Kapitel 52
Severus brachte es nicht über sich, seinen Sohn zu wecken, als es eigentlich dafür Zeit gewesen wäre. Wobei er jetzt schon wusste, dass er dadurch heute Abend deutlich mehr Schwierigkeiten haben würde das Kind zeitig ins Bett zu bekommen.
Doch Harry sah so vollkommen friedlich und glücklich aus, wie er so gegen seinen Daddy gelehnt schlief, mit dem Stofftier fest in den dünnen Armen festgehalten.
Der Junge hatte einen anstrengenden Vormittag hinter sich und Severus musste das Kind noch heute auf die bevorstehenden Besuche der Heilerin vorbereiten, wenn das erste Treffen nicht in einer absoluten Katastrophe enden sollte.
Zudem war Harry so mit Feuereifer dabei, das Alphabet zu lernen, dass sich Severus sicher sein konnte, dass Harry später noch daran weiterüben wollte.
Gedankenverloren ließ er seine langen Finger durch das dunkle weiche Haar seines Sohnes gleiten. Auf Harrys Gesicht legte sich ein leichtes Lächeln, als das Kind die Berührung wahrnahm, und er neigte den Kopf etwas mehr in Richtung der Hand, die ihn so zärtlich berührte.
Severus war so in seinen eigenen Gedanken versunken, dass er nicht mitbekam, als sein Sohn schließlich von alleine erwachte.
Harry konnte das Gesicht seines Daddys so einige Minuten genau betrachten, eh er bemerkte, dass er dringend auf die Toilette musste.
Severus merkte es, als Harry sich begann in seinen Armen leicht zu bewegen und betrachtete den kleinen Jungen ebenfalls lächelnd, für ihn war es ziemlich deutlich, wieso sich Harry so viel bewegte.
Das war immer ein überdeutliches Zeichen dafür, dass sein Sohn dringend auf Toilette musste, sich aber wieso auch immer nicht erheben wollte.
Vorsichtig zog er den kleinen Jungen in eine sitzende Position und gab ihm schließlich einen leichten wortlosen Stoß in Richtung Flur.
Harry ließ sein Stofftier bei seinem Vater zurück und eilte brav durch den Flur ins Bad.
Mit feuchten Händen kam der kleine Junge wenige Augenblicke später wieder zurück ins Zimmer gelaufen und streifte sich die nassen Hände an der Hose ab.
Severus sah seinen Sohn mit einem tadelnden Blick an: „Die Handtücher im Badezimmer sind dafür besser geeignet, als deine Hose, Harry."
Harry senkte kurz offenbar leicht beschämt den Kopf und blieb so dicht vor Severus stehen, dass er fast an den Beinen seines Daddys lehnte.
Severus schüttelte leicht amüsiert mit wieder freundlicherer Miene den Kopf und klopfte leicht mit einer Hand auf die freie Stelle neben sich auf der Couch.
Harry setzte sich sofort bereitwillig neben seinen Vater, nahm das Stofftier wieder an sich, und blickte seinen Vater unter dunklen langen dichten Wimpern abwartend an.
Severus wählte die nächsten Worte sehr vorsichtig: „Harry, bei dem Termin, bei dem ich heute war, habe ich eine junge Heilerin getroffen, die dich gerne kennenlernen möchte."
Die grünen Augen des kleinen Kindes sahen ihn verwirrt an: „Ich bin aber doch gesund, Daddy."
„Ich weiß, dass du keine Verletzungen mehr hast und, dass du auch keine Krankheiten hast. Aber das ist eine besondere Heilerin, sie kümmert sich nicht um körperlich kranke Menschen.", versuchte Severus dem Jungen die Lage zu erklären.
Harry legte offenbar nur noch mehr verwirrt den Kopf leicht schief: „Was tut sie dann?"
Severus überlegte kurz, wie er es am besten ausdrücken sollte: „Sie hilft Menschen dabei, die schwere psychische Verletzungen erlitten haben, wieder normal leben zu können."
Harrys Augen wurden groß und seine Stimme verdächtig schrill: „Du hast doch gesagt, ich bin kein Freak."
Severus schüttelte augenblicklich mit dem Kopf: „Selbstverständlich bist du kein Freak, Harry."
„Ich bin auch nicht verrückt.", sagte Harry in leiser Stimme und zupfte an einem Flügel des Stofftiers offenbar schwer nervös herum.
„Ich weiß, Harry. Und darum geht es auch gar nicht.", versuchte Severus weiter zu erklären.
Aber Harry unterbrach ihn: „Aber, Onkel hat gesagt, dass Seelenklempner nur Verrückte oder Freaks behandeln, um sie normal zu machen."
Severus betrachte den kleinen Jungen vor sich traurig einige Augenblicke: „Harry, dein Onkel hat dich angelogen. Solche Heiler sind dafür da, um über deine Ängste zu sprechen und dir zu helfen, sie zu überwinden."
Harry sah ihn skeptisch an: „Das tut nicht weh?"
„Nein, Harry.", antwortete Severus mit fester Stimme, „Solche Heiler sind hauptsächlich dazu da um Fragen zu stellen, oder einfach nur zuzuhören."
Harry war die Sache definitiv nicht geheuer, so viel war deutlich erkennbar an seiner Reaktion.
„Du brauchst keine Angst vor der Heilerin zu haben, Harry.", redete Severus beschwichtigend weiter, „Ich bin heute bei Msr. Smith gewesen, sie ist eine sehr freundliche junge Frau und sie freut sich sehr darauf, dich morgen kennenzulernen."
In Harrys grünen Augen lag sofort Panik, bei der Erwähnung, dass er die Frau schon morgen treffen sollte.
„Ich werde die ganze Zeit hier sein, Harry. Und, wenn du sie nicht magst, werde ich sie sofort wegschicken.", versprach Severus, innerlich hoffend, dass das nicht nötig sein würde.
Harry schien wenig überzeugt, aber Severus wusste, dass das Kind sich niemals trauen würde, ihm so stark zu widersprechen.
Also versuchte er Harry lieber abzulenken und fragte Harry nach dem Vormittag, bevor es eskaliert war: „Hattest du Spaß heute mit Draco?"
Harry nickte mit einem schüchternen Lächeln auf den Lippen, eh er in leisem Ton etwas sagte: „Aber Draco mag mich glaub ich nicht, Daddy."
Severus hob verwirrt eine Augenbraue, wieso sollte Draco Harry nun plötzlich nicht mögen, Lucius hatte zwar nicht wirklich mit ihm gesprochen, bevor er mit seinem eigenen Kind nach Hause gegangen war, aber einen Streit der Kinder hätte er mit Sicherheit erwähnt.
„Wieso denkst du, dass er dich nicht mag, Harry?", fragte Severus mit offener Verwirrung im Gesicht.
Harry zuckte leicht mit den Schultern und erst ein strenger kurzer Blick seines Daddys brachte den kleinen Jungen dazu, auch verbal zu antworten: „Draco guckt so böse, wenn wir fliegen."
Severus wurde nicht wirklich schlau aus der Antwort des Kindes. Er hatte beide Kinder noch nicht gemeinsam fliegen sehen, deswegen kam er nicht darauf, dass Eifersucht von Dracos Seite der Grund für die Unstimmigkeiten sein könnte.
„Ich denke nicht, dass Draco dich nicht mag, Harry. Es handelt sich mit Sicherheit bloß um ein Missverständnis.", versuchte Severus seinen Sohn die offenbare Angst davor, seinen einzigen eventuellen Freund, nun auch schon so bald wieder verloren zu haben.
Harry nickte wenig überzeugt und umschlang das Stofftier mit den dünnen Armen etwas enger.
„Möchtest du noch ein paar weitere Buchstaben lernen?", schlug Severus vor, in einem letzten Versuch, das Kind wieder etwas fröhlicher zu sehen.
Und dieses Mal ging sein Versuch auch Bestens auf, ein leuchten lag in den grünen Augen des kleinen Jungen, als er begeistert nickte.
Severus beschwor leeres Pergament, Feder und ein Tintenfass herauf und platzierte die Utensilien auf dem Tisch vor ihnen beiden.
Lächelnd betrachtete er seinen Sohn, dessen Gesicht vor unverhohlener Vorfreude zu strahlen schien.
„Dann schreib erst einmal die Buchstaben hin, die du schon kannst.", forderte Severus den kleinen enthusiastischen Jungen auf und hielt Harry die Feder hin.
Harry nahm die Feder sofort an sich und ein paar Augenblicke später, die das Kind brauchte, um das Tintenfass zu öffnen, ohne den gesamten Inhalt auf Tisch, Händen und Boden zu verteilen, war das Kratzen der Feder über das Pergament eine Zeit lang das einzige Geräusch.
Severus sah seinem Sohn genau dabei zu, wie er seine Schreibversuche wiederholte und erkannte anerkennend, dass sich die Lesbarkeit schon ein wenig verbessert hatte.
Nur der Griff, mit dem Harry die Feder umklammert hielt, gefiel ihm nicht. Würde Harry mit dieser Handhaltung versuchen einen langen Text oder Aufsatz zu schreiben, hätte nach nicht einmal einer halben Rolle Pergament ziemliche Schmerzen in der Hand.
Sanft legte er seine Hand über die kleinere seines Sohnes, Harry fuhr bei der unerwarteten Berührung ein klein wenig zusammen und warf Severus sofort einen schuldbewussten Blick zu.
Vorsichtig veränderte Severus die Stellung von Harrys kleinen Fingern um die Feder, hielt seine Hand aber noch weiter fest: „Versuch die Feder so zu halten, Harry, ansonsten wird dir die Hand zu schnell müde und schmerzen."
Harry nickte, ohne etwas zu sagen, und machte die nächsten Buchstaben unter Severus Führung etwas bedachter.
Severus ließ die Hand des Kindes los: „Versuch es weiter und achte auf deine Handhaltung, Harry. Deine Schrift hat sich bereits verbessert, sehr gut."
„Also keine Sauklaue?", fragte seinen Daddy mit einem leichten Funkeln in den grünen Augen.
Severus konnte sein Amüsement nicht verbergen und lächelte seinen Sohn an: „Es ist noch sehr nahe dran."
Sein trockener Kommentar kam bei Harry allerdings nicht als der Scherz an, der er sein sollte.
Das scheue Lächeln und leichte Funkeln in den grünen Augen erstarb augenblicklich und mit hängenden Schultern wandte sich Harry wieder dem Pergament zu.
Seufzend unterbrach Severus den geknickten Jungen sofort wieder: „Harry, was ich gesagt habe eben, war ein Scherz, Ironie."
Verwirrt legte Harry den Kopf schief und fragte immer noch deutlich niedergeschlagen: „Was ist Ironie?"
„Ironie ist eine Art Humor, Harry. Man sagt etwas, meint aber meistens eher das Gegenteil.", versuchte Severus es dem Jungen zu erklären.
„Also ist meine Schrift nicht nur Gekrakel?", fragte Harry voller Hoffnung in der leisen Stimme.
Severus nickte: „Nein, Harry. Du hast dich tatsächlich verbessert."
„Warum sagt man das dann?", fragte Harry, offenbar immer noch verwirrt über das fremde Konzept der Ironie.
Severus fiel keine passende Antwort darauf ein. Er war es gewohnt, Schüler durch ironische Bemerkungen zu Tränen zu reduzieren, aber es war nicht seine Absicht gewesen, seinen eigenen Sohn damit zu verletzen. Lucius wusste ein paar ironische Späße immer sehr zu schätzen, aber Harry war offenbar noch viel zu unschuldig auf seine Art, als dass er solche Späße verstehen würde.
„Ich werde es nicht mehr tun, Harry.", versprach er seinem Sohn deswegen aufrichtig.
Schließlich wollte er eigentlich auch nicht, dass sich Harry diese Angewohnheit von ihm abschauen würde. Seine eigene Schulzeit hatte sich dadurch mit Sicherheit nicht verbessert, dass er im ersten Schuljahr schon Bemerkungen zu Stande brachte, die alle freundlichen Kinder sofort von ihm verscheuchten.
„Ok.", sagte Harry leise und drehte sich wieder dem Tisch zu.
Severus betrachtete seinen Sohn nachdenklich, wie konnte ein Kind, was so viel durchgemacht hatte, immer noch diese kindliche Unschuld besitzen.
Er hatte deutlich weniger durchgemacht, als Harry. Er hatte immer noch die tröstenden Arme seiner Mutter, wenn sein Vater endlich in einen durch den Alkohol ausgelösten tiefen Schlaf verfallen war. Dennoch war er in dem Alter, in dem Harry sich jetzt befand, nicht mehr so unschuldig gewesen. Er war dann schon davon überzeugt, dass er nie haben würde, was all die anderen Kinder hatten. Bedauerlicherweise musste er nun erkennen, dass er tatsächlich in der Schule schon zutiefst verbittert war und keine Freundlichkeit mehr von der Welt erhofft hatte.
Harry hingegen waren dieser kindliche Optimismus und der Wunsch darauf, dass alles, wie im Märchen, endlich gut werden würde, erhalten geblieben.
Und auch die nächste Frage des kleinen Kindes bestätigte das auf nahezu herzzerreißende Weise.
„Daddy?", holte Harry Severus leise aus seinen Gedanken.
Severus blickte seinen Sohn abwartend an und signalisierte ihm mit einem kurzen Nicken, dass er seine ungeteilte Aufmerksamkeit hatte.
„Meinst du Onkel und Tante waren auch nur ironisch?", fragte Harry mit diesem unschuldigen Blick, der voller Hoffnung war.
Severus versetzte die Frage einen tiefen Stich, denn er sich absolut sicher, dass die Verwandten des Kindes keinesfalls ironisch gewesen waren. Sie hatten den Jungen schlicht weg verachtet.
Sich um Fassung bemühend zog Severus seinen Sohn, der darüber sichtlich erschrak, in seine Arme.
Es würde dem Kind auf lange Sicht nichts bringen, wenn er ihn nun belog.
„Nein, Harry, ich fürchte, dass es ihr voller Ernst war.", antwortete er also schlicht und zog Harry in eine tröstende Umarmung.
Es dauerte einen Moment, doch die Tränen, die Severus auf diese Erkenntnis erwartete, kamen auch.
Schluchzend schlang der kleine Junge die Arme um seinen Daddy.
„Shh, Harry.", versuchte Severus seinen Sohn zu beruhigen, „Du bist jetzt bei mir und du musst sie nie wieder sehen. Sie können dir nie wieder weh tun. Und sie wissen gar nicht, was für ein wundervolles Geschenk an ihnen vorrübergegangen ist."
