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„Hagrid? Severus?"

Überall um mich herum raschelt es, Fang sucht wohl eher Schutz bei mir, als dass ich bei ihm welchen finde. Toller Hund.

Ich glaube kaum, dass ich hier jeh wieder raus finde, manchmal habe ich den Eindruck, der schmale Weg wächst direkt hinter mir zu.

Halt! Was war das?

Vor mir erklingen Geräusche, die entfernt an Schnitzelklopfen erinnern.

Oh nein, er hat ihn...

Renne los, sieht aus wie eine Lichtung da vorne. Tatsächlich öffnet sich nach wenigen Schritten das dicht verschlungene Astwerk der uralten Bäume, Lianen, Wurzeln und was weiß ich was noch.

Der Anblick, der sich mir bietet, lässt mich mir meine Hand vor den Mund schlagen. Snape schlägt wie besessen auf eine alte Eiche ein, deren Stamm dicht mit Moos bewachsen ist. Es sieht aus, als hätte er Gesichter in das weiche Moos gezaubert, an den Stellen, an denen er sich die Hände blutig schlägt.

Ich gehe langsam auf ihn zu, er ist in einer anderen Welt, er nimmt mich nicht wahr.

„Severus?"

Er reagiert nicht.

Sehe hoch auf eins der Gesichter. Sieht ihm ähnlich. Oh Mann...

„Severus, nicht."

Lege eine Hand auf seine Schulter, er glüht.

„Severus bitte!"

Nichts, keine Reaktion. Kann seine Augen nicht sehen, seine Haare, die ihm im Gesicht kleben, verdecken sie. Ich gehe um ihn herum und tauche vorsichtig zwischen seine Arme, die er nun in der letzten Position eingefroren hält.

Lehne mich an den Stamm, dessen Rinde stark geschädigt ist. Will gar nicht daran denken, wie viele Handknochen er gebrochen hat.

Ich lege meine Hände an seine stark verschwitztes Gesicht und schiebe seine Haare zur Seite. Bin mir sicher, dass das nicht alles Schweißtropfen sind auf seinen Wangen. Er starrt geradeaus, direkt neben mich, wenn ich mich nicht irre, ist das das Gesicht von James.

„Wenn Du nicht wieder zu mir zurück kommst, hex ich Dir nen Tarantella an."

Seine Blick senkt sich endlich in meine Augen und ich bin erschrocken, wie verzweifelt er aussieht.

„Geh einfach."

Kann mich nicht erinnern, dass seine sonore Stimme je so schwach geklungen hat.

„Tut mir leid, ich werde den Rückweg nicht ohne Dich finden."

Er stützt seine Hände rechts und links neben meinem Kopf am Stamm ab.

„Gehorche mir, bevor der Fluch Dir schadet!"

Oh, hatte ich ganz vergessen.

„Nein!", antworte ich mit Nachdruck. Er schließt seine Augen, als könne er mich nicht ertragen. Keuche entsetzt auf, als mich Eiswasser zu durchströmen scheint, fange heftig an zu zittern, fühle, wie meine Fingerspitzen und Zehen taub werden.

„Nein! Schon gut, dann bleib eben hier."

Er klingt echt besorgt. Das Eiswasser- Gefühl verschwindet, die Kälte allerdings nicht.

Meine Zähne klappern, so heftig zittere ich.

Er dreht sich um und bückt sich nach seinem Umhang, der über einem umgekipptem Stamm liegt.

Seit er den Blick von den Gesichtern hinter mir genommen hat, sind sie verschwunden.

Werde von ihm in seinen Umhang eingewickelt, er legt einen Wärmezauber über meinen Körper, nimmt meine Hände in seine und wärmt sie mit seinem Atem. Seine Hände sehen furchtbar aus, überall ist die Haut aufgerissen, er blutet ziemlich doll.

„Warum tust Du Dir das an?"

Er lässt mich los und fährt sich mit beiden Händen durch die Haare.

„Was ich mir antue? Was tu ich Dir an!"

Hä?

„Im Moment kann ich mir zwar einen gemütlicheren Platz vorstellen, aber sonst geht es mir ganz gut. Bis auf meine ziemlich große Neugier und Sorge über die Gründe für das hier", antworte ich und zeige hinter mich aufs Moos.

„Ich will nicht darüber reden."

„Severus, es würde Dir gut tun, Dich zu öffnen. Es reinigt."

Er schnaubt verächtlich auf.

„Selbst wenn mit der Hilfe von zehn Zeitumkehrern ununterbrochen reden würde, wäre ich nicht `sauber´."

Ruhelos, wie ein Löwe im Käfig fängt er an herum zu laufen.

„Wer waren die anderen Zwei? Das eine war James Potter."

Er zuckt zusammen und bleibt vor mir stehen.

„Wieso quälst Du Dich so? Was hält Dich davon ab, Dich mir anzuvertrauen? Du hattest intimere Einblicke in mich und meine Seele, als je ein Mensch zuvor. Und es tut gut, nicht mit allem allein fertig werden zu müssen. Bitte", ich ergreife seine Hand, versuche allerdings nicht zu viel offene Wunden zu berühren.

„Ich kann nicht, Nymphadora. Nicht mit Dir."

„Dann rede mit irgendjemand anderem. Von mir aus mit Dobby", er schnaubt schon wieder.

„Oder Arthur, oder Kingsley, oder Moody, vielleicht fällt es Dir leichter, mit jemandem zu reden, dessen Gefühle Dir egal sind."

Sein Blick wird sofort wieder hart.

„Nur weil ich es mir nicht erlauben kann, Gefühle zu zeigen, heißt das nicht, dass ich keine habe", er wird bei jedem Wort lauter. Und wütender. Ein bißchen beängstigend.

„Natürlich muss jeder denken, dass ich keine Zuneigung oder Mitleid empfinden könne, so gehört es sich schließlich auch für einen guten Spion. Alles um sich herum aufsaugen und ja nichts von sich selber Preis geben. Kannst Du Dir vorstellen, wieviele Leute sterben werden, wenn Er es eines Tages in meinen Kopf schafft? Weißt Du, wie kurz davor er war, mich zu brechen? Was wenn Er auf die Idee mit dem Werwolf gekommen wäre? Was, wenn Er auf die Idee kommt, das nächste Mal Dich vor Macnair zu hängen. Glaubst Du, ich könnte zusehen, wie er Dich foltern lässt?"

Bin ehrlich ergriffen von seinen Worten. Das kann er nicht spielen, das meint er ernst.

„Fast mein ganzes Leben spiele ich schon verschiedene Rollen. Zuerst die des normalen Jungen, obwohl ich schon früh gemerkt habe, dass ich anders bin. Ein gewisses Talent für Legilimentik ist angeboren, ich konnte intensive Gedanken von Muggeln schon mit sieben Jahren in meinem Kopf hören. Wusstest Du, dass mein Vater Magie verabscheute? Kannst Du Dir vorstellen, wie es für einen kleinen Jungen, der seine Mutter vergöttert, ist, aus dem Kopf seines Vaters zu hören, dass er Schuld daran ist, dass der Vater die Mutter nicht mehr lieben kann, weil der Vater Angst vor Hexen hat? Weil der Junge aufgrund der ihn hänselnden Mitschüler schon damals so wütend war, dass er dauernd unwillkürlich zauberte? Kannst Du Dir vor stellen, was das in einem Jungen anrichtet?"

Mir steigen Tränen in die Augen.

„Du erahnst nicht, was für eine Freude es ist, für den eigenen Vater die Hausfrau zu spielen, nachdem die Mutter im Keller eingesperrt wurde, weil sie wegen den Wunden des Jungen, die sie heilte, aufgeflogen ist. Sündenbock für alles, was im Leben des Vaters schief läuft, sei es Arbeitslosigkeit, Pech im Spiel, ein kaputtes Auto, eine Sehnenscheidenentzündung im rechten Handgelenk, weil er fast eine Stunde mit seinem Lederriemen auf mich eingeschlagen hat, nachdem ich aus Versehen die Scheibe des Fernsehers schmelzen ließ..."

Er scheint nicht zu merken, dass er von der dritten in die erste Person gerutscht ist.

„Oh und stell Dir die Fäuste eines erwachsenen Mannes im Gesicht des schmächtigen Achtjährigen, der ich nun mal war, vor.

Selbst als ich mich geweigert habe, Muggelfrauen zu schänden und mich Walden angemessen bestraft hat, war mein Gesicht nicht so zertrümmert..."

Er dreht seinen Kopf ins Profil, damit ich seine gekrümmte Nase besser sehen kann.

„Das Bewusstsein, dass meine Mutter mich nicht heilt, wie sie es sonst getan hat, weil sie mich nicht mehr liebt, denn ich habe ihr den geliebten Mann genommen, nur weil ich mich nicht unter Kontrolle hatte, wusste er überhaupt, dass sie eine Hexe war... Zu allem Überfluss bin ich es gewesen, der ihr etwas brachte, mit dem sie sich umbringen konnte. Keine schöne Sache, die eigene Mutter völlig ausgeblutet auf dem Boden liegend zu finden! Ich habe zwei Stunden erfolglos versucht, ihr Blut zurück in ihren Körper zu zaubern, weil ich es am Abend vorher geschafft hatte, einen Tropfen Konsenswasser an der Scheibe hochlaufen zu lassen..."

Meine Tränen tropfen auf seinen Umhang, seine auf sein Hemd.

„Ich durfte in der Grundschule erfahren, dass andere Kinder angst vor mir hatten, wegen meiner Augen, haben sie gesagt, mich wollten nicht einmal andere Mütter im Auto mitnehmen, aus angst, ich würde Satan persönlich auf die Rückbank beschwören. Ein einziges Mädchen hat freiwillig Zeit mir verbracht, wohl auch nur, weil sie selber glaubte, nicht normal zu sein."

Er wischt sich über die Augen und verschmiert etwas Blut auf seine Stirn.

„Aber auch nur, bis sie ihren strahlenden Helden kennen gelernt hat. Keiner interessiert sich für einen Sammler, wenn es einen Sucher zu bestaunen gibt."

Er spuckt die Worte Helden und Sucher angeekelt aus.

„Richtig schön wurde mein Leben erst, als sich die niederen Kreaturen dazu herab ließen, sich mit mir zu unterhalten, obwohl ich wusste, dass sie nur einen Trank gebraut haben wollten, der ihren Horizont übersteigt, habe ich ihre Gesellschaft genossen. Endlich hat sich jemand für das was ich kann interessiert, nicht für das was ich bin, oder eben nicht bin. So, geht es Dir jetzt besser?"

Sehe ihn verwirrt an. Er schlägt sich mit der flachen Hand an die Stirn.

„Halt, den Höhepunkt der Ereignisse hast Du noch gar nicht erfahren. Was schätzt Du , wie alt ich war, als ich versucht habe, meinen ersten Mord zu begehen."

Schließe meine Augen.

„Vierzehn. Und zwar freiwillig, nicht, weil irgendein Lord es mir befohlen hat, sondern weil ich wollte, dass er für das was er getan hat stirbt."

Er sieht mich zum ersten Mal seit seinem Ausbruch direkt an.

„Ich habe mit vierzehn meinen Vater um seinen Verstand gebracht. Nicht mal die Rolle des Mörders konnte ich richtig spielen. Er hat den gleichen Trank wie Rowle genommen."

Ich nicke, bringe es nicht übers Herz ihm zu sagen, dass ich weiß, warum.

„Natürlich war ich es gewohnt, gedemütigt zu werden, schließlich hatten Potter und seine Kameraden oft genug Spaß auf meine Kosten. Nicht zuletzt wegen meiner Gefühle für Lily.

Aber mein Vater...Witwer wegen meiner Schuld...ich war für ihn nicht nur ein unnormaler Junge, er dachte tatsächlich, ich wäre schwul, nur weil ich es nicht schaffte, Lily zu halten..."

Er lacht gekünstelt auf.

„Nun, einer von uns war offenbar homosexuell veranlagt. Ich spielte die Rolle des guten Sohnes schlecht, noch schlechter, die Rolle des beliebten Schülers. Ich konnte nur eins gut. Hassen. Ich konnte mehr schwarzmagische Flüche als die Todesserkinder, im zweiten Jahr hatte ich das Zaubertrankbuch so verfeinert, dass ich es unter einem Synonym veröffentlichen konnte, die Rohfassung hat Potter zufällig in die Hände bekommen, letztes Jahr.

Ich traf nach meinem Abschluss, der aus zehn Ohnegleichen bestand, auf den Dunklen Lord, mit Lucius an meiner Seite, spielte die Rolle des Todessers, fast schon perfekt, bis er mich zurück zu Dumbledore schickte, ab dann spielte ich die Rolle des Spions, wohl auch nicht besonders gut, denn weder die eine, noch die andere Seite traut mir hundert prozentig."

Schüttle den Kopf.

„Dumbledore hat Dir vertraut. Ich vertraue Dir."

Sein Blick wird mitleidig.

„Du kannst mir nicht vertrauen. Du weißt, was ich für ihn getan habe. Ich werde Dich jederzeit opfern, wenn Er es verlangt. Sieh mich nicht so ungläubig an, Du weißt, dass ich kalt genug bin, das zu tun."

„Du bist nicht kalt, Sev."

Lege meine Hand auf seine Wange, für einen kurzen Moment sieht es aus, als wolle er zurückweichen.

„Nymphadora, ich habe Dich einem mächtigen Fluch unterworfen. Du hast es selbst gemerkt, egal was ich von Dir verlange, Du wirst es tun. Oder leiden."

Ich nicke.

„Ich kannte das Risiko."

Er schüttelt wieder den Kopf.

„Was, wenn ich verlange, dass Du Deine Mutter folterst?"

Meine Augen weiten sich.

„Wieso solltest Du das tun?"

„Pah, weil Er solche Sachen liebt. Wer gibt zuerst nach, wer erträgt lieber die Strafe als sein Gewissen..."

„Ich habe nicht das Zeug zum foltern", murmle ich.

„Es war ein Test, Dora", sagt er, nun ein bißchen wütend.

„Mit Bellatrix. Erinnerst Du Dich, ich fragte, ob Du sie leiden lassen willst. Du hast zugestimmt. Das reicht für einen Unverzeihlichen. Der Rest ist Übungssache."

Muss schwer schlucken.

„Wieso bist Du vorhin so plötzlich aufgesprungen?"

Zeit für einen Themenwechsel. Sein Zauber lässt nach, mir ist kalt.

„Du warst erregt."

„Moment, Ich war erregt, wer ist denn über mich hergefallen?"

Er wirkt etwas verlegen.

„Ich wollte mir keine Lust verschaffen... ich wollte nur..."

„Dein Revier markieren?", helfe ich ihm. Er nickt.

„Wieso, wollte es Dir jemand streitig machen?"

Muss fast kichern. Geht ja eigentlich um mich und nicht um ein Stück Weideland.

„Lupin."

Äh...

„Remus kann nicht mehr in Dein Revier..."

„Du siehst Deinen Blick nicht, wenn Du von ihm redest."

Merlin, er ist eifersüchtig! Er lässt mich nackt und voller Verlangen zurück, weil ich zufällig Remus´ Namen erwähne?

„Das erklärt nicht, warum Du miten im Sex verschwindest."

„Siehst Du, ich beeinflusse Dich."

„Wie meinst Du das?"

„Ich hatte keinen Sex mit Dir, ich hab Deinen Körper benutzt. Und Dich hat es erregt. Ich ziehe Dich auf die Dunkle Seite."

Bin sprachlos.

„Severus, es hat mir gefallen, weil ich weiß, dass Du mir nichts tun wirst. Du hast mich überrascht, vielleicht bin ich auch etwas überfordert gewesen, aber ich weiß, wenn ich laut und deutlich Nein sage, dass Du aufhören wirst."

„Du kannst nicht mehr Nein sagen."

Gehe zu ihm und küsse die Unterseite seines Kinns.

„Ich wette, Du weißt auch ohne, dass ich es ausspreche, ob ich etwas will oder nicht. Wenn Du nochmal in mir bist, und es mir gefällt, bleibst Du da, einverstanden?"

Er gibt mir einen warmen, sehnsüchtigen Kuss.

Deute hinter mich an den Baum.

„Ich musste meine Wut abreagieren."

„Wer war der dritte?"

„Lupin."

„Er macht Dich so wütend?"

„Ich habe schon einmal eine Frau an einen Rumtreiber verloren. Und hab tatenlos zu gesehen. Ich werde diesen Fehler nicht noch einmal machen."

„Mich wirst Du nicht mehr los", drehe den Kopf so, dass er direkt auf die ehemalige Wunde sieht.

„Siehst Du die Schrift?"

„Ja, sicher."

„Schwarz heißt willig, nicht wahr?"

Er nickt.

„Ich bin nicht einfach willig, Sev. Du weckst erstaunlich viele Gefühle in mir, Wut, Scham, Erregung, Zorn, Leidenschaft....Sorge...Liebe..."

Er hebt mich hoch und geht langsam zurück zum Schloss.

„Zeit, meine Braut über die Schwelle zu tragen."

Lege lächelnd meinen Kopf an seine Schulter.

Auf dem Weg treffen wir auf Hagrid, der erleichtert feststellt, dass er Snape nicht kalt machen muss, denn er muss zugeben, dass er keine Ahnung gehabt hatte, wie.

Bräuchte eine große Portion Magie, um an den Vizelord heranzukommen. Oder nur eine geringe. Hm.

„Können wir kurz einen Test machen, in Deinem Labor?"

Er sieht mich fragend an, während ich warte, bis er den Geheimgang geöffnet hat.

„Sicher."

Gut. Glaube, hab da eine Idee.

***

Cliff? Nein... gg