2. Freunde
,,Snape sieht nicht aus, als hätte er frohe Weihnachten gehabt." warf Ron spöttelnd in die Runde, als sie die große Halle nach dem Abendessen verließen. ,,Hat wohl nicht das bekommen, was er sich gewünscht hat, der Arme." Seine Stimme ging in ein amüsiertes Lachen über.
Er schien es eilig zu haben. Noch war Levander nicht auf ihn zugetreten und der Rothaarige wollte es wenigstens an diesem Abend vermeiden, von ihren stürmischen Küssen bedrängt zu werden.
Harry sah wieder einmal ernst drein. Er hatte die ersten Ferientage kaum über etwas anderes geredet als über Snapes und Malfoys vermeintliche Machenschaften. Es schien noch immer in seinem Kopf zu arbeiten. Auch eben hatte er wieder über den unbrechbaren Schwur geredet. Hermine sah Ron, den sie eben noch hatte rügen wollen, dankbar an, weil er Harry auf ein anderes Thema gelenkt hatte.
Hermine wusste, dass er Snape mehr denn je verdächtigte. Der Gedanke daran versetzte ihr einen Stich in der Brust. In dem Rausch, der sie in den Ferien erfasst hatte, hatte sie nicht mehr einen Gedanken an den Brief verschwendet, den Ron ihr geschrieben hatte. Und auch in diesem Moment, in dem sie Harrys verbissener Blick daran erinnerte, dass er Snape noch immer für einen bekennenden Todesser hielt, murmelte sie in ihrem Inneren immer wieder. In dubio pro reo. In dubio pro reo. In dubio pro reo. Professor.
Während des Essens hatte sie sich die ganze Zeit gezwungen, nicht zum Lehrertisch zu blicken. Sie hatte es Severus versprochen. Ohne Worte. In ihrem Inneren. Ein Pakt des Schweigens.
Allein die Erinnerung an die Wärme seiner Umarmung hatte ihr Verlangen, das Versprechen zu halten so sehr genährt, das sie sogar ihre Sehnsucht, ihn mit ihren Augen zu suchen, niedergerungen hatte.
Bis auf diese zwei verstohlenen Blicke, hatte sie ihr Versprechen gehalten. Beim ersten Mal hatte sie gesehen, dass sein Blick starr auf dem Teller vor ihm gerichtet war. Beim zweiten Mal hatte er ihr entgegengeblickt. Ron hatte recht. Sein Gesicht war nicht mehr gewesen, als eine starre missmutige Maske. Es war fast so etwas wie ein Hauch von Unglück darin gewesen. Hermine hatte eine Aufregung erfasst, die nichts mit der vorherigen gemein hatte. Es war zuviel passiert. Die Gewissheit, dass das, was im Cottage passiert war, kein Traum gewesen war. Die Offenbarung ihrer Mutter und ihre Reaktion darauf.
Sie wusste, die Hermine, die sie früher gewesen war, hätte ihr in diesem Moment empört die Ohren voll geschimpft. Du hast deine Mutter verzaubert, was hast du dir dabei gedacht? Du bist nicht besser als der Halbblutprinz. Halt die Klappe, ich habe es für Severus getan. Du hast doch nie geliebt, also halt die Klappe.
,,Lasst uns in den Gemeinschaftsraum gehen." sagte Ron ,,Ich habe noch ein Geschenk für dich, Hermine. Von meiner Mutter."
Oh Ron, dachte sie und lächelte leicht, obwohl sie nicht genau wusste, was sie in diesem Moment empfand. Kribbelige Freude vermengte sich mit der Sorge um Severus angespannten Gesichtsausdruck. Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Wieder meldete sich die alte Hermine zu Wort. Hast du nicht sein Gesicht gesehen? Er sieht noch unglücklicher aus als sonst. Du weißt nicht einmal, ob er dich wieder sehen will.
Hermine presste die Lippen aufeinander. Die alte Hermine hatte recht. Er konnte es sich jederzeit anders überlegen.
Aber er mag mich. Er mag mich so sehr, dass er geblieben ist, nachdem ich die Visionen hatte. Er hat mir Freude bereitet, von der du keine Ahnung hast.
Er mag dich. Was macht das? Er ist verschroben. Kompliziert. Zwanzig Jahre älter. Er ist –
Halt die Klappe! Ich liebe ihn. Ich kann nicht mehr zurück. Wir sind in Hogwarts. Hier ist alles komplizierter.
Er ist dein Lehrer, Hermine, dein Lehrer. Du hast mit deinem Lehrer geschlafen. Hermine Granger hätte so etwas nie getan.
Ich bin Hermine Granger. Er ist Severus Snape. Ich liebe ihn. Ich gehe noch eineinhalb Jahre zur Schule, und dann-
Du weißt nicht, was kommt. Du weißt nicht- wer er ist- du weißt nichts-
Halt die Klappe, ich bin nicht mehr du.
Zusammen stiegen sie in den Gemeinschaftraum, wo auch schon Ginny, Seamus und Neville saßen. Hermine warf ihnen ein mattes Begrüßungslächeln zu, bevor sie sich neben Ginny aufs Sofa fallen ließ. Im Kamin brannte ein Feuer und verbreitete eine angenehme Wärme. Hermine ließ ihren Blick über die Eisblumen am Fenster schweifen.
,,Du siehst irgendwie nicht erholt aus." bemerkte die Rothaarige, die neben Seamus saß. Ron verschwand in Jungenschlafsaal, um in seinem Koffer nach dem Geschenk zu wühlen. Harry warf Ginny einen sehnsüchtigen Blick nach dem anderen zu, den sie von Zeit zu Zeit mit einem verlegenen Blinzen quittierte. Aber da sie noch mit Dean zusammen war, wagte sie nicht, mehr Gegenreaktion zu zeigen, obwohl jeder wusste, dass sie von ihrer Beziehung mehr als genervt war.
,,Weihnachten bei mir zu Hause ist immer anstrengend. Besonders mit meinem Vater."
,,Oh ja, das ist bestimmt anstrengend mit solchen Eltern."
,,Nein, es ist mein VATER - er benimmt sich jedes Jahr daneben, während meine Mutter versucht das Weichnachtsfest zu retten."
Ginny lächelte verlegen. Sie genoss Weihnachten im Fuchsbau immer sehr und sie wusste, dass Hermine auch sehr gerne dabei gewesen wäre. Sie hatte sich nie an den Gedanken gewöhnen können, dass Eltern sich trennen konnten. Aber vielleicht war das bei den Muggeln anders. Ihre Eltern stritten zwar auch, aber es gehörte zu ihrer Ehe wie das Atmen und endete immer mit Küsschen und versöhnlichem Lächeln.
,,Aber dieses Jahr muss es besonders schlimm gewesen sein. Du siehst so blass aus, Hermine. Als wärst du krank gewesen."
,,Nur eine Erkältung. Und der Weihnachtsstreit mit meinem Vater. Aber jetzt geht´s mir besser, Gin. Und was habt ihr gemacht? Trolle gejagt?"
,,Ja, woher weißt du das?" erwiderte Ginny lächelnd. ,,Die waren echt lästig dieses Jahr. Ron, Harry und ich haben auch ein wenig Quidditch trainiert. Aber im Schnee ist es irgendwie nicht dasselbe."
Neben ihnen explodierte Snape laut. Neville wischte sich verlegen lächelnd über sein verrußtes Kinn, während eine rauchende Karte zu Boden segelte. Ginny wandte sich um und lehnte sich Hermine entgegen. ,,Harry steht auf mich! Was soll ich nur tun?"
Hermine sah Ginny einen Moment ratlos an. Sie selbst hatte noch nie einen Freund gehabt, den sie hatte loswerden müssen. Sie musste an Severus schlafendes Gesicht denken. In diesem Moment erfasste sie eine tiefe Zufriedenheit und sie wusste, sie müsste nur an dieses Gesicht denken, wenn die Zweifel sie wieder überkommen würden.
Sie wusste, sie wollte niemanden anderen. So schwer es auch werden würde.
,,Und was ist mit Dean?"
Ginnys Gesicht nahm einen gequälten Ausdruck an. ,,Der nervt mich. Der hat mich schon nach einer Woche genervt. Der redet immer soviel Zeug, das mich gar nicht interessiert. Aber-."
,,Ja?"
,,Es ist so schwer jemandem zu sagen, dass du- naja, dass du ihn nicht mehr willst."
Hermine biss sich betreten auf die Unterlippe. ,,Und stehst du auch auf Harry?"
,,Ja." hauchte sie. ,,Mit allem drum und dran. Mir wird immer schlecht, wenn er mich ansieht."
,,Dann mach doch mit Dean Schluss."
Die Rothaarige sah mit einem Mal fast ängstlich drein. Hermine verstand sie, wie sie auch schon Ron nur zu gut verstanden hatte, als er von Levander gesprochen hatte.
,,Ich hab Angst davor. Schließlich sehe ich ihn jeden Tag."
,,Trotzdem, man muss doch wissen, woran man ist."
,,Das klingt so vernünftig, Hermine. Warum ist es so schwer vernünftig zu sein?"
Ich bin schon lange nicht mehr die Richtige für solche Fragen, dachte Hermine. Sie holte leise Luft und sammelte die Worte auf ihrer Zunge. ,,Dumbledore hat mir mal etwas gesagt. Er hat gesagt, Der einfache Weg ist nicht immer der richtige."
Ginny biss sich bei diesen Worten nachdenklich auf die Unterlippe. Sie konnte nicht ahnen, dass das Mädchen, das ihr gegenübersaß, in den letzten Tagen oft an Dumbledores Worte gedacht hatte.
,,Da ist was dran." murmelte die Rothaarige.
Hermine seufzte leise. ,,So wie ich Dean einschätze, wird er es überleben."
,,Harry hat so schöne Augen. Ich mag seine grünen Augen. Sie machen mich ganz wuschig."
Hermine musste plötzlich leise lachen, als sie Ginnys verträumtes Lächeln sah. ,, Dann weißt du ja, was du tun musst."
Ginny lehnte sich zurück und schenkte Harry ein weiteres schüchternes Blinzeln.
,,Hier!" vernahm Hermine Rons Stimme. Der Geruch von Weasley-Wolle stieg ihr in die Nase. Er drückte ihr ein Päckchen in die Hand. ,,Mit frohen Glückwünschen von meiner Mutter. Du weißt sicherlich schon was es ist."
Ja, Hermine wusste es. Mrs. Weasley hatte berühmte magische Stricknadeln. Sie fühlte den weichen Wollstoff des bunten Schals unter dem kitschigen Geschenkpapier. Sie tat als sei sie überrascht. Und mit einem Mal, während sie unter den warmen freundlichen Blicken der Anwesenden das Geschenk auspackte und sich den bunten Flickenschal freudig um den Hals wickelte, fühlte sie, dass sie glücklich war. Auf eine merkwürdige, vibrierende Art. Nicht einmal die Ungewissheit, was Severus Verhalten betraf, drang zu ihr vor.
In diesem Moment spürte sie, wie sehr sie sich in den letzten Monaten in ihr Schneckenhaus zurück gezogen hatte. Auch wenn sie niemandem von ihrem Verhältnis zu Severus erzählen konnte, sie wusste, dass diese Menschen sie niemals im Stich lassen würden.
,,Der ist wunderschön, Ron. Sag deiner Mutter lieben Dank, ja?"
,,Was ist, Hermine? Ist der Schal so scheußlich, dass du weinen musst?"
Hermine, die erst jetzt bemerkte, dass ihr feine Rinnsaale über die Wange liefen, wischte sich hastig über die Wangen. ,,Nein!" erwiderte sie mit einem leisen, quiekendem Lachen.
,,Das schönste Geschenk, das ich bekommen habe, wirklich. Ich bin nur so froh wieder hier zu sein. Bei euch."
Ginny sah Ron auffordernd an. ,,Lass sie , Ron. Sie hat schreckliche Weihnachten hinter sich. Sie freut sich nur wieder bei ihren Freunden zu sein."
Sie legte den Arm um Hermine und lächelte ihr zu. ,,Ist doch so, oder?"
Hermine wischte sich ein letztes Mal über die Wange. ,,Und ob." erwiderte sie und strich mit ihren Fingern über die warme, weiche Weasley-Wolle.
