Kapitel 54

Er war gerannt, die letzten Meter. Tiefer, immer tiefer in den Wald. So tief, dass der Schnee nicht mehr durch die dichten Nadeln der Tannenhölzer rieseln konnte. Der Malfoy-Besitz war groß, der Wald endlos, aber er wusste, wohin er ging. Er wischte sich zornig die Tränen aus dem Gesicht.

Er hatte den ganzen Weg über geweint. Er hatte ein Mädchen vergewaltigt, hatte ihre Wunden geheilt, und es war nicht gut. Es war überhaupt nicht gut. Fast hatte er weinen wollen, als sie es ihm tatsächlich erlaubt hatte! Er hatte aus Dankbarkeit fast weinen wollen. Und dann hatte er sie am liebsten schlagen wollen, wegen ihrer eigenen Dummheit! Wie konnte sie es ihm auch noch erlauben?!

Denn es ging nicht. Er war ein Arschloch, aber es ging nicht. Er konnte nicht! Er konnte nicht einfordern, was ihm zustand, wenn es bedeutete, dass er sie zwingen musste!

Sie war zu… zu…

Sie tat ihm leid. Es tat ihm weh!

Er kam vor dem Gitter an. Das Gebiet im Wald war eingezäunt, der Zaun war mehr als zwei Meter hoch. In der Mitte lag der gefrorene See. Er wischte sich erneut die Tränen vom Gesicht. Hier war er seit Jahren nicht mehr gewesen. Das Schloss war gefroren, das das Gitter verschlossen hielt. Er zog den Zauberstab und brach es mit einem simplen Spruch. Es knirschte in der Kälte, als der Mechanismus brach.

Er zog das Gitter ein Stück auf, weit genug, dass er durchschlüpfen konnte.

Es sah anders aus im Winter. Er konnte sich nur an trockenen, weichen Boden erinnern, unter Turnschuhen. Nicht unter Schnee im Winter.

Er atmete tief, aber sein Schock war nicht überwunden. Immer mehr Tränen liefen über seine Wange.

Er hockte sich ans Ufer. An die Stelle. Die Stelle von damals.

Er erinnerte sich, wie warm das Wasser gewesen war. Jetzt war die glatte Fläche des Sees gefroren. Alles war still um ihn herum. Das hohe Gitter wirkte seltsam fremd. Es war kein besonderer Tag gewesen.

Er war acht Jahre alt gewesen. Das war nicht besonders alt, dachte er jetzt.

Seine Mutter hatte gesagt, sie dürfen nicht zum See gehen. Es sei zu gefährlich. Und Draco hatte geschworen, es nicht zu tun. Er hatte gelogen. Natürlich hatten sie beim See gespielt. Es war am spannendsten. Er konnte schon schwimmen.

Scorpius hatte es zwar in diesem Jahr gelernt, aber er war nicht sonderlich gut gewesen.

Draco biss sich auf die kalte Lippe. Mr. Atwell hatte ihm erklärt, warum Scorpius nicht geschrien hatte.

Denn Draco hatte es nicht gemerkt. Er hatte es nicht gehört. Er… er schloss die Augen.

Es war eine trügerische Ruhe gewesen. Wenn Kinder ertranken, dann taten sie es lautlos, hatte der Heiler gesagt. Durch den Schock verkrampften sich die Stimmbänder und die Atmung. Weder Schreien, noch Atmen war dann möglich.

Draco spähte über den Rand des Sees, konnte aber nicht hinabblicken.

Die Galleone würde noch immer auf dem Grunde liegen.

Hätte er sie doch gefunden. Hätte er doch einfach gesucht, bis er sie gefunden hatte! Dann wäre sein dummer, kleiner Bruder nicht gesprungen! Dann wäre er ihm zum Baumhaus gefolgt! Draco war beim Baumhaus gewesen. Scorpius hatte von ihm den Auftrag bekommen, Holz zu suchen, um ein Lagerfeuer zu machen.

Und er war nicht wiedergekommen. Nach zehn Minuten nicht, dabei lag der Wald doch voller Holz, hatte Draco noch gedacht. Die Elfe… Tilly hatte ihm geholfen. Er hatte ihr befohlen, ihm zu folgen, nicht bei Scorpius zu bleiben. Es war seine Kinderelfe gewesen, seine alleine, hatte er gedacht.

Und Scorpius ist nicht zurückgekommen.

Draco zog den Zauberstab und mit dem Ignis-Zauber schmolz er das Eis auf der Oberfläche. Es verdampfte in großen Schwaden, die nach oben stiegen. Zornig wandte er mehr Kraft an, geriet ins Schwitzen, hörte aber nicht auf, bis die Eisfläche geschmolzen war.

Accio Galleone", flüsterte er rau, während der Nebel der Verdunstung ihn umgab. Er wartete, und als wäre es nichts, als wäre es vollkommen unerheblich, brach die Münze durch die Wasseroberfläche und schoss in seine ausgestreckte Hand. Seine Finger zitterten. Langsam lichtete sich der Nebel.

Sein Blick fiel auf die Münze. Das Gold war nach zehn Jahren dunkel angelaufen. Sie war verklebt vor Dreck und Schlamm. Tränen nahmen ihm die Sicht.

Scheiße.

Fuck!

Er hasste Gold! Er hasste es! Er hasste alles, was damit zusammen hing. Seine Faust umschloss die Münze, bis es wehtat, bis das Gold in seine Finger schnitt.

Er hatte geschrien, so unsagbar laut. Die Elfe war zu ihm gekommen, da war er schon ins Wasser gesprungen, hatte den leblosen Körper seines Bruders ans Ufer gezogen.

Er hatte ausgesehen als… als würde er schlafen.

Zornig wischte er sich die Tränen von den kalten Wangen.

Er rannte.

Er ließ das Gitter unverschlossen. Es gab niemanden mehr, der ertrinken konnte.

Es war das Spiel gewesen. Nur mit einer Galleone durfte man in das Land des Drachenfeuers, wie er seine eigene Welt genannt hatte. Er rannte zurück, raus aus dem verdammten Wald.

„Ich will mitspielen", hatte Scorpius gesagt.

„Nur gegen Bezahlung", hatte er erwiderte. Er hatte die Galleone aus seiner Tasche gezogen. Er hatte sie seinem Vater vom Schreibtisch gestohlen. Glänzend hatte sie in seiner kleinen Hand gefunkelt. „Eine Galleone ist der Preis zum Eintritt ins Land des Drachenfeuers!"

„Gib sie!", hatte Scorpius begeistert gerufen, aber Draco hatte nur gelacht und den Kopf geschüttelt.

„Davon kaufe ich mir morgen Schokofrösche, vergiss es!" Er hatte sie wieder einstecken wollen, aber Scorpius hatte sie aus seinen Fingern gegriffen, aber nicht gut genug gehalten. Sie war ihm aus der winzigen Hand gekullert, über das Gras gerollt und mit einem Platsch im See versunken.

Sofort hatte Draco seine Sache ausgezogen, spielte ein neues Spiel, wollte die Münze des Drachenfeuerlands finden, so hatte er sie genannt.

Scorpius hatte sich eilig ebenfalls die Sachen ausgezogen und dann waren sie schwimmen gegangen. Draco hatte aufgepasst, hatte Scorpius immer im Auge behalten. Dann war er getaucht, hatte die Münze aber nicht wiederfinden können. Der Grund war zu schlammig gewesen, das Grün des Sees undurchdringbar.

„Egal", hatte er zerknirscht gesagt. „Dann kann keiner ins Drachenland." Scorpius hatte ihn enttäuscht angesehen. „Komm, wir machen ein Lagefeuer am Hauptquartier!", hatte er gerufen, und die Elfe hatte bereits am Ufer gewartet, sie trocken zu zaubern.

Scorpius war ihm gefolgt, Draco war sich sicher. Er hatte der Elfe befohlen, das Dach des Baumhauses neu zu decken, und Scorpius war hinter ihm gewesen, als Draco gesagt hatte, er sollte Feuerholz sammeln.

Und er war nicht mehr wiedergekommen.

Draco rannte, bis er das Grundstück verlassen konnte und apparierte im Rennen, es warf ihn fast aus der Bahn, so schnell schleuderte er um sich selbst. Er schlug mit den Knien auf der fremden Auffahrt auf, aber er landete bloß im flachen Schnee. Keuchend kam er auf die Beine und klingelte an der Tür. Er klingelte ohne Unterlass. Der Elf öffnete die Tür gereizt, aber Draco schob sich schwer atmend an ihm vorbei. Tränen waren auf seiner Wange getrocknet.

Er zog sich die Stiefel nicht aus, scherte sich weder um Etikette, noch um Manieren. Er stürmte die Stufen nach oben, höher, bis er den zweiten Stock erreichte. Er lief durch den Flur, durch den er schon tausendmal gelaufen war. Am Ende riss er die Tür, ohne zu klopfen auf.

Blaise drehte sich erschrocken um. Er hatte vor seinem Schrank gestanden, einige Anzüge hingen, bereit zum Anziehen, an der Tür. Er selber trug bereits einen dunklen Anzug und starrte Draco an.

„Draco – was…?" Aber er unterbrach sich. „Wieso bist du völlig durchnässt?" Er starrte ihn an und kam näher. Dann erst sah er ihm ins Gesicht. Er schwieg abrupt. Seine Augen brannten noch von den Tränen, seine Lungen hämmerten von dem Lauf, und Blaise schien ihn nicht einordnen zu können. „Was ist los?", fragte Blaise alarmiert. Er betrachtete Dracos Erscheinung, dann fiel sein Blick. „Du blutest", stellte er perplex fest. Draco öffnete die verkrampfte Hand, die er um die Münze geschlossen hatte. Blaises Augen weiteten sich.

„Was… was ist das? Was in Salazars Namen ist los mit dir?", fuhr er ihn an, aber Draco war so fertig, dass er nicht sprechen konnte. Wieder liefen ihm die scheiß Tränen über das Gesicht.

Blaise schien jetzt Panik zu bekommen. „Malfoy, du sagst mir sofort, was los ist!", forderte er zornig, fuhr sich hilflos durch die Haare, und Draco wischte sich die verfluchten Tränen vom Gesicht. Bevor Blaise soweit ging, und ihn noch umarmen würde, musste er langsam mal wieder an Fokus gewinnen, ermahnte er sich.

„Ich…", begann er, aber eigentlich gab es keine Sätze, die er mit ‚Ich' beginnen wollte. „Du hattest Recht", begann er also außer Atem.

„Immer. Und mit so vielen Dingen", bemerkte Blaise, aber er war nur halb so arrogant, wie er tat. Draco sah, dass er immer noch panisch wirkte, aber wohl erleichtert war, dass Draco sprach. „Aber was meinst du konkret?"

„Mit… mit Astoria", räumte Draco ein. Blaise wirkte etwas schuldbewusst.

„Oh. Also… ja", entgegnete er. „Ich… ich gehe heute auf ihre Party", erklärte er langsam. Draco sah ihn an. „Nachdem deine Mutter meinen Standpunkt klar bewiesen hat, dachte ich, es wäre noch mal ein wenig Extra-Salz für deine Wunden", erläuterte er. „Warum zum Teufel bist du nass, wenn es nicht mal schneit?", wechselte er das Thema erneut. „Und heißt das, du entschuldigst dich? Du? Bei mir? Dass ich das erleben darf", schloss er ungläubig.

„Hm", machte Draco nur, nicht willig, ihm mit mehr Worten rechtzugeben.

„Also?", sagte Blaise mit verschränkten Armen.

„Also was?", entgegnete Draco, noch ein wenig neben sich.

„Warum bist du nass?"

„Ich… ich war am See. Habe… habe ihn tauen lassen", sagte Draco tonlos. Blaise runzelte die Stirn, weil er nicht verstand.

„Welcher See?", fragte er, ernsthaft überfordert. Draco ruckte mit dem Kopf.

„Der See. Auf unserem Grundstück. Im Wald", half er nach. Blaises Augen weiteten sich ungläubig.

„Du warst am See?", wiederholte er vorsichtig. „Was hast du – Oh Merlin!", entfuhr es ihm, als sein Blick ratlos auf seine blutige Faust gefallen war. „Du hast die Galleone geholt? Bist du ins Wasser gesprungen? Weißt du, wie gefährlich das ist?", fuhr Blaise ihn zornig an, und Draco nickte.

„Ja, ich weiß, wie gefährlich das ist", gab er bitter zurück. „Und ich hab den Accio benutzt", räumte er ein. „Wir sind jetzt erwachsen, und es verdammt noch mal viel zu leicht, das scheiß Ding, mit einem simplen Zauber ans Tageslicht zu befördern!", rief Draco so zornig, dass wieder eine Träne auf seine Wange fiel. Hätte er doch damals einen Zauberstab gehabt! Hätte er doch…!

Blaise sah ihn ernst an. Traurig nickte er.

„Kann… kann ich sie sehen?", wollte er schließlich wissen. Draco reichte ihm die schmutzige – und jetzt auch blutige – Münze. Blaise nahm sie fast ehrfürchtig in die Hand. Ohne Ekel, ohne eine äußere Reaktion.

„Wow", entfuhr es ihm rau. „Da ist die verfluchte Münze", flüsterte er. Blaise kannte die Geschichte. Nur Blaise. Pansy wusste, sein Bruder war gestorben, aber Pansy wusste nicht, dass er Schuld war. Das wusste nur Blaise. Und seine Eltern. Und der Heiler. Und die Elfe. Es wussten genug Leute.

„Ja", erwiderte Draco. Blaise sah ihn an.

„Was machen wir damit?", wollte er jetzt wissen, während er die Galleone abschätzend in den Fingern drehte. Draco hatte darüber nicht nachgedacht. Er wollte die Münze verfluchen. Sie verbrennen – und alle Galleonen dieser Welt gleich mit, damit so etwas keinem anderen kleinen Jungen passieren konnte, aber… das wäre nicht möglich.

„Ich wollte… sie ihm geben", sagte er.

Blaise nickte nach einer Weile, als hätte er verstanden. Er war ein… guter Freund. Aber heute würde Draco die Gruft nicht mehr aufsuchen. Für heute war es erst mal genug.

„Ok", sagte er nur. „Dein Bruder war verrückt nach Gold", sagte er plötzlich kopfschüttelnd. Draco hob den Blick.

„Was?"

„Weißt du nicht mehr? Er wollte eine Niffler-Zucht aufmachen, wenn er groß war?", erinnerte ihn Blaise grinsend. „Damit er alles Gold der Welt haben könnte?" Draco verzog den Mund zum Lächeln.

„Richtig." Sie schwiegen beide.

Es sagte so viel aus, oder nicht? Das war es, was Draco dachte, und er wusste nicht, warum, aber Granger kam ihm urplötzlich in den Sinn, bei diesem Gedanken, bei diesen albernen kindlichen Worten seines kleinen Bruders, der schon mit fünf Jahren den Wert des Goldes zu schätzen gewusst hatte.

„Scheiße", sagte Blaise schließlich resignierend und gab ihm die Münze zurück. Die Hand wischte er lediglich an dem neuen, teuren Anzug ab.

„Jaah", bestätigte Draco nur. Dann hob er den Blick. „Blaise", begann er wieder, und Blaise sah ihn an, „ich… ich habe was gemacht", schloss er leise. Blaise sah ihn an.

„Was?", wollte sein bester Freund langsam wissen. Draco fuhr sich durch die nassen Haare. „Komm, zieh deinen Mantel aus", forderte er ihn kurzerhand auf und half ihm aus dem nassen Stoff. Draco setzte sich auf Blaises Schreibtischstuhl und stützte den Kopf in die Hände. „Draco, was hast du gemacht?" Aber Blaises Stimme klang vorsichtig, behutsam fast. Draco hob den leeren Blick. Er nahm an, er hatte nun Dreck und Blut an seiner Schläfe kleben, aber es war ihm egal.

„Ich… ich habe…"

„Du hast was?" Blaise hatte ungeduldig die Arme vor der Brust verschränkt. „Du… du kannst mir alles sagen, Mann", eröffnete er ihm gepresst.

Draco schüttelte benommen den Kopf. „Nein, nicht alles", widersprach er. „Denn du magst sie", schloss er ernst. Blaise Blick wurde härter.

„Hermine?", beantwortete er Dracos Satz. Draco verzog den Mund beim Klang ihres Vornamens, den er hasste. „Was hast du mit ihr gemacht?", wollte Blaise tonlos wissen. „Hast du… hast du sie geschlagen?", flüsterte er bestürzt, und Draco hob den Blick. Er ruckte mit dem Kopf, schloss wieder die Augen, rieb sich über die Schläfen, und erhob sich ruckartig wieder.

„Ich… ich wusste nicht, was… ich… - Blaise, ich… habe sie danach geheilt! Ich konnte nicht…", plapperte er wirr, und Blaise kam näher.

„Du hast sie geschlagen?", hauchte er, und Draco schüttelte knapp den Kopf.

„Nein! Ich… hätte sie lieber schlagen sollen", flüsterte Draco, und sein Blick wurde glasig. „Ich… habe sie…"

„Oh", sagte Blaise schließlich, als hätte er es begriffen. Es war ein harter Themenwechsel, und das Thema war nicht gerade ein besseres, fiel Draco resignierend auf. „Wieso?", fragte er nur.

Wieso? Was war das für eine Frage?!

„Weil…" Draco konnte nicht. Wieder sank er auf den Stuhl und vergrub den Kopf in den Händen. „Sie ist schwanger", schloss er gebrochen. Das war zwar kein guter Grund, sie zu vergewaltigen, aber… Draco wusste nicht, was er sagen sollte.

Blaise schwieg eine ganze Zeit lang, ehe er sich auf sein Bett setzte.

„Damit war zu rechnen", sagte Blaise schließlich ernster. Dracos Mundwinkel zuckten bitter. „Und es tut dir leid?", fragte Blaise schließlich.

Draco hob müde den Blick. „Dass sie schwanger ist? Was soll das für eine Frage sein?! Natürlich-"

„-nein, Arschloch", unterbrach Blaise ihn, eine Spur gereizter. „Dass du sie vergewaltigt hast!" Draco stieß die Luft aus, arrogant und selbstgefällig. Wie er es gewohnt war, wenn es um verdammte Ehrlichkeit ging.

„Ich – nein", sagte er nur. Blaise runzelte die Stirn.

„Ach so. Du… rennst also durch den Wald, machst so etwas bescheuertes, wie den See zu tauen, kommst zu mir und heulst – aber… es ist alles ok soweit?", wollte er knapp wissen, und Draco wusste, er kaufte es ihm nicht ab.

„Es tut mir nicht leid", erklärte Draco.

„Du wolltest das also?", erwiderte Blaise mit verschränkten Armen. Draco erhob sich wieder.

„Was soll ich sagen? Was denkst du, passiert, wenn ich es sage?", knurrte er plötzlich. „Es ändert nichts! Es ist vor allem zu spät, Blaise!", schloss er zornig und schlug die flache unversehrte Hand gegen die Seite des Schranks.

„Wahrscheinlich würdest du dich besser fühlen!", schlug Blaise ihm zornig vor.

„Oh – ok, fein!", blaffte er. „Es tut mir leid, ok? Denkst du diese Worte ändern irgendetwas? Es tut mir leid, dass ich sie gezwungen habe, zu kommen!", fuhr er Blaise an.

„Weil du willst, dass sie freiwillig mit dir Sex hat?", stellte ihm Blaise eine Fangfrage, die Draco nicht bewusst als eine solche wahrgenommen hatte, und als er antwortete, war es bereits zu spät.

„Ja!", rief er gereizt. „Ja, ich fände es-" Er unterbrach sich wütend. Er schüttelte den Kopf.

„Nein, darum geht es nicht! Ich will überhaupt nicht so weit gehen müssen, verdammt nochmal, Gewalt anzuwenden! Sie hat mich geheiratet! Sie hätte es besser wissen müssen! Und wenn ich sie will, dann hat sie gefälligst-!"

„-aber du willst sie?", warf Blaise mit entsprechend erhobener Augenbraue ein.

„Oh, fick dich Blaise! Du weißt, was ich meine! Was soll der Scheiß?!" Aber Blaise hatte sich wütend erhoben.

„Was der Scheiß soll? Du kannst dich glücklich schätzen, Malfoy!", knurrte Blaise plötzlich. „Wenn du einfach nur zugeben würdest, dass es alles überhaupt nicht so schlimm ist-!"

„-sie ist ein Schlammblut!", donnerte Draco ungehalten.

„Na und?", erwiderte Blaise genauso laut. „Merlin, na und? Und wär' sie eine Meerjungfrau, was soll der Mist, Draco? Was bedeutet der scheiß Unterschied noch, wenn du so weit gehst und sie vergewaltigst?", schrie er außer sich. „Gib es einfach zu!"

„Es gibt nichts zuzugeben!", entgegnete Draco zornig. „Was willst du von mir?"

„Du bist zu mir gekommen!", rechtfertigte sich Blaise böse.

„Bestimmt nicht um von dir dieselbe Moral-Leier zu bekommen wie von meiner scheiß Mutter!", sagte Draco kopfschüttelnd, wurde aber wieder ruhiger.

Sie schweigen beide erneut.

„Wow", sagte Blaise schließlich in normaler Lautstärke und schüttelte anerkennend den Kopf. Draco hob gereizt den Blick. „Dein Stolz ist unfassbar", endete er.

„Was?", wollte Draco schroff wissen, aber Blaise lächelte plötzlich.

„Sie mag dich nicht, deshalb magst du sie auch nicht? Was, wenn sie dir zu Füßen liegen würde? Was dann?"

„Sie ist ein-"

„-ja, ja, du dummer Idiot. Ich weiß", bestätigte Blaise mit einem freudlosen Lächeln. „Deshalb redet du auch pausenlos von ihr", bemerkte er spöttisch.

„Wir haben ewig nicht gesprochen!", behauptete Draco jetzt entrüstet. „Du weißt überhaupt nicht, wovon ich rede."

„Sie ist die einzige Frau auf Merlins weiter Erde, die nicht scharf auf deine Millionen ist", sagte Blaise jetzt. „Das muss ein immenser Druck für dich sein. Und scheinbar zu viel, wenn du sie-"

„-halt dein Maul", knurrte Draco jetzt.

„Ich würde sie sofort nehmen", erklärte Blaise kopfschüttelnd, während er prüfend über die Anzüge strich, die an seinem Schrank hingen.

„Bitte sehr, habe ich kein Problem mit", bemerkte Draco und blickte aus dem Fenster.

„Ich denke nicht schlechter von dir", sagte Blaise jetzt mit mehr Nachdruck, aber Draco wandte ihm den Blick nicht mehr zu. „Wenn du sie magst", ergänzte Blaise eindeutig.

„Tu ich nicht. Wirklich nicht", versicherte Draco ihm, den Blick missmutig aus dem Fenster gerichtet.

„Ok", sagte Blaise schließlich und Draco merkte, wie er sich hinter ihn stellte. „Dann kannst du ja mit mir auf Astorias Party kommen. Wenn es dir sowieso alles egal ist? Wir könnten sie ein bisschen fertig machen, jetzt wo wir beide wissen, dass sie dich nur ausnutzen wollte und wo dir Hermine ohnehin nichts bedeutet?"

Draco wusste, was Blaise spielte. Aber Draco hatte keinen Grund, irgendetwas zu verbergen.

„Ok", bestätigte er nur und wandte sich Blaise zu. Dieser trug ein Pokerface auf seinen Zügen, dass Draco nicht weiter beachtete. „Vielleicht lenkt sie mich ab, und ich breche ihr verräterisches Herz", erklärte Draco kalt.

„Mach das, Malfoy", forderte ihn Blaise lächelnd heraus. „Das würde ich wirklich gerne sehen…"

Draco ballte die Fäuste. Was glaubte Blaise eigentlich, was vor sich ging?

Draco konnte vögeln, wen er wollte, denn sie bedeuteten ihm alle nichts! Keine von ihnen!

Blaise glaubte, er würde das Schlammblut vorziehen? Sie bedeutete ihm genauso wenig wie seine Eltern ihm bedeuteten! Wie ihm irgendwer etwas bedeutete!

Er könnte Astoria haben – Merlin, er könnte jede haben, und es wäre verflucht egal!

„Ok!", wiederholte Draco nur angriffslustig, und Blaise hob die Hand in einer entsprechenden Geste.

„Dann such dir einen Anzug aus, Prinzessin", bemerkte er mit einem kühlen Lächeln. Dracos Oberlippe kräuselte sich zornig, aber zielstrebig schritt er nach vorne. „Und fühl dich frei, vorher zu duschen", ergänzte Blaise trocken.