April 1920, Biloxi, Mississippi

"Jasper", flüsterte sie ein weiteres Mal, dann sprang sie auf. Sie sah einen kleinen Zettel, der aufflog, als sie sich erhob. Sie fing ihn problemlos auf, noch ehe er den Boden berührte.

"Pass gut auf dich auf, Alice", stand darauf.

Sie wusste nicht wer Alice war, noch wer vielleicht den Zettel geschrieben haben könnte. Doch da sie üüberhaupt keine Ahnung hatte, wer sie selbst sein könnte, so vermutete sie, dass sie selbst wohl Alice war. Ihr gefiel der Name und so blieb sie dabei, auch wenn es nur eine Vermutung war.

"Alice", wisperte sie. "Ich mag den Namen."

Der Wind drehte sich und brachte den wundervollste Geruch mit sich, den sie sich nur vorstellen konnte.

Sie wollte ihn. Ihre Kehle schien in Flammen zu stehen und das was sie roch, würde die Flammen zum erlöschen bringen.

Sie wirbelte herum und blickte auf ein riesiges Gebäude. "Heilanstalt", stand am Tor geschrieben.

Sie wollte bereits loslaufen, in ihrem Kopf sah sie sich bereits dort, sie sah schreiende Menschen davon laufen, viel Blut, sie sah sich selbst, wie sie einen Arzt fest in ihren Händen hielt, ihre Zähne tief in seinem Hals vergraben.

Sie sah die vielen Leichen.

Und sie sah die schwarzen Gestalten, die nur wenige Tage später auf sie zukamen und ihr den Kopf abrissen, weil sie zu auffällig getötet hatte.

Erschrocken drehte sie sich um und rannte in den Wald.

Die Visionen verschwanden augenblicklich. Keine Leichen mehr, kein Blutbad - und niemand der ihr den Kopf abriss.

Den Wanderern, denen sie im Wald begegnete, rettete das jedoch nicht das Leben. Sie waren schneller tot, als sie überhaupt merken konnten, dass jemand auf sie zugekommen war.

Doch als Alice sie einfach auf dem weg liegen lassen wollte, da tauchte erneut das Bild jener Wesen in den schwarzen Umhängen auf. Wieder rissen sie ihr den Kopf vom Leib.

Sie seufzte.

"Schon gut, schon gut", sagte sie zu sich selbst. "Ich habs verstanden. Keine Spuren."

Sie warf die Leichen der beiden Männer, welche beide weitaus mehr als einen ganzen Kopf größer waren als sie, mühelos über ihre Schulter und trug sie tief in den Wald, wo sie sie vergrub.

Das Brennen in ihrer Kehle war für einen Moment fort, doch sie spürte es bereits wieder kommen. Sie wollte mehr. Mehr Blut. Jetzt. Sofort.

Doch als sie aufspringen wollte, um nach mehr zu suchen, hielt sie plötzlich ein erneutes Bild auf.

Es waren zwei Männer und eine Frau. Alice erkannte sofort, dass sie wie sie waren. Bluttrinker. Genauso wie sie auf der Jagd nach Blut, ihre Augen schwarz vor Durst.

Doch zu Alices Überraschung jagten sie keinen Menschen. Sie liefen einer Herde Hirsche hinterher, jeder von ihnen fing sich mühelos einen Hirsch und trank dessen Blut.

Alice blinzelte und eine erneute Vision blitzte auf.

Wieder die beiden Männer und die Frau. Doch diesmal war Alice bei ihnen. Sie sah, wie die Frau sie zärtlich in den Arm nahm und an sich drückte, sie sah wie sie ihr einen zarten Kuss auf die Stirn drückte. Sie sah das freundliche Lächeln der beiden Männer.

Alice hatte keine Ahnung wer sie waren, doch offensichtlich würde sie eines Tages zu ihnen gehören. Sie wollte es. Sie wollte ein Teil von ihnen sein.

Und so lief sie nun tiefer in den Wald als zuvor, weit fort von den Wegen auf denen sie Wanderern begegnen konnte. Sie suchte nach einer Gruppe von Hirschen.

Der Geschmack war grauenhaft. Fast spuckte sie das Blut wieder aus. Es schmeckte faul, moderig, einfach nur grässlich. Sie schüttelte sich entsetzt.

Das Brennen in ihrem Hals löschte es fast überhaupt nicht.

Unbefriedigt rannte sie erneut zurück zu den Wegen, erleichtert, als sie wieder den süßen verführerischen Geruch von Menschenblut wahrnahm. Das war es was sie suchte!

Im Rennen ergriff sie den einsamen Wanderer, der bereits tot war noch ehe sich seine Füße vom Boden lösten.

Doch als sie ihm schließlich sein einsames Grab im Wald grub, tauchte erneut ein Bild vor ihren Augen auf.

Sie sah einen der beiden Männer aus ihrer vorherigen Version, den Blonden.

Und sie sah sich selbst. Sie sah wie sie selbst vor dem leergetrunkenen Kadaver einer Wildkatz stand und wie er mit einem stolzen Blick auf ihre Schulter klopfte.

Alice seufzte.

Nicht alles war einfach in diesem Leben.

Und wenn sie zu dieser Familie wollte, dann musste sie wohl oder übel dieses grässliche Tierblut trinken, auch wenn das Blut von Menschen so sehr viel besser war. So viel besser, dass es ihr kaum möglich war zu beschreiben.

Also seufzte sie ein weiteres mal auf, ehe sie ein weiteres mal kehrt machte und tief in den Wald lief. Es würde ihr wohl nicht immer gelingen, den Verlockungen zu widerstehen, das sah sie schon jetzt in ihren Visionen, doch sie sah auch, dass sie es lernen konnte. Es würde einiges an Anstrengung kosten, doch sie erkannte rasch an den immer klarer und deutlicher werdenden Visionen, dass es möglich war zu dieser Familie zu gehören, wenn sie nur weiterhin sich bemühte vom Tierblut zu leben.

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