3. Herzklopfen

Der dunkelgewandete Mann hatte es an diesem Vormittag nicht eilig in den Klassenraum zurückzukehren, in dem er gleich wieder dem sechsten Jahrgang Verteidigung gegen die dunklen Künste beibringen müsste. Den ganzen Morgen über hatte ein seltsam dumpfer Schleier über ihm gelegen. Es lag vermutlich an der durchwachten Nacht. Ja, er hatte gerade mal zwei Stunden Schlaf gefunden, bevor er noch vor Morgengrauen wieder aus dem Bett gestiegen war, um Albus seine Behandlung gegen die Einwirkung des dunklen Fluchs zukommen zu lassen. Dieser war gleich nach der Begrüßungsrede in der großen Halle wieder aufgebrochen, um weiteren Hinweisen nachzugehen, die er auf seiner letzten Reise gesammelt hatte. Und wenn er wiederkäme, dann würde er seine letzten Kräfte in Potter und die Einführung in die Gedankenwelt des dunklen Lords investieren. Albus Parcival Brian Wulfric Dumbledore.
Severus hielt inne und blieb stehen. Er sah hinter dem Sockel einer Statue zwei ineinander verschlungene Gestalten. Fast war er den beiden dankbar, dass sie ihn aus seinen Tagträumen rissen. Schon hatte er den jungen Mann beim Kragen gepackt und aus der Ecke gezerrt. Severus wusste, er musste an diesem Morgen eine noch schrecklichere Erscheinung als sonst sein. Er hatte seine dunkel unterlaufenen Augen am Morgen im Spiegel betrachten können. Es hatte ihn wieder daran erinnert, warum er nicht gerne hinein sah.
,,Name?" knurrte er und sah den zitternden Jungen finster an. Das Mädchen, das eben noch an seinen Lippen gehangen hatte, trat ängstlich von den Beiden weg und umklammerte ihr Bücherpaket.
,,Sir, wir haben nur-."
,,Mund halten!" fuhr Severus die Schwarzhaarige an und wandte sich wieder an den Jungen. ,,Deinen Namen will ich wissen!" Dieser sah ihn mit vor Angst weit aufgerissenen Augen an. Es tat gut.
,,A-andrew Fetherston."
,,Warum bist du nicht im Unterricht?"
,,Sofort, Sir! Wir waren auf dem Weg- " kam es ängstlich zurück.
,,Fünf Punkte Abzug für Ravenclaw!" Er ließ vom Kragen des Jungen ab und warf dem Mädchen einen finsteren, fragenden Blick zu. Es tat so gut sich von der Geschäftigkeit aus den Tagträumen herausziehen zu lassen. Vielleicht könnte er vergessen, dass in der Erwartung auf den Unterricht mit Granger sein Herz fast schmerzhaft zu klopfen begonnen hatte.
,,Name?"
,,Lizzy Perkins." nuschelte das Mädchen schüchtern. In diesem Moment wusste er, warum er Granger mochte. Warum sie sein Herz zum klopfen brachte. Sie war mutig. Mutig genug ihm die Stirn zu bieten.
,,Ebenfalls fünf Punkte Abzug für Hufflepuff." sagte Severus eifrig. ,,Wegen Herumschleichens in den Gängen während der Unterrichtszeit!"
Kaum da ihnen sein bohrender schwarzer Blick zu teil geworden war, rauschten die Fünftklässler davon. Und Severus fühlte wie die Unruhe seinen Körper zurück eroberte. Heute würde er selbst zum ersten Mal seit langem wieder zum spät zum Unterricht kommen, etwas, was sonst nicht seine Art war. Er liebte es den zuspätkommenden Gryffindors Punkte abzuziehen und das ging nur, wenn er selbst nicht zu spät kam. Sollten sie heute ihre Punkte behalten. Er hatte andere Sorgen.
Er setzte seinen Weg fort. Der strenge steinerne Blick von Percy Perseleus lag auf ihm, als er widerwillig die Tür zum Klassenzimmer aufriss. Die Kontrolle der Korridore hatte ihm ein wenig Genugtuung eingebracht, doch nicht genug, um wie in guten alten Tagen mit falschem Stolz zum Pult zu schreiten.
Diesmal schritt er nicht. Er hastete zu seinem Pult. ,,BUCH SEITE DREIHUNDERTDREIUNDZWANZIG! Abwehr von Feuerzauber " warf er in den Raum, während er den Gang, der die Gryffindors von den Slytherins trennte, entlangschritt. Als er sein Pult erreicht hatte, ohne auch nur einen Blick auf seine Schülerschaft zu werfen, senkte er ihn und machte sich daran das Klassenheft aufzuschlagen. ,,Auch wenn ihr Bildungsstand in VgdK lachhaft ist, immerhin werden sie das Lesen noch nicht verlernt haben. Ich verlange absolute Ruhe und Konzentration."
Severus erwartete fast, dass er ihre Stimme hören würde. Eines ihrer berühmten ,Aber , Sir, sind sie sicher? oder ein ,Sir, sollten wir nicht besser... Doch alles, was in seine Ohren drang, war das geschäftige Knistern von Buchseiten. Keiner von ihnen würde protestieren, obwohl sie nicht gewohnt waren, in seinem Unterricht zu lesen. Sie wussten, dass er es voraussetzte, dass sie in der Bücherei nachlasen, was sie praktisch bei ihm durchnahmen. Und außerdem waren da noch die Aufsätze, an denen so viele von ihnen erbärmlich scheiterten. Fast alle.
Severus wagte es den Blick zu heben. Es herrschte absolute Stille. In diesem Moment war sie so laut wie nie zuvor. Alle Köpfe hingen über den Büchern. Einige kauten gelangweilt auf ihren Unterlippen.
Auf Weasleys Gesicht fand sich wie immer, wenn er sein Hirn anstrengen musste, ein gequält-konzentrierter Ausdruck. Potter hob plötzlich seinen Kopf und sah ihn an. Kaum, da Severus ihm seinen bohrenden finsteren Blick zu teil werden ließ, lag Potters wieder auf dem aufgeschlagenen Buch vor ihm. Granger. Er konnte unter ihrem buschigen Haar die blasse Nasenspitze sehen. Ihr Mund bewegte sich von Zeit zu Zeit mit, genau so wie ihr Zeigefinger, der ihren Augen über die Zeilen folgte.
Severus erinnerte sich an die Zeit im Kerker, als sie den morsamoris gebraut hatten und er noch nicht geahnt hatte, dass sie dabei war ihn in Besitz zu nehmen. Ganz ohne Worte. Er spürte, dass sein Herz wieder hart zu klopfen begann. Bevor sie ihren Blick heben konnte, wandte er seinen wieder ab. Er verbarg sein Gesicht so gut es ging hinter seinem Haar. Wahrscheinlich schoss ihm gerade das Blut in die Wangen wie einem kleinen Mädchen. Aber da war noch etwas anderes. Die Erinnerung an Hände, die seinen Rücken hinabfuhren. Ein Kuss. Kribbeln auf seiner Haut. Wieder kribbelte es in seinen Lenden, doch bevor sich etwas regen konnte, griff er hastig zur Feder und machte sich Notizen.
Andrew Fetherston- fünf Punkte Abzug für Rawenclaw, Lizzy Perkins- fünf Punkte für Hufflepuff-.
Wegen – Herumtreibens in den Gängen während der Unterichtszeit.
Severus presste die Lippen aufeinander. Ein Kuss. Ein langer entsetzlich guter Kuss. Wärme. Herrliche Wärme. Sein Magen zog sich zusammen. Ein süßer Schmerz kroch durch seinen Bauch. Hastig nahm er die Feder vom Pergament, als er sah, dass er dort einen großen Fleck hinterlassen hatte.
,,Noch zehn Minuten." schnarrte er in den Raum ,,Danach werden sie den Zauber zur Feuerabwehr üben."
Die zehn Minuten vergingen quälend langsam. Noch während die meisten über den Buchseiten hingen, blättere Granger schon wieder auf anderen Seiten herum. Ihrem Blick nach zu urteilen kannte sie die meisten davon schon.
Kein Wunder, Severus. Dass sie immer alles besser weiß. Es ist fast schon unheimlich. Sie ist fast wie du. Nein! Sie ist liebreizend. Liebreizend. Hatte er das gedacht?
Sein Blick glitt wieder zu dem am Pergament haftenden Wesen. Er sah, dass ihre Hände unruhig zitternd Seite für Seite weiterklaubten. Sie biss sich auf die Unterlippe. Es fanden sich zahlreiche Hinweise darauf, dass es in ihrem Inneren tobte. Doch wie schon in der großen Halle, hielt sie ihren Blick gesenkt. Er spürte es schon wieder. Dass er stolz war.
,,Es ist genug!" rief Severus ungeduldig und griff nach seinem Zauberstab. Was nützte VgdK, wenn man keinen praktischen Unterricht durchführte! Trotz der Beklommenheit, die er fühlte, hatte er noch immer den brennenden Ehrgeiz in sich, das Fach, das er sich immer gewünscht hatte auch so exzellent zu unterrichten, wie es ihm gebührte. Er würde aus diesen Zauberstabfuchtlern schon noch Zauberer machen, die den Angriff eines Schwarzmagiers überleben konnten. Vielleicht auch, ohne ein oder zwei Extremitäten zu verlieren. Die Geschäftigkeit, die mit einem Mal wieder einbrach, linderte sein Herzklopfen. Er spürte erleichtert, wie ihn seine Professionalität wieder einholte.
Als sich alle zum Üben aufgestellt hatten, begann er durch die Reihen zu gehen.
,,Wie sie schon gelesen haben, handelt es sich um den frigus- Zauber. Er dient dazu, die Einwirkung von magisch verursachten Flammen abzuwehren. Sie müssen bei diesem Zauber ganz besonders auf die Haltung des Zauberstabes achten. Es handelt sich nicht um Kinderkram wie den Expelliarmus. Die Bewegung des Zauberstabs erfordert hier höchste Präzision. Dieser Zauber ist ein reiner Defensiv-Zauber und dient nicht dazu ihr Gegenüber in einen Eisklotz zu verwandeln. Also versuchen sie es gar nicht erst. Aufgrund der Tatsache, dass die Feuerzauber innerhalb der Schulmauern nicht erlaubt sind, werden wir uns damit begnügen müssen, den frigus- Fluch trocken zu üben. Aber ich bin mir sicher, keiner von ihnen sehnt sich danach , gut durch in den Krankenflügel getragen zu werden."
Nach diesem Monolog, hielt Severus inne und stellte sich in Position. Sofort stoben rechts und links von ihm die Schüler zur Seite.
,,Frigus!" rief er und vollführte einen doppelten Schwinger mit seinem gehobenen Zauberstab. Ein hellblauer, fast weißer gleißender Strahl verließ seinen Zauberstab und prallte in tausend Funken zerstobend an die Wand. Das Schulwappen, das nur wenig weiter rechts hing, erzitterte durch die Nachwirkungen des Zaubers.
,,Wie sie gesehen haben, handelt es sich um einen doppelten rechtseitigen Schwinger. Versuchen sie es jetzt selbst. Jeder für sich. In der nächsten Stunde erwarte ich, dass sie den Zauber nonverbal beherrschen lernen." beendete Severus seine Ausführung und fügte mit drohendem Unterton hinzu. ,,Das gilt auch für alle anderen Zauber, die wir durchgenommen haben. Ich höre noch immer überall Geplapper. Dies ist ein UTZ- Kurs und kein Kindergarten!"
Mit diesen Worten trat er zurück und überließ seinen Schülern das Übungsfeld.
Plötzlich sah er, dass Grangers Blick ihn streifte. Ein Lächeln schlich sich über ihre Lippen, bevor sie sich umwandte und den Zauberstab hob. Er konnte kaum mehr als ein Murmeln vernehmen. Schon im nächsten Moment schoss ein winziger weißer Strahl aus ihrer Zauberstabspitze, stieg etwas in die Luft, um sich nur wenig später wieder auf zu lösen.
Nicht schlecht für das erste Mal, dachte Severus und schritt mit klopfendem Herzen weiter zu einigen Slytherins, die ihrem Haus nur wenig Ehre machten.