52. Abigails Geschichte

Stefanie klappte der Unterkiefer herunter. Den was? Hausfriedenszauber? Aber…das würde ja bedeuten, dass…Ihre Großmutter war also eine Hexe und sie sprach ganz normal mit ihr darüber, als hätte sie das schon immer gewusst.

Und ihr Erstaunen schien ihre Oma auch noch zu amüsieren, denn sie lächelte und sagte: „Ja, ich weiß, dass du nicht appariert bist, mein Kind, du darfst das ja noch gar nicht, aber weißt du, ich habe den Zauber ein bisschen aufgepeppt, damit er auch losgeht, wenn jemand auf normalem Weg mein Grundstück betritt… willst du nicht reinkommen?"

Immer noch sprachlos folgte sie ihr hinein und fragte sich ernsthaft, ob diese Frau wirklich die beste Freundin von McGonagall gewesen sein konnte… sie waren so unglaublich verschieden.

Ihre Großmutter nahm sogar das Wort ‚aufgepeppt' in den Mund, etwas, das McGonagall vermutlich nicht einmal verstehen würde!

Das Innere des Hauses war anders, als Stefanie es in Erinnerung hatte. Zugegebenermaßen war das nicht schwer, denn sie fast nie hier gewesen. Tatsächlich war es meistens ihre Oma gewesen, die zu ihnen gekommen war und nicht umgekehrt und das, obwohl sie kein Auto hatte und vermutlich auch nicht fahren konnte.

Sämtliche Wände des Hauses waren in strahlendem Weiß gestrichen und Innen war es viel heller, als man anhand der eher kleinen Fenster erwarten würde. Sie gingen durch einen Flur, in dem zahlreiche Bilder hingen, hinein in das Wohnzimmer, das durch eine unglaubliche Fensterfront und einer Tür bestach, die hinaus auf die Terrasse führte. Ein Kamin befand sich in der Wand, die den Fenstern gegenüberlag, und vor ihm lag ein Teppich, der sie irgendwie an den erinnerte, der auch vor dem Kamin im Fuchsbau lag. Auch auf diesem Kaminsims standen Bücher, obwohl ihre Oma sicher anderswo auch Platz gehabt hätte, und neben diesen Büchern standen Fotos, die ihren Vater zeigten, als er jung war, und ihren Großvater.

Ein Blumentopf, der Flohpulver enthielt, stand hier nicht herum. Stefanies Blick heftete sich auf ein besonders großes Foto, das auf dem Sims stand. Es musste sehr alt sein, denn ihr Vater war noch ein Baby, das, in eine weiße Spitzendecke gehüllt, in den Armen seiner noch nicht einmal dreißigjährigen Mutter lag. Und diese Mutter sah Stefanie tatsächlich recht ähnlich. Sie trat näher heran, ohne, dass sie recht merkte, wie ihre Oma sie belächelte, und musterte die beiden. Hinter ihnen stand ihr Großvater, er war größer als ihre Oma, musste also ein richtiger Riese gewesen sein, war ihre Oma doch größer als Stefanie es war, und er war schlank. Nicht breit gebaut, wie die Zwillinge oder Bletchley, sondern eher wie Christoph und ihr Vater. Sein Haar war schwarz und es fiel ihm auf eine Art und Weise ins Gesicht, als würde er sich nicht daran stören, dass es nicht glatt und gekämmt war, sondern so aussah, als wäre er gerade einen Hügel herunter gerannt. Er und seine Frau lächelten glücklich und auch ihr Vater schien ein zahnloses Grinsen von sich zu geben, was aber auch nur so aussehen könnte – bei Babys wusste man ja nie.

„Ja", hörte sie die Stimme ihrer Großmutter hinter sich, „das ist Michael als Baby… und natürlich Nathaniel, mein verstorbener Mann. Und ich, wie du vielleicht erkannt hast."

Stefanie nickte. „Ja…." Sie schluckte. „Mir wurde schon gesagt, dass wir uns ähnlich sehen…"

„So? Wer hat das denn gesagt?"

Stefanie drehte sich um und sah, dass ihre Großmutter sich in einen hohen Lehnstuhl gesetzt hatte. Ihre Beine hatte sie übereinandergeschlagen und sie strahlte viel mehr Schönheit und Eleganz aus, als es für eine Frau in ihrem Alter normal war.

„Oh… Minerva McGonagall zum Beispiel." Gespannt wartete sie auf die Reaktion ihrer Großmutter und tatsächlich trat ein Glitzern in ihre Augen. „Hat sie das?"

Stefanie setzte sich ihr gegenüber und nickte. „Ja, das hat sie."

„Und, wie geht es ihr inzwischen so? Weißt du irgendetwas Genaueres?" Aber sie ließ ihr keine Zeit zu antworteten, sondern redete an ihrer Stelle weiter: „Vermutlich nicht, sie wird sich als Lehrerin sicher nicht gesprächig gegenüber ihren Schülern zeigen… Außerdem…"

Stefanie sah sie neugierig an. „Wieso weißt du, dass sie Lehrerin ist, habt ihr wieder Kontakt?"

Ihre Oma lächelte sie mitleidig an, als hätte sie den Weltuntergang verpasst. „Oh, natürlich haben wir das. Sie hat mir all das über deine Schulerfolge geschrieben, dass deine Eltern mir nicht sagen konnten. Sie hat mir auch schon verraten, dass du ein ‚Ohnegleichen' in Verwandlung geschafft hast."

„Wirklich? Habe ich?" Ihr Gesicht hellte sich auf und sie setzte sich ein wenig aufrechter hin. Ein Ohnegleichen in Verwandlung wäre ja schon einmal ein guter Anfang.

„Natürlich. Sie hat vor ein paar Monaten wieder begonnen, mir zu schreiben und musste wohl eine Menge nachholen. Ihr erster Brief bedeckte vier Pergamentblätter und es ging dabei eigentlich nur um dich. Und sie hat ein wenig mit mir geschimpft, aber das werde ich jetzt großzügig auslassen."

Stefanie schüttelte ihren Kopf, immer noch ein wenig benommen. McGonagall hatte mit ihr geschimpft? Weil sie es verabsäumt hatte, ihren Sohn über dessen magische Fähigkeiten zu informieren, oder weil sie sich nie mehr gemeldet hatte? Wie dem auch sei – nun schien der Briefkontakt zwischen ihrer Verwandlungslehrerin und ihrer Oma wieder hergestellt zu sein und das bedeutete vermutlich auch, dass jede von Stefanies (Un-)Taten ihr bekannt sein dürfte.

„Und ich habe gehört, dass du dich viel mit Weasleys herumtreibst." Sie lächelte nachsichtig. „Sie sind ja eine nette Familie, zu meiner Zeit gab es zwar gerade keinen an der Schule, aber irgendeine meiner Tanten hat einen geheiratet…" Ihr Blick verlor sich in der Ferne, als würde sie nachdenken und Stefanie begann sich zu entspannen. So würde ihre Oma zumindest keine Fragen stellen und genug Zeit haben all ihre Fragen zu beantworten.

Und mit McGonagall sollte sie mal ein Wörtchen reden. Sie konnte ihre Oma doch nicht von dem ganzen Unsinn schreiben, den sie so anstellte!

„Weißt du, als ich in deinem Alter war, habe ich ja auch jede Menge Unsinn angestellt… aber nicht so wie du. Ich glaube, ich hatte einfach nicht die richtigen Freunde, um Schneebälle zu verhexen und sie Slytherins auf den Hals zu jagen, oder Stinkbomben in Snapes Kessel platzen zu lassen."

Stefanie versuchte nicht rot zu werden und tat, als hätte sie großes Interesse an dem Tisch, der zwischen ihnen stand.

„Erzähl mir doch ein wenig von ihnen, das würde ich gerne aus erster Hand hören."

Also begann Stefanie von Fred und George zu erzählen und somit eigentlich von ihrer ganzen bisherigen Schulzeit, wobei sie auch Angelina und Alicia nicht zu kurz kommen ließ und auch Lee blieb nicht unerwähnt.

Ihre Großmutter schien großen Gefallen daran zu finden, ihr zu lauschen und sie von Orten sprechen zu hören, die sie selbst vor vielen Jahren aufgesucht hatte.

Als sie fertig war, lächelte ihre Großmutter. „Jetzt kenne ich dich sehr gut. Nur eines kann ich nicht sagen. Warum bist du eigentlich hier?"

Stefanie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her und fragte sich, warum ihre Großmutter diese Frage erst jetzt gestellt hatte. Wusste sie es nicht schon lange? Konnte sie sich das nicht denken? Hatte McGonagall ihr das nicht auch erzählt?

„Ich … letztens Jahr hat Dumbledore mich in sein Büro gebeten…"

„Professor Dumbledore… tut mir Leid, aber als ich jung war, war er mein Lehrer, ich kann nicht anders, als dich auszubessern…" Sie lächelte und Stefanie nickte.

„Ich sollte ihn wohl auch so nennen, aber… es liegt mir einfach nicht, vor jeden Namen ein 'Professor' zu hängen… Wie dem auch sei, er hat mich zu sich geholt und mir gesagt, dass mein Vater ein Zauberer ist."

Ihre Großmutter wurde ein klein wenig blass, obwohl sie es hätte wissen müssen. Sonst wäre Stefanie doch nicht zu ihr gekommen.

„Und ich bin hier, weil ich gerne von dir hören möchte, wie es kommt, dass er das nicht weiß."

Sie konnte den Vorwurf aus ihrer eigenen Stimme heraushören und ihre Großmutter hörte ihn auch.

„Woher weiß Dumbledore das?", fragte sie mit schwacher Stimme und Stefanie runzelte ihre Stirn.

„Er hat mir eine Liste gezeigt. Eine Liste mit sogenannten 'Verlorenen'. Zauberer, die in der Nachkriegszeit eingeschult hätten werden müssen und es nicht wurden, weil die Schule zerstört worden war und niemand daran dachte, dass es noch Muggelgeborene geben könnte, nachdem alle Zaubererfamilien das Land verlassen hatten."

„Nun, nicht alle, wie du siehst." Ihre Oma lächelte schwach. „Ich kam erst in der Nachkriegszeit hierher…"

Stefanie wurde hellhörig, denn sie hatte sich bisher keine erfolgreichen Theorien überlegt, weswegen ihre Oma hergekommen war, war sie doch offenbar in England aufgewachsen.

„Ich werde es dir wohl erzählen müssen… nachdem du extra deswegen hergekommen bist…" Sie seufzte schwer und stand dann auf. Stefanie sah ihr dabei zu, wie sie begann, im Raum auf und ab zu schreiten, ihre Hände hinter ihrem Rücken verschränkt. Dann blieb sie vor dem Kamin stehen und wandte ihr nur ihre Rückseite zu. Ihre Augen waren wohl auf die Bilder geheftet, als würde sie aus ihnen Kraft für das kommende Gespräch ziehen wollen.

„Ich glaube, dass du weißt, dass mein Mädchenname Price lautet. Meine Familie ist eine der wenigen reinblütigen Zaubererfamilien Irlands und dort hatten wir auch unseren Familiensitz. Ich war ein Einzelkind und die Letzte, die diesen Namen trug, denn mein Vater hatte keine Brüder, nur zwei Schwestern, zu denen er den Kontakt verloren hatte, und ich hatte auch keine Brüder. Also habe ich den Namen Price verloren gehen lassen, als ich Nathaniel Galen heiratete und seinen Namen annahm und mit dem Tod meiner Eltern ist der Name verschwunden."

Sie machte eine kurze Pause, aber Stefanie sah ihr Gesicht nicht, so sehr sie auch ihren Kopf reckte.

„Ich hatte immer vorgehabt, Heilerin zu werden, aber in meinem letzten Schuljahren in Hogwarts ging etwas furchtbar schief und ich fühlte mich in Britannien nicht mehr wohl. Ich musste weg von dort, hatte das Gefühl, als würde mir die Luft zum Atmen fehlen. Zum Glück, und es ist gemein, das zu sagen, starb zur selben Zeit meine Tante und mein Onkel kam zu uns, um meinem Vater mitzuteilen, dass er nach Österreich gehen wollte, um einen Neuanfang zu starten. Der Krieg war vorüber und das Land brauchte helfende Hände. Er glaubte, dass das genau das Richtige wäre, um sein verwitwetes Herz neu zu beseelen. Nun, ich brauchte auch einen Neuanfang, also ging ich mit ihm. Meine Eltern waren natürlich dagegen, aber ich war schon immer rebellisch veranlagt gewesen und hatte meinen eigenen Kopf.

In Österreich gab mein Onkel sich als britischer Besatzungssoldat aus und ich als seine Tochter. Gerade einmal 18 war ich und, auch wenn man das ja nicht von sich sagen soll, recht hübsch.

Allerdings musste mein Onkel feststellen, dass es in Österreich anders aussah, als gedacht. Sämtliche Zaubererfamilien hatten dem Land den Rücken gekehrt und da er nichts gelernt hatte, außer der Magie, konnte er dort nicht viel mit sich anfangen. Er blieb nur zwei Jahre, dann ging er zurück. Ich aber blieb, aus zwei Gründen. Es ist vielleicht schwer für dich, das zu verstehen, aber ich hatte damals das Gefühl, dass mein Neuanfang ein Leben ohne Magie sein sollte. Ich hasste sie, habe sie lange Zeit gehasst. Es kam mir so vor, als wäre die Magie schuld an all dem, was mir schlimmes passiert ist und ich wollte einfach nur noch vergessen, dass ich jemals zu zaubern gelernt hatte. Ich habe meinen Zauberstab nicht zerbrochen, aber ich habe ihn nicht mehr angesehen und mir einfach nur gewünscht, das Leben eines Muggels führen zu können. Mir kam es gerade recht, dass keine Zauberer mehr im Land waren. Und dann war da natürlich noch Nathaniel, dein Großvater, in den ich mich inzwischen verliebt hatte. Er war der Sohn eines Bauers. Bauern waren Gewinner in dieser Zeit, denn sie hatten, was andere brauchten. Sein Vater machte viel Geld und ermöglichte Nathaniel sogar ein Studium. Er war also ein junger und ambitionierter Richter, als wir uns verlobten und, wie du vielleicht weißt, ein paar Jahre älter als ich. Wir heirateten und ich dachte nicht einmal daran, ihn in mein Geheimnis einzuweihen. Er hatte sich in die Tochter eines Besatzungssoldaten verliebt, nicht in eine Hexe, die der Magie abgeschworen hatte. Und du kannst mir glauben, dass ich glücklich war. Ich habe das Leben als Muggel wirklich genossen und mich vor dem Tag gefürchtet, an dem ich mich ihm als Lügnerin offenbaren würde müssen." Sie seufzte tief und drehte sich um. In ihren Augen glaubte Stefanie Tränen schimmern zu sehen und rasch lenkte sie ihren Blick auf das Medaillon, das ihre Großmutter trug.

„Michael kam zur Welt und alles hätte wunderbar sein können. Ich wusste aber, dass er vermutlich meine Fähigkeiten geerbt haben würde und fürchtete jeden Tag, Nathaniel könnte merken, dass etwas an ihm besonders war. Er wurde älter, er zeigte magische Fähigkeiten…" Ihre Stimmte begann leicht zu zittern und sie brauchte einige Sekunden, um sich wieder zu fassen. „Aber Nathaniel war ein viel beschäftigter Mann. Er war nie da, wenn Michael etwas geschehen ließ und ich dachte nicht daran, es ihm zu erzählen. Ein paar Mal kam mir der Gedanke, dass ich mich überwinden müsste, dass es nur schlimmer würde, wenn ich es hinausschieben würde, aber..." Sie schluckte.„Aber ich habe es nie gesagt." ihre Stimme schien zu versagen und Sekunden vergingen, während Stefanie sie einfach nur anstarrte. Ihre Gedanken kreisten umher, aber sie alle drehten sich um die eine Tatsache, dass ihre Großmutter, die als Gryffindor eigentlich mutig und selbstlos hätte sein müssen, etwas derart falsches getan hatte.

„Ich muss gestehen, dass ich es hinausgeschoben habe. Ich dachte mir, dass er mit elf Jahren sowieso seinen Brief bekommen würde, dann wäre ich gezwungen, das Richtige zu tun, und zu gestehen."

„Den Brief?", hakte Stefanie nach und ihre Großmutter nickte.

„Natürlich, den Brief von der Zauberschule…"

„Aber… die Schule war zerstört…", warf Stefanie zögernd ein und ihre Großmutter blickte sie direkt an. Nun lag mehr als Traurigkeit in ihrem Blick, sondern etwas, so kam es Stefanie vor, wie eine Last, die sie jahrelang in ihrem Inneren hatte verschließen müssen.

„Genau. Und das wusste ich nicht." Sie seufzte wieder und klang so elend, dass Stefanie sie am liebsten in den Arm genommen hätte. „Natürlich bekam er keinen Brief und während ein Teil von mir sich fragte, ob er vielleicht nicht begabt genug wäre, ob die Aufnahmekriterien in Europa strenger wären, als in Britannien, da war der andere Teil einfach nur froh. Ich würde es Nathaniel nicht gestehen müssen. Ich würde mit der Lüge davon kommen. Und das tat ich. So lange Nathaniel lebte, habe ich das Leben eines Muggels gelebt, wie ich es mir gewünscht hatte. Erst nach seinem Tod, als Michael schon lange aus dem Haus war, habe ich begonnen, wieder Magie anzuwenden. Und Michael... nun, du weißt ja, dass er nie gelernt hat, Magie anzuwenden, wie du und ich es tun. Er hat eine normale Schule besucht, er hat studiert, er ist Arzt geworden... und ein verdammt guter noch dazu. Ich weiß, ich habe nicht das Beste getan, aber er hat viele Leben gerettet, auf diese Weise."

Sie setzte sich wieder in den Lehnstuhl und blickte mit leicht verschleiertem Blick auf etwas hinter Stefanie. Diese schluckte und ihr wurde schwer ums Herz. Sie hatte ihre Großmutter immer gemocht, aber diese Geschichte machte es ihr schwer, sie noch mit diesen Augen zu sehen. Sie wusste nicht recht, ob sie ihr verzeihen konnte, dass sie ihrem Vater verschwiegen hatte, was er war, nur, weil sie zu feige und egoistisch gewesen war, um zu ihren Lügen zu stehen. Natürlich schien es, als würde sie es heute gewissermaßen bereuen, aber andererseits versuchte sie ganz offensichtlich, es sich selbst schön zu reden, in dem sie betonte, dass Stefanies Vater als Arzt ja Menschen vor dem Tod bewahrt hatte, die er andernfalls nicht gerettet hätte. Stefanie musterte ihre Großmutter abschätzig und ihr Magen rebellierte. Sie versuchte, zu verstehen, wieso sie so gehandelt hatte, aber es gelang ihr nicht. Wenn man jemanden liebte, dann war man ihm gegenüber doch grenzenlos ehrlich! Wenn sie sich die Beziehung ihrer Eltern ansah, dann sah sie nur Offenheit, Vertrauen und Liebe. Ein so großes Geheimnis, oder eher Lüge, in einer Beziehung sprach für Stefanie nicht für Liebe.

Nein, so sehr sie sich auch bemühte – es gelang ihr nicht, ihre Großmutter zu verstehen.

„Ja, es ist traurig, nicht wahr?" Nachdenklich fuhr ihre Großmutter sich durch ihr Haar. „Ich habe das Ganze lange mit mir herumgetragen und es hat mich auch belastet. Und als ich dann – Michael war schon verheiratet und Christoph war auf dem Weg, das Licht der Welt zu erblicken – endlich erfahren habe, dass die Schule zerstört und nicht wieder aufgebaut worden ist, da musste ich tatsächlich lachen. Welche Ironie. Als ich dann dich zum ersten Mal sah, wusste ich, dass du auch eine Hexe warst. Und Marie."

„Und Christoph?", fragte Stefanie vorsichtig nach und ihre Großmutter lächelte.

„Er ist so unmagisch, wie man nur sein kann. Aber das macht ihn nicht zu einem weniger liebenswerten Menschen, nicht wahr?"

Stefanie zuckte mit ihren Schultern. Sie hatte das Gefühl, ihren Bruder kaum zu kennen und das Schlimmste war, dass sie es nicht bedauerte.

Als hätte ihre Großmutter ihre Gedanken gelesen, sagte sie: „Ja, ja, so ist das, wenn man das Jahr an einem Ort verbringt, der im Gegensatz zu Zuhause unterschiedlicher nicht sein könnte, oder irre ich mich?"

Sie sagte nichts, aber das war auch nicht nötig.

Ihre Großmutter warf einen Blick auf die Uhr, die über dem Kamin hing, und gab ein Geräusch von sich, als wäre ihr etwas eingefallen.

„So spät schon? Du solltest los, nicht, dass du in der Nacht heimfahren musst." Sie schüttelte ihren Kopf und leise fügte sie hinzu: „Und ich habe dir nicht einmal meinen Marillenkuchen angeboten…"

Stefanie stand auf, noch immer ein wenig benebelt von dem, was sie gehört hatte, und stockte, als ihr etwas einfiel.

„Warte, ich habe noch etwas für dich."

Sie griff in ihren Beutel und fischte nach dem Zeugnis, aber fand es nicht sofort, weil sie so viel in dem magischen Säckchen aufbewahrte. Sie holte den Schnatz heraus, den sie vor fast einem Jahr mit den Zwillingen gefunden hatte, ihr Schulbuch in Alte Runen, ein Fässchen Tinte und schließlich endlich das Zeugnis.

„Hier, Christophs Zeugnis", sagte sie, stand auf und hielt es ihrer Oma hin, aber diese blickte nicht darauf, sondern auf etwas, das Stefanie auf den Tisch gelegt hatte.

Wie hypnotisiert ging sie auf den Tisch zu, streckte ihre Hand aus und hielt inne, als sie über dem Schnatz schwebte.

„Ist das…?", fragte sie und Stefanie sah sie verständnislos an.

„Ein Schnatz, ja…"

Ehe sie etwas sagen konnte, hatte ihre Großmutter den Schnatz hochgehoben und in ihre Hand genommen. Sie schloss sie zu einer Faust um ihn und drehte sich zu Stefanie.

„Weißt du", sagte sie, die Faust immer noch geschlossen, „ich war Sucherin."

Stefanie nickte. „Ich weiß."

Ihre Großmutter öffnete ihre Faust und zu Stefanies großen Überraschung hatte der Schnatz sich geöffnet.

Dass Schnatze Körperspeicher hatten, wusste Stefanie, und dass auch einiges hineinpasste, hätte sie eigentlich nicht überraschen dürfen, denn ein Schnatz hatte einen Durchmesser von fünf Zentimetern.

Trotzdem war sie unendlich erstaunt, als in dem Schnatz zwei Siegelringe lagen.

Und ihrer Großmutter schien es genauso zu gehen.

„Oh…" machte sie und blickte zu Stefanie, die nicht minder erstaunt war.

„Aber… sie öffnen sich nur, wenn der, der sie zuerst gefangen hat…" Und da ging ihr ein Licht auf. Abigail. „Als ich ihn berührt habe", begann sie aufgeregt zu erzählen, „erschien am Rand dein Name!"

Aber ihre Großmutter hörte ihr nicht zu. Sie hatte einen der beiden Siegelringe herausgenommen und sah ihn mit einem merkwürdigen Blick an.

Zuerst schien es, als würden sich Tränen in ihren Augen sammeln, aber dann sah sie Stefanie scharf an. „Woher hast du den?" Ihre Stimme klang ein wenig schrill, drängend und neugierig.

„Äh… gefunden." Sie schluckte und sagte dann schnell: „Wir, also die Zwillinge und ich, haben mit einem Niffler die Gegend abgesucht und er hat ihn uns ausgegraben… so genau weiß ich das auch nicht mehr… in der Nähe des Quidditchfeldes, glaube ich…"

In den Blick ihrer Großmutter war nun wieder der seltsame Ausdruck getreten und wie durch einen Schleier, so schien es, sah sie auf den Ring. „Natürlich. Dort wo er ihn vergraben hat."

„Verzeih, Oma… aber wer?" Von wem redete sie die ganze Zeit? Warum hatte sie ihren Schnatz mit zwei Ringen gefüllt und dann war er vergraben worden? Warum hatte sie ihn dann nicht ausgegraben? Zahlreiche solcher Fragen schwirrten durch Stefanies Kopf und sie setzte sich wieder hin, damit sie mit ihrer Oma auf Augenhöhe war.

„Es ist… eine lange Geschichte…", murmelte sie und seufzte dann, als würde sie sich ergeben müssen. Und es war ihre Kapitulation.

„Na gut, du hast heute einen Teil meiner Lebensgeschichte gehört, aber nicht alles. Ich wollte dir nicht alles erzählen, aber es scheint, als würde ich das nun müssen. Erst einmal, habe ich gesagt, dass mein Vater keinen Kontakt mehr zu seinen Schwestern hatte. Das stimmt… aber es hatte auch seinen Grund. Nein", sagte sie und hob die Hand, als Stefanie etwas sagen wollte, „du willst hören, was es mit dem hier", sie hob den Schnatz hoch, „auf sich hat, also hörst du dir alles an."

Stefanie ließ sich zurück in den Stuhl sinken und schwieg. Leise räusperte Abigail sich, dann begann sie fortzufahren: „Wie gesagt, die Familie Price war alt und sehr reich. Ein riesiger Landsitz war unser Zuhause und er war immer gut gefüllt, denn dort lebten nicht nur meine Eltern mit mir, sondern auch mein Großvater und meine Tanten, mit ihren Männern und meinen Cousins und Cousinen. Aber dann starb mein Großvater und er hinterließ alles, wirklich alles, meinem Vater. Das machte seine Schwestern unendlich wütend, sie fühlten sich hintergangen und zurückgestellt, nur, weil sie keine Männer, sondern Frauen waren. Mein Vater konnte nichts für all das, er wollte ihnen ja Sachen geben, sie entschädigen, aber sie wollten nicht. Blind vor Zorn nahmen sie ihre Familien und gingen. Sie ließen mich und meine Eltern alleine in dem riesigen Haus zurück, das plötzlich noch größer erschien, als zuvor schon. Es war nicht für drei Leute gemacht, aber wir zogen nicht um.

Als ich mit elf Jahren nach Hogwarts kam, traf ich meine Cousins und Cousinen wieder, aber meine Tanten hatten ihnen inzwischen erfolgreich eingeredet, dass mein Vater böse wäre und das alles gewollt hätte und so redeten sie nicht mehr mit mir.

Ich kam nach Gryffindor und Minerva wurde meine beste Freundin. Wir beide spielten Quidditch, ich als Sucherin, sie als Jäger und wir beide waren nicht schlecht darin.

Natürlich hatten auch wie unsere Differenzen mit den Slytherins und einer davon war der Schlimmste. Er sah gut aus, war klug und konnte charmant sein, wenn er wollte. Aber er war ein Slytherin und spielte als Hüter in seinem Team.

Bei einem Spiel dann geschah es: Der Treiber der Slytherins hatte Minerva furchtbar getroffen, sie war verletzt und zutiefst traumatisiert. Sie hat danach nie wieder gespielt, sich nicht einmal mehr auf einen Besen gesetzt. Es war furchtbar.

Da ich den Treiber nicht kannte, musste ich meine Wut an einem anderen Spieler der Slytherins auslassen und in meinem Jahrgang war nur dieser Hüter. Also fing ich ihn ab und schrie ihn dermaßen zusammen, dass es ein Wunder war, dass uns niemand hörte. Ich weiß nicht, wie es geschehen konnte, aber es endete damit, dass wir…" Sie wurde ein wenig rot und strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr.

„Euch geküsst habt?", riet Stefanie und ihre Großmutter nickte, immer noch mit roten Wangen.

„Genau. So endete es. Von diesem Moment an hatten wir eine heimliche Beziehung. Ich erzählte niemandem davon, vor allem nicht Minerva. Ich meine, er war ein Slytherin! Wir beide, er und ich, hatte diesen Schnatz…" Sie wies auf den goldenen Ball, der immer noch in ihrer Hand lag, „wir hatten ihn zusammen gefangen. Es war nur zum Spaß gewesen, zum Üben, wir wussten nicht, dass es ein neuer Schnatz war. Wir fingen ihn zugleich… meine Hand unter seiner, und dann haben wir festgestellt, dass der Schnatz sich öffnet, wenn ich ihn berühre und auch dann, wenn er es tut."

„Als ich ihn berührt habe, erschien dein Name darauf", sagte Stefanie erneut und sie lächelte. „Tatsächlich? Erstaunlich…"

„Es muss daran liegen, dass wir verwandt sind", mutmaßte Stefanie, aber ihre Oma ging nicht mehr darauf ein.

„Auf jeden Fall hatten wir dort beide die Siegelringe unserer Familien verstaut. Symbolisch für unsere Beziehung, für unsere Zusammengehörigkeit. Es funktionierte alles wunderbar und wir beide hatten auch bereits Pläne für unsere Zukunft gemacht. In meinem letzten Schuljahr, war der Kampf um den Quidditchpokal ganz besonders hart. Gryffindor und Slytherin waren gleichauf und es war das letzte Spiel der Saison... Ich gehörte zu den besten meines Jahrgangs und... ich habe es Minerva zuliebe getan. Ich konnte nicht vergessen, was die Slytherins ihr angetan hatten und auf keinen Fall konnte ich zulassen, dass sie uns den Quidditchpokal wegnehmen! Also habe ich ihren besten Jäger verhext, sodass er beim Spiel ein jämmerliches Bild abgegeben hat. Wir haben gewonnen aber..." Sie seufzte und brauchte einen Moment, ehe sie fortfuhr, „aber Mikael hat das natürlich nicht so gut aufgenommen. Niemand hatte mich verdächtigt, aber er kannte die Signatur meiner Zauber nur zu gut. Er wurde wirklich wütend, hat mir vorgeworfen, in Schubladen zu denken, die Häuser Hogwarts als Wände zu sehen, die Menschen trennen, und mich zu sehr davon beeinflussen zu lassen... wir hatten diesen Streit und er endete damit, dass er unsere Beziehung beendete. Er nahm den Schnatz und hat ihn wohl vergraben. Und ich blieb mit gebrochenem Herz zurück. Das war der Grund, wieso ich einfach nur weg wollte. Und auch der Grund, warum ich mich von meiner Magie distanzieren wollte. Sie hat mir nichts gutes gebracht."

„Aber du hast Papa nach ihm benannt", stellte Stefanie fest und sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Nun sei nicht albern, natürlich nicht. Ich habe ihm die deutsche Version des Namens gegeben, damit ich ihn neu besetzen kann. Wenn ich dann an Michael gedacht habe, war es dein Vater, der mir in den Sinn kam und das war gut so."

Das machte Sinn und eine Weile sah Stefanie ihre Großmutter schweigend an und dachte über die Geschichte nach. Sie selber hatte nie ein gebrochenes Herz gehabt und es fiel ihr schwer, sich so weit in sie hinein zu versetzen, dass sie ihre Beweggründe für das Auswandern und dem Entsagen der Magie wirklich verstehen konnte, aber zumindest ansatzweise machte es Sinn.

„Du hättest dich entschuldigen können", sagte Stefanie schließlich und fing den Blick ihrer Großmutter auf. „Bei Mikael. Was du getan hast, war ziemlich unsportlich und es war sein gutes Recht, wütend zu sein. Aber wenn ihr euch wirklich geliebt habt, dann hättet ihr doch darüber hinweg kommen können."

„Natürlich, du hast Recht. Ich war im Unrecht, er war im Recht. Aber damals habe ich das nicht so gesehen." Sie seufzte. „Ich fand, dass die Slytherins Minerva damals schlimmeres angetan hatten und sah nicht ein, wieso er das nicht verstand. Ich kochte vor Wut, gleichzeitig war ich unendlich traurig. Für die restlichen Wochen des Schuljahres sahen wir einander nicht mehr an, sprachen nicht mehr miteinander, waren Luft für einander. Ich habe viel geweint, aber ich habe nicht eingesehen, dass ich mich entschuldigen hätte sollen. Später wurde mir klar, dass er Recht hatte, nicht ich, aber..." Sie zuckte mit den Schultern. „Es war zu spät."

„Nein!", begehrte Stefanie entsetzt auf. „Wieso sollte es zu spät gewesen sein? Du hättest dich nur entschuldigen müssen! Einen Brief schreiben!"

Zu ihrer Überraschung lächelte ihre Großmutter und sie tat es auf eine nachsichtige Art und Weise, als würde sie ihr erklären, warum man nicht so viele Süßigkeiten essen durfte.

„Ich hatte mich für einen bestimmten Weg entschieden und diesen Weg musste ich weitergehen. Natürlich war es nicht unbedingt der beste Weg, aber es gab kein Zurück."

Sie seufzte wieder und spielte ein wenig mit den Ringen herum. „Außerdem", sagte sie dann, „hätte es weder deinen Vater, noch dich oder deine Geschwister gegeben, hätte ich es anders gemacht."

Das stimmte und daran hatte Stefanie auch nicht gedacht. Dennoch fühlte sich ihr Herz schwerer an, als zuvor und sie spürte einen Klos in ihrem Hals.

„Deswegen musstest du weg. Als du fertig warst, wolltest du so viel Landmasse wie möglich zwischen dich und ihn bringen", sagte sie und Abigail nickte.

„Genau so war es… nun, ich habe es verkraftet und Nathaniel gefunden, den ich auch geliebt habe… natürlich…" Sie seufzte leise, „…ganz vergessen konnte ich Mikael nicht."

Sie fuhr mit ihren Fingern immer wieder über ihr Armband und blickte nicht von dieser Tätigkeit auf, bis sie sagte: „Er hat inzwischen sicher auch Enkel. Wer weiß, vielleicht gehen sie sogar nach Hogwarts."

Das konnte natürlich sein, stimmte Stefanie ihr im Gedanken zu und nicht nur aus Höflichkeit, sondern hauptsächlich aus Neugierde, fragte sie: „Wie hieß er denn mit Nachnamen?"

Ein Lächeln huschte über das Gesicht ihrer Oma, als sie daran dachte und offenbar weckte der Name angenehme Erinnerungen in ihr. „Er hieß Blechtley. Mikael Blechtley."

In Stefanie erstarrte etwas und das Tintenfass, das sie gerade wieder in ihren Beutel hatte geben wollen, glitt aus ihren Händen und fiel zu Boden.

Ungläubig blickte sie ihre Großmutter an. Das konnte nicht sein, sie musste sich verhört haben!

„Offenbar hat er Enkel", sagte Abigail ohne jede Wehmut in ihrer Stimme. Im Gegenteil, nun wirkte sie eher neugierig und achtete nicht auf die Tinte, die sich auf ihrem Boden verteilte.

„Wie heißt er? Wie sieht er aus? Oder, lass mich raten… attraktiv, schöne Züge, türkisblaue Augen, helle Locken, breiter gebaut, muskulös und schlank. Und nicht dumm, natürlich. Und wenn er nach seinem Großvater kommt, auch noch Hüter."

Und all das traf mit solch erschreckender Genauigkeit, dass Stefanies Finger zu zittern begannen. Sie nickte langsam. „Er heißt Miles. Miles Bletchley."

„Und er gefällt dir."

Stefanie fixierte die Tinte auf dem Boden und versuchte, nicht rot zu werden. „Man muss blind sein, wenn er einem nicht gefällt", murmelte sie leise und beobachtete, wie der Boden die Flüssigkeit aufzusaugen schien, bis nichts mehr übrig blieb, als die Scherben. Keine Spur war mehr von der Tinte zu sehen und nun sickerten auch langsam die spitzen Glasteile in das Holz und verschwanden. Ein raffinierter Haushaltszauber, schoss ihr durch den Kopf, aber sie fragte nicht danach.

„Sieh nur zu, dass du nicht dieselben Fehler machst, wie ich", hörte sie Abigail sanft sagen. „Ein Haus, ist nur ein Haus und nicht einmal ein echtes. Es sagt nicht immer etwas über den Charakter eines Menschen aus und vor allem sollte man sich nicht in seinem Haus einsperren lassen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diese Häuser in Hogwarts eher hinderlich sind. Sie schaffen Barrieren und eine Zugehörigkeit, die gleichzeitig ausgrenzt. Sieh nur zu, dass du dich davon nicht beeinflussen lässt. Und merk dir, ein Haus sollte nicht im Weg stehen."

Sie seufzte und blickte wieder auf die Ringe, während Stefanie ihre Worte verarbeitete.

„Ich glaube, dass dieser hier dir zusteht." Und sie nahm einen der beiden und steckte ihn Stefanie an den rechten Ringfinger. Ein P war darauf zu sehen, inmitten eines Wappens, auf dem Stefanie ein Einhorn erkennen konnte.

„Und den hier…" Ihre Großmutter hielt den anderen Ring hoch und legte ihn dann wieder in den Schnatz. Er verschloss sich und mit ihm den Ring.

„Behalt ihn", schlug Stefanie vor, aber Abigail schüttelte entschlossen den Kopf. „Gib den deinem Miles. Er soll ihn Mikael geben und dann ist alles wieder da, wo es hingehört."

„Gib ihn Mikael selber", schlug Stefanie leicht trotzig vor, weil es ihr nicht gefiel, dass ihre Großmutter ‚deinem Miles' gesagt hatte.

„Nein. Ich kann nicht rückgängig machen, was ich einst falsch gemacht habe. Man hat nur eine Chance das Richtige zu tun, die richtige Entscheidung zu fällen und ich habe mich für etwas anderes entschieden. Bitte Stefanie, tu das für mich. Gib ihm den Ring. Bitte."

Stefanie schwieg eine Weile, dann nahm sie zögernd den Schnatz und ließ ihn in ihren Beutel gleiten.

„In Ordnung", sagte sie, aber ihre Stimme klang hölzern, sie konnte selbst hören, dass sie nicht zufrieden war.

„Gut", murmelte Abigail und schniefte leise. Dann fiel ihr Blick auf die Ohr. „Oh, es ist so spät… du kannst nicht mehr heimradeln, ich werde dich heimbringen."

Sie stand auf und Stefanie tat es ihr gleich. „Ich nehme nicht an, dass du schon apparieren kannst?"

Stefanie schüttelte den Kopf. „Dann nimm jetzt meinen Arm und denk nicht, ich hätte keinen Apparierschutz auf meinem Haus liegen, aber ich kann ihn umgehen."

Stefanie nahm den ihr dargebotenen Arm und fragte sich gerade, ob es ähnlich sein würde, wie Flohpulver zu benutzen, oder einen Portschlüssel zu nehmen, aber das war es nicht.

Der Arm ihre Großmutter schien von ihr weggezogen zu werden und sie umklammerte ihn fester. Es wurde schwarz um sie und sie schloss ihre Augen, während ihr war, als würde etwas ihren Körper zusammenpressen, als würden sich Seile um sie schlingen und immer fester zuziehen. Sie konnte nicht atmen, sich nicht bewegen, nicht mehr denken … und dann hörte es auf.

Sie öffnete ihre Augen und fand sich vor dem Zaun ihres Elternhauses wieder.

„Vergiss nicht ihm den Schnatz zu geben… und danke für deinen Besuch."

Stefanie wandte sich ihrer Großmutter zu, doch da ertönte schon ein leises Plopp und sie war verschwunden.