hielt es die Jungs kaum fünf Minuten auf ihren Plätzen. Johlend zogen sie durchs Haus, auf der Suche nach ihrer Quidditchausrüstung. Wenig später schwangen sich Albus und James auf ihre Besen und starteten direkt im weitläufigen Garten der Weasleys mit dem Probeflug: Ein paar Mal flogen die beiden mit ihren neuen iBolts eher vorsichtig zwischen den Bäumen herum, doch schon nach wenigen Augenblicken testeten sie ausgeklügelte Finten, schnelle Stopps und waghalsige Wendungen. Schon bald aber wurde ihnen die Trickfliegerei zu langweilig und sie forderten lautstark die Erwachsenen zu dem versprochenen Quidditchspiel heraus. Ihren Onkel Ron brauchten sie nicht zu überreden, er war schon seit den Morgenstunden in seinem Quidditchtrikot unterwegs und war mindestens genauso erpicht auf das Spiel wie seine Neffen. Schwieriger war es dann schon bei Onkel George, der ohne Fred nicht spielen wollte. „Tut mir leid Jungs, ohne Fred gibt es für Onkel George kein Quidditch. Ich wüsste ja gar nicht, wohin ich den Klatscher schleudern sollte, wenn Fred nicht mitspielt."

„Du kannst ja Ron als Zielobjekt nehmen", schlug James vor. „Der hält ein paar Klatscher aus."

George lachte, lehnte aber dennoch ab. „Fragt doch mal die Frauen!", war das Einzige, was er noch zu dem Thema beitragen mochte.

Da es Weihnachten war und jeder Gast einsah, dass die Besen unbedingt bei einem zünftigen Quidditchspiel eingeweiht werden mussten, hatten James und Albus bald zwei Teams zusammen. Jetzt mussten nur noch die Positionen verteilt werden, was übelicherweise nicht ganz einfach war, da natürlich jeder Sucher spielen wollte. Der Sucher war nun einmal der wichtigste Spieler auf dem Feld, und in aller Regel gewann diejenige Mannschaft, deren Sucher den goldenen Schnatz fangen konnte.

Ron war schon dabei, die Positionen an einer schwarzen Schiefertafel anzuzeichnen und gleichzeitig die ersten taktischen Ratschläge zu erteilen. Als James und Albus jedoch herausfanden, dass nach Rons Meinung Ginny und Hermine Sucher spielen sollten, protestierten sie lautstark:

„Ron, es ist doch wohl klar, dass wir die Sucher spielen müssen. Immerhin haben wir die schnellsten Besen."

„Und die größten Sturköpfe!", fügte Harry lachend hinzu. „Denkt daran, dass eure Mutter damals sogar ein Angebot von den Chudley Cannons hatte."

„Ja, damals.", warf James ein. „Damals ist aber auch schon ein halbes Jahrhundert her."

„Nicht so frech, James", sagte Ron. „Hermine und Ginny sind hervorragende Fliegerinnen und für dieses Quidditch-Set wunderbar geeignet." Ron zeigte auf eine alte Holztruhe, die er vorher auf dem Tisch abgestellt hatte.

„Nicht schon wieder dieses Set", maulte James und verdrehte die Augen. „Das ist für kleine Babys und außerdem bevorzugt es Albus."

„Na dann sind wir uns ja einig, dass ihr dieses Mal Jäger spielt", erwiderte Ron mit der Gelassenheit eines guten Onkels.

„Sucher!", brüllten Albus und James gemeinsam.

Ginny hatte das Spektakel eine ganze Weile verfolgt, ohne etwas zu sagen, doch nun war mütterliche Kompromissbereitschaft gefragt:

„Schon gut, Ron. Lass sie Sucher Spielen, sonst muss ich mir diese Schmollgesichter den Rest der Ferien ansehen."

„Für mich ist es auch okay", schloss sich Hermine an. „Es ist wohl Zeit für die nächste Generation an Suchern, wir gehören schon zum alten Eisen."

Offensichtlich enttäuscht gab Ron sich geschlagen: „Also dann, James und Albus spielen Sucher, Hermine, Harry, Ginny und Bill sind Jäger und der Rest spielt Treiber. Hüter spielt jeweils der letzte Mann. Noch irgendwelche Fragen zur Aufstellung?"

Ron setzte eine wichtige Miene auf und blickte fragend in die Runde. Es meldete sich jedoch niemand, also gab Ron das Spiel frei. „Also dann …", sagte er, während er die alte Holzbox öffnete. Zuerst entließ er den goldenen Schnatz in die Freiheit. Er surrte zwei Mal vor Rons Nase hin und her, als wollte er ihn foppen und suchte dann das Weite. Dann wurden der Quaffel und die zwei Klatscher ins Spiel gebracht und ehe man sich versah, war das Quidditchspiel in vollem Gange.

Hermine genoss das Spiel mehr, als sie sich zuerst eingestehen wollte, denn Quidditch war ihrer Meinung nach ein Spiel, bei dem sich vornehmlich halbstarke Männer austoben konnten. Nun aber spürte sie den Wind im Haar und das Tempo der engen Kurven in ihren Eingeweiden. Eine positive Anspannung nahm von ihr Besitz und ließ ihre Fingerspitzen kribbeln. Behände fing sie einen Quaffel, den Ron ihr zugeworfen hatte, täuschte eine Rechtskurve an, flog dann jedoch links an Bill vorbei und beförderte den Quaffel schwungvoll durch den Ring, den man provisorisch auf der weitläufigen Wiese aufgestellt hatte.

Hermine sog die kalte Winterluft ein und atmete tief wieder aus. Ihre Augen tränten vom eisigen Flugwind und bald sah es aus, als ob sie weinen würde, doch man sah ihr an, dass ihr das Spiel große Freude bereitete. Hermine fühlte sich so lebendig wie lange nicht mehr. Sie wischte sich mit einer Hand die Tränen aus den Augen und umklammerte dann wieder mit beiden Händen ihren Besenstiel, um das nächste Flugmanöver vorzubereiten. Doch dann, ganz plötzlich, sah sie den goldenen Schnatz. Natürlich wusste sie, dass sie nicht Sucher spielte, aber der Schnatz zog ihren Blick magisch an, so sehr, dass sie beinahe einen Klatscher übersehen hätte, der mit vollem Tempo auf sie zuraste. Ron nahm sich jedoch den Klatscher vor und schlug ihn mit voller Kraft in Harrys Richtung, der im gegnerischen Team spielte.

Hermine stieß den Atem aus und nickte Ron dankbar zu, der sie daraufhin breit angrinste. „Ein bisschen musst du auch selbst aufpassen, okay?" Ron umrundete sie zwei Mal und nahm dann wieder seine Position im hinteren Teil des Spielfelds ein. Er hatte den goldenen Schnatz nicht einmal bemerkt, dabei war er in nicht mehr als fünf Metern Entfernung an ihm vorbei geflogen.

Hermine versuchte nun mit aller Macht sich auf den Quaffel zu konzentrieren und gleichzeitig nicht von einem Klatscher vom Besen geholt zu werden. Anfangs klappte das nicht so schlecht und Hermine holte sogar ein paar Punkte – eine außerordentlich gute Leistung für eine blutige Anfängerin, wie Ron ihr immer wieder versicherte. Überhaupt schien Ron sich sehr viel mehr für ihre Flugmanöver als für den Klatscher zu interessieren. Immer wieder gab er ihr Tipps und korrigierte ihre Haltung auf dem Besen.

Hermine gab sich die allergrößte Mühe, es allen Recht zu machen, doch dann sah sie wieder das goldene Blinken des Schnatzes und schon ging es mit ihrer Konzentration steil bergab. Bill passte ihr den Quaffel zu, jedoch war sie viel zu abgelenkt, um ihn zu fangen. Der Quaffel schoss weit über das Spielfeld hinaus, beschrieb dann einen großen Bogen und flog an anderer Stelle wieder ins Spielfeld hinein.

„Entschuldigung!", rief Hermine Bill zu, doch der jagte schon wieder dem Quaffel hinterher. Hermine hielt ebenfalls nach dem Quaffel Ausschau und sah, dass Ginny bereits mit ihm auf die drei Ringe zuraste. Hermine versuchte ihr den Weg abzuschneiden, doch es war schon zu spät. Ginny traf den mittleren Ring und holte damit weitere zehn Punkte für ihre Mannschaft.

Bill schaute missmutig zu ihr hinüber, nickte ihr dann jedoch aufmunternd zu. Verlieren wollte heute keiner, doch fehlte der grimmige Ernst, mit dem das Spiel sonst geführt wurde. Vielleicht auch einfach, weil Weihnachten war und alle die Bewegung und die frische Luft genossen. So hatte heute zum Glück noch kein Spieler zu heulen angefangen und auch die wütenden Beschimpfungen an die gegnerische Mannschaft hielten sich in Grenzen.

Hermine konnte jedoch tun, was sie wollte, sie wurde den verdammten goldenen Schnatz nicht los. Er schien sie regelrecht zu verfolgen und flog immer wieder kurz vor ihrer Nase vorbei. Einmal verharrte er sekundenlang in ihrer Reichweite, sie hätte nur die Hand ausstrecken müssen, um ihn zu greifen. Aber natürlich durfte man das als Jäger nicht. Das Fangen des goldenen Schnatzes war einzig und allein den Suchern vorbehalten, alle anderen durften den Schnatz nicht einmal berühren.

Durfte sie Albus helfen, indem sie ihm einfach sagte, wo der Schnatz sich herumtrieb? Verunsichert blicke Hermine sich um. Irgendwie musste sie Albus auf den Schnatz aufmerksam machen, doch der war nur damit beschäftigt, seinen Bruder zu blockieren, indem er ihm immer wieder den Weg abschnitt. Dabei war Hermine klar, dass James nur vortäuschte, den Schnatz zu sehen, denn der kleine geflügelte Ball zog es vor, kaum eine Armlänge von Hermine entfernt, lustige Spiralen zu fliegen. Danach folgte ein wildes Zickzackmuster, bei dem Hermine schon vom Hingucken übel wurde. Wie sollte sie sich dabei aufs Spiel konzentrieren?

Sie zog ihren Besen herum und ließ den Schnatz einfach hinter sich. Sollte er doch mit jemand anders seine verrückten Spielchen treiben. Energisch erhöhte sie ihr Tempo und fing einen Pass der gegnerischen Mannschaft ab und machte einen Versuch zu punkten. Allerdings war ihr Wurf auf den Ring nicht stark genug gewesen, so dass Audrey ihn mit Leichtigkeit abfing.

Hermine flog nun zu Albus hinüber und zwinkerte ihm bedeutungsvoll zu. Danach wandte sie ihren Kopf in Richtung des Schnatzes, doch Albus schaute sie nur ratlos an. Warum, bei Merlins Unterhose, sah er den goldenen Schnatz nicht? Sie versuchte es noch einmal, doch Albus beachtete sie schon gar nicht mehr, sondern verausgabte sich dabei, James von seiner Flugbahn abzudrängen. Hermine ließ sich frustriert in die eigene Spielhälfte zurückfallen. Gekonnt fing sie einen Quaffel, der ihr von Victoire zugepasst wurde und hatte in diesem Moment eine zündende Idee. Die Zeit der subtilen Hinweise war vorüber. Sie umschloss den Quaffel fest mit den Fingern, holte Schwung und schmiss ihn gegen Albus' Rücken.

„Hey!?", Albus drehte sich verärgert zu ihr. Wieder verdrehte Hermine die Augen und formte lautlos mit dem Mund das Wort Schnatz, immer und immer wieder, bis sie ein Klatscher mit Wucht vom Besen holte.

„Uff", stöhnte Hermine, als sie auf dem Boden aufschlug. Zum Glück war sie nicht besonders hoch geflogen und ein schneller Hex von Harry hatte die Landung im aufgelockerten Boden des abgeernteten Feldes noch abgedämpft. Trotzdem schnappte sie auf dem Rücken liegend keuchend nach Luft und es verging eine Weile, bis sie wieder normal atmen konnte.

„Hermine!", rief Ron, der gerade neben ihr landete. „Du musst besser auf die Klatscher aufpassen."

Nun, das wusste Hermine jetzt auch. „Ich habe … ich habe den Goldenen Schnatz gesehen. Er ist mir die ganze Zeit vor meiner Nase herumgetanzt."

„Warum hast du nichts gesagt?", fragte Albus. „Das ist immer noch besser, als mich abzuschießen."

„Entschuldige, aber ich wusste nicht, ob die Jäger beim Fangen des Schnatzes helfen dürfen. Oder ob ich ihn vielleicht sogar selbst fangen darf."

Albus lachte lauthals auf und sagte: „Also ich hätte den Schnatz auf jeden Fall gefangen und die Regeln später diskutiert."

James winkte nur ab: „Ich habe doch gesagt, dass dieser Schnatz auf den Schrottplatz gehört. Er hat einfach schon zu viele Macken."

Harry hatte den Schnatz mittlerweile eingefangen und gesellte sich zu den anderen. „Ein paar Macken kann man einem über dreihundert Jahre alten Schnatz schon zugestehen. Außerdem war dieser Schnatz der erste, der jemals in Hogwarts gespielt wurde."

„Das sagst du doch nur, weil es der einzige Schnatz war, den du behalten durftest", erwiderte James.

„Ich gebe zu, dass Viktor Krum sicher mehr als ein zwei Dutzend Schnatze in Besitz nehmen durfte, aber er hat mir im Vertrauen versichert, dass er mich um den Hogwarts-Schnatz dennoch beneidet."

„Wann darf man denn einen Schnatz behalten?", fragte Hermine nun.

„Macht ein Spieler einen besonders schönen Fang, darf er den Schnatz manchmal behalten", antwortete Harry. „Aber das passiert relativ selten, nicht wahr, Ron?"

„Die meisten Schnatze nutzen sich mit der Zeit ab, dann sind sie zu leicht zu fangen und müssen aussortiert werden", erklärte Ron. „Entweder sind sie dann ganz hinüber oder sie können noch bei den Spielen der Bambinis verwendet werden. Der Hogwarts-Schnatz ist der am längsten in offiziellen Spielen genutzte Schnatz. Leider hat er nun doch ein paar komische Eigenschaften und manchmal spielt er etwas verrückt."

„Sag ich doch", maulte James.

„Ich glaube, Hermine hätte einen spektakulären Fang gemacht", sagte Ron und sah Hermine mit zweideutiger Mine an.

Hermine wurde rot im Gesicht. So schnell würde sie sicher nicht mehr Quidditch spielen, sie nahm sich aber vor, demnächst das Buch Quidditch im Wandel der Zeiten zu lesen.