Kapitel 53: Wer gewinnt?

Bella:

Leise drangen die Worte zu mir durch. Sie kamen aus weiter Ferne:

„Bella, Kleines, niemals werde ich jemanden wieder so in mein Herz lassen, wie dich. Ich werde dich niemals vergessen. Ich hoffe, dir geht es gut, dort wo du jetzt bist. Du wirst mir so unendlich fehlen…"

Jemand schluchzte. Es war Emmet. Mein Großer, der immer für mich da war. Ich hatte ihm weh getan. Er sollte doch nicht leiden wegen mir.

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und überschritt diese unsichtbare Grenze. Ich stürzte mich in die Schmerzen. Ich hatte keine Angst mehr davor, ich musste einfach nur zurück.

Ich spürte seine Lippen auf meinen…

Es war ein Kuss. Es war der Abschiedskuss. Er wollte mich verlassen. Das konnte ich nicht zulassen. Ich durfte ihn nicht verlieren.

NEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIN schrie es in meinem Kopf.

Ich rannte und rannte….ich wusste nicht wohin. Aber ich spürte, es war die richtige Richtung.

Je näher ich kam, desto schlimmer wurden die Schmerzen. Ich krümmte mich und stolperte. Ich rappelte mich wieder auf. Der Schmerz schnürte mir die Luft ab, und ich keuchte.

Aber ich zwang mich weiter zu gehen…

Das Ende des Tunnels war da. Ich sah es schon….nur noch ein Stück….ein kleines Stück….und dann hatte ich es geschafft.

Ich stürzte aus dem Tunnel und der Schwindel übermannte mich…

Emmet:

Es war ein trauriges Lächeln, welches ich ihr jetzt schenkte. Es war vorbei. Wir hatten gekämpft und verloren.

Ich hatte zwar Rose wieder gewonnen, aber ein wichtiger anderer Teil war mir entrissen worden…

Diese Lücke konnte niemand fühlen.

Aus den Augenwinkeln sah ich, wie der Arzt wieder herein kam. Er wollte wohl jetzt alle Geräte abstellen. Er würde ihren Tod bestätigen.

Niedergeschlagen richtete ich mich auf und wollte den Raum verlassen. Das würde über meine Kräfte gehen. Ich wollte nicht hören, wie er es aussprach…

Und dann geschah das Unfassbare….

Die Geräte spielten verrückt. Der anhaltende Piepton war verschwunden. Ein aufgeregtes stockendes Piepsen war wieder da….mal schneller, mal langsamer.

Ich glaubte zu hören, dass jemand nach Luft keuchte.

Rockartig drehte ich mich um.

Fragend blickte ich zu dem Arzt…sein Gesichtsausdruck war überrascht.

„Was passiert hier?" fragte ich ihn mit zittriger Stimme.

Er stotterte: „Ähm…ihr Herz….es schlägt…es schlägt selbstständig…und ihre Lungen nehmen ihre Funktion wieder auf…." Die Fassungslosigkeit stand ihm ins Gesicht geschrieben…."Sie….es ist ein Wunder.,..sie lebt!"

Hatte er das wirklich gesagt? Sie lebt????

Leise fragte ich ihn: „Sie lebt?"

Er bestätige es mir mit einem Kopfnicken.

Es kam über mich, ich konnte es nicht kontrollieren….aber ich schrie ihren Namen. Bella. All der Schmerz war mit diesem Ausruf verschwunden. Die Hoffnung war da…sie kam wie eine Explosion und verdrängte alles.

Sie lebte….und wenn sie lebte, dann würde sie wieder aufwachen.

Ich war hin und her gerissen….rannte ich meiner Familie hinterher….oder blieb ich bei Bella.

Was, wenn sie aufwachen würde und niemand wäre hier?

Sie würde sich alleine fühlen. Vielleicht glaubte sie dann, sie hätte umsonst gekämpft?

Nein, ich konnte nicht weg hier…

Ich setzte mir zu ihr ans Bett… Ich redete mit ihr. Ich erzählte ihr irgendwas. Im Nachhinein konnte ich mich nicht mehr erinnern. Es ging, glaub ich, um Fußball. Aber es war auch egal. Sie sollte nur meine Stimme hören. Sie musste weiter kämpfen und wieder aufmachen. Sie sollte das Gefühl haben, dass hier jemand auf sie wartete…

Der Arzt überprüfte alle paar Minuten die Geräte. Der Herzschlag war kräftiger geworden. Inzwischen war er auch regelmäßig. Es hörte sich genauso an, wie, als die Maschine diese Aufgaben für sie übernommen hatte.

Es hörte sich richtig an.

Ich schnappte mir mein Handy und versuchte meine Familie zu erreichen. Erst probierte ich es bei Edward….aber er nahm nicht ab. Auch bei Alice und Jasper hatte ich keine Chance. Ihre waren gar nicht erst an. Carlisle nahm ebenfalls nicht ab, und Esme hatte kein eigenes.

Es war zum Verrückt werden. Im Zeitalter des Handys erreichte man keinen. Das war nicht zu fassen…

Ich hörte leise Schritte auf dem Flur…

Als sich die Tür vorsichtig öffnete, erschien Esmes Kopf. Ihre Augen waren so unendlich traurig, als sie mich anschaute…und ich grinste sie an.

Erst dann realisierte sie die Geräusche im Zimmer. Die Trauer machte der Ungläubigkeit Platz. Sie traute ihrem Gehör wohl nicht.

Vorsichtig näherte sie sich Bellas Bett.

Leise murmelte sie: „Da ist ihr Herzschlag."

Der Arzt lächelte sie an: „Ja, sie hat es geschafft. Sie lebt. Sie wird auch demnächst aufwachen. Die Werte steigen von Minute zu Minute. Es ist, als ob sie Schritt für Schritt kämpft, wieder wach zu werden. Es ist ein Wunder…. Ich lasse sie nun alleine. Wenn etwas sein sollte, rufen sie mich." Mit diesen Worten verließ er den Raum.

Esme setzte sich zu mir ans Bett und lauschte Bellas Atmung und ihrem Herzschlag. Wie sehr hatten wir es uns gewünscht, ihn wieder zu hören.

Und unser Wunsch war erfüllt worden.

„Esme, wo sind die anderen? Sie wissen es noch nicht…." Fragte ich sie. Sie zuckte mit den Schultern. Sie wusste es also nicht.

Ich beschloss, Edward erneut anzurufen…

Ich stellte Dauerwahlwiederholung ein und legte das Handy auf Bellas Herz. Würde er abnehmen, würde er es hören. Wenn ich ihm sagen würde, dass sie lebte, würde er es doch nicht glauben. In seinem Schmerz war er blind…und taub.

Aber ihr Herzschlag würde zu ihm durchdringen.

Dieses Geräusch, dem er jede Nacht gelauscht hatte…dessen Rhythmus er auswendig konnte.

Es war wohl der zwanzigste Versuch meines Handys, Edward zu erreichen, als ich sah, dass er das Gespräch wohl endlich angenommen hatte…

Die Anspannung war groß.

Ich glaubte fest daran, dass er es erkennen würde…

Er musste es erkennen.

Er durfte jetzt keine Dummheiten machen. Bella brauchte ihn.