Ben stoppte sein Pferd vor dem Büro des Sheriffs. „Ich wünsche dir viel Spaß in der Schule….." Er sah seinen Jüngsten ernst an. „…und ich würde mich freuen, wenn wir diese Woche keinen Brief von Mr. Conner bekommen würden."
„Ja ,Sir."
Ben stieg von seinem Pferd ab und sah Little Joe nach. Wenn er gedacht hatte, dass er damals mit Adam eine schwere Zeit gehabt hatte, als der sich langsam zu einem jungen Mann entwickelte, wurde er zur Zeit eines Besseren belehrt.
Mit Schwung öffnete er die Tür vom Sheriffbüro. „Guten Morgen, Tom."
Adams Freund stand am Schreibtisch und goss sich gerade eine Tasse Kaffee ein. „Guten Morgen, Mr. Cartwright."
Wieder einmal wunderte sich Tom, wie schnell sich einige Dinge doch herumsprachen. Mit Adams Vater hatte er eigentlich noch nicht am Morgen gerechnet. „Ich suche Adam, Tom. Ich dachte eigentlich, er wollte dich gestern besuchen, aber bis jetzt ist er nicht wieder nach Hause gekommen."
Langsam brachte Tom die Kanne zurück zum Ofen und vermied es, Ben anzusehen. „Er schläft noch."
Ben verschränkte die Arme und lachte. „Meine Güte Tom, was habt ihr beide gestern gemacht? Habt ihr nochmal richtig gefeiert ,bevor du am Samstag in den Hafen der Ehe einfährst aber….,müsstest du dann nicht schlafen und nicht mein Herr Sohn?"
Tom schnaufte tief durch und nahm den Schlüssel vom Tisch. „Komm Sie bitte mit, Mr. Cartwright."
Ben stutzte, aber folgte dann dem Hilfssheriff in den Zellenbereich. Er musste zweimal hinsehen, als Tom die Tür aufschloss und dann konnte er seine Fassungslosigkeit nicht verbergen. „Adam…?"
Vorsichtig lief er in die Zelle und kniete sich neben die Pritsche, auf der Adam auf der Seite lag. Als wäre sein Sohn zerbrechlich, berührte er ihn am Kopf und strich ihm durch das Haar. Dann sah er zu Tom hoch. Seine Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. „Wer hat das getan, Tom? Wer hat ihn so zugerichtet?"
Tom stand an der Zellentür und sah auf die Schlüssel in seiner Hand. „Es gab eine Schlägerei im Saloon….."
Bevor er weiter sprechen konnte, stand Ben vor ihm, sah in ernst an und zeigte mit der Hand auf Adam. „Und warum liegt dann Adam hier und nicht derjenige, der das getan hat und warum ist mein Sohn nicht beim Doktor?"
„Mr. Cartwright …..Adam hat mit der Schlägerei angefangen und…der Doktor war bereits in der Nacht hier und noch einmal vor gut einer Stunde."
Ben stemmte die Hände in die Seite. „Tom, das ist doch ein Witz. Wir beide wissen doch ganz genau ,dass Adam niemals eine Schlägerei anfangen würde. Sicher stecken wieder Mitch und Buck dahinter."
Tom schüttelte den Kopf. „Nein, Sir. Es war Adam, der angefangen hat und so wie es einige beschrieben haben, wollte Adam, dass er zusammengeschlagen wird…..er soll sich kaum gewehrt haben."
„Tom….das ist….." Völlig Fassungslos sah Ben von Tom zu Adam. „Ich kann das nicht glauben, aber was auch immer passiert ist, er wird es mir sagen. Wo ist sein Pferd?"
„Das habe ich gestern noch in den Stall gebracht."
„Gut, dann werde ich es jetzt holen und dann mit Adam nach Hause reiten."
Tom kratzte sich verlegen am Kopf. „Das geht nicht, Mr. Cartwright."
Bens Laune wurde immer schlechter. „Und warum nicht?"
„Erstens, weil der Doktor ihm vor einer Stunde noch einmal ein Medikament gegeben hat, damit er schlafen kann und zweitens, muss er erst den Schaden und die Strafe bezahlen. Danach kann er dann gehen."
Ben ging einen Schritt näher an Tom heran. „Was muss ich zahlen?"
Tom holte tief Luft und lief zurück in das Büro, nahm den Bericht in die Hand und reichte ihn an Ben weiter, der ihm gefolgt war. Bens Augenbrauen schossen in die Höhe. „Wird das Bier im Saloon neuerdings in Gläsern aus Gold serviert?"
Tom gab ihm keine Antwort, als Ben in die Tasche griff und das Geld auf den Tisch warf. „Ich denke mal, damit ist der Fall jetzt erledigt und ich kann ihn mitnehmen?"
„Nein, Sir."
Bens Mund zog sich zusammen und seine Augen wurden ganz klein. „Mr. Cartwright, der Doktor hat gesagt, wir sollen in schlafen lassen. Er hat mächtig was auf den Kopf bekommen und ist die halbe Nacht nicht zur Ruhe gekommen."
„Ich kann ihn doch hier nicht einfach liegen lassen."
„Mr. Cartwright, Adam ist mein bester Freund und sie können mir glauben, ich persönlich werde so lange hierbleiben, bis er wieder in der Lage ist, mein Büro alleine auf seinen eigenen Beinen zu verlassen."
Ben ballte seine Hand zur Faust und ging zurück in die Zelle. Er setzte sich auf die Pritsche und berührte Adam an der Schulter. „Warum hast du gestern nur nicht mit mir geredet? Ich hätte dir doch eventuell helfen können."
Er strich seinem Sohn wieder durch das Haar und stand auf. Bevor er das Büro verließ, zeigte er mit der Hand nochmals zum Zellenbereich. „Tom, die Strafe ist bezahlt. Ich erwarte, dass du die Tür der Zelle jetzt offen lässt. Mein Sohn braucht nicht mehr wie ein Verbrecher eingesperrt zu sein."
„Ich lasse sie offen, Mr. Cartwright."
Mit einem Knall schloss Ben die Tür hinter sich.
Er stand vor dem Büro und atmete mehrmals tief durch. Warum hatte er gestern Hoss nur aufgehalten? Es war doch Adam schon seit einigen Wochen anzumerken, dass etwas mit ihm nicht in Ordnung war. Ben merkte, wie seine Hand anfing, zu schmerzen, weil er diese wieder zur Faust geballt hatte. Wie konnte er Adam nur helfen? Er versuchte doch, ihn zu verstehen. Mit einem Mal wusste er, was er jetzt zu tun hatte. Ben stieg in den Sattel und verließ die Stadt.
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Ganz langsam öffnete Adam die Augen und wusste sofort, wo er war. Mit nichts anderem hatte er gerechnet. Er hatte das erreicht, was er erreichen wollte. Seine Wut war verschwunden, der Schmerz war kontrollierbar und ihre Stimme konnte er nicht mehr hören. Adam atmete ein. Dafür aber tat ihm jetzt sein gesamter Körper weh und sein Kopf hämmerte, wie hundert indianische Trommeln. Vorsichtig versuchte er, sich hinzusetzen. Seine Füße hatten kaum den Boden berührt, da drehte sich der gesamte Zellenbereich. Er lehnte den Kopf an die Wand und schloss die Augen. „War es das wert?"
„Adam öffnete die Augen nur leicht. Vor ihm stand Tom und hielt ihm eine Tasse Kaffee hin. „Danke."
Tom setzte sich auf die gegenüberliegende Pritsche und wartete, bis Adam den Kaffee getrunken hatte. „Willst du mir sagen, was gestern los war?"
Noch mit etwas kraftloser Stimme antwortete Adam. „Ich war etwas schlecht gelaunt."
Tom beugte sich vor. „Etwas, Buddy?"
Sein Freund versuchte, leicht zu grinsen. „Vielleicht war es etwas mehr."
Tom schlug sich auf den Schenkel. „Verdammt, Adam. Meinst du, es macht mir Spaß, meinen besten Freund in die Zelle zu sperren?"
Adam fuhr sich mit der Hand durch das Gesicht und bereute dieses jedoch sofort. Schmerzerfüllt verzog er es. „Es tut mir leid, Tom."
„Du willst mir aber nicht sagen, was los war?"
Leicht schüttelte Adam den Kopf. „Tom ich…ich muss das erst einmal selbst verarbeiten."
Tom stand auf. „In Ordnung, Adam. Dein Vater war hier und hat alles bezahlt. Du kannst, sobald du dich in der Lage fühlst, gehen. Dein Pferd habe ich schon geholt. Es steht vor der Tür." Tom verharrte an der Zellentür. „Buddy, mach dich darauf gefasst, dir einiges am Samstag von Sybil anzuhören. Sie wird begeistert sein, so wie du aussiehst."
Er grinste seinen Freund an. „Na, vielleicht wird sie dann lieber mich heiraten. Aus Mitleid."
„Freundchen….ich schließe dich hier gleich wieder ein."
Es dauerte noch fast zwei Stunden, bis Adam das Büro verlassen konnte, um nach Hause zu reiten und er brauchte sehr lange, bis er in der Nähe der Ponderosa war, da er nur im Schritttempo reiten konnte, ohne dass sein Kopf drohte, zu zerplatzen. Sicher würde ihn zu Hause ein Donnerwetter erwarten, was bei ihm die Kopfschmerzen sofort weiter verstärkten. Dann hatte er die Idee, was er machen konnte, um etwas klarer im Kopf zu werden. Er lenkte Sport zum Bach hinunter. Dort zog er alle seine Sachen aus und sprang in das kalte Wasser. Zuerst legte er sich nur auf den Rücken und ließ sich treiben. Das kalte Wasser sorgte dafür, dass sein Körper richtig wach wurde. Danach schwamm er noch etwas herum und legte sich anschließend auf die Wiese. Zwar dröhnte sein Kopf noch immer, aber er fühlte sich schon wieder etwas erholter. Er blieb noch einige Minuten liegen, bis die Sonne ihn getrocknet hatte. Dann stand er auf und zog sich wieder an. Da sein Hemd eigentlich nur noch ein Fetzen aus Stoff war, knüllte er es zusammen und packte es in die Satteltasche. Sein Vater würde ihm auf jeden Fall eine Standpauke halten und somit war es jetzt auch nicht mehr so schlimm, wenn er ohne Hemd nach Hause ritt.
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Adam stand in seinem Zimmer vor dem Spiegel und machte sich für Toms Hochzeit fertig. In dem Moment, als er nach seinem Hemd greifen wollte, klopfte es an der Tür.
„Ja."
„Kann ich herein reinkommen?"
Er lächelte, als er Koko sah. „Natürlich."
Sie betrat das Zimmer und schloss die Tür hinter sich. „Du siehst gut aus."
Sie schmunzelte etwas. „Danke, aber das kann man von dir nicht behaupten."
Adam schaute in den Spiegel. „So langsam sieht es doch schon besser aus."
Koko lachte. „Aber nur sehr langsam." Sie wurde wieder ernster. „Haben dir die Tage auf dem Berg geholfen?"
Er lehnte sich gegen sein Bett. „Es war nicht einfach, da ich eigentlich nicht fit genug dafür war, aber ich wollte unbedingt vor der Hochzeit wieder zur Ruhe kommen."
Sie stellte sich zu ihm, nahm seine Hand und schaute ihn besorgt an. „Wynono…" In diesem Moment wusste Adam, dass sie sich wirklich sehr um ihn sorgte. So sprach sie ihn nur an, wenn sie wollte, dass er ihr ernsthaft zuhörte. „…was ist seit Sophies Geburt mit dir los? Wir machen uns alle Sorgen um dich."
„Alle?"
„Du kannst dir das nicht vorstellen, oder? Aber nicht nur ich mache mir Gedanken, auch Emillia, Hoss und dein Vater." Sie sah sein Erstaunen, als sie seinen Vater erwähnte. „Adam, warum glaubst du, dass du so einfach am Mittwoch zum Berg reiten konntest, ohne dass dein Vater etwas gesagt hat?"
„Na, weil er ziemlich sauer mit mir ist. Er hat mit mir so gut wie keinen Ton gesprochen, seit ich am Dienstag nachmittag nach Hause kam."
„Nein, Wynono…er wollte, dass du zum Berg gehst."
„Reden wir hier von meinem Vater?"
„Er kam am Dienstag zur Farm und wollte von Hoss und mir wissen, warum du hin und wieder zum Berg reitest und dort für einige Tage bleibst. Er wollte verstehen, was du dort machst und warum du es machst. Er war ziemlich am Boden zerstört, als er zu uns kam. Er hat uns erzählt, wie du in der Zelle gelegen hast und er dir nicht helfen konnte."
„Und ich dachte, Emillia hat ihm gesagt, dass sie keinen Streit im Haus möchte."
„Sag mir bitte, wenn ich mich täusche…..aber kann es sein, dass mit Sophias Geburt die Mauer in dir wieder stärker wurde?"
Er sah sie an und lief dann zum Fenster und drehte ihr den Rücken zu. „Koko….ich lebe jetzt schon so lange mit dieser Mauer in mir. Ich kann es nicht verhindern, dass sie immer wieder größer wird."
„Warum ist sie da ,Wynono? Was war der Auslöser dafür? Sie ist doch nicht mit dem Tag deiner Geburt entstanden."
Sie sah es seinem Rücken an, wie tief er Luft holte dann drehte er sich langsam um und lehnte sich an das Fenster. „Koko, ohne jetzt hinzusehen. Als du mein Zimmer gerade betreten hast. Was hast du auf meinem Nachttisch alles liegen sehen?"
Mit großen, verständnislosen Augen sah sie ihn an. „Keine Ahnung. Ich habe nicht darauf geachtet. Ich habe nur zu dir gesehen."
„Seit ich denken kann, habe ich meine Umgebung anders wahrgenommen, als die meisten anderen Kinder. Wenn ich einen Raum betreten habe, konnte ich dir danach so gut wie alles aufzählen, was sich dort befand. Genauso war es, wenn wir mit dem Wagen unterwegs waren. Ich habe so viel gesehen, das ich nicht verstand. Ich konnte auf dem Boden sitzen und spielen und habe trotzdem die Gespräche der Erwachsenen mitbekommen, ohne dass ich bewusst gelauscht habe." Er machte eine Pause. „Ich habe versucht, Erklärungen zu finden, wenn ich etwas nicht begreifen konnte und wenn ich es nicht geschafft habe, habe ich mit meinem Vater darüber reden wollen. Aber oft hat er mir nur über den Kopf gestrichen und gesagt, ich wäre noch zu klein, um mir darüber Gedanken zu machen. Ich konnte aber diese ganzen Bilder in meinem Kopf nicht ausschalten. Sie waren immer da und besonders nachts, kam ich nicht zur Ruhe und hatte Schwierigkeiten, einzuschlafen oder ich wachte immer wieder auf und wollte darüber reden." Adam musste schmunzeln, als er an diese Zeiten dachte. „Du kannst dir natürlich vorstellen, was mein Vater gesagt hat, wenn ich ihn Nachts geweckt habe, um zu wissen, warum mir der Mond oder die Sterne nicht auf den Kopf fallen." Sie lächelte, als sie versuchte, sich das vorzustellen. „Aber es gab auch viele Nächte, in denen ich einfach nur Angst gehabt habe vor den Dingen, die mich umgaben….. Ich war vier Jahre alt, als der erste Stein der Mauer bewusst mein Freund wurde. Er schloss die Augen und die Bilder kehrten zurück…
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…„Adam ….." Sein Vater hockte sich vor ihn hin. „….hier hast du ein paar Murmeln. Du kannst damit spielen." Ben drehte sich leicht zur Seite und zeigte mit der Hand zu einem Geschäft auf der anderen Straßenseite. „Ich bin dort in dem Laden und werde da im Lager arbeiten. Du wirst hier sitzen bleiben und warten, bis ich wieder zurück bin! Hast du das verstanden?"
„Ja, Sir."
„Gut, mein Sohn."
Ben stand auf und fuhr mit der Hand durch seine Haare. Adam sah seinem Vater hinterher wie dieser im Geschäft verschwand. Dann blickte er auf die Murmeln in seiner Hand. Eigentlich hätte er lieber auf dem Wagen auf seinen Vater gewartet, denn hier auf der Straße war es so laut und das Geschrei, das aus dem Saloon kam, machte ihm Angst.
Er schaute die Straße hinunter und beobachtete, wie eine Katze auf ein Fass hüpfte und sich zusammenrollte, um zu schlafen. Adam fragte sich, ob er von seinem Vater auch eine Katze geschenkt bekommen würde, wenn sie ihr Zuhause gefunden hätten? Vielleicht konnte er ja sogar diese Katze mitnehmen. Dann wäre er nicht immer so alleine, wenn sein Vater arbeiten musste. Er stand auf, steckte die Murmeln in die Tasche und lief zu der Katze. Es waren nur noch wenige Schritte bis zu dem Fass, als er von zwei Männern zur Seite geschubst wurde. Sie lachten laut, als er auf dem Boden saß und zu ihnen nach oben blickte. Einer der Männer beugte sich zu ihm hinunter. „Wo willst du denn hin, du kleiner Bastard?"
Adam zeigte zur Katze. „Ich will zu der Katze und sie mitnehmen. Sie soll mein Freund werden."
Der Mann stellte sich wieder gerade hin und fasste sich an das Herz. „Ricky, hast du das gehört? Der kleine Bastard sucht einen Freund." Er sah wieder zu Adam. „Weißt du, was ich von Katzen und kleinen Kindern halte?
" „Nein."
Adam riss die Augen auf, als der Mann seine Waffe zog und auf die Katze schoss. Sein Blick war noch auf das Tier gerichtet, als er den Lauf der Waffe an seiner Stirn spürte. „Ich bin der Meinung, alle Babys sollten wie die Katzen in einen Sack gesteckt werden und dann…" Er machte mit der Hand eine Bewegung, als ob er etwas wegwerfen wollte. „….. in den nächsten Fluss."
Sein Freund und er lachten so laut, dass sich Adam die Ohren zuhalten musste. Dann spürte er wieder den Colt an seiner Stirn. „Jetzt kannst du dir es aussuchen, du Bastard, ob du lieber eine Kugel im Kopf haben willst oder in einem Sack schwimmen gehen möchtest?"
Adam legte den Kopf schief. Ricky schlug seinen Freund gegen den Arm „Komm, lass uns weiterlaufen. Dem Kleinen haben wir sicher schon genug Angst eingejagt."
„PENG"
Adam zuckte zusammen, als der Mann mit dem Colt in dem Moment gebrüllt hatte, als er die Waffe von seiner Stirn nahm. Lachend liefen die beiden Männer weiter. Er sah den beiden noch eine Zeit lang hinterher, dann stand er langsam auf. Mit kleinen Schritten lief Adam zu dem Fass, auf dem die tote Katze lag. Dann liefen ihm die Tränen hinunter als ihn bewusst wurde, dass er schuld an ihrem Tod war. Hätte er sich die Katze nicht genauer ansehen wollen, würde sie jetzt noch auf dem Fass schlafen. Er drehte sich um und rannte in das Geschäft zu seinem Vater.
„Pa…."
Ben drehte sich um und sah seinen Sohn bestürzt an. „Adam, was ist passiert?"
„Pa… die Katze ist tot."
Ben zog die Augenbrauen zusammen. „Welche Katze?"
„Meine Katze."
„Aber Adam, du hast doch gar keine Katze."
„Doch."
„Adam, ich habe keine Zeit für deine Fantasiespiele."
„Aber Pa…er hat sie einfach erschossen."
Ein anderer Arbeiter im Lager kam an Bens Seite. „Ist das dein Sohn, Ben?"
Ben nickte. Der Mann neben ihm lachte. „Oh, Ben, dann hast du noch viel zu tun, um aus ihm einen Mann zu machen. Wenn er weint wie ein Mädchen, weil sein eingebildeter Freund erschossen wurde, wird er in Kalifornien nicht alt werden."
Adam stampfte mit den Fuß auf. „Ich habe mir das nicht eingebildet."
„ADAM….."
Sofort schaute Adam zu Boden. Sein Vater hockte sich vor ihm hin. „Adam, ich habe dir so oft gesagt, du kannst nicht wegen jeder Kleinigkeit weinen. Das macht ein großer Junge nicht und schon gar nicht wegen einer Sache, die du dir nur ausgedacht hast. Ich tröste dich, wenn du dir wehgetan hast, aber nun wird es Zeit, dass du lernst, dass man seinen Schmerz auch mal runterschlucken kann. Hast du mich verstanden?" Adam sah nicht hoch. Er nickte nur. Ben stellte sich wieder hin und drehte Adam an der Schulter um. „Und nun geh wieder raus mit deinen Murmeln spielen."
Am Abend lag Adam lange wach und dachte über den Tag nach. Als sein Vater ihn noch einmal zudeckte fragte er ihn, ob es möglich ist zu schwimmen, wenn man in einem Sack steckt. Ben lachte. „Adam, was hast du dir denn da schon wieder ausgedacht?"
„Ich habe mir das nicht ausgedacht."
Ben schüttelte den Kopf. „Jetzt schlaf endlich mein Junge. Ich gehe noch einmal in das Lager. Wir wollen die Sachen heute noch fertig bekommen, damit wir beide morgen dann weiterfahren können."
Enttäuscht atmete Adam tief aus. „Gute Nacht, Pa."
Ben gab seinem Sohn einen Kuss auf die Stirn und löschte das Licht. Mit der toten Katze vor Augen schlief Adam ein.
Keine Stunde später wachte er schreiend auf. Sein Herz pumpte. „Pa?"
Er bekam keine Antwort. Er zuckte zusammen, als es draußen donnerte. Der Regen prasselte auf die Plane des Wagens und die Bilder aus seinem Traum kehrten zurück. Die Männer hatten ihn in einen Sack gesteckt und lachten dabei. Der eine schrie durch den Sack in sein Ohr, dass es keinen Fluss in der Nähe gibt und sie ihn deswegen erschießen würden. Und dann hatte er den Knall gehört. „Pa?"
Wieder liefen ihm die Tränen und dann konnte er nicht mehr im Wagen bleiben. So schnell er konnte rannte er zu dem Geschäft, in dem sein Vater arbeitete.
„Pa…"
Er warf sich in die Arme seines Vaters. Der andere Mann legte seine Hand auf Bens Schulter. „Bist du sicher, dass du einen Jungen hast und kein Mädchen?"
Ben schaute den Mann finster an, um mit dem gleichen Gesichtsausdruck auch seinen Sohn anzusehen. „Adam, was ist schon wieder los?"
„Der Donner….er….."
Adam versuchte, Luft zu holen. Wieder lachte der andere. „Angst vor einem Gewitter…wie niedlich…"
Ben nahm die Hand seines Sohnes und kehrte mit ihm zurück zum Wagen. „Adam, ich habe dir schon so oft erklärt, was bei einem Gewitter passiert und du hast mir gesagt, du hast es verstanden." Dann sah er ihn liebevoll an. „Adam, wenn wir unseren Traum von einer eigenen Ranch verwirklichen wollen, muss ich mich auf dich verlassen können, wenn ich arbeite. Ich kann nicht immer die halbe Nacht deine Hand halten. Das verstehst du doch?"
„Ja, Sir."
„Wir werden uns bald einem Treck anschließen und wenn du da immer weinst und alle bekommen mit, dass du Angst vor einem Gewitter hast, werden dich die anderen Kinder auslachen. Das möchtest du doch nicht oder doch?"
„Nein, Sir."
„Gut und jetzt mach die Augen zu und schlafe. Ich bin bald bei dir."
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Sie waren jetzt seit vier Monaten mit den anderen Siedlern unterwegs und Adam war glücklich. Inger versuchte, alle seine Fragen zu beantworten und ihm seine Ängste zu nehmen. Sie lachte nicht über ihn, wenn er sich Gedanken darüber machte, ob die die Tiere die unter der Erde lebten, durch die Erschütterungen Kopfschmerzen bekommen würden, wenn sie mit den Wagen darüber fuhren. Sie nahm ihn in den Arm, wenn die anderen Kinder ihn ärgerten, weil er lieber mit ihr ein Buch ansah, als mit ihnen zu spielen. In dieser Zeit konnte er auch besser schlafen, weil er sich nicht mehr so viele Gedanken machte über Sachen, die er nicht verstand. Denn jeden Abend vor dem Schlafen sprachen Inger und er über den Tag und so wurden die meisten seiner Fragen beantwortet. Und wenn er dann doch nachts aufwachte, weil er sich fürchtete, brauchte er nur die Plane von Wagen anzuheben. Sie war dann sofort wach und kam zu ihm raus, um ihn zu trösten.
Es war kurz nach seinem sechsten Geburtstag. Sie hatten gerade das Abendbrot beendet, als sein Vater seine Hand auf seine Schulter legte. „Adam, du bist jetzt sechs Jahre alt. Ich denke, wir können jetzt langsam damit aufhören, dass deine Mutter dich jeden Abend ins Bett bringt und dir etwas vorliest. Sie wird - sobald das Baby da ist - auch nicht mehr so viel Zeit für dich haben. Deswegen denke ich, es ist jetzt ein guter Zeitpunkt, dass du lernst, dich abends alleine fertig zu machen."
„Aber, Pa…"
Ben schüttelte den Kopf. „Kein aber, Adam."
„Ben…." Inger stellte sich hinter Adam und legte die Arme um ihn. „….Ich werde auch noch für Adam Zeit haben, wenn das Baby da ist. Und ich möchte mit ihm vor dem Schlafen gehen noch lesen. Denn dein Sohn kann schon sehr gut lesen und ich höre ihm gerne zu."
Adam sah zu seiner Mutter hoch und strahlte. „Aber, Inger…."
Inger drehte Adam zu sich herum. „Adam, ich denke, wir kommen deinem Vater etwas entgegen. Du machst ab heute jeden Abend alleine dein Lager unter dem Wagen zurecht und ziehst dich schon um und dann setzen wir uns beide zusammen und reden über den Tag und lesen oder zählen die Sterne. Einverstanden?"
„Ja, Mum."
„Na, dann zeig es ihm heute gleich, dass du dass schon alles kannst."
Er nickte mit dem Kopf und rannte los und Inger sah ihren Mann an. „Ben, manchmal habe ich das Gefühl, du vergißt, dass er erst sechs Jahre ist. Nur weil er schon besser spricht und sich für andere Dinge interessiert, als die meisten Kinder in seinem Alter, hat er die gleichen Ängste und Sorgen wie sie."
„In meinen Augen verwöhnst du ihn zu sehr. Er ist zu weich für dieses Land. Wenn er vor allem Angst hat, wird er mit mir nicht auf der Ranch arbeiten können. Meinst du ich bekomme nicht mit, wenn du nachts zu ihm gehst, weil er mal wieder weint."
„Ben, hörst du deinem Sohn auch hin und wieder zu? Du bekommst anscheinend gar nicht mit, worüber er sich Gedanken macht. Hast du gewusst, dass er ganz genau mitbekommen hat, wie Logan seine Frau fast zu Tode geprügelt hat, nur weil in seinen Augen das Essen zu kalt war?"
„Das ist doch Blödsinn, das hat er von jemandem erzählt bekommen. Wie soll er denn das mitbekommen haben? Logans Wagen fuhr immer weit hinten und als es passierte, bist du hier vorne geblieben und hast mit ihm gespielt. Du hast mir doch selbst gesagt, dass du froh bist, dass er es nicht gesehen hat."
„Er muss es aber gesehen und gehört haben. Ich hatte mich schon gewundert, dass er danach so still war, aber einige Abende später sprach er mich deswegen an und er erzählte mir auch, dass er mit dir darüber gesprochen hat und jetzt Angst um mich hat."
Ben überlegte. Das ganze war doch erst zwei Wochen her. Wann hat ihn Adam deswegen angesprochen? Dann erinnerte er sich an eine Situation, als sie beide das Feuer für den Abend angemacht haben und Adam noch einmal losrannte, um noch mehr Holz zu holen. Adam hatte ihn angesehen und gesagt, dass sie aufpassen müssen, dass das Feuer an bleibt, bis das Essen fertig ist. Denn ein Mann braucht ein warmes Essen, sonst kann er nicht arbeiten. Ben hatte ihm auf den Rücken geklopft, gelacht und gesagt, dass er ja weiß was passiert, wenn das Essen kalt wird. Meinte Inger etwa diese Geschichte? Aber da hatte er doch nicht an Logan gedacht, sondern daran, wie Inger mal mit ihnen beiden geschimpft hatte, weil sie die Zeit beim Angeln vergessen hatten. „Inger, du weißt, er redet so viel am Tag. Da kann ich nicht immer zuhören."
Sie schüttelte den Kopf. „Ach, Ben. Das solltest du aber. Er schaut zu dir auf und versucht, vieles von dem, was du machst, nachzumachen. Er ist nicht zu weich. Nur in seinem Kopf, da arbeitet es die ganze Zeit. Adam hat mir einmal gesagt, er würde sich wünschen, sich einfach mal einen Stein nur ansehen zu können, aber das würde nicht gehen. Sofort würden Bilder in seinem Kopf erscheinen, was man alles mit dem Stein machen kann und hunderte von Fragen würden sich ihm stellen. Wie alt der Stein ist, wo er herkommt und wie lange er dort schon liegt. Und viele Bilder, die in seinem Kopf sind, kann er sich nicht erklären und dann bekommt er Angst."
„Ich höre meinem Sohn zu, wenn es wichtig ist und ich denke, dass er einfach nur eine zu lebhafte Fantasie hat. Mehr nicht. So, und nun muss ich zu Will ,um die nächsten Tage zu besprechen."
Er verließ den Lagerplatz und Inger sah ihm nachdenklich hinterher. Dann fühlte sie, wie jemand ihre Hand nahm. „Mum?" Sie sah zu Adam hinunter. „Hat Pa mich nicht lieb?"
Ziemlich geschockt hockte sie sich hin und hielt seine Hände fest. „Natürlich hat er dich lieb mein Spatz. Wie kommst du nur auf so eine Idee?"
„Er sagt mir ständig, ich soll anders sein und er hört mir nicht so zu, wie du es machst. Und jetzt ist er nicht nur wütend mit mir, sondern auch mit dir. Das möchte ich nicht."
Sie nahm ihn in den Arm und drückte ihn fest an sich. „Adam, dein Vater hat dich sehr lieb. Bitte, glaube mir das. Er versucht dir auch, zuzuhören, aber er muss sich auch darum kümmern, dass wir unser Ziel erreichen. Da hat er nicht ständig für dich Zeit, aber das bedeutet nicht, dass er dich nicht liebt." Sie sah ihm tief in die Augen. „Glaubst du mir das, Adam?"
Nun lehnte er sich an sie. „Ich liebe dich, Mum und ich bin froh, dass du bei mir bist."
Fünf Wochen später war sie tot.
Adam saß an einen Baum gelehnt und dachte an sie. Er schluckte den Schmerz hinunter, wie sein Vater ihm das gesagt hatte. Er durfte nicht vor ihm weinen. Er musste jetzt für sie beide stark sein. Es dämmerte schon, als er in das Lager zurückkehrte. Er hatte den Wagen noch nicht richtig erreicht, da packte ihn sein Vater schon am Oberarm und schrie ihn an. „Adam, wo warst du? Ich habe dir doch gesagt, du sollst das Lager nicht alleine verlassen."
Adam versuchte, sich aus dem Griff seines Vaters zu lösen, aber dieser verstärkte den Druck nur. „Ich war nicht weit weg. Nur dort bei der Baumgruppe. Das habe ich dir doch gesagt. Ich habe das Buch von Mum weiterlesen wollen."
Ben nahm ihm das Buch ab. „Du solltest dich damit im Moment nicht beschäftigen. Es gibt wichtigere Dinge. Du kannst nicht den ganzen Tag mit Lesen und Spielen verbringen. Du musst dich mit um Hoss kümmern und wenn wir am Ziel sind, mir auf der Ranch helfen. Hast du mich verstanden?"
Adam stand jetzt still. „Ja, Sir."
„Gut. Und Adam, wenn ich dir sage, du darfst das Lager nicht verlassen, musst du dich daran halten. Ich muss mich auf dich verlassen können."
„Ja, Sir."
„Jetzt geh zum Wagen und kümmere dich um Hoss."
„Ja ,Sir."
„Adam…." Er hielt das Buch in die Luft. Statt heute Abend zu lesen, solltest du lieber ein längeres Abendgebet sprechen und dich bedanken, dass wir bis hierher gekommen sind, und dass der Herr auch für den Rest des Weges seine schützende Hand über uns legt."
„Ja, Sir."
Am Abend saß Adam im Wagen und wollte das Gebet sprechen, aber er kam nur zwei Sätze weit. Er dachte über die Bibel und Gott nach und über das, was sein Vater ihm alles erzählt hatte und dann wurde er wütend. Er hatte doch immer alles gemacht, was man ihm gesagt hatte. Er hat die Hand nicht gegen andere erhoben, er hat nie gelogen und immer das Gebet gesprochen. Warum wurde ihm dann erst seine Mutter genommen und jetzt Mum? Warum hat Gott das getan? Warum soll er jetzt mit ihm sprechen, wenn er doch so gemein zu ihm ist? Adam sah zu Hoss, der tief und fest schlief. Dann hüpfte er aus dem Wagen und suchte seinen Vater. Er musste jetzt mit ihm darüber reden.
Draußen wunderte er sich, dass nirgends ein Feuer brannte. War das der Grund, warum er heute im Wagen schlafen durfte? Langsam schlich er durch das Lager. Es war auch stiller als sonst. Dann schreckte er zusammen, als er ein lautes Lachen hörte. Vorsichtig bewegte er sich in die Richtung. An einem kleinen Feuer stand sein Vater mit vier anderen Männern. Sein Vater hatte einen der Männer am Kragen gepackt. Schnell versteckte Adam sich hinter dem Wagen und beobachtete, was sein Vater mit dem Mann machte. Obwohl er nicht sehr laut sprach, konnte Adam jedes Wort hören.
„Steve, ich hatte Ihnen mehrmals gesagt, dass heute Nacht kein Feuer brennen soll und keiner, der nicht Wache hat, draußen herumlungern darf. Ist es so schwer zu verstehen?"
„Cartwright, ich kann machen, was ich will und Sie sind nicht der Boss."
„Sie sind doch schon wieder sturzbetrunken. Sie werden jetzt zu ihrem Wagen gehen und in der nächsten Stadt werden sie unseren Treck verlassen."
Dann fing der Mann laut stark an zu singen. „Steve, hören sie sofort damit auf."
„Was denn, Cartwright. Gefällt ihn meine Stimme nicht?"
Der Mann sang jetzt noch lauter. Adam biss sich in die Hand als er sah, wie sein Vater kräftig zuschlug. Der Mann mit dem Namen Steve taumelte rückwärts, fiel mit dem Kopf gegen die Wagendeichsel und blieb am Boden liegen. Einer der anderen Männer bückte sich, um nach ihm zu sehen. „Er ist tot, Ben."
Adam konnte durch das Licht des Feuers das Gesicht und die Augen seines Vaters sehen. Sie waren voller Hass und Wut. „Was sollen wir jetzt mit ihm machen?"
Ben atmete aus. Seine Stimme war tief und er sprach sehr langsam. „Wir werden ihn morgen, wenn wir weiter ziehen, zurück lassen. Wir haben nicht die Zeit, ihn unter die Erde zu bringen. Löscht das Feuer und geht euren Aufgaben nach."
Kaum war das Feuer aus, rannte Adam - so schnell und so leise wie möglich - zurück zum Wagen. Er legte sich auf seinen Schlafplatz und hielt sich die Augen zu. Dann, ganz langsam nahm er die Hände herunter. Er kannte den Mann, den sein Vater getötet hatte. In den letzten Wochen ist es zwischen den beiden immer wieder zu Streitigkeiten gekommen. Sein Vater hatte Steve vorgeworfen, dass er nur Spaß und Alkohol im Kopf hatte, und er endlich anfangen sollte, den Ernst im Leben zu sehen. Vor zwei Tagen bei einem Streit, hatte sein Vater den Mann schon einmal am Kragen gepackt und ihm gedroht, wenn er nicht endlich macht, was man ihm sagt, er erleben wird was passiert, wenn er wütend ist. Den Blick seines Vaters würde Adam nie vergessen und er wollte ihn auch nie wieder sehen. So schwor er sich, ab sofort immer alles zu machen, was sein Vater ihm auftragen würde. Er würde nicht meckern und weinen. Von nun an, würde er so werden, wie er sich das wünschte. Er würde nicht mehr weich sein…..
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…..Koko sah ihn nur an. Sie wusste erst einmal nicht, was sie sagen sollte. Sie wusste ja, dass der Weg von Boston hierher nicht leicht gewesen war, aber das, was sie gerade gehört hatte, machte sie sprachlos. „Hast du wirklich geglaubt, dass dein Vater dich auch so schlagen würde, das du tot bist?"
„Am Anfang ja, aber kurz vor Nevada hat er mir dann erzählt, warum in dieser Nacht kein Feuer angemacht wurde. In den Wochen davor wurden mehrere Trecks von Indianern überfallen und der Scout hatte frische Spuren in unserer Nähe gefunden. Deswegen war mein Vater auch so wütend mit mir gewesen, dass ich das Lager verlassen hatte. Heute verstehe ich natürlich, warum er den Mann geschlagen hatte und vieles, was mein Vater gemacht hatte, wurde mir auch später verständlicher. Auch stört es mich heute nicht mehr, dass hier oben…" Er tippte sich mit den Finger gegen den Kopf. „….so gut wie nie Ruhe herrscht. Durch deinen Vater habe ich gelernt, wie ich mein Gleichgewicht in mir finde. Er hat mir gezeigt, wie ich Probleme und Hindernisse angehen kann, wie ich unnütze Gedanken zur Seite schiebe und wenn doch alles zu laut in mir wird, was ich tun muss, um die Stille wiederzufinden. Ich habe euch viel zu verdanken. Durch eure Art zu leben, ist es mir leichter gefallen, hier zu leben, aber um die Mauer einzureißen, war es bereits zu spät." Bevor er weiter sprach, sah er nochmals aus dem Fenster. „Ich habe Inger geliebt ,als wäre sie meine richtige Mutter, aber nach kurzer Zeit war sie tot. Der Schmerz war so stark, aber ich durfte ihn nicht zeigen. Ich sollte stark wie ein Mann sein. Dann kam Marie. Wie du weißt, habe ich lange gebraucht, um sie in mein Herz zu lassen und dann starb sie und wieder war dieser Schmerz in mir, aber ich durfte ihn erneut nicht zulassen. Ich musste die Ranch am Laufen halten. Ich musste für Hoss und Joe da sein. Ich musste ein Mann sein." Er machte eine kleine Pause. „ Koko, dieser Schmerz war in den letzten Wochen wieder so stark in mir, dass er mich immer in die Knie zwingt. Am Tag, als Sophie geboren wurde, war ich kaum in der Lage ,ihn zu kontrollieren. Ich will diesen Schmerz nicht spüren. Nie wieder. Deswegen werde ich keine Frau mehr so in mein Herz lassen. Ich brauche keine Mutter mehr und ich brauche auch keine Frau für mich."
Mit großen Augen blickte Koko ihn an. „Das meinst du nicht ernst, Wynono? Denn wenn ja, dann brauchst du heute nicht zu Tom in die Kirche zu gehen, dann kannst du gleich nach Mitch suchen, um dich erschießen zu lassen. Das würde dann schneller gehen."
Er legte den Kopf schief. „Koko, ich habe nicht gesagt, dass ich sterben will."
„Nein, hast du nicht. Aber du wirst es früher oder später, wenn du dich weiter verschließt und nicht lernst, mit deinen negativen Gefühlen umzugehen."
„Sie sind mir zu stark, Koko. Ich kann und will nicht mit umgehen. Ich kann sie nicht ertragen."
„Natürlich sind sie zu stark, weil sie dich mit voller Härte erwischen, wenn du sie aber mit in deinen Alltag lässt, werden sie zu dir gehören." Sie lief einen Schritt auf ihn zu. „Wynono, wenn du im Winter dir vorsichtig mit kaltem Wasser das Gesicht wäscht ist unangenehm, aber es zwingt dich nicht in die Knie. Aber schüttest dir ohne Vorwarnung einen ganzen Eimer über den Kopf, wird es dich von den Beinen holen. Und genauso gehst du mit dem Schmerz um. Du lässt ihn nie zu, bis er dich in seiner vollen Stärke erwischt. " Dann nahm sie seine Hand. „Er gehört aber zum Leben dazu, genauso wie all deine positiven Gefühle. Wenn du heute an Inger denkst, was fühlst du da? Welche Bilder tauchen vor deinen Augen auf?"
Er schloss kurz die Augen und dachte nach. „Ich denke gerne an sie und sehe, wie wir uns gemeinsam Bücher angesehen oder uns auf dem Wagen unterhalten haben."
„Ja, das hat man gerade gesehen. Du hast gelächelt, als du an sie gedacht hast. Da war nicht mehr dieser Schmerz, aber nicht, weil du ihn unterdrückst, sondern weil er nicht mehr da ist. Was fühlst du, wenn du an Marie denkst?" Er lächelte. „Ich denke, das hast du verstanden."
„Ja, aber ich denke nicht, dass mir diese Erkenntnis helfen wird. Weil ich will nicht den Menschen verlieren, der einen besonderen Platz hier drin hat." Er schlug leicht mit der Hand gegen sein Herz. „Denn nur die Erinnerung wird mich nicht glücklich machen."
Koko nickte. „Gut, dann suche Mitch. Das ist für dich und uns alle, die dich lieben, dann einfacher."
Wütend ließ er ihre Hand los. „Koko, was soll das? Nur weil ich mich schützen will, heißt das doch nicht, dass ich nicht mehr leben möchte."
Wütend stellte er sich wieder an das Fenster. „Wynono, warum denkst du, war das Bison in deiner Vision so groß ?"
„Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich waren die kleineren gerade bei einer anderen Vision."
Sie stand nun mit verschränkten Armen vor ihm. „Wynono, ich will dir helfen und lasse mich nicht von dir wegstoßen, nur weil du dir die Wahrheit nicht eingestehen willst." Er biss die Zähne zusammen. „Ja sehe, auch dir ist es auf dem Berg klar geworden. Es ist wie damals in Boston, als du Fredrics Freund zusammengeschlagen hast. Du wolltest nicht nur deine Wut loswerden. Du wolltest dich auch dafür bestrafen, dass du deine Gefühle nicht unter Kontrolle hast und der Bison ist so groß, weil er nicht ein Teil der Herde ist, sondern weil er die Herde anführt. Und findet er seine Herde nicht, wird er am Ende an gebrochenem Herzen sterben. Hast du also vor, dich noch mehr zu verschließen, wirst du nie die Liebe finden und die Wut darüber wird in dir immer größer werden. Der falsche Wolf wird neben dem richtigen Wolf sitzen und warten und wenn es wieder so weit ist, wird er auch dich von mal zu mal mehr angreifen, bist du es leid bist, gegen ihn zu kämpfen."
Er drehte sich von ihr weg. „Koko, höre damit auf. Auch wenn ich sage, ich habe euch viel zu verdanken, kann ich seit Montag nicht mehr daran glauben, dass die Vision mir meinen Weg gezeigt hat. Ich war nur geschafft, weil ich über Tage kein Wasser und keine Nahrung zu mir genommen habe…." Er drehte sich wieder zu ihr. „….denn wo war denn am Montag mein Schutzgeist und hat mir geholfen? Er war nicht da, als ich ihn hier in diesem Zimmer oder auch schon Wochen davor gebraucht habe."
„Dein Schutzgeist soll dich begleiten und dir Mut machen, aber er kann nicht für dich die Mauer einreißen. Das kann nur das Bison. Die Schlange hat nur durch die bereits vorhandenen Öffnungen geschaut und sie versucht, dir den Weg zu zeigen, der vor euch liegt, weil du ihn durch die Mauer nicht richtig erkennen kannst." Sie sah auf seine Brust. „Du trägst die Kette nicht mehr und dabei hast du schon so viele Öffnungen geschafft und jetzt kehrst du vor dem ersten größeren Hindernis um?"
„Ich bezeichne Emillia nicht als Hindernis….." Er senkte den Blick und atmete tief durch. „…entschuldige bitte. Ich weiß, was du meinst, aber Koko wenn schon die Angst um Emillia bei mir diesen Schmerz auslöst..." Er sah sie wieder an und in seinen Augen war die Traurigkeit und Verzweiflung, die in ihm war, deutlich zu sehen. „….wie soll ich dann mit dem Schmerz umgehen, wenn ich die Frau verliere, die ich liebe und besonders, wenn ich schuld an ihren Tod bin."
Sie sprach nun sehr leise mit ihm. „Warum setzt du die Liebe immer nur mit den Tod gleich? Wynono, du versuchst ständig, das Gefühl der Liebe mit deinem Verstand in Verbindung zu bringen. Das geht aber nicht." Sie lächelte ihn an. „ Die Liebe sollte den Verstand eigentlich in den Hintergrund treten lassen. Ihr ist es nämlich egal, in welchem Herzen sie wohnt. Sie macht sich darüber keine Gedanken, ob man die gleiche Sprache spricht, welche Stellung derjenige hat, ob ihm ein Arm fehlt oder wie alt man ist. Sie breitet sich in dir aus und es ist ein wunderschönes Gefühl, wenn man es zulässt…aber du machst dir nur über das Ende Gedanken…
Siehe zu deinem Vater. Er hat den Schmerz dreimal erleben müssen, aber trotzdem den Mut gefunden, die Liebe wieder in sein Herz zu lassen, weil er weiß, dass der Schmerz vorbei gehen wird, aber die Liebe ewig bleibt. " Vorsichtig griff sie wieder nach seiner Hand. „Gebe nicht auf, Wynono. Ich weiß ,wie groß deine Sehnsucht nach einer Familie ist. Wie sehr du Kinder magst. Es ist so schön zu sehen, wie viel Geduld du mit ihnen hast. Mehr als mancher Indianer." Sie ging noch etwas dichter an ihn heran. „Ist….ist Bridget deswegen nicht hier? Weil du Angst davor hast, sie zu verlieren?"
Er brauchte sehr lange, bis er ihr antworten konnte. „Koko, ich liebe sie so sehr und ich weiß nicht, was ich mache, wenn ich sie verlieren sollte….ich habe gesehen, was es jedes Mal mit meinen Vater gemacht hat, wenn er seine Liebe verloren hat. Er hat sogar uns deswegen im Stich gelassen. In meinem Kopf sehe ich immer die Bilder, wie sie tot vor mir liegt, und dass nur, weil ich sie mit nach Nevada gebracht habe und glaube mir, ich habe versucht, mir zu sagen, dass das nicht so eintreten muss, aber meine….Angst ist zu groß."
„Der Brief, den du am Montag bekommen hast, war von ihr nicht wahr?" Er nickte mit dem Kopf. „Woher weißt du das?"
„Wynono, du bist nicht der Einzige, der oft auf meiner Farm ist."
„Hoss."
„Hoss macht sich sehr viele Gedanken um dich. Vor Wochen schon hat er mir gesagt, dass er glaubt, dass du auf den Berg solltest, aber er hat sich nicht getraut, es dir zu sagen und am Dienstag hat er mir erzählt, in welchem Zustand du das Haus verlassen hast, nachdem du den Brief bekommen hast."
Schwert atmete er aus, bevor er weitersprechen konnte. „ Koko, nur wenige Sätze haben ausgereicht, dass ich all die Gefühle, die seit Sophies Geburt in mir waren, nicht mehr unterdrücken konnte."
„ Schlagen eure Herzen im selben Rhythmus?"
„Ich weiß es nicht."
„Aber sie liebt dich?"
„Auch das weiß ich nicht."
Fragend sah Koko ihn an. „Wir haben nie über unsere Gefühle geredet und sie ist dann vor meiner Abreise nach New York gegangen. Es war der erste Brief, den ich seit dem von ihr erhalten habe, aber….ich gehe davon aus, dass sie mehr als Freundschaft für mich empfunden hat. Wie stark aber ihre Gefühle für mich waren, weiß ich nicht."
„Du machst dir Gedanken über ihren Tod und dabei weißt du überhaupt nicht, was dein Herz sagt, wenn die ersten Schmetterlinge weitergezogen sind." Sie tippte ihm gegen die Stirn. „Höre auf, mit deinem Kopf über dein Herz zu reden. Lass dein Herz mit dem Kopf reden." Sie trat ein Stück von ihm zurück. „Wo ist die Kette?" Adam ging zu seinem Tisch und öffnete die Schublade. Auf dem Brief von Bridget lag die Kette mit der Schlange. „Ich denke, heute ist ein guter Tag, eine Entscheidung zu treffen, Wynono. Willst du um das Hindernis herumgehen oder umkehren?"
Er nahm die Kette in die Hand und betrachtete sie. Ohne den Blick davon abzuwenden, gab er Koko eine Antwort. „Ich habe vor den nächsten Hindernissen Angst, Koko. Angst davor, was ich dann mache, wenn ich nicht weiter weiß. Ich habe am Montag darauf gewartet, dass Buck seine Waffe zieht."
Sie legte ihre Hand auf seinen Rücken. „Wir werden dir helfen, wenn du es zulässt. Höre auf Hoss wenn er sagt, du sollst auf den Berg gehen, denn er merkt schon recht früh, wenn es dir nicht gut geht. Ich bin da, wenn du jemanden brauchst, der dir zuhört und dich in den Arm nimmt. Emillia wird da sein, wenn dein Vater dich nicht versteht und er wird dir auch auf seine Art helfen."
Langsam legte er sich die Kette an und drehte sich wieder zu ihr. „Ich glaube, die erste Hilfe würde ich jetzt gerne in Anspruch nehmen."
Er breitete die Arme aus und sie legte mit einem Lächeln ihre Hände auf seine Brust und ließ sich umarmen. Adam schloss die Augen und spürte ihre Wärme auf seiner Haut, aber mit der Zeit hatte er den Eindruck, dass die Wärme sich auch um sein Herz und seine Seele legte und nicht nur die von Koko, sondern auch die Wärme der Schlange umarmte ihn.
Die Tür flog mit einem Schwung auf. „Adam, du musst mir mal mit dieser verdammten Schleif…"
Hoss blieb mit der Schleife in der Hand stehen und sah zu Koko und Adam. Adam hatte inzwischen die Augen wieder geöffnet und bevor er Koko wieder los lies, flüsterte er ihr ein leise Dankeschön zu. Koko drückte sich mit beiden Händen von ihm weg. „Dafür sind Seelenfreunde da."
Dann drehte sich Koko zu Hoss. „Komm Hoss, ich werde dir helfen, denn ich denke, dein Bruder sollte sich langsam mit dem Anziehen beeilen. Schließlich wartet sein Freund auf ihn."
Sie fasste Hoss am Arm und zog ihn aus dem Zimmer. Unbeweglich stand Adam da und sah den beiden nach.
„Joseph, ich habe dir doch gesagt, du sollst nach draußen gehen und den zweiten Wagen fertig machen"
„Was hast du gesagt, Pa?"
„Ben könnt ihr zwei einmal aufhören, hier so herumzubrüllen? Ich will, dass Sophia noch so lange wie möglich schläft."
Adam löste sich aus seiner Starre und lächelte. „Wynono?"
Adam sah nach unten. Vor ihm stand Sarah. „Ich brauche Hilfe."
Sie hielt die beiden Enden von der Schleife ihres Kleides in der Hand. Adam hockte sich hin und band die Schleife zu. „Winona, auch ich brauchte deine Hilfe." Sie sah ihn mit großen Augen an. Er legte eine Hand an sein Kinn und sah sie mit gespielter Verzweiflung an. „Ich habe irgendwo hier im Zimmer meine Strümpfe und Schuhe. Aber ich kann sie nicht finden. Kannst du sie für mich suchen?
„Ja…"
Er stand auf, während sie lachend zu seinen Schuhen lief. Er wollte gerade zu seinem Hemd greifen, als sein Blick auf die geöffnete Schublade fiel. Adam nahm den Brief in die Hand. „Vielleicht schaffe ich es, ihn morgen zu lesen, Bridget."
Vorsichtig legte er ihn zurück in die Schublade und schob sie zu.
