34: [Das Maul des Saturn]

Boku wa tada kimi ni

Sayonara o iu renshuu o suru

-Kubo Tite, aus Bleach Band

[:]

I am merely practicing

saying goodbye to you.

Die Glasröhre wurde wieder nach Oben in die Vorrichtung hineingefahren und das kleine blauhaarige Mädchen, das eben noch sorgsam auf der Platzform hatte drapiert werden musste stand auf ihren eigenen Füßen, auch wenn der Blick ihrer roten Augen weiterhin starr nach vorne ging, ohne die zwei Männer, die vor ihr standen, im Besonderen anzusehen.

„Verstehst du, was ich sage?" fragte eine tiefe, rauhe Männerstimme.

„Positiv." Bestätigte sie mechanisch.

„Erwarte Instruktionen."

„Ich bin dein Kommandant und dein Schöpfer, Ikari Gendo, Leiter von GEHIRN. Du wirst ab jetzt jedem meiner Befehle befolgen. Verstanden?"

„Jawohl."

„Dein Name ist Ayanami Rei. Deine Funktion ist es, das Projekt zur Vollendung der Menschheit vorranzutreiben. Seine Vollendung ist der Zweck seines Daseins."

„Jawohl."

„Gut. Wir werden jetzt ein paar grundlegende Tests machen." Kam die Stimme eines zweiten, älteren Mannes. „Kannst du mir sagen, welche Farbe die Karte hat?"

„Blau."

„2537483. Wiederhole die Zahlenreihe, die ich gerade aufgesagt habe."

„2537483."

„Sehr gut. Kannst du deinen rechten Arm bewegen?"

Das konnte sie.

„Gut, ein letzter Test. Erkennst du, wer auf diesem Schirm hier zu sehen ist?"

„Das ist das Objekt, das die Bezeichnung Ayanami Rei trägt."

Fuyutsuki warf seinem Vorgesetzten einen fragenden Blick zu.

„Das ist gut genug…" meinte er zu dem alten Ex-Professor hin und begab sich zu dem kleinen Mädchen, um ihr zu der zu der Röhre dazugehörigen Platform herunterzuhelfen, sie auf dem Boden abzusetzten und sie letzlich an die Hand zu nehmen.

„Lass uns gehen…" meinte er zu dem Mädchen hin.

„Wir werden ein paar ausführliche Testreihen durchführen, um sicherzugehen, dass du auch wirklich vollständig funktional bist."

„Jawohl."

Sie klang leise und tonlos, aber es war, als ob Ikari das einfach nicht bemerken würde – Jedes aufflammen dieses Stimmchens, dass zwar das eines kleinen Mädchens war, aber denoch eine vertraute Qualität mit sich trug, vertiefte sein dünnes, kaltes Lächeln und das Glimmen des Wahns hinter seinen Brillengläsern, wie bereits erwähnt: Größtenteils Vorfreude, aber auch etwas anderes, eine Freude, die bei der Geburt seines wirklichen Kindes gefehlt hatte – Aber auch die Freude dieses Moments, die Freude über dieses kleine Mädchen hier konnte man in Zweifel ziehen; Die Aufregung und Ratlosigkeit von vor vier Jahren waren wenigstens real und unmittelbar gewesen, doch die Freude dieses Tages war eine leidenschaftslose, kühle Sache gewesen, mehr ein Gespenst eines positiven Gefühls oder etwas, was diesem ähnlich war, was Ähnlichkeit zu Dingen hatte, die er nie wieder fühlen würde, nicht, seit dieses große, dunkle Loch in seiner Seele klaffte, wo einmal die einzige Quelle von Wärme in dieser Hölle, die sie mangels eines besseren Wortes „Die Welt" nannten – Man könnte meinen, das Mädchen hätte ihn lediglich an Freude erinnert, einfach nur einen Funken von Erinnerung in ihm geweckt, einen lang verblassten Nachgeschmackt, ein entferntes Echo, eine vage Ahnung davon, wie Freude sich vor langer, langzer Zeit einmal angefühlt hatte, wie es gewesen war, sie zu fühlen, wie es war, Frau und Kind zu haben – Er konnte die Erinnerung daran nie zu lange festhalten, es schmerzte einfach zu sehr, doch das Brennen der Melancholie war eine der letzten Flammen, die sein eisiges Herz noch wärmten, und sei es nur ein kleines Bisschen .

An seiner farblosen, verblassten Illusion der Vergangenheit übersah er, dass sein Kind noch auf dieser Welt war, dass der Junge lebte, dass er real war, dass sein Leben auch dann weiter ging, wenn sein Vater nicht dabei war, und dass er irgendwo an der Oberfläche, weit weg von ihm dabei war, sich neue Erinnerungen zu formen, zu denen sein Vater nicht mehr dazugehörigen würde, dass das Kind gerade jetzt in diesem Moment darauf wartete, das er zurück kam, und sich nach für nacht alleine in die Kissen weinte… Zu diesem Zeitpunkt hatte Ikari seinen Sohn noch nicht komplett weggeschickt, sich jedoch schon sehr von ihm abgewendet, versunken in seine Arbeit, in jeder Minute, die sie noch zusammen verbrachten, nur sein eigenes Versagen sehend.

Am Anfang hatte der Junge noch regelmäßig nach seiner Mutter gefragt, doch seit geraumer Zeit hatte er es wohl aufgegeben und begonnen zu ahnen, dass er sie niemals wieder sehen würde, zumindest im Fleische nicht, allerhöchstens im Lichte – Zuhause mit dem Jungen gab es nichts als dicke, finstere Stagnation, wenn nicht sogar langsamen Verfall, und er hielt es nicht aus, ertappte sich dabei, wie er mehr und mehr Wege fand, sich dieser ganzen Situation zu entfliehen. Natürlich war das Kind nicht allein zuhause, dafür war es zu jung, dochdie ständig wechselnden Babysitter gaben ihm genau so wenig halt wie sein Vater, der in ihrem Haus allerhöchstens physisch noch anwesend war, und selbst das immer seltener.

Wenn er nachhause kam, schlief das Kind meistens schon, und er brachte es in den Kindergarten sobald dieser öffnete, früh morgens, dern in der Regel noch halb schlafenden Jungen wortlos dort abladend, ohne je wirklich auf die Bitten der Kindergärtnerinnen zu reagieren, dass er sich bei ihnen doch mal für ein Gespräch melden sollte – Hin und wieder beteuerte er, einen freien Fleck in seinem Terminkalender zu suchen, und meinte es in jenen Augenblicken sogar ernst, aber es wurde nichts daraus.

Mit dem Projekt war es einfacher, verständlicher, nicht so erdrückend trostlos – Es ging vorran, sehr gut sogar, die gelungene Erschaffung dieses Mädchens sollte der beste Beweis sein.

Hier war er in seinem Element, hier wusste er, wass es war, dass er tun musste, wie die Dinge funktionierten.

Es war etwa um diese Zeit, dass er das erste Mal die Nacht im Hauptquartier verbrachte, am frühen Morgen einzig und allein deshalb in sein Haus zurückkehrend, um es gleich wieder zu verlassen und den Jungen in den Kindergarten zu geleiten.

Doch auch bei GEHIRN gab es die eine oder andere unvorhergesehene Entwicklung – Nachdem sein Vorschlag bezüglich artifizieller Piloten angenommen wurde, und den alten Männern nichts übrig geblieben war, als Rei zu akzeptieren, hatte er dem nächsten Aktivierungsexperiment mit EVA 02 zunächst nur geringe Bedeutung zugemessen – Alles verlief so weit nach Plan, alle Trümpfe lagen in seiner Hand, und für seinen Plan war alles außer Lillith, Adam und Eva 01 erstmal belanglos – Dr. Zeppelin-Shikinami war in die Wahrheiten den Projektes nur so und so weit eingeweiht – Soweit sie es wusste, bauten sie entschärfte, kontrolierbare Kopien von Adam, mit dem einzigen Ziel, die Engel mit ebenbürtigen Waffen zu bekämpfen – Mehr musste sie für den Bau des Produktionsmodells nicht wissen, EVA 02 war ein „abgespecktes" oder „kastriertes" Modell, wie man sagen könnte, wirklich einfach nur für keinen höheren Zweck gedacht als den Kampf gegen die Engel, und als solches hatte es keine Notwendigkeit für die die höheren Funktionen des Originals – Ein Impact-Phänomen würde man damit kaum auslösen können, dafür war nicht zu erwarten, dass das Ding außer Kontrolle gelangen würde.

Es war im großen Ganzen unwichtig, nichts als ein Fußsoldat, und ähnliches galt für Dr. Shikinami selbst – Sie war die Leiterin der wissenschaftlichen Abteilung in der 3. Außenstelle in Deutschland und als solche hauptsächlich dort zugegen.

Klar verlangte die internationale Zusammenarbeit, dass sie bisweilen im Hauptquartier zu tun hatte, aber dann hatte sie meist mit Yui zu tun gehabt als mit ihm direkt, da sie zu deren Abteilung gehört hatte – anscheinend waren die beiden Frauen alte Bekannte, oder so hatte es zumindest Yui ausgedrückt – Sie machte sie ebenso wenig aus Rivalität wie ihre beiden Nachkommen, auch wenn es bei denen eher daran lag, dass diese keinen Tropfen Ambition in sich hatten – Yui selbst hatte davon mehr als genug gehabt, ihre Ziele reichten hoch wie der Himmel, ihre Pläne beinhalteten Zeiträume und Größenordnungen, die Menschen wie Insekten aussehen ließen – und genau das war es ja, sie hatte viel höhere Absichten, viel größere Pläne, um sich mit Konkurrenzkämpfen mit einem simplen Menschen aufzuhalten – Die Wahrheit war, dass sie Shikinami und ihre Arbeiten eigentlich schätzte, und sie gerne mit ins Gespräch einlug, wann immer sie und Makinami sich darüber ausließen, wie niedlich ihre Kinder doch seien –

Ehrlich gesagt hatte das ganze Gequastsche Ikari nie interessiert und er hatte damals Ewigkeiten zuvor kein großes Geheimnis daraus gemacht, dass er dem, was Yui da über ihre Kollegin aus Deutschland erzählte, nur halbherzig zugehört hatte – Aber wenn er sich recht entsinnte, hatte Dr. Shikinami selbst eine Tochter, die nur unwesentlich jünger war als Shinji, der Name war ihm gerade entglitten. Amaya? Astrid? Annika?

Angeblich konnte die Kleine schon ihren Namen schreiben, als Klein-Shinji und Mini-Mari noch damit kämpften, Strichmännchen zu zeichnen.

(Akagi wurde auch gelegentlich eingeladen, und gefragt, wie ihre kleine Ritsuko denn so gewesen sei, als sie in dem Alter war, aber das letzte, worüber Akagi bei der Arbeit reden würde, war ihre Tochter, und das letzte, worüber sie etwas hören wollte, war das harmonische Familienleben der Ikaris – Shikinami hatte, wenn auch aus sehr verschiedenen Gründen ebenfalls nur extrem begrenzten Bock darauf, seid ihre eigene Ehe in die Brüche gegangen war. Vielleicht konnte sie es sich auch deshalb nicht verkneifen, ihre Rivalität auf die Kindererziehung auszuweiten, und den anderen damit in den Ohren zu hängen, wie ihre Tochter doch alles besser können würde, aber ansonsten erzählte sie eigentlich recht wenig von ihrer Tochter, und wenn Yui und Dr. Makinami sich über irgendetwas absolut witziges oder niedliches ausließen, dass eines ihrer Kinder wieder angestellt hatte, (Yui souverän lächelnd oder bestimmt in sich hinein kichernd, Makinami selten ohne ein vollmundiges, unpassendes Lachen, dass ihren ganzen Körper beben ließ) war Zeppelin-Shikinami oft schnell dabei, sie zurechtzuweisen, und darauf hinzuweisen, dass sie hier bei der Arbeit wären und nicht bei irgendeinem Krabbelgruppen-Teekränzchen.

Das ihre Tochter ihren Namen schreiben konnte, stimmte jedoch. Und das erste, was sie tat, sobald sie die Fünf Buchstaben gemeistert hatte, ihre ganzen Besitztümer schnell dadurch zu brandmarken, dass sie überall ihren Namen draufschrieb – Ihr Stiftemäppchen? Asuka! Ihr Ausmalheftchen? Asuka! Die Innenseite ihrer Mützen und Hüte? Asuka! Ihre Hausschuhe für den Kindergarten? Asuka! Das auch jeder weiß, wem das alles gehört.

Nur auf dem Kleid einer ihrer Lieblingspuppen wollte sich der Filzer nicht so recht halten, zumindest nicht nachdem das Teil in der Waschmaschine gewesen war, was die Kleine prompt veranlasste, schmollend zu ihrer Mutter zu laufen, und dieser die Tragödie zu berichten, das ihr Name nicht mehr drauf sei. Darauf holte die gute Frau Shikinami ihr Nähkästchen heraus, und stickte es in schwarzer Naht hinein, dass es auch für die Ewigkeit bewahrt war: ASUKA.

Das war eine der letzten guten Erinnerungen, die Asuka von dieser Frau hatte, und eine der einzigen, alles weitere, was gute Zeiten hätten sein können, versank im Nebel der frühen Kindheit – Doch die wenigen Bilder von „vorher" wirkten in der Erinnerung des Mädchens wohl deutlich süßer als sie wirklich waren, für sie war das die Zeit, bevoralles zur Hölle gefahren war.)

Wohl ein gutes Stück darüber gekränkt, dass sie nicht dazu gekommen war, ihre Rivalin zu deren Lebzeiten auszustechen, aber nicht unehrlich wenn sie behauptete, deren Arbeit zuende zu führen zu wollen, damit sie nicht umsonst gestorben war, ging sie die Daten von Yuis Aktivierungsexperiment etliche Male durch, und arbeitete das Vorgehen für den Test mit EVA 02 so weit aus dass er, so ihre Meinung, einfach gelingen musste – Doch auch wenn sie stolz war, blieb sie doch eine Wissenschaftlerin, und hinterließ Aufzeichnungen mit genauen Instruktionen für die Auswertung und Interpretation der Daten, in dem Fall, dass sie nicht zurückkehren sollte – Wenn sie die passenden Kriterien für eine erfolgreiche Aktivierung nicht erfüllte, sollte sich, wenn alles nach Plan verlief, herausrechnen lassen, in wie weit ihre Parameter von den Ideal abwichen, und in welchem Bereich die tolerablen Werte lagen, nach denen man die Kandidaten aussuchen sollte – Mögliche relevante Parameter auszusuchen, hatte Dr. Shikinami alleine geleistet, der bioinformatische Alghorithmus, nach der herausgerechnet werden sollte, welche dieser Parameter wie signifikant waren, war ein Beitrag von Akagi, welche ihn mit Unterstützung von der Kollegin Miyazawa aus Komplex Fünf zusammengezimmert hatte.

Doch auch wenn die deutschstämmige Wissenschaftlerin für den Ernstfall geplant hatte, und sei es nur, um ihre Rivalin mindestens aus dem Grabe heraus noch auszustechen, hatte sie durchaus vor, ihre Loorberen noch persönlich einzusacken – Sie ging genau durch, was bei dem letzten Experiment schiefgegangen war, und traf Vorkehrungen, um die Moleküle, die ihren Körper ausmachten, alle brav beieinander zu behalten, doch ihr wurde nicht genug über die wahre Natur dessen erzählt, woran sie da herumwerkelte, als dass sie die wahre Tragweite dessen ahnen könnte,was beim ersten Experiment geschehen war – Ein ähnliches Ergebnis würde jenen, die bereits wussten, worauf das alles hinaus laufen würde, ohnehin gelegen kommen, und so ging auch Aktivierungsexperiment Nummer Zwei als schreckliches Debakel in die Geschichte ein – Freilich, die Vorkehrungen brachten etwas, man bekam den Körper der Frau genau so intakt aus dem Kern von EVA 02 heraus, wie man ihn hineinsinken lassen hatte, doch was auch immer darin steckte, es war nicht Dr. Shikinami, zumindest nicht alles von ihr.

Sie war ein weiteres der zahllosen Menschenopfer geworden, welche dieses Projekt gefordert hatte, einer von vielen Kadavern, der auf dem Haufen von Knochen, Schädeln und Blut der schon in den Rachen dieses Paktes gekippt worden war, nicht weiter auffiel, und ihr Ende polierte die Altare für viele neue Opfergaben auf – Was sich an Bedingungen aus den Ergebnissen des Experimentes herrausarbeiten und durch weitere Überlegungen ergänzen ließ, war zweifellos grausam, und erwuchs sich aus teils gegensätzlichen Vorraussetzungen – Einerseits mussten die Kandidaten überhaupt fähig sein, eine funktionelle Verbindung zu den Evangelions aufzubauen, andererseits brachte das ziemlich wenig, wenn diese wie die Wissenschaftlerinnen, welche die menschengemachten Götter zuvor getestet hatten, direkt absorbiert waren – Es war also ein schmaler Grad.

Eines der Haupt-Ergebnisse der Arbeit, die Dr. Shikinamis Namen zwar ganz oben in der Liste der Beteiligten trug, abei keine einzige Zeile enthielt, die von ihr persönlich verfasst worden wäre (Dazu war sie nicht mehr fähig gewesen) war, dass schon die ansonsten unwesentliche Kontamination durch die zur Zeit des Second Impact in die Umwelt geblasene Materie für eine theoretische Chance ausreichte, ohne das weitere Modifikationen in dem Umfang nötig wären, wie sie beim First Child stattgefunden hatte – Aber theoretisch war hier wirklich als theoretisch zu verstehen, das ganze wurde schließlich auch als Neun-Nullen-System bekannt, eins zu neun Milliarden, und auf dem Planeten waren nur noch knapp drei Milliarden Menschen übrig, von denen nur die wenigsten nach dem Second Impact zur Welt gekommen war: So sehr man denken würde, dass sie Welt zur Neubesiedlung einiges an Nachwuchs brauchen könnte, die traurige Wahrheit war das Kinder, Nachkommen in dieser gegenwärtigen Welt zu einer knappen Ressource geworden waren.

Und jetzt würde man einige davon noch für das Projekt verheizen müssen. Es war schnell klar, worauf das hinauslaufen würde, aber

Darauf allein basierend war die Existenz von brauchbaren Kandidaten zwar theoretisch möglich, doch die Chance, das davon auf der Erde überhaupt welche herumliefen, war abmessbar gering, man hätte mehrere Erden voll Menschen gebraucht, um zu rekrutieren, was man brauchte, um eine einzige davon zu retten, doch es gab andere, etwas enger unter Verschluss gehaltene Faktoren, die, wenn mehrere davon zusammen zusammenkamen, durchaus zu brauchbaren Ergebnissen führen sollten – Zum Beispiel würden sich Testpersonen, die sich zum Zeitpunkt des Second Impact oder zumindest kurz danach noch in utero befunden hätten, besonders eignen, man konnte also zumindest einige der ältesten verfügbaren Kinder benutzen – Das diese sich dann zum vorhergesagten Zeitpunkt ungefähr um den Hochpunkt der Pubertät herum befinden würden, traf sich zumindest in der Hinsicht gut, dass ein ohnehin im Umbau befindlicher Körper den Belastungen und Anforderungen den der Kontakt mit übermenschlichen, unnatürlichen Konstrukten göttlicher Natur mit größerer Anpassungsfähigkeit begegnen würde – auf Kosten des natürlichen Reifungs- und Herranwachsungsprozesses, versteht sich.

Was die Plastizität des Gehirns angeht wären eigentlich Kleinkinder die ideale Wahl, bei denen die aufs Leben abgestimmten Muster und Verknüpfungen noch dabei waren, sich überhaupt herauszubilden, aber Kindergartenkinder waren schon deshalb nicht praktikabel, weil man denen schlecht Befehle geben konnte – Halbstarke hatten zwar auch nicht den zuverlässigsten Ruf, aber man musste nehmen, was man bekam.

Hinter einigen der Dinge auf der Liste der Kriterien verbargen sich tatsächlich nur obskure physische oder rein genetische Besonderheiten, andere waren unauffällig formulierte Ausdrücke, hinter denen sich wesentlich weniger unschuldige Vorkehrungen versteckten.

Es gab da einen halben Paragraph von Beschreibungen die sich so, wie eine obskure Parametrisierung mit Sinus und Cosinus und dergleichen auf einen schlichten Kreis hinauslief, auch wesentlich einfacher zusammenfassen können.

Schon vor den ersten Aktivierungsexperimenten war herausgearbeitet worden, dass ein wesentlicher Teil der Verbindung zu den biomechanischen Kampfmaschinen über den A-10-Nerv laufen sollte, und somit Teile des Gehirns involvieren sollte, die normalerweise vor allem für Bindungen zwischen Menschen verantwortlich war – Auch bei Geliebten, aber hauptsächlich bei der Bindung zwischen Mutter und Kind – Das sie bereits Kinder geboren hatten, erklärte dann auch über einige Ecken, wieso Dr. Ikari, Dr. Shikinami, und auch Dr. Makinami, die unter geringfügig anderen Umständen ein ähnliches Schicksal erlitt, bevor die Ergebnisse des letzten Experiments voll ausgewertet waren, und zu dieser Auswertung so ihren eigenen Beitrag leistete, zwar Reaktionen hervorriefen, aber nicht zurückkehrten, anstatt das einfach nichts geschehen wäre….

Wäre man poetisch veranlagt, könnte man sagen, dass diese gewaltigen, furchterregenden Kampfmaschinen von nichts anderem angetrieben wurden, als der Macht der Liebe – Doch das wäre eine recht verschnörkelte Romantisierung der Realität: Menschen kamen mit der „Programmierung" auf die Welt, ersteinmal Bindungen einzugehen – wollte man diesen „Kanal" anderwertig ausnutzen, musste er frei sein.

Daher lautete die die äußerste, wichtigste Vorraussetzung, die Hauptzutat im Kochrezept eines nutzbaren Kandidaten, nüchtern und unverblümt ausgedrückt: Waisenkinder. Halbwaisen zumindest.

Es war wie aus einem dieser Fantasyfilme für Kinder, in denen die bösen Hexen ihre Magie aus den Tränen und Alpträumen der Zielgruppe bezogen – Ein einziger Alptraum, und es hatte lange zuvor begonnen.

Nicht minder pikant war auch einer der Faktoren, bei denen eines der Spezialgebiete von Komplex Fünf besonders in Spiel kam: Die Forschung an menschlichen AT-Feldern, unbeeindruckend wie diese im Vergleich zu der projizierbaren Variante unserer himmlischen Cousins sein mussten. Es war denkbar einleuchtend: Die potentiellen Piloten würden eine überdurchschnittliche Feldstärke benötigen, um nicht direkt absorbiert zu werden.

Die Angelegenheit war an sich wesentlich komplexer als das, aber als grobe Faustregel konnte man schon sagen: Isolierte Menschen, denen es ohnehin schwer viel mit anderen in Verbindung zu treten, würden. Das war ein Parameter, bei dem es nur einen recht dünnen Toleranzbereich gab – zu viel, und die Testpersonen würden sich selbst von den Evangelions vor deren gierigen Schlüdern sie zumindest kurzzeitig geschützt sein sollten abschotten und unbrauchbar werden, zu wenig, und es würde mit ihnen enden wie mit den Wissenschaftlerinnen, welche die Höllenmaschinen überhaupt gebaut hatten.

Es war ein morbides Ratespiel abzuschätzen, wie sich verschiedene Persönlichkeitstypen wohl auf diese Mechaniken auswirken wurden, und wessen Humor ganz schwarz ausgeprägt war, hätte anmerken können, dass die grausigen Schicksale der Wissenschaftlerinnen in diesem Sinne Glück im Unglück gewesen waren – Die Kern-Einheiten der Evangelions waren schon zu Beginn als Vermittler zwischen dem kleinen menschlichen Verstand und den göttlichen Maschinen gedacht, und von Anfang an hatte man auch zumindest ansatzweise geplant, die natürliche Veranlagung des Menschen, Bindungen zu knüpfen, für einen kalten, mechanischen Akt der Kriegsführung auszunutzen, aber die Verbindung würde sich natürlich am besten zu dem schließen lassen, wofür sie eigentlich gedacht war: Einer weiteren menschlichen Seele, so wie jene, mit denen die EVAs 01 und 02 jetzt bestückt waren.

Und es war auch klar, welche kleinen Kinder da am besten funktionieren würden – selbst, wenn das bedeutete, Testpersonen einzusetzten, die durchaus eine familiäre Veranlagung zu etwas haben könnten, die zum hässlichen Ende der ursprünglichen Aktivierungsexperimente beigetragen hatte.

Es schien nichts an diesem Projekt zu geben, das nicht darauf hinauslief, ungünstige Situationen noch schlimmer zu machen und schwere Leben noch schwerer zu machen, angeblich alles im Namen des Endresultats: Schon bevor die eigentlichen Einstufungs- und Klassifizierungsprozesse in Komplex Fünf vollendet waren, stand praktisch schon fest, wer die zweite Kandidatin werden sollte, genau so, wie die kleine Rei praktisch nur aus Formalität hier war, genau so, wie Komplex Fünf's eigenes artifizielles Konstrukt, Subjekt 23 eigentlich nur hier war, um es allem Procedere genügend in das Programm unterzujubeln: Ein kleines Mädchen, welches durch das Projekt eigentlich schon genug verloren hatte, Dr. Zeppelin-Shikinami's kleine Tochter, Shikinami Asuka Langley, und schon sehr bald, vermutlich designierte Pilotin von Evangelion Einheit 02.

Doch sie waren nicht die einzigen, die sich an jenem Tag in Komplex Fünf eingefunden hatten – die hierherbestellten Kleinkinder waren teils Waisen, die beim Second Impact ihre Familien verloren hatten und die man daher leicht verschwinden lassen konnte, ohne, dass sie jemand vermissen würde, zu denen verschiedene Mitglieder von SEELE über ihren ökonomisch-gesellschaftlichen Einfluss zugang gehabt hatten, hier und da hatte es, wo es die Infrastruktur inzwischen wieder zuließ vor allem in den etwas reicheren Ländern Flächenmusterungen nach genetischen Makern von Kompatibilität gegeben – Für die Teilnahme wurden diesen Familien, die das Angebot oft aufgrund ihrer Umstände oder je nach Qualität der Testergebnisse angewandtem Druck nicht ausschlagen konnte, teils sichere, dauerhafte Arbeitsplätze bei GEHIRN geboten, und sei es, je nach Qualifikation der noch lebenden Verwandten der fraglichen Kindern nur als Kantinenkraft – Die meisten interessanten Kandidaten fand man jedoch in Japan und um Japan herrum, was wohl mit der derzeitigen Lange des schwarzen Mondes und somit einer weiteren Quelle von minimaler Kontamination mit relevantem Material zusammenhing – An sich bedeutete es nicht viel, das es aus der selben Quelle stammte wie die Menschen selbst, doch in Kombination mit dem, was der Second Impact hineingeschwemmt hatte… nun, für jedwede Reaktion war es dutzende Größenordnungen zu wenig, aber es erhöhte die Wahrscheinlichkeit, brauchbare Kandidaten zu finden. Und naturlich mussten alle Angehörigen von GEHIRN schon allein aus PR-Gründen mit gutem Beispiel vorrangehen und ihre eigenen Kinder durchmustern lassen, (Die höher sitzenden Verantwortlichen, die ausreichend eingeweiht waren, um von den in den Schriftrollen und den dort beschriebenen Fäden des Schicksals etwas zu verstehen, hatten ohnehin grund zur Annahme, dass die Testpersonen, oder, wie es in diesen höheren Kreisen eher hieß, die Außerwählten, sowieso vor allem dort zu finden sein würden) allem vorran der Leiter der Organisation, der sowohl seinen eigenen Sohn als auch dieses mysteriöse kleine Mädchen hergebracht hatte, von dem nur die wenigsten ahnten, wo sie auf einmal herkamen.

Hätte er von anderen verlangt, ihre Kinder für das Projekt darzubieten, und seine eigenen davon ferngehalten hätte man ihn wohl einen egoistischen Heuchler geschimpft – das er die beiden jedoch ohne weitere Skrupel oder Gefühlsregungen hierherschleppte, war manchen seiner Untergebenen geradewegs unheimlich.

Die Reaktionen der Verwandschaft der restlichen Kinder, wo diese noch vorhanden war, bildete ein breites Spektrum – Dr. Makinamis Lebensgefährte, ein gewisser Clark Stradlatter, hatte das Verständnis, einzusehen, dass es wenig bringen würde, sich gegen diese Aktion zu sträuben, machte mit seinen verschränkten Armen jedoch von Anfang an klar, dass ihm das ganze hier überhaupt nicht gefiel, und dass er zwischen seiner Tochter und jedweden seltsamen Geschehnissen einen möglichst großen Abstand wünschte, und auch Mitsurugi Minoru, der Mann, der ironischerweise einen großen Beitrag zu den Anlagen in diesem Komplex beigetragen hatte, ohne sie wirklich zu sehen, war nicht wirklich begeistert, auch wenn sich das bei ihm eher durch nervöses auf-und ab- laufen äußerte, und die Befürchtung, dass sein Junior all zu hoch auf die Kandidatenliste kommen würde – Ein Mann Namens Aida ließ sogar ein „Nur über meine Leiche!" verlauten, während sein sommersprossiges Söhnchen sich unbekümmert mit ein paar Spielzeugflugzeugen beschäftigte.

Doch es gab auch andere Reaktionen, wie die eines Herrn Namens Suzuhara, der seinem kleinen Sohn hier zwar sicher gerne Gesellschaft leistete, aber alle hände damit voll hatte, sein winziges Töchterchen zu beschäftigen – Auf dem Weg hierher hatte sie geschlafen, jetzt aber wollte sie nicht mehr in ihrem Babysitzchen festsitzen müssen.

Ein gewisser Horaki hingegen schien stolz, seine Tochter für das wohl der Gesellschaft darzubieten, auch wenn böse Zungen jetzt durchaus zurückgiften können hätten, dass er ja auch noch einige Tochter im Überfluss bei sich im Hause hatte. Und dann gab es auch noch Anwesende wie Edmont Vincennes, der nicht wirklich an die ohnehin unwahrscheinliche Möglichkeit glaubte, dass es ausgerechnet seine Tochter treffen sollte – am anderen Ende des Spektrums fand man schließlich Sebastian Langley, der mit seiner neuen Flamme aufkreuzte, über das grausige Schicksal seiner Exfrau nicht besonders bekümmert wirkte und offensichtlich dafür dankbar war, die kleine Asuka für ein paar Stunden loszusein, ohne einen Babysitter bezahlen zu müssen.

Für einige dieser Kinder war das hier ein einmaliger Trip, nachdem ihr Leben normal weiter gehen würde, gut möglich, dass viele von ihnen zu jung waren, um sich später noch hierran zu erinnern, oder das hier kaum von einem Behördengang oder einem Arztbesuch unterscheiden konnten, einfach ein weiteres, komisches Geschehnis, bei dem sie mit ihren Väter eine Weile in Autos, Zügen oder Flugzeugen gesessen hatten und danach irgendwo warten mussten, wie es in der Lebenswelt eines Kindergartenkinds gelegentlich vorkam und so hingenommen wurde, ohne Sinn und Zweck genau zu kennen.

Für einige paar wenige von ihnen sollte sich ihr Leben am heutigen Tage jedoch für immer verändern, so tief, dass jeder Hauch von Normalität, der in ihren Leben vorher auch existiert haben mochte, ihnen bald vorkommen würde wie ein verblasster Traum, und so unschuldig und unbeschwert, wie sie jetzt hier im Herzen des DARWIN-Gartens von Komplex 5 sich hinspielten, würden sie lange nicht mehr spielen.

Irgendwo hier in diesem Raum waren sie, trafen sich vielleicht zum ersten Mal, lange bevor sich ihr grausames Schicksal erfüllen sollte: Die Kinder der Prophezeihung. Aber was hieß das genau, „Die Kinder der Prophezeihung?", was hatte dieser Genitiv da zu bedeuten? Die Kinder, von denen die Prophezeihung handelte? Die Kinder, die der Prophezeihung zugehörig waren, vor ihr bessessen, nein, verpfutscht worden waren? Oder gar die Kinder, die zumindest so, wie sie einst werden sollten, aus der Prophezeihung und den Maßnamen zu ihrer Erfüllung hervorgegangen waren…?

Hin und wieder gab es eine Durchsage, dass sich doch die nächsten paar Kinder für die „Musterung" (Letzlich wäre jede andere Bezeichnung ein offensichtlicher Euphemismus gewesen) bereithalten sollten: „Die Nummern 25 bis 30 bitte, 25 bis 30! 25 bis 30! 25: Ayanami Rei, 26: Aida Kensuke, 27: Suzuhara Touji, 28: Ikari Shinji, 29: Itoshiki Kirio, 30: Maria Vincennes, bitte am Haupteingang versammeln!"

Kinder mit Nummern – Ein Alptraum, den Fuyutsuki nur machtlos mitansehen konnte .

Das konnte Yui mit ihrer „Strahlenden Zukunft" doch unmöglich gemeint haben!

Welche der vielen Kandidaten mit diesem Schlag von Nummern gemeint waren, merkte man, als ein paar der Kinder ihre Aktivitäten unterbrachen, um sich auf den Weg zu machen.

Ein somerprossiger Junge legte seine Plastikflugzeuge hin, mit denen er gerade ein Bombardement auf eine von einem ruhigen, relativ dunkelhäutigen Mädchen mit einem Pferdeschwanz beigetragene Bauklotzstadt simuliert hatte, in der anderen Ecke des Raumes war ein schwarzhaariger Junge gerade dabei, seinem Vater bei der Unterhaltung seiner winzigen Schwester zur Hand zu gehen, in dem er dieser die Zunge herausstreckte, als sein Vater ihn darauf hinwies, das er dran war, und etwas weiter hinten erhob sich ein Mädchen mit geflochtenen Zöpfen von ihrem Platz, die bis jetzt still, aber lustlos in einem Bilderbuch herumgeblättert hatte, während sie nicht von einem Vater oder einer Stiefmutter beafsichtigt wurde, sondern von einer Frau die zu jung war, um etwas anderes zu sein als ihre ältere Schwester, und nahe der Raumesmitte sah man auch ein kleines, blondes Mädchen, das von ihrem Vater an der Hand zum Haupteingang geleitet wurde.

Und natürlich gab es da auch diesen stillen kleinen Jungen, der direkt geringfügig zusammenzuckte, als er seinen Namen vernahm und darauf sowohl hilfesuchend als auch unsicher zu seinem Vater hochblickte, welcher ihm nur mit einer knappen Geste andeutete, dass er gehen sollte – Für das kleine Mädchen in rot war das alles, was sie brauchte, um sich direkt auf den Weg zu machen, doch der Junge zögerte, den Gedanken, diesen lauten, großen, fremden Ort alleine zu durchqueren doch etwas mulmig findend – Doch alles, was er sich damit einhandelte war ein schroffes „Geh!" von seinem Vater, bei dessen klang er sich freilich eilig in bewegung setzte, einfach mal dem unerklärlichen kleinen Mädchen hinterherlaufend, ohne sich je zu nah an sie oder irgendetwas anderes herranzuwagen, sie nur aus der Ferne eindringlich betrachtend.

(JAHRE SPÄTER

– TRAFEN ER UND SIE SICH WIEDER)

Doch Fuyutsuki und Ikari waren nicht die einzigen, die das Treiben im Herzen von Komplex Fünf eindringlich betrachteten – Kein Prozess der derart zentral für den bloßen Daseinsgrund dieser Einrichtung war, hätte vor sich gehen können, ohne dass die wachsamen Augen von Direktor Kuze Tesuo und Miyazawa Haruhi vor sich gehen konnte, wobei letzte derzeitig noch weit vom Besitz eines Doktortitels entfernt war, sondern zum damaligen Zeitpunkt nach dem überraschenden Tode der vorherigen Direktorin nun Kuzes Assistentin war, auch wenn es meistens so lief, dass er sich um seinen Aufgabenbereich kümmerte, und sie um ihren.

„Kaum zu glauben, dass Gedeih und Verderb der Menscheit von einem dieser Dreikäsehochs abhängt…" kommentierte Kuze, kopfschüttelnd.

„Mein jüngster Sohn ist etwa in dem Alter, nur unwesentlich jünger… wenn ich ihm sage, er soll etwas nicht tun, ignoriert er mich bestensfalls und grinst mich schlimstenfalls schelmisch an, seine Lieblingswörter sind „Nein!" und „Ich will nicht", und wenn ich ihm sage, er soll etwas nicht anfassen, tatscht er es erst recht an."

Miyazawa kicherte ein wenig. „Bis zur Rückkehr der Engel ist es noch ein Weilchen hin, Herr Direktor. Ich glaube, dass sie bis dahin keine laufenden Meter mehr sein dürften…"

„Das beruhigt mich kein bisschen." Meinte Kuze. „Alles, was man über Kleinkinder sagen kann, gilt für Teenager noch einmal doppelt." Der Direktor von Komplex Fünf seuzte.

„Seid meine Tochter in dem Alter ist, hatte ich viele schlaflose Nächte…"

Was dann auch etwa den Punkt markieren durfte an dem die Zahl seiner grauen Haare begonnen hatte, statt linear in quadratischem Maße anzusteigen, wie sich Miyazawa, die beiläufig ein Zartbitter-Mikado-Stäbchen aus der rechten Tasche ihres weißen Kittels gezogen und begonnen hatte, daran herumzuknabbern, im Stillen dachte.

Kuze begann langsam tatsächlich, sich daran zu gewöhnen, so sehr ihr sorgloses Geknuspere ihn auch beizeiten einmal irritiert haben mochte.

Nur unwesentlich später passierte auch diese weitere erste, flüchtige Begegnung, die erst wesentlich später ihre volle Bedeutung erhielt, etwas später, als die nächste Durchsage schon nach Kandidaten 31 bis 35 verlangte, und die vorherige Ladung potentieller Kindersoldaten wieder heraus gelassen worden waren, darunter auch ein stiller kleiner Junge der ohne Eile oder Zielstrebigkeit zur Mitte des Raumes driftete wie die größeren Bestandteile eines Müslis durch simple physikalische Gegebenheiten an die Oberfläche gelangten, weil er keinen anderen Ort im Raum hatte, an der er wirklich zurückkehren oder hinstreben konnte.

In der Ecke, in der ein gewisser stattlicher Mann in dunkler Kleidung stand, war es nicht wesentlich warmer als sonst wo, und er hatte auch nicht das Gefühl, dort eher wilkommen zu sein – Es war eine Ecke wie jede andere.

Er gelangte also zur Mitte, einfach, weil die Wege dorthin zu führen schienen, nur so halb Notiz davon nehmend, dass ihm dieses eine, selbst im Vergleich zu ihm selbst noch als klein bezeichenbare blauhaarige Mädchen gefolgt war, mit einem Geist von ruhiger Neugier auf ihren dünn lächelnden Lippen. Er sah sie, aber er wusste nicht, was er mit ihrer Existenz anfangen sollte, zumal die unmögliche, ihm unvermittelt ins Gesicht starrende Wahrheit damals noch wesentlich näher an der Oberfläche hielt.

Stattdessen schritt er einfach vorwärts, weil er nichts anderes zu tun wusste, und sich irgendwie seltsam dabei vorkommen würde, einfach stehen zu bleiben, während hier andere unterwegs waren.

Nicht richtig gemeinsam, aber doch simultan erreichten sie beide also letzlich den Sandkasten in der Mitte des Raumes und er blickte wortlos, stehen bleibend, weil der Weg zuende war.

Er hatte nur ein begrenztes Verständnis für das wie und warum jedweder Handlung, jenseits davon, das es einfach eine Anweisung war, diese zu befolgen war recht einfach – Es ging nicht besonders viel in ihm vor, als er da stand und das Bild vor seinen kleinen Füßen in sich einsog, und bei dem Mädchen hinter ihm hätte man darüber streiten können, in wie weit sie eine Idee davon hatte, dass sie überhaupt hier war.

In einer Ecke des Sandkastens saß ein kleines Mädchen in einem schwarzen Kleid, mit zwei perlenartigen Haarferzierungen, die ihre schmucke, rote Haarpracht hielten, wo sie war.

Sie wusste, dass der Raum da war, und alle die in ihm waren, sie wusste dass sie selbst da war, und sie bezog all dies durchaus in die Auswahl ihrer nächsten Handlung ein, und es war keinesfalls so, dass sie der Rest des Raumes nichts scherte – Genau deshalb sah auch den Bedarf dazu, sich davor abzuschotten, hatte sich in eine Ecke des rautenförmigen Sandkastens gepflanzt, und dem Rest davon den Rücken zugedreht, mit ihrem kleinen Körper eine Fläche begrenzend, innerhalb sie mit ihrem Konstrukt beschäftigt war, eine Art Turm aus Sand wohl, aber ohne viel Schmuck, nur so weit zusammengeklopft, das er eben stabil sein würde, den Sand von drumherum herauskratzend, mit nur einem Ziel: Höher, höher, hörer, und es durfte ja nicht in sich zusammenfallen, wo dieser Ausgang drohte, klopften ihre kleinen Hände nach, oder patschten noch Sand hin – Doch sie schien aus ihrer Tätigkeit keinerlei Freude oder Vergnügen zu beziehen, war zu dieser aufgrund der Umstände vielleicht überhaupt nicht fähig, ihr Gesichtsausdruck war völlig ernst, allerhöchstes ein wenig entschlossen, aber nicht viel, als ob es ein ordinärer Sandhaufen nicht wert sei.

Der Sandkasten war groß und es saßen etliche Kinder zu Grüppchen zusammen, nur ein weiteres Mädchen baute allein, mittem quer im Kasten sitzend, in einem teils recht extravaganten Kleidchen mit Rüschen und Schleifen, nichts, in das man irgendjemand über dem Alter von Sechs Jahren noch ohne Kunstwerk hineinkriegen würde, die Kleine selbst war um die Fünf, mit ihrem ersten, quietschroten Schieleisen auf der Nase, und einem blauen Stirnband im Haar, und lächelte still zu sich selbst, ungeachtet der Tatsache, dass sie allein war, ungachtet allen, was hier noch so vor sich ging, baute ihr Sand-Konstrukt (Nach einer Burg sah es nicht wirklich aus) so, wie es ihr grad gefiel, ohne sich nach irgendjemandes Vorschlägen zu richten, und fand allein darin ihre Freude.

Doch es gab noch ein relevantes Kindergartenkind, auch um die fünf, eines, das in einer simplen hellen kurzen Hose und einem orangenen T-Shirt mit irgendeinem Aufdruck eigentlich unwürdig verpackt wirkte, und bis jetzt in stiller, aber erfüllter Beobachtung der Szene am Rande des Sandkastens versunken gewesen war.

Er blickte zu dem stillen Jungen und seiner blauhaarigen Un-Gefährtin in rot auf, bevor die Zwei überhaupt wirklich stehen geblieben war, stand auf, und suchte durch dans ganze Treiben um sie drei den Blick der beiden, als habe alles andere im Raum plötzlich aufgehört zu existieren.

Das blauhaarige Mädchen blickte scheinbar doch entfernt interessiert auf, auch, wenn es keine besonders starke Reaktion war, und der Junge – Er spürte seine Beine zittern und wäre wohl zurückgewichen, wenn ihm diese Möglichkeit in den Sinn gekommen wäre, doch er wusste komplett nicht, was er machen sollte – Doch dieser andere, etwas älter wirkende Junge lief geradewegs zu ihnen beiden hin, (Und selbst er ahnte noch nicht was folgen würde, wer in diesem Raum hier alles zum ersten Mal versammelt war – Das Mädchen erkannte er sofort, als was sie war, bei dem Jungen war es zunächst nur entferntes interesse und der Eindruck, dass er irgendwie traurig und verloren wirkte.)

„Hallo." Grüßte er direkt, offen und bestimmt.

Er nahm sich einen Augenblick heraus, um dem Mädchen direkt in die gleichermaßen roten Augen zu blicken, und sie blickte nur zurück, vielleicht eine stille Bestätigung mit ihm austauschend.

„Ich wollte euch fragen, ob ihr mir nicht vielleicht ein wenig Gesellschaft leisten wollt…"

„…uns?" gab der jüngere Junge leise zurück, ein zögerliches Stimmchen wie ein Windhauch, von dem man – fälschlicherweise! – den Eindruck hätte bekommen können, das selbst der grellste Schrei, der sich damit produzieren ließe nichtwesentlich lauter sein könnte als das Ticken einer Uhr, gleich dem unsteten Flackern einer Kerze, die jeder Lufthauch auspusten könnte, so, so leicht zu übertönen.

Es war das erste Mal in einer langen Zeit, dass diese Stimme überhaupt Verwendung fand, auch, wenn das hier das Geheimnis des Verwenders blieb.

„Ja. Wäret ihr interessiert…?"

Der verstoßene Sohn des Leiters von GEHIRN blickte fragend zu dem blauhaarigen Homunculus an seiner Seite, damit zögern, in ihrem Namen eine Entscheidung zu treffen, vielleicht auch in der Hoffnung abzuschätzen, was sie wollte oder sich zu alledem dachte, doch sie blickte nur nichtssagend zurück.

Die Kombination aus dem offenen Lächeln seines gegenübers, dessen direkter Frage und der generellen Haltlosigkeit die dem Verschwinden seiner Mutter nachgefolgt waren, ließ ihn schließlich nachgeben und ein vorsichtiges, minimales Nicken hervorbringen.

Wären die beiden nicht gerade hinübergekommen, hätte er sich der silberhaarige Junge jedoch wohl zu einem der beiden einzeln an ihren Bauten zimmernden Mädchen begeben oder beide eingeladen, und er vergaß nicht so schnell, dass sie zumindest kurzweilig sein Interesse eingefangen hatte, und das Endresultat war, dass unter den Bildern, die zwecks Archivierung und Dokumentation von dem Auflauf an möglichen Kandidaten hier geschossen wurden, auch eine dabei war, auf dem sie alle fünf zu sehen waren, wie sie gemeinsam an einer Sandburg bauten, eine lange Zeit bevor sie ihre ähnlichen, grausamen Schicksale wieder zusammenführen sollten. Das unmögliche zu bewerkstelligen konnte man Tabris ruhig überlassen und auch zutrauen – Geschossen hatte sie das Bild nicht, aber das ausgerechnet dieses letzlich für die Akten ausgewählt wurde, war Miyazawa zu verdanken, auch, wenn der Fakt, dass sie es unheimlich niedlich fand, nur einer von vielen Faktoren war, wieso ausgerechnet dieses Bild für den Report ausgewählt wurde – Wie sich heraustellte waren darauf nämlich einige der Kandidaten zu sehen, welche zu den interessantesten Ergebnissen geführt hatte, oder die zumindest für einige etwas weniger, aber doch mehr als durchschnittlich informierte Kreise als solche präsentiert werden sollten, obwohl es, wie gesagt, in einigen Fällen von vornherein klar gewesen war.

Da waren sie, eins-zwei-drei-vier-fünf, zum ersten Mal wirklich versammelt, die fünf Säulen der Welt, die Fünf Finger von Gottes Hand, die vier großen Grundkräfte (Schwerkraft, Elektromagnetismus, starke- und Schwache Kernkraft) und die dunkle Energie, die fünf Zacken eines Pentagramms, die fünf Geschmacksrichtungen (Süß, Sauer, Salzig, Bitter und Umami), die fünf Elemente(Feuer, Wasser, Erde, Luft, und je nachden, welchem Modell man folgte, Metall, Energie/Quintessenz oder Leere), die fünf Grundzutaten für jede Farbe, (Schwarz und Weiß, Rot, Grün und Blau.) alle auf einem Bild: Die Göttin, die Kriegerin, der Auserwählte, das Medium und der gefallene Engel, Himmel und Erde, Sonne, Mond und Sterne.

An diesem Tag wurden viele Dinge eingefädelt, die für die späteren Entwicklungen unverzichtbar waren, und für die meisten waren Miyazawa und Kuze direkt verantwortlich, doch es gab zumindest ein Mysterium, dass sie sich fragen ließ, ob sie dabei die Einfädler waren, oder die Gefädelten, und es präsentierte sich ihnen in recht unübersehbarer Manier:

„Die Anzahl der Schaufeln reicht nicht aus, Glatzkopf."

„W-Was?" Kuze fuhr herum, bis eben noch der festen Überzeugung, dass sich bis auf Miyazawa niemand in seiner unmittelbaren Nähe befand – Das diese sich an ihrem Gepruste fast verschluckte, war dem Erhalt seiner Würde keinenfalls dienlich.

„Im Sandkasten. Wir sind zur fünft, aber es sind nur drei Schaufeln da, Glatzkopf."

Die Schuldige war ein kleines Mädchen – scheinbar selbst noch ein gutes Stück jünger als die restlichen Anwesenden – in einem roten Kleidchen, mit kurzen, blauen Haaren.

Keiner der beiden Wissenschaftler hatte sie kommen hören, doch während dies Kuze einen gewissen instinktiven Respekt einflöste, wendete sich Miyazawa zu ihr hin und ging teilweise in die Hocke, um mit der kleinen auf Augenhöhe zu sein – Doch gerade deshalb hätte es doch eigentlich unmöglich sein sollen, dass sie ein gewisses pikantes Detail übersehen sollte – Rote Augen. Die sie natürlich nicht zum ersten Mal sah.

Doch wenn sie es bemerkte, dann schien sie das jedenfalls nicht daran zu hindern, die kleine anzulächeln.

„Weißt du, du solltest andere Leute wirklich nicht Glatzköpfe nennen."

Die kleine verengte verwundert ihre Augen.

„Aber so nennt man es doch, wenn jemand keine Haare auf dem Kopf hat, oder?"

„Eigentlich schon, aber es ist nicht besonders nett."

„Warum?"

„Weil es die meisten Leute nicht gerne hören."

„Warum?"

„…Weil die meisten Leute selbst wissen, wie sie aussehen."

„Warum?"

„weil sie eben regelmäßig in den Spiegel gucken."

„Warum?"

Miyazawa kicherte leicht. „Hör mal, wieso suchst du nicht in der Holzkiste da hinten? Da müssten eigentlich noch Schaufeln drin sein."

Ohne ein einziges Wort des Dankes machte das kleine Mädchen kehrt und zog zielstrebig von dannen.

Miyazawa stellte sich seufzend wieder gerade hin… und brauch sobald sie sicher war, das die Kleine sich weit genug entfernt hatte, in lautes Gelächter aus, dass sie nur äußerst Erfolglos zurückhalten konnte.

„Entschuldigen Sie, Herr Direktor…" brachte sich zwischendrin heraus. „Aber die Kleine ist echt zum Schießen…"

Sie nahm sich erst mal ein paar Sekunden, um sich zu beruhigen.

„Hach, immer diese Sache mit den kleinen Kindern, sagen manchmal die ulkigsten Sachen – Ich kenn das schon von meinen Geschwistern. Meine Mutter sagte, dass das für sie immer ein regelrechter Sport war, lange genug ein ernstes Gesicht zu machen, um meinen kleinen Bruder auszuschimpfen – Schließlich musste sie ihm ja irgendwann beibringen, sich zu benehmen – und dann möglichst schnell ins Bad zu rennen, weil sie sich die Lache nicht mehr verkneifen konnte..." erzählte sie, beiläufig ein Zartbitter-Mikadostäbchen aus der Tasche ihres weißen Kittels ziehend und zu Kuze's weiterer Irritation gleich beginnend, daran herumzuknuspern.

Jetzt in Erinnerungen zu schwelgen war das letzte, was ihm im Moment in den Sinn gekommen wäre.

„Dieses… dieses Kind war…"

„Schubtschekt 25." vervollständigte Miyazawa mit vollem Mund, herzlich unbekümmert, sosehr der merklich bekümmert klingende Kuze gehofft hatte, mit diesem Thema Problembewusstsein auslösen zu können – Aber langsam begann er das aufzugeben.

Zumindest eine beruhigende Tatsache blieb dabei ja doch, für eine sehr relativierte definition von „beruhigend": In gewisser Hinsicht wurze Miyazawa der verstorbenen Direktorin in ihrer Art immer ähnlicher.

„…Ikaris Tochter, nicht? Man merkt die Familienähnlichkeit. Ganz die Mami, die Kleine."

„Pflegetochter." Korrigierte Kuze. „Er behauptet, sie sei das Kind einer Bekannten, aber…"

„…die Direktorin kann er damit nicht gemeint haben, trotz des Nachnamens, die hatte keine Kinder, wenn man Tabbie-chan nicht dazuzählt. Aber es ist ne nette Hommage. Nette Hommage. "

„…Ich habe bereits alles prüfen lassen. Es gibt keinerlei Aufzeichnungen... Entweder, versucht Ikari ihre Herkunft zu verbergen, oder-"

„…oder sie ist artifiziell. Es ist nicht gerade schwer zu übersehen. Wie gesagt, man sieht die Familienähnlichkeit. " Miyazawa stopfte sich ihr Mikado-Stäbchen ungestört weiter in den Mund hinein, trotz ihrer scheinbaren Sorglosigkeit durchklingen lassend, dass diese keinesfalls mit tatsächlicher ahnungslosigkeit gleichzusetzen war.

Nach dem Schlucken des letzen Bissens machte sie mit dem Essen eine Sprechpause.

„Wenn das Komitee da nicht mehr wüsste als wir, hätten die uns alles gesagt, was sie haben, damit wir den Fall unter die Lupe nehmen…"

„Trotzdem, das ist Ikari, von dem wir hier reden… Wir werden mehr wissen, wenn wir ihre Messwerte haben, aber-"

„Es ist unwahrscheinlich, dass er denen alles gesagt hat. Die werden diese Messwerte vermutlich komplett geschickt bekommen wollen… Aber ich vermute schon jetzt, dass sie uns vermutlich sehr, sehr bekannt vorkommen werden…"

„Unmöglich!" entgegnete Kuze, nach dem ihm eingeleuchtet war, was seine Assistentin damit andeuten wollte. Es stimmte schon, die frühere Direktorin hatte, wenn er sich recht entsinnte, so etwas in der Art ebenfalls geahnt, aber das erschien ihm doch zu weit zu gehen.

„Dieses kleine Mädchen soll- …Selbst Ikari würde das nicht wagen…"

Miyazawa blickte zu ihrem in einer anderen Ecke des Raumes stehenden Gesprächsthema hinüber, welches gerade dabei war, sich jenseits ihrer Hörweite mit seinem Untergebenen – Fuyutsuki – zu unterhalten.

Sie schien äußerlich nicht beunruhigt, aber das musste nichts heißen.

ZWEI JAHRE SPÄTER –

DERSELBE RAUM

Der Sandkasten war zwar bereits durch den kurz nach seiner Einsetzung noch etwas kleiner bemessenen Baum ersetzt worden, der Großteil des Spielzeugs stand aber noch da, wo es gewesen war – Doch wer hier den ausgelassenen Geräuschintergrund eines typischen Kindergartens vermutet hatte, lag falsch.

Die wenigen Grüppchen von nun entsprechend älteren Kindern, die nun um irgendwelche Spielsachen herumsaßen, taten dies in schwer getragener Grabesstille. Es waren auch wesentlich weniger, nur hier und da ein paar, mit der riesigen Versammlung vom ersten Tag nicht zu vergleichen.

Wenn der erste Blick schon verdacht weckte, dann waren der zweite oder dritte ein Schock, es brauchte nicht viel um zu erkennen, dass hier etwas grundfalsch war – Die Spiele geschahen zu still, zu geordnet; Bis weilen saßen mehrere Kinder um einen Tisch mit einem Brettspiel herum, und der Reihe nach bewegte jedes von ihnen einen Spielstein, ohne etwas zu sagen.

Das nächste, was auffiel, wäre wohl das Äußere, weil der Mensch ja doch ein Augentier war – hätte man zunächst denken können, es liege an der Beleuchtung, oder an den eigenen Augen, denn es war überall, Haare, Augen, Haut, es war, als habe man von allem eine Schicht Farbe abgezogen, wie in einer dieser Waschmittel-Werbespots, kaum eines von ihnen füllte die noch wie gewöhnliche Kinderkleidung in bunten Farben strahlenden Kleidungstücke wirklich aus, und wenn man hinsah, bemerkte man hier und da… Dinge.

Individuen, die nicht auf Stühlchen, sondern in Rollstülen saßen, das eine oder andere Kind, das sich zwischen Kisten und Spielsachen völlig allein beschäftigte, mit dunklen, in die Ferne starrenden Augen, die vom Rest der Welt nichts mehr mitzubekommen schienen, und der eine oder andere Anblick, der die Linie endgültig überkreuzte – Ein rundlicher Junge, der an eine Kiste gelehnt auf dem Boden saß und die Hände unbenutzt nach unten hängen ließ, den Kopf nur so halb aufrecht, die Augen zwar offen, aber völlig unfokussiert in den Raum hineinstarren lassend, ein weiterer Junge, klein, mit einem Schöpf lockigen Haares, der neben einem Schaukelpferd wie vertreut auf dem Boden lag, wie eine Puppe in einem Regal, die einfach umgefallen war, ein glatzköpfiges Kind, das sich unter einem Tisch fest zu einem Ball zusammengerollt hatte, und ein Mädchen in einem lieblichen Rosa Kleidchen, für das nahe einer anderen Gruppe „spielender" Kinder ein Lager hergerichtet worden war, weil sie selbst zum Sitzen zu schwach zu sein schien.

Und inmitten dieses bizarren Zirkuses, Kuze und Miyazawa, letztere mit einer dicken Mappe in den Armen und einem entfernt melancholischen Ausdruck auf ihrem Gesicht.

„…Die ersten Zeichen der neuen Era waren minimal, aber in unserem Wunsch, die Saat zum Keimen zu bringen, fütterten wir sie mit solch harschem Dünger…" merkte sie seltsam betrübt an.

Kuze sah das ganze etwas anders: „Hässlich war es, aber unvermeidbar – Man kann schlecht menschliche AT-Felder undersuchen, ohne menschliche AT-Felder. Wir waren so schonend wie möglich."

Miyazawas Ruhe wich nicht, aber die Verwunderung war echt: „Ich dachte ja immer, gerade Sie als Familienvater würden etwas daran auszusetzten haben, Herr Direktor."

„Eine private Frage?"

„Wenn Sie wollen."

„Das eine ist meine Arbeit und das andere ist mein Privatleben. Ich ziehe vor, sie nicht zu mischen, das führt nur zu unnötigen Komplikationen. Die frühere Direktorin sah das in übrigem genau so, zumindest zuanfangs… Und was meine Kinder angeht, ist es das wichtigste, das sie sicher sind und es in Zukunft auch sein werden. Sie werden niemals erfahren, was getan wurde, um ihre Sicherheit zu wahren – Sich die Hände schmutzig zu machen, ist die Pflicht von uns, die wir unsere Unschuld ohnehin schon hingegeben haben."

„Unschuld?" wiederholte Miyazawa. „Gibt es denn irgendjemanden auf diesem Planeten, der sich noch nicht mit Schuld befleckt hat? Ich bin mir nicht ganz sicher, ob man von Schuld ausgeschlossen ist, nur, weil es jemand anders war, der beschlossen hat, einen damit zu bekleckern…"

Wieder einer dieser Dinge, die man nicht erwartet hatte.

„Nicht, dass es in diesem Fall viel gäbe, womit man kleckern könnte – sicher, wir haben Ergebnisse vorzuweisen, und einige dieser Subjekte werden in Zukunft nützliche Aufgaben für das Projekt erfüllen, aber die sind alle recht peripher – letzlich war das einzige, das wir wirklich benutzen konnten, das Subjekt, das schon von Anfang an aus dieser Einrichtung stammte: 23, Tabris."

Die Tür mit der großen 23 darauf stand den beiden praktisch direkt gegenüber.

„Ich bin der letzte, der unsere Arbeit überschätzen würde, sie wissen, das mir die Sicherheit am Herzen liegt, aber selbst so muss ich sagen, dass sie unsere Ergebnisse da klein reden – das aus den Subjekten nicht so viel wurde, ist kaum ein Wunder – Schließlich konnten wir nur Viert-Level Kandidaten verwenden, die schlechtere Hälfte, die, die sich einfacher verschwinden lassen ließ – Alle wesentlich besseren Funde brauchten wir ja für Projekt E als mögliche Kandidaten – Man will alle restlichen Viert- und Dritt-Level Kandidaten ja demnächst in Neo Tokyo-3 zusammentrommeln, sobald die Konstruktion der Stadt ausreichend vorrangeschritten ist… Unsere Forschungen hier haben zur Handhabung der Evangelions mit Sicherheit hroße Beiträge geleistet – Die Früchte unserer Arbeit lassen sich schon ganz gut ablesen – anscheinend laufen die ersten Testreihen mit unserem frisch eingeteilten Second Child recht vielversprechend."

„Subjekt 19, Shikinami Asuka Langley…" Miyazawa hatte in ihrer Mappe ein Seite aufgeschlagen, die ein kleines, rothaariges Mädchen zeigte, das entschlossen in die Kamera blickte, da sie sich scheinbar partout geweigert hatte, zu lächeln – Darunter waren allerlei Zahlencodes und Schnipsel von Gensequenzen sichtbar, aber auch eine Grafik, die einen ungefähren Kreis darstellte, dessen äußere Linie sich wie eine Art Welle verhielt – Die Zacken hielten sich größtenteils in rot und orange, und wirkten merklich symmetrisch.

„Armes kleines Mädchen. Dr. Shikinamis Tod ist gar nicht so lange her, und schon sind wir dabei, ihr auch noch den Rest ihrer Kindheit zu nehmen, und dabei ist sie erst fünf… Aber was soll man machen, ihre Werte sind brauchbar, und wir haben einen EVA mit einer kompatiblen Seele. Das macht sie zu einer Level-2-Kandidatin – Davon haben wir weniger, als wir mit einer Hand abzählen können…"

„Sie ausbilden zu lassen, kann sicherlich kein Fehler sein. Auch, wenn sie nur ein recht gewöhnlicher Mensch ist, ist sie immerhin von außergewöhnlicher Intelligenz und scheint soweit gut auf das Training anzusprechen – Den Simulationen zufolge wird sie über eine gewisse Obergrenze nicht hinüber kommen, aber für das Produktions-Modell ist das genau das richtige – Wir brauchen im wesentlichen nichts als eine zuverlässige Waffe gegen sie Engel."

„Aber, aber, Herr Direktor. Unterschätzen sie niemals normale Menschen… Diese „Obergrenze" liegt nur sehr kurz unter der sekundären Omega-Grenze. Unterschätzen Sie nie die Fähigkeit eines Menschen, in extremen Situationen über ihre Grenzen hinaus zu wachsen. Gut möglich, dass sie mit entsprechender Motivation und ein bisschen Schweiß fähig sein könnte-"

„Rein theoretisch, ja. Aber dass sie überhaupt in die Nähe der Omega-Grenzen kommt ist fraglich – Das war eine äußerste Schätzung…"

„Normale Menschen nicht unterschätzen, Herr Direktor! Was ist an den Omega-Grenzen nicht spekulativer Natur?"

„Es ist wahr, sie interessieren uns, weil wir Theoretiker sind."

„Nicht unbedingt… Es ist eine urmenschliche Sache, alles zum vollen Limit ausnutzen zu wollen, immer zu sehen, ob denn noch mehr geht – Der Mensch gibt sich selten zufrieden, und deshalb ist er bis jetzt nicht zum Stillstand gekommen…"

„Aber wir nähern uns der Grenze, der Asymptote."

„Dann ist Stillstand unvermeidlich, und es ist nur eine Frage, ob wir darunter leiden wollen?"

„Das Komitee sieht es sicherlich so. Es stimmt doch, jene Rastlosigkeit, die Sie da anpreisen, ergibt sich aus der Unfähigkeit des Menschen, Glück oder Zufriedenheit lange beizubehalten…"

„Ein interessantes Paradoxon, nicht wahr, Herr Direktor?"

„Ich verstehe nicht ganz…"

„Ist das nicht ein weiteres Beispiel für ebendiese Denkweise, die sie für überholt halten? Es geht hier zweifellos um die Behebung eines Mangels, die überwindung eines Limits, mit dem sie sich nicht zufriedengeben. Dem Ingenör ist nichts zu schwör! Ja, sie denken gerne, sie wären Propheten, und blicken auf uns herunter, und, die Werkzeuge, die Zahnrädchen, die sie für so beschränkt halten, wir, die Wissenschaftler, die Ingenieure, aber dabei sind auch sie nichts anderes als Ingenieure! Ja, genau!"

„Werden Sie da nicht leicht überheblich, Miyazawa? Es ist eine alte und schmierige Taktik, der Gegenseite vorzuwerfen, dass sie eigentlich das selbe tut, nur miserabler – Die Religiösen werfen den Nicht-Religiösen vor, auf Fakten und Beweise gestüzte Wissenschaft sei doch auch nur ein Glaube, und zurück kommt, Religion sei doch auch nur ein billiger, antiquierter Versuch, die Welt zu verstehen. Sinken Sie nicht so tief, Miyazawa."

„Das war nicht meine Absicht, Herr Direktor. Aber es stimmt doch, das man an der Wurzel der größten Zwiespalte oft die größten Gemeinsamkeiten findet…" merkte sie an. „…Auf jeden Fall dürfte Subjekt 19 auch wenn sie uns für die Theorie nichts ganz so viel nützt, diese mit ihrem praktischen Nutzen weit übersteigen – Dem derzeitigen Stand nach zu urteilen wird es noch eine ganze Weile dauern, bis sie einsatzbereit ist, aber den Berechnungen und Simulationen zufolge könnte sie unser First Child schon in weniger als zwei Jahren übertroffen haben… Und das ist eine der Dinge, die mich wundern… " wieder zum Thema zurückommend blätterte sie in ihrer Mappe einige Seiten weiter, bis sie nebst von unergründlichen Nummern das Bild eines kleinen, blassen Mädchens mit kurzen, blauen Haaren vor sich hatte – Auch hier gab es wieder eine kleine kreisförmige Grafik, doch wo die auf eine Kreislinie aufgezeichneten Wellen bei dem Eintrag vorher regelrechte Zacken bildeten, die gleich den Speichen eines Rades oder den Strahlen der Sonne nach außen ragten, erstreckten sie sich hier fast zu gleichen Teilen in- und außerhalb des Kreises und erinnerten von der Form her mehr an eine stehende Welle – Auch waren hier alle Farben des Regenbogens vorhanden und nicht nur ein bestimmter Bereich des Spektrums, aber insgesamten entfernten sich die Linien nie all zu weit von der Kreislinie – Die Wellengraphen des Second Child schlugen mitunter zwei- oder dreimal so weit aus.

„Kandidatin 25 wurde praktisch schon direkt nach dem Tag des ersten Screenings als First Child komissioniert, es war schon abgesprochen, bevor das Screening überhaupt begann – Wir haben sie schon per Definition als Level Eins eingestuft – Als eine Kandidatin, von der klar war, dass sie zur Pilotin eingeteilt werden wird – Nur deshalb wurde sie überhaupt geschaffen, als artifizielles Konstrukt, wie Tabris… Unsere beiden Nephelim. "

„…und die Engel ließen sich mit den Söhnen der Menschen ein, und aus ihrer Vereinigung gingen Riesen hervor… Die Nephelim, verbotene Zwitterwesen, in deren Existenz sich das irdische mit dem göttlichem Vermengt." zitierte Kuze. „Es wäre eigentlich anzunehmen gewesen, dass mit dieser Passage der Prophezeihung die Evangelions gemeint waren – Im wörtlichem Sinne Giganten."

„Sicherlich, aber nicht nur – Vielleicht ist bei den zweien nicht auf dem ersten Blick klar, in welcher Hinsicht sie Giganten sein sollen, aber die Rollen sprechen vielerorts von den beiden Nephelim-Kindern – Die zwei Schlüssel zum Schicksal dieser Welt, und nicht zuletzt die linke und die rechte Hand des Außerwählten, wenn den Überlieferungen zu glauben ist…

Aber die Ähnlichkeit zwischen den Profilen unserer beiden Level-Eins Kandidaten zeigt sich zwar in Verteilung und Zusammensetzung etlicher Werte, aber nicht wirklich in deren Intensität – Zugegeben, bei Tabris gibt es da noch zusätzliche… Besonderheiten, aber dafür, dass sie speziell für diese Aufgabe geschaffen wurde, sind sowohl die Simulationen als auch die derzeitigen Ergebnisse recht… durchschnittlich."

„Sie ist das Resultat des Versuches, etwas zu erzeugen, dass überhaupt kompatibel sein würde. Und darin waren wir ja auch erfolgreich – Auch, wenn sie sieben Monate brauchte, produziert sie mittlerweile durchaus nutzbare Werte."

„Unsere Beschränkungen also?" fragte Miyazawa, mehr als Bestandteil ihrer eigenen Überlegungen, als wirklich eine Antwort erwartend. „…eine Möglichkeit ist es, vor allem, da Ikari sie zu Testzwecken erst mal mit diesen schrottigen Prototypen synchronisiert hat. Das war der erste Evangelion, nach einer langen Reihe von Fehlschlägen – Die Kerneinheit ist mangelhaft konstruiert, und eine kompatible Seele gibt es auch nicht, hat es nie gegeben, außer, wenn sie entgegen unserer Vermutungen doch auf die altmodische Weise auf die Welt gekommen wäre."

„Kränkt es Sie, dass etwas, das wir Menschen direkt für diesen Zweck geschaffen haben, in der Leistungsfähigkeit von natürlichen Lebensformen übertrumpft würde?"

„Was sie da „übertrumpft" ist immernoch selbst ein Mensch, Herr Direktor. Menschenwerk bleiben diese Ergebnisse dennoch etwa im gleichen Maße – Das heißt, wenn das denn wirklich der angedachte Verwendungszweck für die Kleine sein sollte, und nicht bloß ein Nebenverdienst oder ein Vorwand, um ihre Existenz zu rechtfertigen…"

„Haben Sie eine Vermutung?"

Miyazawa schüttelte den Kopf. „Nein, nur eine Ahnung. Es könnte nie mehr sein als eine Ahnung – Wenn Ikari trotz all seiner Dreistigkeit noch seinen Kopf auf den Schultern hat, dann, weil er nie irgendjemandem handfeste Beweise in die Hände fallen lassen hat, selbst jenen nicht, mit denen er direkt zusammenarbeitet. Und wie die verehrte Frau Direktorin es immer zu sagen pflegte, er ist gerissen, und Vertuschung ist sein Spezialgebiet. Vertuschung ist praktisch sein zweiter Vorname. Gendo Vertuschung Ikari….

Aber auch so sind die zwei Mädchen ja nicht unsere einzigen Waffen…" Sie blätterte wieder in ihrer Mappe. „…Im Notfall gibt es ja immer noch die ganzen Dritt- und den rest der Viert-Level-Kandidaten. Wir haben Reserven."

Die Seite, die Miyazawa aufgeschlagen hatte, war nicht einem individuellen Subjekt gewidment, sondern stellte eine Auswahls-Prioritätsliste dar, Namen, Nummer, ein Bild rechts, einer von diesen Wellenkreis-Graphen links. Die Ausschläge hielten sich bei diesen Einträgen relativ in Grenzen, doch sie waren immer hin recht symmetrisch – Je weiter die Liste nach unter ging, umso schwächer und unregelmäßiger wurden die Graphen, bis es bei einigen nicht einmal mehr einen vollständigen Kreis bildete, sondern Lücken vorzuweisen hatte.

Und die Seite zeigte vertraute Gesichter – Auf Platz eins der Prioritätsliste, Nummer 27: Suzuhara Touji. Platz zwei: Nummer 22: Horaki Hikari, Platz drei, 26, Aida Kensuke – und so weiter, und so fort. Mitsurugi Nagato(52), Mayumi Yamagishi(114) und andere vielleicht relevante Namen fanden sich relativ weit hinten in der Liste, relativ niedrig einzustufende Viert-Level-Kandidaten, über die man zwar Bescheid wusste und sie daher bei ihrem Umzug nach Tokyo-3 in diese Klasse eingeteilt hatte, weil mehr Reserven eigentlich nie schaden konnten, deren mögliche Nutzbarkeit es aber nicht wert gewesen war, sie mit den anderen in Tokyo-3 zu versammeln, bevor sie sich aus anderen Gründen dort wiederfanden. Informierte Beteiligte hätten mutmaßen können, das Nummers Eignung als Wirt für den Engel oder zumindest der Fakt, dass sie das ganze überlebt hatte, mit den Besonderheiten zusammenhängen könnten, die sie auch auf diese Liste verschlagen hatten, aber im wesentlichen waren diese weiter unten eingestuften Kandidaten von recht geringer Konsequenz.

„…und die hier sind noch nicht einmal unsere eigenen Waffen, auch wenn das eher das Resultat einer… peinlichen Angelegenheit ist…"

„Sie meinen das Mädchen, dass die Amerikaner demnächst ausbilden lassen wollen?"

„Nummer 30, Maria Vincennes. Entweder haben sie auf eigene Faust gesucht, oder ihr Vater hat etwas geahnt und durchsickern lassen, aber da lässt sich nichts machen. Sie kennen die Amis ja, kein Land schmeißt mehr Geld für Militär heraus, und das in unseren Zeiten, wo die altmodischen Kriege mit Panzer und Bombe längst der Vergangenheit angehörigen – Damit die Terroristen, nichtstatlichen Organisationen und Geurillia-Kämpfer von heute bekämpfen zu wollen, ist bestenfalls grob – Jendenfalls werden sie dabei eine ganze Menge Porzellan zerschlagen, die Ära der einfachen geh-hin-und-töte-den-Feind-Schlachten ist jendenfalls Vorbei… Aber diese Machos, die dort an der Macht sitzen, leben ja eh alle noch im 18. Jahrhundert, und der Gedanke, dass wir hier sowas wie die Evangelions stehen haben, macht diese alten Machos ganz nervös, die fühlen sich alle etwas auf den Schwanz getreten…" klagte Miyazawa, unwillens, ein Blatt vor den Mund zu nehmen. „Hach, die Politik! Die meinen zwar, dieser Vatikanvertrag wäre keine so große Störung und einen offensichtlich sichtbaren Eingriff nicht wert, vielleicht ist das sogar ein Teil des Plans, den wir noch nicht kennen, aber wirklich! So ein großes Werk, das dazu gedacht ist, unser aller Zukunft zu sichern, ja, vielleicht das einzige Ziel von 250000 Jahren Homo Sapiens, und die sehen es nur als ein besseres Cabrio, um ihre Egos aufzublasen…"

„Sie müssen zugeben, Miyazawa, vier Evangelions wären mehr als genug, um die ganze Welt in Schutt und Asche zu legen."

„Allein zu denken, dass wir solche Macht in Fraktionen gegeneinander richten könnten…"

„Unsere Vorfahren taten etwa das selbe, als sie die Macht erlangten, Atomkerne zu ihren Spielbällen zu machen – und es ging etliche Male schief…" mahnte Kuze.

„Als ob das die Amerikaner jenals aufgehalten hätte – erst bestehen sie auf die Rechte, die Einheiten drei und vier bauen zu dürften, nein, ohne eine Pilotin könnten sie damit schließlich keine protzigen Drohungen machen, ein Evangelion ohne einen Willen, um ihn zu bewegen, ist nicht so sehr zu fürchten…"

„Ist da nicht die Gefahr, dass die ihre Nasen in Dinge hineinstecken, in denen sie nicht sein sollten?"

„Keine Sorge, Herr Direktor... Eine der Hauptriebfedern bei der Sache sitzt direkt im Komitee, der amerikanische Repräsentant ist trotz allem etwas patriotistisch veranlagt, Dezentralität oder nicht. Er selbst ist es, der für Einheit 04 große Pläne hegt… das Mädchen war nur so ein beiläufiger Gedanke, sie ist nur eine Level-Drei-Kandidatin, und in den Rollen wird ihr keine große Rolle zugemessen, desshalb hat sie auch noch keine Marduk-Designation zugewiesen bekommen, aber die werden schon noch früh genug danach quengeln.

Sie stellt für uns eine weitere Fußsoldatin dar, und die können wir immer brauchen…"

„Apropos, will man denn für Subjekt 23 keine solche Designation komissionieren?"

„Erst, wenn die Herren vom Komitee es für nötig halten, seine Existenz offen zu legen. Also so so früh wie nötig, so spät wie möglich… Diese ganze Sache ist ohnehin nur eine Farce…"

„So oder so, das Programm hat zweifellos seine Ergebnisse geliefert. Nicht so viel, wie es vielleicht hätte liefern können, aber genug, um unsere Projekte fortzusetzten, und das mit dem bestmöglichen… Material. "

„Das heißt, den Umständen entsprechend ‚bestmöglich'…" kommentierte Miyazawa, weiter in ihrer Mappe blätternd. „Gerade die Testperson mit den vielversprechendsten Testergebnissen blieb dem Programm ja leider vorbehalten…"

„Sie meinen diese beiden…"

„Wen könnte ich sonst meinen? Fünf Stufen hatte die Scoringfunktion für die Qualität der Kandidaten, die ich aus den zurückgelassenen Arbeiten der verehrten Frau Direktorin und den Daten aus den drei bisherigen Aktivierungsexperimenten zusammengestellt hatte, die Stufe Sechs für vollends ausrangierte Testpersonen nicht mitgerechnet. Doch obwohl sie zunächst eine zuverlässige Einteilung zu liefern schien, waren wir schon am ersten Tag des Screenings gezwungen, sie zu überarbeiten, und das aus genau zwei Gründen: Nummer 41, Makinami Mari Illustrious, und Nummer 28, Ikari Shinji. Die Zwei haben die Skala absolut geknackt."

Und tatsächlich sahen die Graphen, die in Miyazawas Mappe neben den Bildern der beiden Kinder standen aus, als hätte man im Vergleich zu den anderen etwas weiter herausgezoomt – trotzdem gab es bei Klein-Maris Graphen noch vereinzelt Spitzen, die von den Rändern des Bildes „abgehackt" wurden, also nicht ganz drauf passten – Farblich präsentierte sich das ganze in einem Verlauf zwischen dunklem Grün, Türkis und einem Hauch von Blau, doch gerade in den „Knoten" nah an der hier im Vergleich zum Restbild kleiner wirkenden Kreislinie lagen, zeigten sich Flecken in herraustechende, knalligen Pink.

Der Artikel daneben stach nicht nur durch den ähnlich herausgezoomten Graph heraus, sondern auch durch das Bild – Dieses zeigte zwar einen recht gewöhnlichen, vierjährigen Jungen, aber das Kind, das darauf zusehen war, müsste mittlerweile um die sechs sein – Das Bild war anders als die anderen nicht aktualisiert wurden. Doch das sollte nicht heißen, dass der Graph uninterresant war – Bei dem des Mädchens von der linken Seite waren es nur einige Spitzen, die über den Rand hinausragten, und sie sahen aus, als könnte man ihr Ende aus dem Verlauf der Zacken extrapolieren, doch im Falle dieses Jungens führte jeder einzelne Ausschlag der Linie aus dem „Rahmen" des Bildes herraus, in einer völlig geraden Linie – Die Struktur hatte mehr Ähnlichkeit mit den Speichen eines Rades oder den Strahlen der Sonne, als mit Wellenlinien – Auch ließ sich kaum erahnen, wie weit diese „Spitzen" noch gehen würden – Doch die nach innen gehenden Komponenten der „Wellen" trafen sich alle im Mittelpunkt des Kreises – Die Farben hätte man mit einer glänzenden Wasseroberfläche vergleichen können, mit einem jungen Riesenstern oder der Palette des Himmels; Helles, überhaupt nicht aufdringliches oder auffallendes blau und weiß; Ein Verlauf verschiedener Blautöne. Doch auch wenn die Form extrem symmetrisch war, war es die Farbe kurioserweise nicht – Auf diesem blauen und weißen Grund fanden sich scheinbar ohne größeres Muster hie und da schwarze Bereiche, wie Sonnenflecken, oder Geschwüre, wuchernde Finsternis inmitten des Lichts.

„Offiziell sind die zwei ebenfalls als Level Zwei designiert, als hochgradig kompatible Kandidaten, für die passende Seelen „geborgen" wurden, aber wenn das die Messwerte einer Stufe Zwei sind, ist der Papst evangelisch." Kommentierte Miyazawa.

„…Die Zwei dürften keine Probleme haben, einen Evangelion schon beim allerersten Versuch in nutzbarem Maße zu manipulieren… "

(Und sie sollte Recht behalten – Nummer 28, bis dahin als „Third Child" reklassifiziert, sollte es gelingen, Evangelion Einheit 01 ohne jegliche Vorbereitung erfolgreich zu aktivieren, und hatte das First Child in Punkto Synchronwert in weniger als einem Monat übertrumpft, und Nummer 41, die etwas mehr Vorbereitung hatte, erreichte beim ersten Kampfeinsatz einen Synchronwert der ausreichte, damit sie von der ganzen Angelegenheit physische Verbrennungen davontrug, wegen denen sie noch zu der Zeit, als sie sich nach Japan einschlich, einen wenn auch unscheinbaren Verband trug. Ganz zu schweigen davon, dass sie mit EVA 05 scheinbar völlig wilkürlich einen Semi-Berserk-Zustand auslöste, ein Phänomen, dass erst in einer absoluten Ausnahmesituation durch die kombinierten Anstrengungen des Third- und des Second Childs im Kampf gegen den siebten Engel und die dabei gewonnen Daten näher studiert werden konnte – Daten, aus denen insgesamt ein paar recht interessante Schlussfolgerungen gezogen wurden, die nicht zu letzt die „Inspiration" zur Erschaffung des sogenannten Double-Entry-Systems darstellten… doch das ist eine Geschichte für ein anderes Mal…)

„Das ist trotzdem nichts besonders Wildes im Vergleich zu dem, wozu Subjekt 23 laut den Simulationen im Stande sein könnte…"

„Ja schon." Gab Miyazawa zu. „Aber das ist, weil Tabris Adams Seele besitzt – Evangelions, die aus Adam geschaffen wurden, zu manipulieren, dürfte für ihn also wenig anders sein, als seine eigenen Finger zu bewegen, wenn nicht leichter – Es ist ein anderes Phänomen, und ein wesentlich einfacheres.

Das Mädchen ist eine Anomalie, die das unmögliche wahrscheinlich macht und unsere Simulationen in wildes Chaos wirft, aber letzlich hat sie doch Beschränkungen – Ich denke nicht, das wir halbwegs wissenschaftlich klingende Worte dafür haben, was dieser Junge eigentlich ist. Die Linien der Kausalität scheinen sich in seiner Gegenwart regelrecht zu biegen… Einige dieser Werte könnten kaum besser sein, ohne das er direkt absorbiert werden würde – Und selbst so werden sämtliche Omega-Grenzen in einigen der Simulationen förmlich weggeblasen..."

„Oh, es gibt Worte dafür, Miyazawa, und ich fürchte bitterlich was es bedeuten könnte, so eine Macht in den Händen dieses kleinen Kindes zu lassen – Wenn wir diesen Bengel in einen Evangelion setzen, könnte alles passieren… Solche Macht kann unmöglich ohne einen deftigen Preis existieren, es wäre töricht, sie zu berühren, es gibt keinen Grund, schlafende Hunde zu wecken… Es kann nur zum Besten sein, dass Nummer 28 mit dem Projekt nichts mehr zu tun hat, und auch hoffentlich nichts mehr zu tun haben wird…

Der Vater von 41 wollte nach Dr. Makinamis Tod nichts mehr mit dem Projekt zu tun haben, und hat ein paar Beziehungen spielen lassen, um seine Tochter aus der Auswahl ziehen zu lassen, aber man hat ihn nur gewähren lassen, um keinen unnötigen Ärger zu riskieren, weil das Mädchen ohnehin nur begrenzten Nutzen für Training haben wird – Wir wissen wo sie ist, halten uns über sie auf dem Laufenden und können sie jederzeit rekrutieren lassen. Mit Nummer 28 steht es anders, Ikari sitzt etwas höher in der Hierarchie und hat den Jungen höchst persönlich aus dem Verkehr gezogen, ja, regelrecht von der Landkarte verschwinden lassen – Er muss das Kind bei irgendjemandem untergebracht haben, der zumindest ansatzweise bescheidweiß und auf seiner Seite ist…"

„Selbst jemand wie Ikari kann sich wohl nicht ohne weiteres mit dem Gedanken anfreunden, sein eigenes Kind als Versuchsobjekt zu benutzen…"

Kuze schüttelte den Kopf.

„Naivität, Miyazawa. Pure Naivität. Ihm geht es höchstwahrscheinlich mehr darum, ein Ass im Ärmel zu haben, und sicherzugehen, dass die Herren vom Komitee es nicht in ihre Finger bekommen. Vermutlich auch eine Form von Millieukontrolle."

„Gehirnwäsche? ...wie grausam das doch wäre…" meite Miyazawa, eine gewisse dringliche Unzufriedenheit durchscheinen lassend. „…Wie grausam das alles doch ist."

Und mit einem Mal war sie sich der Umgebung, in der sie sich befand, ungewöhnlich deutlich bewusst.

„Verstehen Sie mich nicht falsch, Herr Direktor, ich will sicherlich nicht sterben, und wenn ich in ein paar Stunden nachhause gehe, erwarten mich etliche Dinge, an denen ich durchaus Freunde habe, und ich würde niemals wollen, dass den Personen, die mir wichtig sind, etwas geschieht, aber manchmal kann ich nicht anders…

…als zu denken, dass wir alle die Vernichtung verdienen."

„Naivität, Miyazawa, pure Naivität."

„Es heißt, der Mächtige, der dritte unter den Auserwählten, der Menschensohn, wird nach dem Plan der Schöpfer auf diese Welt geschickt werden, um darüber zu urteilen, ob sie es Wert ist, weiter zu bestehen, um entweder Pandoras Büchse ein letztes Mal zu öffnen, und die noch verbliebenen Dämonen über uns herreinbrechen zu lassen, oder uns in ein neues Zeitalter zu führen, auf den Weg zur Auferstehung aus der Asche, zu einer neuen Genesis…"

Sie hatte das abfotografierte Bildnis des alten Pergamments vor sich auf der Küchentheke legen, nebst der Sterilisierungsmaschine, aus der sie derzeit mit geübten Handgriffen ein sauberes Babyfläschen entnahm, doch sie sah nicht wirklich hin, schielte nur ein oder zweimal dazu hin – Mehr hatte sie nicht nötig, schließlich war sie mit diesen Worten aufgewachsen, hatte, so wenig Fuyutsuki es auch glauben wollte, schon immer zu dieser verrückten Welt voll mit Prophezeihungen, Engeln und Dämonen gehört, die Fuyutsukis schon von der Zeit allein starr gewordener Verstand immer noch nicht ganz verdaut hatte – Nein, das traf es nicht ganz, es wäre vielleicht treffender gewesen, zu sagen, das sich sein Hirn daran eine gewaltige Magenverstimmung geholt hatte.

Sie hatte gesagt, dass sie nun endlich keine Geheimnisse mehr vor ihm hüten wollte, und ihn in alles einzuweihen gedachte, und er konnte nicht sagen, dass sie das nicht gesagt hatte – Es war sein eigener Unwille, gewisse Grundsätze und Prinzipien aufzugeben, der ihn festhielt.

In gewisser Weise kam er sich vor wie Einstein – Nicht etwa im Rahmen einer Form von Arroganz, die ihn seine eigene Signifikanz überschätzen ließ, sondern auf eine ernüchternde Art und Weise – Fuyutsuki kam sich vor wie Einstein im Alter, als er von den Schlussfolgerungen, die andere aus seinen höchst eigenen Errungenschaften zogen, nichts wissen wollte, und daran festhalten wollte, das Gott nicht würfeln würde – Aber er würfelt doch, wie Hawkings Jahre später darauf antworten würde, un manchmal wirft er die Würfel sogar dahin, wo man sie nicht sehen kann – Und plötzlich steht man in einem völlig veränderten Universum, dessen Türschwelle man höchst selbst aufgestoßen hatte.

Fuyutsuki behauptete bei weitem nicht von sich, Einsteins Brillianz zu haben, aber man konnte doch mit Recht sagen, dass er genau so wenig dumm gewesen sei – Das Problem war ein anderes.

In den letzten drei Tagen hatte sich seine ehemalige Studentin alle Zeit genommen, um ihn in all die Geheimnissen, die unter den einstigen Ruinen von Hakone begraben lagen, sorgfältig einzuweihen – Als sie ihm am ersten Tag angeboten hatte, dass er doch gerne in einem der vielen Räume ihrer reicht ausgestatteten Villa übernachten könnte, statt bei Nacht und Nebel noch nachhause zu fahren, hatte er dankend abgelehnt, er vermied es tunlichst, von ihrem „glücklichem Familienleben" mehr mitzubekommen als unbedingt nötig – Doch spätestens am zweiten Tage hatte er dieses Bett dringend nötig.

Er hatte einmal vor so langer Zeit, dass er nicht einmal mehr wuste, wo, irgendwo gelesen, dass man erst dann wirklich alt war, wenn man nicht mehr fähig war, sich an die Veränderungen in seiner Welt zu gewöhnen – Und so gern sich Fuyutsuki auch an diesen weisen Ratschläg gehalten hätte, er wusste, dass er wirklich alt war.

Sicherlich zu alt, um seine Augen dahin schweifen zu lassen, wo sie auch, wenn er versucht hätte, dem entgegen zu wirken, ja doch hingeschweift wären; Es war heiß, heißer, als er wirklich vertrug, und sie war leicht gekleidet, und schlicht, wie es in ihren eigenen vier Wänden auch zu erwarten gewesen wäre, ihr lindgrünes Top erlaubte, wenn sie den Arm so wie jetzt gehoben hatte, tiefe Einblicke auf das helle Fleisch ihrer Brüste, die nun einzig und allein der private Schatz eines anderen waren.

Sie schien völlig ungestört, wie unbeobachtet, führte einfach einen Handgriff nach dem anderen aus, ohne etwas anderes zu tun, als das, was sie eben tat (Fuyutsuki versuchte zu übersehen, um was für eine Tätigkeit es sich dabei genau handelte: Sie füllte frisch gekochten, aber ihrer Meinung nach ausreichend abgekühlten Tee in ein Babyfläschen – Oh, wie glorreich die Flüssigkeit über ihre Haut und die leicht darunter hervorschimmernden Adern rann, als sie die Temperatur des Getränks an ihrer Ellenbeuge testete.) und nebenbei weiter zu ihm allein zu sprechen, mit einem Phänomen von einem Lächeln auf ihren verführerisch-prallen, jugendlichen Lippen, während sie mit einem romantisierten, aber dennoch wissenden Ton sprach, der es klar machte, dass sie weitaus mehr wissen musste, als sie verriet, ein Detail, dass sie den Wortlaut der alten Erzählung mit einer persönlichen Wärme wiedergeben ließ, während sie ihrem Söhnchen, für dass sie ganz in der Nähe in einem Hochstuhl platz gefunden hatte, das Fläschen mit dem Tee in seine kleinen Hände reichte.

„…Es heißt, das der Auserwählte als eine der Geringsten auf diese Welt kommen soll, und alle Schwäche und Zerbrechlichkeit kennen soll, die dieser Welt eigen ist… dass er durch ihre dunkelsten Abgründe wandeln soll, und das Gewicht all ihrer Hässlichkeit auf seinen Schultern tragen soll… viele Prüfungen warten auf ihn, und viele Lektionen, und ihm soll alles zuteil werden, was diese Welt zu bieten hat, alles an Leid, und alles an Liebe, all ihre Flüche, und all ihre Gaben und Herrlichkeiten… Und wenn der versprochene Tag kommt, soll er seine Wahl treffen…" erzählte sie, während sie dazu überging, die Teekanne auszuwaschen.

Das Wasser rann glitzernd über ihre Finger hinweg.

„Es wird eine Prüfung für ihn, aber es ist auch eine Prüfung für uns, für diese Welt, und wir, die wir Vorbereitungen zu treffen haben…So wie die Dinge jetzt verlaufen, sind sie nicht richtig…"

„Das ist so weit offensichtlich." Gab Fuyutsuki zurück, säuerlicher, als er es vorgehabt hatte.

Doch sie lächelte nur.

„Sie kennen es ja aus allen solchen Geschichten – Es ist die Aufgabe der jüngeren Generation, die diese Welt einstmals erben soll, die Entscheidungen zu treffen und die Schlachten zu schlagen – Die Rolle von uns Älteren sollte es dabei einzig und allein sein, jene, die nach uns kommen, auf ihrem Pfad zu führen und zu unterstützen, damit sie erreichen und bekommen können, wonach sie streben. Es ist so leicht misszuverstehen, gerade weil es so offensichtlich ist, ja beinahe schon zu einfach aussieht, um die komplette Wahrheit zu sein, der Wald vor lauter Bäumen, geschrieben über jede Ecke und jede Spalte der Schöpfung… Weil das Leben von Grundauf etwas ist, das immer im Fluss ist, wie die Information – Der Funke des Lebens wird immer weitergegeben, vom Vater, zur Mutter, zum Kind und von dort zu den Kindeskindern… Wie ein Baum, dessen Äste sich immer weiter aufhalten.

Es liegt in der Natur von Eltern, dass sie sich für ihren Nachwuchs aufopfern – In der ursprünglichsten Form muss sich eine Zelle voll in zwei neue Aufteilen, wodurch sie doch in jeder davon weiterlebt…Wir können nicht ewig unsere Hand aufhalten und der Neuheit des Lebens profitieren, wir können nicht ewig Kinder bleiben, unsere eigenen Eltern heiraten, und wie einst Saturn unsere Kinder fressen, damit sie uns ja nicht übertreffen. Wir haben das Leben bekommen, also müssen wir es auch weitergeben, statt es nur für uns zu behalten… Das Leben ist ein Fluss, der Stillstand ist der Tod, oder nur schwer davon unterscheiden…

Doch sehen Sie nur, wo wir hingekommen sind, Fuyutsuki-sensei!

Wir haben die Entscheidungen, die unseren Kindern zustehen sollten, schon selbst getroffen, und die Wege vorgezeichnet, um unsere eigenen Wünsche zu erfüllen, sodass sie Außerwählten, die eigentlich die Helden dieser Geschichte sein sollten, nichts weiter sind als unsere Schachfiguren, die wir auf einen vorgezeichneten Pfad setzen…

Wir sind dabei, ihre ganz eigene Existenz und ihre Funktion in ihrer Geschichte ganz für uns zu stehlen, für die Verwirklichung unserer eigenen Wünsche…

Ist das so etwas richtig?"

Fuyutsuki wusste nicht, was er sagen sollte.

„Das… das ist hier keine Geschichte, von der wir hier sprechen, sondern die reale Welt. Es funktioniert nicht alles wie im Märchen, es gibt viel mehr, was man bedenken muss, so viel, was auf dem Spiel steht…" Versuchte er, selbst nicht ganz glaubend, dass er selbst versuchte, aus diesen irrwitzigen Sachverhalten Stoff für ein ernsthaftes Gespräch zu entnehmen.

„Viel zu viel, als dass man sich auf diese Art von Mumpitz verlassen könnte… Du bist doch eine Wissenschaftlerin, nicht, Yui-kun? Jedenfalls hast du bei mir studiert, und ichbin ein Wissenschaftler, und kein Hexenmeister. Was soll das alles, von Wegen Prophezeihungen, Ritualen und Schöpfern… du erwartest doch nicht, dass du dich einer Gruppierung angeschlossen hast, die eine Tragödie vom Ausmaß des Second Impact wegen ein paar vorsintflutlichen esoterischen Schriften ausgelöst hat!"

„Wenn es ihnen lieber ist, können sie sich die „Schöpfer" auch einfach als Alien vorstellen, und sie die erste, ursprüngliche Zivilisation nennen… Das einzige Zeugnis, das wir von ihrer Existenz haben, sind die Schriftrollen, und wir selbst – Wer weiß, wie sie beschaffen waren. Sie haben uns nach ihrem Abbild geschaffen, aber dasselbe ließe sich auch über die Engel sagen… Sie könnten die Rollen auch als eine „Gebrauchsanleitung" sehen, wenn Ihnen das angenehmer ist… Vielle unserer eigenen Worte und Begriffe sind doch von unserer eigenen Wahrnehmung und Beschaffenheit geprägt, so enthält zum Beispiel ein Wort wie „Resonanz" referenzen auf unseren Gehörsinn, für uns sind Töne, was für Wesen mit anderen Sinnen nur Vibrationen wären, und da ist auch unsere Assoziation mit „aufwärts" als gut und „abwärts" als schlecht…"

„Dann meinen Sie dass das, was die wissenschaftlichen Ausdrücke dieser… dieser Schöpfer sein sollen? Das ist dein Ernst, Yui-kun?"

„Wenn Sie es so wollen, Fuyutsuki-sensei…"

„Alles, was ich wissen will ist, was hier gespielt wird!" gab der alte Professor nicht ohne Frustration zurück. „Diese Geschichte mit diesen… Schöpfern ist eine Sache, aberProphezeihungen?"

„Sicher. Niemand kann Ihnen sagen, was Sie morgen zum Frühstück haben werden, aber auf große Maßstäbe wie der Gedeih oder Verderb einer ganzen Zivilisation ist es selbst bei zufälligen Prozessen möglich, Verteilungen und Tendenzen abzuschätzen, vor allen, wenn die Ereignisse korreliert sind, unter gewissen Bedingungen wahrscheinlicher sind – kommen genug solcher Bedingungen zusammen, nein, werden sie zusammengebracht, können gewisse Ereignisse beinahe sicher sein… Und wenn man den großen Fluss der Dinge berechnen kann, wird es auch möglich, darüber die Pfade jener vorherzusagen, die bei der Herbeiführung dieser großen Geschehnisse entscheidende Rollen spielen werden….

Menschen handeln nach uralten, instinktiven Trieben, angelernten Verhaltensweisen und nicht immer ganz rationalen Überlebensstrategien, die als solche gut erforscht sind, und je mehr man über einen Menschen weiß, umso leichter wird es, seine Schritte vorrauszusehen… andererseits, auch, wenn einem die möglichen Pfade von Gesellschaft und Genetik aufgezeigt werden, welchen davon man wählt, ist einem immer selbst überlassen. Man ist mit dieser Entscheidung allein… aber das bedeuten das wir Menschen, so vorhersagbar wir alle auch sein können, immer etwas grundlegend Unberechenbares inne wohnt.

Was die Rollen aufzeigen, sind keine starren Vorhersagen, sondern Möglichkeiten, Bahnen, von denen SEELE eine bestimmte gewählt haben… Aber man könnte auch eine andere wählen. Einige der wichtigsten Spielsteine in diesem Szenario sind menschliche Wesen. Unsere Auserwählten werden solche menschliche Wesen sein… Vielleicht werden auch sie sich als unberechenbar erweisen…"

Daran hatte Fuyutsuki wenig Zweifel.

Schließlich war Yui einer der… unberechenbarsten Menschen gewesen, die ihm je begegnet waren.

"Jeden Tag dasselbe Wetter… Das der Herbst aus diesen Landen verschwunden ist, ist schmerzlicher als Worte es beschreiben können…

Wenn SEELEs Schriftrollen tatsächlich richtig liegen, wird sich der Third Impact unausweichlich in etwas weniger als zehn Jahren ereignen…"

"SEELE… GEHIRN… Der Zweck dieser Tragödien sollte es doch sein, die letzte Tragödie zu verhindern…"

„So siehst du es, und so sehe ich es, aber ob SEELE das aus so sieht…"

„Fuyutsuki-Sensei, es könnte sehr, sehr gefährlich sein, dieses Siegel über diese Welt hineinbrechen zu lassen…"

„Ich habe Ikari alles Material zukommen lassen, was ich habe… Dieses Unterfangen ist nichts, was ein Mann alleine bewerkstelligen könnte.

Eine Widerholung von dem Stunt, den ich mir letztes Mal geleistet habe, wird es jedenfalls nicht geben.

Und so etwas wie eine Warnung habe ich auch erhalten – Scheinbar wäre es für die kein größeres Problem, mich verschwinden zu lassen."

„Das gilt für alle von uns, die überlebt haben. Es ist wirklich sehr, sehr leicht, Menschen zu zerstören…"

„Aber das ist trotzdem kein Grund dafür, dich freiwillig als Versuchskaninchen zu melden!"

„Alles wird geschehen, wie es geschehen muss… Nur deshalb arbeite ich für SEELE. Um Shinji's willen…"

„…Dann ist es dein wahren Ziel, die Götter nachzuahmen, und ihr Werk mit der Erschaffunf der EVAs fortzusetzten?"

„Wir Menschen können nur hier auf diesem Planeten existieren… aber EVA wird es möglich sein, bis in alle Ewigkeit zu überdauern, gemeinsam mit der Seele der Menschen, die darin fortleben, selbst nach fünf Milliarden Jahren, wenn der Mond, die Erde und selbst die Sonne vergangen sind… Sie wird allein sein, aber so wird sie doch immerhin leben können…"

„Als ewiger Beweis, dass die Menschheit existiert hat?"

„Das, und als Arche, um die Fackel des Lebens zur nächsten Welt zu tragen… Wir haben das Leben bekommen, also ist es nur richtig, dass wir es auch weitergeben… Sicher, jene, die diese Reise antreten wird, wird ein großes Opfer bringen und sich von denen trennen müssen, die ihr wichtig sind, und denen sie wichtig ist, aber dafür wird sie die Erinnerungen an sie bis in alle Ewigkeit bei sich tragen können… damit sie ja nicht in Vergessenheit geraten, sie, und alles andere auf dieser Welt, weil sie- weil ich sie liebe."

(1) Saturn war in der römisch-griechischen Mythologie der Vater des Zeus/Jupiter und der vorherige Herrscher des Kosmos – der Legende nach soll er seine Kinder gefressen haben, weil er prophezeit bekommen hatte, dass eines von ihnen ihn übertrupfen würde – Aber Klein-Zeus entkam ihm…(2) …Und was du von diesem Kapitel lernen kannst, liebe Naoko, ist eine etwas korrektere Art und Weise, mit einem frechen Kindergartenkind umzugehen.(3) AKIRA-Andeutungen vollends beabsichtigt.(4) Diese Stelle, an der EVA 05 das Maul aufreißt wurde in „Explanation of Evangelion 2.0" (Im Wesentlichen eine Version des Filmes in der einiges per Untertitel noch mit weiterem Technobabble bezeichnet wurde, Google ist euer Freund) tatsächlich als „Semi-Berserk-Zustand"-tituliert. Das es mit diesem Stunt aus Episode 9 der Serie vergleichbar sein könnte, ist meine eigene Schlussfolgerung. Und ja, Mari trägt einen Verband am Arm als sie auf dem Dach in Shinji hineinkracht – nicht, das man es euch verdenken könnte, wenn ihr von Maris, ähem, Ausstattung abgelenkt war – Man sieht die Verbände sogar noch auf einem Haufen mit ihrer abgelegten Kleidung, wenn sie sich für den Finalkampf fertig macht. Dass sie Asuka synchronwertmäßig (zumindest zum Zeitpunkt von 2.0) übertrifft wurde in einigen unbenutzten Skripts aus der CR explizit gesagt, kann man sich aber vom Ausmaß ihrer Verletzungen vom ersten Kampf her denken. Aber wie Miyazawa schon sagte, man sollte normale Menschen niemals unterschätzen, am allerwenigsten, wenn sie Asuka heißen… *hust* EoE *hust*(5) Weiter geht es schon bald in 35: [Das weiße Kind III]