Kapitel 52
Es war, als wären all die letzten Monate, all die Erinnerungen aus dem Denkarium und Harrys Verständnis für den Verlauf mancher Dinge und warum sie geschehen waren aus seinem Kopf gefegt. Nur noch Wut brannte in ihm, brachte seinen Körper zum Zittern und während die Person in Dumbledores Raum zu diesem meinte, er solle ihn nicht so nennen, da Severus Snape nicht mehr existierte, zückte der Gryffindor seinen Zauberstab.
„Expelliarmus", rief Harry rasend und stürmte ins Zimmer. Sofort flog Stephano Styls oder Snape, wie man es halt wollte, sichtlich überrascht quer durch den Raum und Harry, der blitzschnell die Distanz zu dem am Boden liegendem Mann überbrückte, drückte ihm sofort seinen Zauberstab an die Kehle.
„Harry, bist du von Sinnen?", rief das Portrait von Dumbledore entsetzt und der alte Zauberer schien mehr als nur blass zu sein.
„Nein Professor, ich bin vollkommen klar...", schrie Harry in den Raum, „... und werde diesem Mörder hier seine gerechte Strafe zukommen lassen. „Ava..." Mitten im Satz brach Harry jedoch ab und es durchzuckte ihn wie ein Hammerschlag die Frage, was er hier tat. Dann bemerkte er die schon fast ängstlich wirkenden Augen von Professor Styls und sah sich verwirrt um. Los ließ er den Mann aber nicht und Verzweiflung kam in ihm auf. Er hatte es sich doch so sehr geschworen, Dumbledore zu rächen. Und warum tat er es nun nicht. Es bildeten sich Tränen in Harrys Augen; Tränen der Verzweiflung und nur dunkel drangen die Worte vom Portrait des alten Zauberers zu ihm durch.
„Harry, lass Steph los! Es ist nicht so, wie du vielleicht denkst." Versuchte Dumbledore auf ihn einzureden und Harry erst einmal zu beruhigen. Dies schien auch irgendwie zu klappen, denn der Gryffindor lockerte seinen Griff. Allerdings machte sich in ihm danach ein anderer Gedanke breit und dieser hatte damit zu tun, dass sich Harry plötzlich ziemlich dumm fühlte, seinen Lehrer nicht früher durchschaut zu haben. Harry fühlte sich in seinem Vertrauen missbraucht und dies schürte die Wut aufs Neue.
Allerdings nahm Styls die Gelegenheit des lockeren Griffs seitens Harrys wahr und entfernte sich ein wenig von ihm. Dann hob er seinen Zauberstab und... reichte ihn dem Gryffindor. „Hier Harry, nimm ihn. Ich werde dir nichts tun." Styls Worte klangen ehrlich und hoffnungsvoll. „Und glaub mir, Severus Snape, als der Mann, den du gekannt hast, existiert nur noch als Erinnerung."
„Was?", fragte Harry geschockt und dachte sofort wieder an einen Trick. Dumbledore lenkte den Jungen aber mit seiner ruhigen Stimme ab und bat Harry, sich erst einmal zu setzten. Dann nickte er Styls zu und dieser verschwand aus dem Zimmer. Harry sah ihm nach und wollte hinterher, doch Albus hielt ihn zurück.
„Nein Harry, er kommt gleich zurück. Steph holt nur schnell etwas. Etwas, dass wir brauchen, damit du verstehst, Dinge verstehst, die du eigentlich nie hättest erfahren sollen."
„Nie erfahren, Professor? Wieder diese beschissenen Geheimnisse?" Harry brauste auf, doch Dumbledore, der zwar etwas betrübt aussah, schaffte es dennoch, dass er sich wieder beruhigte.
„Ja Harry, es ist mal wieder das Werk, oder vielmehr der Wunsch eines alten Mannes gewesen, der dich vor bestimmten Sachen schützen wollte."
„Schützen Professor? Schützen? Haben sie eine Ahnung, was er mir angetan hat?" Harry sah ungläubig und mit den Händen die Stellen mit den schwersten Verbrennungen abtastend zum Portrait hoch und bemerkte dadurch nicht, dass Stephano Styls wieder den Raum betrat. In seinen Händen hielt er ein Denkarium und mehrere Phiolen mit der silbrigen Substanz, die entzogene Erinnerungen waren. Styls stellte die steinerne Schale auf dem Tisch neben der Vitrine mit den schon gefundenen Horkruxen ab und sah erwartungsvoll zu Harry und dem Portrait.
„Womit wollen wir beginnen?", fragte der Lehrer für VgddK leicht unsicher und immer noch mit einem vorsichtigen Blick zu Harry. Scheinbar war ihm klar, dass all das, was sich zwischen ihm und seinem Schüler, das mehr als nur gute Verhältnis der letzten Monate, dass dies nicht mehr existent war.
„Ich denke", sagte Dumbledore mit ruhiger Stimme, „wir nehmen die Erinnerung, die Harry wohl am besten aufzeigt, warum wir welche Schritte unternommen haben."
Harry brannte ein lautes „Was" auf den Lippen, doch dann verkniff er es sich, da Professor Styls eine der Phiolen geöffnet hatte und sie in das Denkarium gab. Er schwenkte die steinerne Schale und bedeutete dann Harry, näher zu kommen. Dem Gryffindor war nicht ganz wohl bei dem Gedanken, in die Erinnerung einzutauchen, vor allem allein, und Snape hier im Raum zu wissen. Doch dieser versuchte ein Lächeln und meinte, er würde mitkommen. Harry wusste im nächsten Moment allerdings nicht, ob dies gut oder schlecht war. Schließlich rang er sich durch, denn auch wenn Dumbledore mal wieder seine Spielchen gespielt hatte, vertraute er dem alten Mann immer noch. Daher trat er an das Denkarium heran und kurz darauf fiel er auch schon kopfüber in eine andere Welt.
Harry landete sicher auf seinen Füßen, sah sich aber rasch nach Professor Styls um. Irgendwie fühlte er sich nicht mehr ganz so geborgen in dessen Nähe. Doch der Professor stand, ebenso wie Harry auch, erst mal nur da und versuchte die Erinnerung einzuordnen. Harrys Blick schweifte daher durch den Raum und es dauerte nur Sekunden, bis ihm klar wurde, welcher Rückblick es sein würde.
Es ging um die Erinnerung, die Harry damals nicht vollständig gesehen hatte, weil sie offenbar manipuliert worden war. Der Direktor saß hier in seinem Büro und studierte den damals schon ominösen Brief. Ihm gegenüber saß Snape und da dieser extrem mitgenommen aussah, ging Harrys Blick zu Professor Styls. Aber der schaute nicht im Geringsten betroffen und dies überraschte Harry dann doch.
Harry wurde einmal mehr aus seinen Gedanken gerissen, als der Direktor das Pergament weglegte und sich an seinen Zaubertranklehrer wandte.
„Severus, ich habe dich heute hier her gebeten, da mich einige sehr beunruhigende Nachrichten erreicht haben. Wie du vielleicht weißt, habe ich begonnen, Harry von Toms kleinen Lebensversicherungen zu erzählen..."
„Potter? Er weiß also davon?" fragte Snape mit seinem ihm ureigenen verachteten Ton und Dumbledore nickte.
„Ja Severus, ich versuche Harry ganz langsam an diese Sache heranzuführen und zeige ihm hauptsächlich erst einmal die Erinnerungen aus Toms Vergangenheit. Er muss erst einmal verstehen, wie unser grausamer Freund denkt, damit er später das fortsetzten kann, was ich wahrscheinlich nicht mehr schaffen werde."
Snape sah den alten Zauberer nun nachdenklich an und wandte seinen Blick dann auf den verkohlten Arm. Harry kam nicht umhin an das letzte Mal in dieser Erinnerung zu denken und diesmal war sich der Gryffindor sicher, dass in den schwarzen Augen so etwas wie Trauer lag. Danach kam die Frage von Snape, warum es unbedingt Harry sein musste und Dumbledore antwortete auch heute nicht wirklich auf die Frage. Scheinbar wollte der Ältere vor seinem Zaubertranklehrer immer noch nicht alles, möglicherweise die Prophezeiung, Preis geben. Daher fragte Snape nun nach dem Brief und Dumbledores Gesicht wurde mit einem Male extrem müde.
„Der Brief, Severus, ist von einem guten Freund, einem ehemaligen Schüler, der sich in den letzten Jahren auf meinen Wunsch hin viel mit Hinweisen auf die Verwendung schwärzester Magie beschäftigt hat. Und eben dieser sehr beeindruckende, junge Mann hat mir mitgeteilt, dass er ein weiteres Horkruxe finden konnte. Allerdings birgt dessen Vernichtung ein sehr hohes Risiko, mehr noch als beim Ring Salazars. Und daher habe ich mir in den letzten Stunden einen Plan ausgedacht, wie wir beide gemeinsam es vielleicht schaffen könnten, einen weiteren Schritt in Richtung Freiheit zu gehen..."
Nun kam der Teil, der Harry beim letzen Male verwehrt worden war und dementsprechend aufgeregt war der Gryffindor. Sein Blick ging auch zu Professor Styls und dieser versuchte ihn zuzulächeln. „Es ist in gewissem Maße auch für mich neu Harry. Denn wie gesagt, Severus Snape ist eine Erinnerung." Harry versuchte immer noch, diese Worte zu verstehen und sah dann zurück zum Schreibtisch. Snape hatte sich erhoben und schritt nachdenklich durch den Raum."
„Also Albus, was ist es dieses Mal. Was hat der dunkle Lord sich ausgesucht, um ein Stück seiner verdammten Seele darin zu verstecken."
Dumbledore sah vom Pergament auf und wirkte noch müder. „Severus, leider ist es kein etwas. Es ist ein jemand... und was viel komplizierter ist,... es ist Harry selbst."
„WAS?", riefen Snape, Harry und sogar Styls zeitgleich und schauten entsetzt auf den alten Zauberer vor sich. „Warum sollte er dies tun?" Snape war wohl der erste, der sich von diesem Schock erholt hatte und sah nun mehr als nur fragend zu Dumbledore.
Der alte Direktor atmete kurz tief durch und meinte dann mit niedergeschlagener Stimme. „Weil es ganz in der Natur von Tom liegt. Er sammelt schon immer Trophäen, Trophäen, die er mit den Gründern in Verbindung bringt und die ihm das Gefühl der Macht geben."
„Aber warum Potter, Professor? Was hat dieser verdammte Bengel mit den Gründern zu tun?", fragte Snape und seine Stimme hatte seine alte Kälte wieder.
„Weil Harry nicht nur der Junge ist, den sich Tom durch die Prophezeiung zum Feinde gemacht hat. Nein, Severus, es ist auch seine Abstammung. Schließlich ist sein Ur Ur Ur Ur Urgroßvater, ein gewisser Eugen Nathan Potter die genetische und magische Verbindung zwischen der alten Familie Potter und einer der letzten Nachkommen von Godric Gryffindor. Nicht viele wissen dies, da die Potters selbst immer, und gerade zu dieser Zeit, sehr angesehen waren und nicht den Namen Gryffindor gebrauchen wollten, um in der Zaubererwelt ihre Berechtigung zu haben. So geriet dies alles auch in Vergessenheit und nur die Schulleiter von Hogwarts und einige Chronisten haben dieses Wissen bewahrt."
„Und woher könnte der dunkle Lord dies dann wissen?", fragte Snape, der trotz des Schocks noch einen gewissen Teil logischen Denkens besaß. Und auch die beiden Besucher der Erinnerung horchten nun genauer hin. Dumbledore strich sich über den Nasenrücken und schien nachzudenken. Dann sah er Snape an und antwortete, „Nun Severus, du kannst dich doch sicher noch an die unangenehmen und dunklen Zeiten vor James und Lilis Tod erinnern und dass in dieser Zeit eine Menge Menschen spurlos und auf rätselhafte Weise verschwunden sind. Einer davon war Alastors Bruder Ignasius, ein wirklich beachtenswerter junger Mann. Und er war leitender Archivar im Ministerium und hatte eine Vielzahl Stammbäume in seiner Obhut. Ich vermute einfach mal, dass sein Tod oder sein Verschwinden irgendwie mit Toms damaliger Machtergreifung zusammen hängt."
Harry sah Dumbledore fassungslos an und es begann in seinem Innersten sich immer weiter zusammen zu ziehen. Snape fragte schließlich, wie der dunkle Lord es aber geschafft haben soll, Harry zu verwandeln. Schließlich seien sie sich ja nur in der Todesnacht der Potters begegnet.
Dumbledore lehnte sich in seinem Sessel zurück. Er schaute seinen Zaubertranklehrer über die halbmondförmige Brille an und antwortete. „Nun Severus, ich kann ab hier auch nur noch vermuten, was geschehen ist, doch es gibt aufgrund meiner Untersuchungen und der meines Freundes, dem ich ein wenig von Harrys Blut geschickt habe, keinen Zweifel daran, dass unser junger Freund einen Teil von Toms Seele bewahrt."
„Sein Blut, Professor?", fragte Snape überrascht, da nicht mal er sich wahrscheinlich an Magie, die auf Blut beruhte, herangewagt hätte. Allerdings fügte er noch schnell ein, „Und nennen sie ihn nicht meinen Freund", hinzu, bevor der Direktor weitersprach.
„Ja Severus, Harrys Blut. Ich habe es mir von Poppy geben lassen in der Hoffnung, eine Antwort zu finden. Und dass dies für sie nicht schwer war, müsste selbst dir einleuchten, Severus. Ich meine, bei Harrys Glück und James Erbe mindestens einmal pro Jahr im Krankenflügel zu landen, da war dies ja nun wirklich keine besondere Leistung."
Harry konnte sehen, wie sich die Mundwinkel des alten Giftmischers bei Dumbledores Bemerkung über seinen Vater leicht nach oben zogen und es so aussah, als würde er lächeln. Sein Blick ging daher zu Professor Styls und Harry wollte diesem einen bösen Blick zuwerfen, falls er sich ebenfalls amüsieren würde. Doch der derzeitige Lehrer für VgddK schaute nur ausdruckslos auf das Geschehen in der Erinnerung, so als würde es ihn nicht betreffen und dies verwirrte Harry weit mehr. Schließlich erklangen aber wieder Dumbledores Worte und man hörte wieder aufmerksam zu.
„Nun Severus, dass Harry ein Horkrux ist, steht außer Frage und zu der Frage, wie Tom es geschafft hat und warum, nun, da habe ich einige Vermutungen." Dumbledore strich einmal mehr über seinen Nasenrücken und schob dabei die Brille kurz hoch. Dann atmete er tief durch und seine Stimme wurde wieder niedergeschlagen. „Der Grund für Tom, Harry als Ziel zu nehmen, liegt einerseits in einem Streit, der schon so alt ist, wie Hogwarts selbst und anderseits in unseren Traditionen und Gebräuchen. Insbesondere meine ich dabei unsere Art unsere Lieben nach ihrem Tode zu bestatten."
„Streit?", fragte Snape dazwischen, gar nicht auf die zweite Sache eingehend.
„Nun Severus, ich meine eine Begebenheit, die niemand heutzutage mehr weiß, oder geschweige denn dass sie jemand gar wahr haben möchte. Ja ich selbst habe es erst vor kurzem in wirklich sehr, sehr alten Schriften und einem Gespräch mit unserem ältesten Gespenst erfahren. Rowena Ravenclaw, von der man immer sagte, sie sei die Geliebte und langjährige Weggefährtin von Godric Gryffindor gewesen, war in Wirklichkeit die kurze Zeit bis zu ihrem Tode mit Salazar Slytherin leiert. Es heißt sogar, dass sie sein Kind erwartete, welches aber tragischerweise mit ihr zusammen im Mutterleib starb. Slytherin gab die Schuld daran allein Godric Gryffindor, da dieser es, trotz dass er einer der damals bester Heilzauberer war, nicht geschafft hatte, sie vor dem Tode zu bewahren. Seit diesem Unglück, so heißt es, gibt es den Streit, oder besser diese Fehde zwischen den Familien, auch wenn Salazar sich nach Hogwarts neu verliebte und mit seiner späteren Frau mehrere Kinder gezeugte hatte, wodurch seine Blutlinie nicht endete."
„Aber das ist ja unglaublich", sagte Snape, der eigentlich durch seine Zugehörigkeit zum Hause Slytherin gedacht hatte, so gut wie alles über den Gründer zu wissen. Dumbledore nickte seinem Lehrer zustimmen zu und sagte, „Doch es stimmt Severus und ich habe noch was herausgefunden. Etwas, dass ich auch unbedingt bei Harry noch richtig stellen muss. Ich weiß nämlich nun, dass wir schon ein weiteres Horkruxe einem Gründer zuweisen können. Ich meine das Medaillon mit dem großen „S". Es stammt zwar aus den Besitztümern der Slytherins, war aber, laut dem blutigen Baron einst ein Geschenk an Rowena und damit gehört es eigentlich ihr."
Also diese Informationen musste Harry erst einmal verdauen. Zumal ihm plötzlich der Gedanke kam, dass sich langsam der Kreis schloss. Allerdings machten ihm die Erkenntnisse über sich selbst und Voldemort einige Kopfschmerzen und er wollte endlich erfahren, warum ihm Snape im letzten Sommer dies alles angetan hatte. Glücklicherweise schien Dumbledore ein Einsehen zu haben und führte seine Erklärungen fort.
„Siehst du Severus, und genau dieser Streit, Harrys Herkunft und die nach Toms Meinung niemals erfüllte Wiedergutmachung an den Erben einerseits und Salazar Slytherin selbst, bringt den letzten Nachkommen Godric Gryffindors ins Spiel. Tom wollte, mal abgesehen von der Prophezeiung, nicht nur Gryffindors Familie vernichten. Nein, er wollte sie in seinem Wahn auch noch symbolisch dazu verdammen, ihre größten Widersacher, die Slytherins, auf Ewigkeit am Leben zu erhalten..."
„Ja aber Professor", warf Snape ein. „Wenn dies alles wahr ist, dann ist doch diese Idee durch und durch krank."
Harry war sofort versucht etwas zu tun, was er noch niemals in Betracht gezogen hatte. Er wollte Snape recht geben und ihm drehte sich schon allein dafür der Magen ein wenig um. Dass dann der Direktor Snape sogar anlächelte und meinte, dass man dies von einem bestimmten Standpunkt aus nicht so sehen konnte, warf dann Harry völlig aus der Bahn. Dumbledore saß nämlich in seinem Sessel und schaute Snape scharf an.
„Nun Severus, du magst mit Sicherheit Recht haben. Doch dann wiederum ist die Idee, die Tom in seinem Kopf ausgebrütet hat so genial, dass es mich traurig stimmt, was aus dem ehemals so vielversprechendem Tom Riddle geworden ist. Überleg doch mal, mein Junge. Wie werden denn Zauberer und Hexen, wenn sie einer sehr angesehenen Familie angehören oder wenn sie sehr stark in der Öffentlichkeit stehen bestattet? Man hüllt ihre Körper in reinsten Marmor und bewahrt sie somit vor dem Verfall. Und Nichts und Niemand kann danach ihren sterblichen Überresten etwas anhaben. Es ist also die beste Möglichkeit, etwas zu beschützen."
Harry starrte den alten Zauberer mit weiten Augen an und sank sogar auf die Knie. Er hatte mit Vielem gerechnet, aber das hier war mit Abstand das Absurdeste, was er bisher gehört hatte. Und auch Stephano Styls schien es so zu gehen. Allerdings nahm es der Professor etwas besser auf und legte seine Hand beruhigend auf die Schultern des Gryffindors, der nun an einem Punkte angekommen war, wo er sich fragte, was denn noch alles kommen würde.
„Ja, aber es hat nicht geklappt. Der dunkle Lord hat zwar den Todesfluch gesprochen und seine Seele geteilt ..." Sagte Snape in den Raum und in seiner Stimme schwang etwas mit, was Harry durch seine Aufgewühltheit nicht einordnen konnte. „…aber Potter hat es mal wieder hingekriegt gegen die Regeln zu verstoßen und ist nicht gestorben."
„Das stimmt Severus", antwortete Dumbledore leicht grinsend und hob seinen Zeigefinger, als wollte er sagen ‚und damit kommen wir zum wichtigsten Punkt'. „Denn Lily hat sich für ihren Sohn geopfert und ihm ihre Lebensenergie geschenkt. Allein dadurch konnte Harry überleben und Tom hatte sich seinen größten Feind geschaffen."
„Dann ist es ja kein Wunder, dass der dunkle Lord es nun als sein Lebensziel sieht, James Potters Sohn zu vernichten." Erwiderte Snape, wurde aber sogleich von Dumbledore unterbrochen. „Nicht nur das Severus, denn Tom will Harry nach seiner Auferstehung nicht einfach nur töten. Das hätte er ja einfach dir befehlen können. Nein, er will das Stück seiner Seele zurück. Viel zu viel Kraft hat es ihn in den letzten Jahren gekostet, sich zu verstümmeln. Und allein die Angst, dass Harry irgendwann erkennen könnte, was da in ihm steckt, birgt die Gefahr, dass Tom Riddle eines Tages besiegt werden könnte. Und genau aus diesem Grunde muss Tom Harry persönlich töten"
Harry schaute den alten Zauberer überrascht an. Auch wenn er wusste, dass ihn dieser Dumbledore niemals hören konnte, rief er laut in den Raum, dass der Direktor endlich weiter sprechen sollte. Harry hoffte, dass er nun endlich erfahren würde, warum er im letzten Sommer solche Qualen durchleben musste. Er wollte wissen, warum dies alles geschehen war? Wieso man ihm kein einfaches Leben gönnte? Doch Dumbledore ließ sich Zeit und erst Snape seine Fragen stellen. Dieser wollte nämlich wissen, ob sich der Direktor wirklich sicher mit seinen Vermutungen war. Allein die niedergeschlagen wirkenden blauen Augen seines alten Mentors, gaben ihm die Antwort.
„Severus, ich habe mich lange damit beschäftigt, habe Bücher und alte Aufzeichnungen durchforstet, habe gehofft, dass ich Unrecht habe. Doch alles deutet nun einmal darauf hin. Und dann wiederum machen auch all die anderen Dinge Sinn. Nimm die Prophezeiung! Sie sagt, er wird ihn als ebenbürtig kennzeichnen. Voldemort meinte damit nicht, dass Harry auch ein Halbblut ist. Nein, er wollte seinen Besitz damit markieren. Oder denk daran, welche Schmerzen Harry durchlebt, wenn Tom in seiner Nähe ist. Sie kommen ohne Zweifel durch das Seelenstück, welches zurück zu Seinesgleichen will ..."
„Ja aber Professor", warf Snape ein. „Sie sagten doch aber, dass Potter den dunklen Lord damals in der Mysteriumsabteilung blocken konnte."
„Nicht er, Severus, sondern immer noch Lily und ihre Liebe. Du weißt doch, diese alte Kraft will und wird Tom niemals verstehen und daher kann er sich auch nicht gegen sie wehren."
Die nächsten Minuten vergingen in einem langen Schweigen und Harry schaute sich mit all den Informationen, die nun in seinem Kopf umherschwirrten in Richtung Stephano Styls um. Aber durfte er ihn noch so nennen? Styls? Oder lieber Snape, seinen ehemaligen Hasslehrer? Der Professor schien einmal mehr die Gedanken des Gryffindors zu lesen und machte ein nun ehrlich traurig wirkendes Gesicht. Schließlich aber, bevor er mit Harry reden konnte, raffte sich der Snape in der Erinnerung auf und fragte nach etwas, wovor er wahrscheinlich mehr Angst hatte, als vor Voldemort selbst.
„Nun Albus, bleibt uns nach all diesen Neuigkeiten nur die Frage, wie gehen wir mit der ganzen Sache um?".
Der Direktor sah seinen Zaubertranklehrer an und nahm dann einige Pergamente aus seinem Schreibtisch. Diese reichte er Snape und begann, „Nun Severus, du hast mir einst geschworen, alles zu tun, worum ich dich bitte."
„Jaah", kam es aus Snapes Mund voller böser Vorahnungen.
„Und du kennst mein größtes Geheimnis, Severus." Die Augen des alten Zauberers funkelten im nächsten Moment wie wild und verwandelten sich in ein Paar, dass Harry wage bekannt vorkam. „Deshalb denke ich, dass nach all den Jahrzehnten des Kampfes, all den Jahren hier als Direktor und vor allem, da mich der Fluch von Tom, den er auf den Ring gelegt hat, eh irgendwann umbringt, nun, daher denke ich, dass es heißt, diese sterblich Hülle zu verlassen und die Macht die ihr innewohnt, an jemand anderen weiterzugeben."
„Das ist nicht ihr Ernst?"
Snape sprang mit weit aufgerissenen Augen auf und stemmte seine Hände auf den Schreibtisch des Direktors. „Niemals werde ich das tun! Das können sie nicht von mir verlangen! Es wäre Verrat. Verrat an einem Freund und noch schlimmer, an unserer gemeinsamen Sache."
Dumbledore ließ den mehr als nur aufgebrachten ehemaligen Todesser genauso ruhig, wie er es damals bei Harry getan hatte, seine Wut heraus schreien, bevor er Snape anlächelte und mit fester Stimme sagte, „Aber es gibt keine andere Möglichkeit Harry zu retten. Und wenn du genau nachdenkst, wirst du erkennen, dass ich Recht habe. Und was die Sache mit dem Verrat angeht? Nun Severus, ich werde mich darum kümmern. Doch das besprechen wir ein anderes Mal."
Harry brannte nun nur noch eines auf der Seele. Er wollte mehr erfahren, auch wenn ihm im Innersten bereits klar war, wie die beiden geplant hatten, ihn zu befreien. Oder zumindest ahnte der Gryffindor, dass sein Erlebnis im Sommer und die damaligen Schmerzen wohl eben mit diesem Plan zu tun hatten. Und plötzlich kam in Harrys Kopf die Erinnerung an die damals manipulierte Erinnerung wieder hoch und er hörte Dumbledores Worte,
„Und denk dran Severus. Was Wurmschwanz konnte, dürfte für dich kein Problem sein."Sofort kamen Harry der Kessel und sein Erlebnis auf dem Friedhof in der Nähe des Riddlehauses in den Sinn. Allerdings wurden seine Gedanken unterbrochen, da seinen Körper ein Ruck erfasste und der Gryffindor wenige Augenblick später wieder in der Realität landete. Ohne zu zögern ging sein Blick zum Portrait des Direktors und ein „Bei Merlin" verließ seine Lippen.
Dumbledore schaute leicht bedrückt nach unten und schien nach den richtigen Worten zu suchen. Dann sah er Harry mit seinen blauen Augen an und sagte leise „Es tut mir leid, Harry."
„Leid? Es tut ihnen leid? Mein Gott, sie haben versucht mich zu töten." Fuhr Harry ungehalten auf.
„Nein Potter", rief Styls, doch seine Tonlage klang sehr stark nach dem früheren Snape. Allerdings passte sie überhaupt nicht zu dem Wesen, was Harry in den letzten Monaten kennen gelernt hatte. „Wir haben dich gerettet. Dir ein wirkliches Leben geschenkt, über dass du selbst bestimmen kannst."
„Ein Leben? Ich wurde gekocht und fast verbrannt, sie Monster.", schrie Harry nun. Dies aber schien bei Styls eine Sicherung durchbrennen zu lassen. Binnen Sekunden war er auf den Gryffindor zugerannt und verpasste ihm recht und links eine Schelle.
„Komm mal wieder runter, Harry. Du scheinst es noch immer nicht zu verstehen. Albus und auch Severus Snape haben eine Menge aufgegeben, um dich zu retten. Oder glaubst du ein Horkruxe haut man einfach so gegen die Wand. Dem Direktor hat es seinen Arm gekostet..."
„Und das soll ich ihnen glauben? Ihnen, der sich als mein Freund ausgab. Sie selbst sind doch eine einzige Lüge und was ist mit ihrem Sohn? Ist der auch eine?" Im nächsten Moment weiteten sich Harrys Augen und ein Geistesblitz traf ihn. „Oh Merlin nein... Damion... Damion McKenzie... D.. M ...Draco Malfoy"
„Nein Harry", rief Styls plötzlich mit einer Mischung aus Sorge und Panik. „Lass meinen Sohn da raus. Draco Malfoy ist tot. ER IST TOT."
Harry sah den Mann vor sich mit entsetztem Gesicht an und schaute dann zum Gemälde von Dumbledore. „Und dass soll ich ihm glauben, Professor?" Der alte Zauberer schien einmal mehr zu überlegen und sagte dann mit niedergeschlagener Stimme. „Ja Harry, das kannst du. Doch es ist alles viel komplizierter, als du denkst. Vielleicht solltest du noch ein paar andere Erinnerungen sehen. Doch das muss Stephano entscheiden."
„Er? Wieso er? Professor, denken sie wirklich, ich würde ihm und seinen Ansichten noch vertrauen?" Harry sah zwischen Styls, der immer noch besorgt dreinblickte und dem Direktor hin und her. „Professor, er hat sie getötet. Er hat mich fast umgebracht und selbst wenn dies in ihren Augen nicht so schlimm sein sollte, er hat auch Fawks mit in den Kessel geworfen. Fawks! Er war ihr Phönix, ihr Freund und Vertrauter. Professor? Haben sie ihn schon vergessen?"
Wenn Harry nun gedacht hatte, er würde Dumbledore endlich die Augen über Snape öffnen, dann wurde er offenbar enttäuscht. Der alte Zauberer lächelte nämlich plötzlich und meinte, „Natürlich habe ich Fawks nicht vergessen Harry. Doch er ist nicht tot. Fawks ist nur noch auf der Suche nach sich selbst. Fawks war nicht mal in der Nähe des Kessels in dieser Nacht, denn eines solltest du vielleicht noch erfahren, Harry. Der Phönix den du als Fawks kennst, war nicht nur mein Freund und Vertrauter. Nein Harry, er war auch mein... Bruder."
