Kapitel 54:
Als Voldemort in den Kampf eingriff geschahen mehrere Dinge auf einmal. Ginny wurde von einem Blitz nach hinten geschleudert, der von Lucius Malfoy gesprochen worden war. Nellie feuerte aus ihrer Pistole in Voldemort's Richtung. Harry kam plötzlich zu sich, als hätte ihm jemand einen Eimer Wasser ins Gesicht geschüttet und der finster dreinblickende Auror stieß Nellie zur Seite, um sie vor einem Fluch aus Snape's Zauberstab zu schützen.
Gleichzeitig schien sich so etwas wie eine Glocke über den Teil der Wiese zu legen, auf dem Voldemort, Malfoy, Snape, Harry, Nellie und der Auror standen. Alles was sich hinter dieser Glocke befand, erschien jetzt merkwürdig blass. Geräusche drangen nur schwach hinein.
Nellie landete unsanft auf dem Boden und sah sich nach Ginny um, die außerhalb der magischen Glocke lag, sich aber schon wieder rührte. Dann blickte sie in Voldemort's Richtung und sah, dass ihr Schuss nicht den Dunklen Lord, sondern den blonden Todesser getroffen hatte, der jetzt von allen unbeachtet auf dem Rücken lag.
„Expelliarmus!", rief der zweite Todesser, der neben Voldemort stand und Nellie spürte, wie ihr der Elektroschocker und die Pistole aus der Hand gerissen wurden.
„Nein!", schrie sie, konnte aber nicht mehr verhindern, dass ihre Waffen dem fetthaarigen Kerl in die Hände segelten, kurz bevor ein Fluch des Auror's ihn traf. Die Beiden begannen sofort, sich gegenseitig zu umkreisen. Nellie sah sich nach Harry um, der etwas benommen den Kopf schüttelte. Dann fiel ihr wieder der Todesfluch ein und sie sprang auf. Wegen ihrer schmerzenden Rippe keuchend rannte sie auf Harry zu, der erst jetzt zu begreifen schien, was geschah, als Beide ein erneuter Lichtblitz von den Füßen riss.
„Du kleine Schlange wirst mir den Spaß hier nicht verderben," hörte sie eine giftige Stimme in den Ohren.
Erschrocken wirbelte Nellie herum, doch niemand war in ihrer Nähe. Da war nur Voldemort, der sie aus glimmenden Augen anstarrte.
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Als Harry wieder zu sich kam, wusste er einen Moment lang nicht, wo er war. Er brauchte einen Augenblick, um sich daran zu erinnern, was hier gerade geschah, dann sah er sich um. Voldemort stand keine fünf Meter von ihm entfernt und funkelte ihn aus roten Augen an.
„So, Harry," zischte er.
Obwohl Harry sehen konnte, dass um sie herum die Kämpfe noch immer wogten, hörte er Voldemort's Stimme, als ob er direkt neben ihm stünde. Aus den Augenwinkeln erkannte Harry, dass Voldemort so etwas wie ein magisches Zelt um sie herum beschworen haben musste. Wahrscheinlich, um vom Orden oder dem Ministerium nicht gestört zu werden.
„Hier stehen wir uns mal wieder gegenüber. Das wievielte Mal ist das jetzt? Das Dritte?", Voldemort schlenderte gemächlich auf ihn zu. „Ich denke, ein viertes Mal können wir uns sparen. Ist doch auf die Dauer etwas lästig, findest du nicht auch?"
Harry antwortete nicht. Er hatte Nellie entdeckt. Sie lag etwas hinter ihm, rührte sich aber nicht.
„Oh, du machst dir Sorgen um deine kleine Muggel-Freundin?", säuselte Voldemort mit vor Ironie triefender Stimme. „Sie hat sich wirklich wacker geschlagen, das muss ich zugeben. Aber hier und heute hat keiner von euch eine Chance."
„Was willst du von mir?"
„Ich will Revanche. Revanche dafür, dass du mich all die Jahre immer wieder bloß gestellt hast."
„Na, dann mal los," knurrte Harry und ballte vor Wut die Fäuste. „Dürfte diesmal nicht so schwierig sein, ich kann nicht zaubern, wie du sicher weißt."
Voldemort verzog das Gesicht zu einem diabolischen Grinsen.
„Das wäre doch langweilig, Potter," meinte er. „Ich bin schließlich fair."
Harry schnaubte amüsiert auf.
„Das letzte Mal, als wir uns offen duellierten Potter, hattest du nur Glück. Diesmal möchte ich dir eine Lektion erteilen und es ist niemand hier, der dir helfen wird."
Harry schluckte. Er hatte keine Angst vor dem, was jetzt kam. Monatelang hatte er sich auf diesen Moment vorbereitet. Er hatte trainiert und fühlte sich dennoch nicht bereit für diesen Kampf. Nichts desto trotz würde er sein Bestes geben.
Voldemort schwenkte seinen Zauberstab und Harry krümmte sich. Es war kein Schmerz, der ihn in der Magengegend traf, sondern mehr das Gefühl, als habe ihm jemand eine bittere Medizin eingeflößt.
„Was war das?", keuchte er.
„Deine Magie."
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Als Ron wieder zu sich kam, fand er sich abseits des Kampfgetümmels, hinter einem Gebüsch wieder. Er versuchte aufzustehen und stellte erleichtert fest, dass er nicht verletzt war. Sofort sah er sich suchend um und fand Hermine nur wenige Meter von sich entfernt. Jemand musste sie hierher geschleppt haben.
Ron lief zu seiner Freundin, die sich immer noch nicht regte.
„Hermine? Komm schon, wach auf!"
Doch das Mädchen rührte sich nicht. Ihre Atmung ging sehr flach, sie hatte aber keinerlei offensichtliche Verletzungen.
„Was hat dieses Schwein nur gemacht?"
Hilfesuchend sah Ron sich um, doch da waren nur Kämpfende, die auf seine Rufe nicht reagierten.
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Nachdem er seine dunklen Geschöpfe freigelassen hatte, hatte auch Remus sich dem Orden angeschlossen. Auch wenn er keine Magie anwenden konnte, wollte er doch seinen Anteil zu dem Ausgang dieser entscheidenden Schlacht beitragen. Er hielt sich an Tonks. Zusammen lieferten sie sich verbissene Duelle mit Todessern und Slytherin-Schülern. Tonks war dabei für die Flüche zuständig und Remus hielt inzwischen eine stabile Holzlatte in den Händen, mit der er gleichzeitig um sich schlug. Zwischendurch gab er Tonks noch ein paar Tipps für neue Flüche.
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Ginny wurde von einem großen Jungen wachgerüttelt, den sie schon ein paar Mal im Schloss gesehen hatte, dessen Namen sie aber nicht kannte.
„Was geht da vor sich?", fragte er sie und zog sie gleichzeitig ein Stück von einem Todesser weg, der von einer jungen Aurorin arg in Bedrängnis gebracht wurde. Dabei deutete er zu einer Glocke, die sich dunstig wabernd über ein Stück der Wiese erstreckte. Dahinter konnte Ginny verschwommen Harry erkennen, der sich den Bauch hielt.
„Verdammt," fluchte sie und schlug mit einer Faust auf die Erde ein. „Wo ist Nellie?"
„Sie ist auch da drinnen," sagte der Junge. Er hatte einen entschlossenen Blick. „Ist das Du-weißt-schon-wer da drinnen?"
Ginny schaute noch mal zu der Glocke, doch sie wusste die Antwort schon, bevor sie die Gestalt des Dunklen Lord erkannte.
„Ja," war die knappe Antwort.
„Wir müssen da irgendwie rein," meinte der Junge.
In dem Moment fiel Ginny ein, was Nellie ihr erzählt hatte. Harry müsste den Todesfluch seines Vaters anwenden, das wäre seine einzige Chance. Aber dafür bräuchte er jemanden an seiner Seite, der bereit wäre für ihn zu sterben. Wäre sie dazu bereit? Ginny war verwirrt. Sie hatte, seitdem sie ihr Gedächtnis verloren hatte, viel Zeit mit Harry verbracht, sie hatte ihn als einen besonderen Menschen kennen gelernt und sie hatte in den letzten Wochen gespürt, dass er ihr immer wichtiger wurde. Doch war das Liebe? Und falls es Liebe wäre, würde sie reichen? Sie blickte zu Harry, der jetzt seinen Zauberstab hob und Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie fühlte Angst um ihn in sich aufkeimen. Sie wollte zu ihm laufen, wollte ihn schützen, wollte noch einmal ganz nah bei ihm sein.
Frank neben ihr, sah sie ungeduldig an.
„Was ist los?"
Ginny blinzelte, wischte sich kurz über die Augen, dann sprang sie auf.
„Nichts."
Dann liefen sie auf die Glocke zu.
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Nellie fühlte nichts, als sie die Augen aufschlug. Sie sah, dass sie auf dem Boden lag, konnte aber ihren Körper nicht bewegen. Ihre Arme und Beine wollten ihr nicht gehorchen, nicht einmal den Kopf konnte sie drehen. Alles was sie tun konnte, war Harry anzustarren, der langsam seinen Zauberstab aus der Tasche zog. Warum tat er das?
Auch Harry schien durcheinander zu sein.
Dann zischte auch schon der erste Fluch durch die dunstige Glocke.
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Harry zog langsam seinen Zauberstab aus der Jeans. Er traute Voldemort keinen Zentimeter weit und rechnete damit, dass der Stab in seiner Hand explodieren würde oder sich gegen ihn selber richten, oder irgendetwas anderes fieses. Doch nichts davon geschah.
Als Voldemort seinen ersten Fluch aussprach, legte sich in Harry's Kopf ein Schalter um und er sah sich wieder mit Moody und Remus im Raum der Wünsche. Dies war nichts anderes, als das beinharte Training, das die beiden erfahrenen Männer ihm abverlangt hatten.
Harry wich dem Fluch geschickt aus. Alles Weitere war wie eine einstudierte Choreografie. Ausweichen, feuern, ausweichen. Der reinste Tanz. Einen Moment lang schien Voldemort überrascht davon, wozu Harry im Stande war. Und als ihn ein Cruciatus von Harry traf, konnte er ein kurzes schmerzhaftes Aufheulen nicht unterdrücken. Die magische Glocke um die Kämpfenden herum flackerte einen Augenblick.
Gut, der Bengel war nicht faul gewesen. Musste er also stärkere Geschütze auffahren.
Das Tempo erhöhte sich, die Flüche, die zwischen Harry und Voldemort hin und her flogen wurden immer tödlicher. Harry hielt sich gut. Beide Kontrahenten bluteten aus kleineren Wunden, die von knapp entgangenen Flüchen stammten, gönnten sich jedoch keine Pause.
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Ginny und Frank tasteten sich an der Glocke entlang, fanden jedoch keine Schwachstellen.
„Mein Vater hat mir von solchen Schutzschilden erzählt," sagt Frank irgendwann. „Sie sind an den Zauberer gebunden, der sie beschwört."
„Das hilft uns jetzt auch nicht weiter," knurrte Ginny, die sich die Nase an der Glocke platt drückte, um Harry zu beobachten, der sich ein heftiges Duell mit Voldemort lieferte. Sie stöhnte auf, wenn er nur knapp einem Lichtblitz entgehen konnte und jubelte laut, wenn Harry einen guten Treffer landete.
Frank dagegen behielt Nellie im Auge, die immer noch reglos auf der Wiese lag.
Dann plötzlich flackerte die Glocke kurz auf und Ginny, die sich immer noch gegen den Schild lehnte, stürzte kopfüber hindurch. Dann stabilisierte sich das Schutzschild wieder und Ginny drehte sich mit weit aufgerissenen Augen zu Frank um, der immer noch auf der falschen Seite stand.
„Versuch Nellie zu helfen!", schrie er durch die Glocke hindurch. Er hatte den Mund so nah es ging an die dunstige Hülle gepresst. Ginny hörte ihn trotzdem nur schwach. Sie nickte und drehte sich dann um.
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Aus den Augenwinkeln konnte Harry sehen, dass plötzlich Ginny links von ihm in der Schutzglocke auftauchte. Was machte sie hier?
Den kurzen Moment, den er unaufmerksam war, nutzte Voldemort aus und unterwarf Harry dem Folter-Fluch. Harry's Beine gaben nach und vor Schmerz aufbrüllend lag er zuckend auf der Erde. Ginny schrie ebenfalls auf, als sie sah, wie Harry leiden musste. Dies lenkte Voldemort's Aufmerksamkeit auf sie und Nellie, die er auch jetzt erst zu bemerken schien.
Ginny erkannte ihren Fehler sofort und hechtete zur Seite, so dass der nächste Fluch an dem Schutzschild hinter ihr abprallte. Das Mädchen stürzte zu Nellie, die immer noch reglos auf der Seite lag.
„Nellie!", drängte Ginny. „Komm zu dir! Wir brauchen dich!"
„Ich kann mich nicht bewegen," kam die schwache Antwort.
Ginny konnte nicht antworten, als auch schon der nächste Fluch auf sie zuschwirrte. Doch inzwischen hatte auch Harry sich wieder aufgerappelt und feuerte einen Fluch nach dem anderen auf Voldemort, so dass der seine ganze Aufmerksamkeit wieder dem Potter-Jungen widmen musste.
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Während Voldemort und Harry sich duellierten, kämpfte der finstere Auror verbissen gegen Snape. Die beiden Männer waren sich von ihren magischen Fähigkeiten her ebenbürtig, doch ging Snape mit einer Brutalität zu Werke, die der Auror bisher so noch nicht erlebt hatte. Er hatte keine Schwierigkeiten damit, den Attacken auszuweichen, konnte jedoch aus den Augenwinkeln sehen, dass er auf anderen Schlachtplätzen ebenfalls gebraucht wurde. Er sollte diesen Zweikampf also möglichst schnell beenden.
Was Snape an lange unterdrücktem Hass in diesem Kampf rausließ, machte der Auror durch klaren Sachverstand wieder wett. Er verstand sich auf Kämpfe solcher Art, sie hatten ihn schon sein Leben lang begleitet und bisher hatte er noch keinen verloren. Wenn er auch zugeben musste, dass er bisher noch keinen Gegner wie diesen gehabt hatte.
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Während Nellie so gezwungen tatenlos auf der Wiese lag, ging ihr dieser Todesfluch von James wieder durch den Kopf. Klar, er war für Harry die einzige Möglichkeit, Voldemort zu erledigen. Aber etwas störte sie an dieser ganzen Geschichte. Voldemort hatte Harry, und ganz Hogwarts, die Magie abgezwackt, gut, soweit war für sie noch alles klar. Doch für dieses Duell hatte er ihm seine Magie wieder zurückgegeben. Warum sollte er das tun, wenn er ihm doch später mit dem Annulare Magia die Magie wieder entziehen wollte? Das ergäbe doch gar keinen Sinn! Es musste etwas anderes sein, das er im Schilde führte. Aber was?
Und was würde passieren, wenn Harry diesen Fluch anwendete? Würde er tatsächlich so funktionieren, wie Peter es gesagt hatte? Oder war das nur ein Trick gewesen? Doch Peter hatte diese Information unter dem Einfluss eines Wahrheits-Elixiers ausgespuckt, also musste dieser Teil der Geschichte wohl stimmen. Aber dann blieb immer noch das Problem, mit wem Harry den Fluch aussprechen könnte. War Ginny schon so weit? Falls dieser blöde Zwischenfall mit ihrem Gedächtnis nicht gewesen wäre, hätte sie daran keinen Zweifel gehabt, doch jetzt? Dann kam Nellie plötzlich ein anderer Gedanke. Wäre sie selber denn bereit, für Harry zu sterben?
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Lucius Malfoy stöhnte vor Schmerz auf und rollte sich auf die Seite, um sich in eine aufrechte Stellung hieven zu können. Dieses Muggel-Weibsbild hatte ihn mit einer dieser Muggel-Waffen erwischt. Er konnte seinen rechten Arm nicht mehr bewegen. Fluchend gelang es ihm, sich in eine halbsitzende Position zu bringen.
Sein Zauberstab? Wo zur Hölle war sein Zauberstab?
Während er sich noch panisch umblickte, sah er seinen Herrn und Meister, wie er sich mit dem eingebildeten, hochnäsigen Potter-Balg duellierte. Im Stillen feuerte er den Dunklen Lord an.
Ein Stück weiter weg erkannte er gerade noch, wie Snape unter einem Fluch zusammenbrach. Ein Auror stand mit erhobenem Zauberstab vor ihm und wandte sich im selben Moment zu dem Muggel-Weib und der kleinen Weasley um.
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Ginny blickte gerade zufällig zu dem finsteren Auror hin, als der ihr auch schon etwas zuwarf, seinen Zauberstab auf Nellie richtete und sein Blick dann auf Malfoy fiel.
Ginny fing Nellie's Schocker und die Pistole auf, als Nellie auch schon aufsprang, ihr die Waffen abnahm und auf Voldemort zielte.
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Frank, der immer noch hinter dem Schutzschild lauerte, wurde von zwei Slytherins bedrängt. Den ersten konnte er alleine ausschalten, beim zweiten kam ihm Hagrid zu Hilfe. Doch der Halbriese konnte sich nicht lange aufhalten und stürzte sich auch schon wieder ins nächste Gefecht, als Frank sich wieder zu der Schutzglocke umdrehte um zu beobachten, was dort geschah.
Ginny schien es irgendwie geschafft zu haben, Nellie wach zu bekommen, denn die sprang in diesem Moment gerade auf. Das schien Harry auch zu bemerken, denn er blickte kurz in ihre Richtung, als auch schon ein Fluch von Du-weißt-schon-wem ihn wieder traf.
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„Harry!", schrie Ginny auf, so dass Nellie den Blick von Voldemort riss. Sie hätte feuern können, sie hätte diesen Mistkerl erledigen können, doch jetzt sah sie, wie Harry ein zweites Mal zu Boden stürzte und sich unter Schmerzen wand.
Bevor sie irgendetwas unternehmen konnte, war Ginny auch schon losgerannt. Nellie versuchte noch, ihren Arm zu erreichen, um sie aufzuhalten, doch die Jüngste der Weasleys war schneller.
Wie von der Tarantel gestochen stürmte sie auf Harry zu. Harry blinzelte in ihre Richtung, als der Folterfluch nachließ, konnte seinen Zauberstab aber nicht schnell genug heben, als auch schon ein triumphierendes Grinsen sich auf Voldemort's Gesicht breit machte und er den Zauberstab hob.
Für Nellie, die zu weit weg war, um noch einzugreifen, schien sich alles wie in Zeitlupe abzuspielen.
Sie schrie Ginny's Namen, das Mädchen drehte kurz den Kopf, sah Voldemort, wie er die Lippen bewegte, den Zauberstab auf Harry richtete und ein grüner Blitz aus der Spitze hervorbrach.
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Ginny dachte nicht mehr nach. Sie sah auch nicht mehr die Gefahr, in die sie sich gerade kopflos stürzte. Sie sah nur noch Harry, der verletzt und atemlos auf der Erde lag. Sie konnte nicht anders reagieren, sie musste zu ihm. Ein innerer Zwang trieb sie dazu.
Als sie Nellie's Stimme hinter sich hörte, drehte sie sich nur kurz um, aber doch lange genug, um den grünen Lichtblitz zu sehen, der aus Voldemort's Zauberstab in tödlicher Schnelligkeit auf Harry zuraste. Ohne darüber nachzudenken, denn dafür wäre ohnehin keine Zeit, stürzte sie sich in den Fluch.
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Nellie schrie auf. Harry brüllte vor Wut und vergaß alle Schmerzen, die ihm jede Bewegung zur Qual machten. Er sprang auf und lief auf Ginny zu. Es schien Ewigkeiten zu dauern, bis sie zu Boden sank. Etwas seltsames passierte hier.
Nellie stand wie vom Donner gerührt da und war völlig geschockt. Sie konnte nur beobachten, was geschah und war dabei nicht die einzige.
Nachdem der Avada Kedavra-Fluch sie in die Brust getroffen hatte, war Ginny einen Moment lang in der Luft hängen geblieben, als würde sie von unsichtbaren Fäden dort gehalten. Ein gelbes Licht umfing sie und sammelte sich schließlich über ihrem Kopf. Das Licht ballte sich immer dichter zusammen, bildete einen kompakten Ball und schoss dann zurück zu Voldemort. In diesem Moment wurden die Fäden, die Ginny hielten, gekappt und das Mädchen sank langsam zu Boden. Der gelbe Lichtball jedoch raste unaufhaltsam auf Voldemort zu, der die ganzen Szene genauso bewegungslos verfolgt hatte, wie der Rest der Anwesenden. Die Kugel traf ihn mit solcher Wucht, dass er noch einige Meter über die Wiese schlitterte, bevor er liegen blieb.
„Harry!", schrie Nellie, die jetzt wieder zu sich kam.
Harry hörte Nellie's Stimme und sah, was mit Voldemort passierte, doch in diesem Moment konnte er nur an Ginny denken. Er rannte zu ihr, ließ sich neben ihr auf die Knie fallen und hob ihren Kopf sanft hoch. Ihre Augenlider flackerten.
„Ginny?", flüsterte er. „Bleib bei mir! Bitte geh nicht!"
„Was ist mit Voldemort?", hauchte sie mit schwacher Stimme.
„Keine Ahnung, ist mir egal," sagte Harry und Tränen erstickten seine Worte. Er spürte, wie Ginny immer schwächer wurde.
„Es darf dir nicht egal sein," wisperte sie. Dann schloss sie die Augen.
Harry kniff die Lippen zusammen. Eine Träne rollte ihm über die Wange, dann stand er auf. Eine Aura grenzenloser Macht umgab ihn jetzt. Nellie konnte sie erkennen und auch Frank und alle anderen, die einen Blick auf die Szene warfen, bemerkten den goldenen Schein, in den Harry eingehüllt war.
Nellie traute sich nicht, einzugreifen, sie beobachtete Harry aber genau und war bereit, ihm zu Hilfe zu eilen, wenn es nötig würde.
Harry lief mit festen Schritten auf Voldemort zu, der sich gerade aufrappelte. Den Zauberstab hielt Harry fest umklammert und auf seinen Gegner gerichtet.
„Ich mach dich fertig," murmelte Harry hinter zusammengepressten Zähnen.
„Überschätz dich nicht selber, Potter," keuchte Voldemort. „Du vergisst, mit wem du es zu tun hast. Ich kann nicht sterben!" Doch leichte Zweifel lagen in seiner Stimme.
„Du solltest deine eigenen Worte beherzigen, Tom," zischte Harry, der jetzt direkt über Voldemort stand und seinen Zauberstab auf sein Herz richtete. „Überschätz dich nicht selbst. Und unterschätze uns nicht. Von wegen, du kannst nicht sterben. Falls du damit deine Horkruxe meinst, dann kann ich dich nur enttäuschen, sie existieren nicht mehr. ´Tschuldigung, aber sind alle futsch."
Voldemort richtete sich weiter auf, doch der Zauberstab fiel ihm kraftlos aus den Fingern. Sein Blick wurde immer zweifelnder.
„Tasse, Schlange, Tagebuch, Ring, etwas von Gryffindor, Medaillon und du selber," zählte Harry auf, dem die Genugtuung, Voldemort so verletzlich zu sehen, neue Kräfte verlieh. „Du bist erledigt!"
Voldemort schluckte und Harry holte Luft für seinen nächsten Zauber.
Doch Harry war sich seines Sieges schon zu sicher. Auch ein geschwächter Voldemort ist noch immer ein ernstzunehmender Gegner. Ohne seinen Zauberstab auch nur zu berühren, ließ eine Druckwelle, die von Voldemort ausging, Harry zehn Meter rückwärts über die Wiese fliegen. Das gab Voldemort Zeit, wieder neue Kräfte zu sammeln und sich aufzurichten.
„Los, Nellie, du musst was unternehmen!" Frank stand plötzlich neben Nellie und starrte mit verkniffenen Augen zu Voldemort, der jetzt schwankend auf Harry zuging.
„Wie bist du durch die….?"
„Keine Zeit für Fragen, du musst was tun!"
Nellie drehte sich wieder zu der Szene um, die sich ihr bot. Harry lag etwas benommen auf der Erde, hatte Voldemort aber nicht aus dem Blick gelassen. Die beiden Zauberer beäugten sich gegenseitig argwöhnisch. Noch immer umgab Harry diese goldene Aura. Es lag etwas Erwartungsvolles in der Luft.
Nellie überlegte nicht lange, wild feuerte sie einen Schuss nach dem anderen in Voldemort's Richtung. Zwei trafen. Einer erwischte ihn am Bein, der andere streifte seine Schulter. Keine Sekunde später lag Nellie röchelnd und sich vor Schmerz krümmend auf dem Boden. Da war er wieder, der Keller.
Frank war völlig außer sich und stürzte jetzt ebenfalls auf Voldemort zu, um ihn zu zwingen, den Cruciatus von Nellie zu nehmen. Es war ihm egal, ob mit ihm das gleiche wie mit Ginny passierte, doch so weit kam es diesmal nicht.
Harry hatte die Gelegenheit genutzt und einen Fluch ausgesprochen, den er in einem Buch im Raum der Wünsche gelesen hatte. Ein hässliches Knacken begleitete Voldemort's Kopf, als der auf seinen Schultern nach hinten schleuderte, dann brach der Dunkle Lord zusammen.
Um Nellie wurde es dunkel.
