Verließ der Seelen

Einen Moment lang stand ich wie festgefroren auf der Stelle. Ich hatte mit gleich zwei starken Sinneseindrücken zu kämpfen. Zuerst ein helles Licht, an das meine Augen nicht mehr gewöhnt waren nach der langen Zeit in der Dunkelheit. Das Andere war die Tatsache, dass dort wo mein Geist zuvor nur Leere ertastet hatte nun eine Vielzahl an anderen Geistern war. Und es waren nicht die Geister von kleinen Tieren, wie Insekten, sondern sehr massive.

Als sich meine Augen an das helle Licht zu gewöhnen begannen, konnte ich auch endlich mehr in dem Raum vor mir erkennen. Wobei Raum kaum eine passende Beschreibung darstellte. Es handelte sich mehr um eine Halle und tatsächlich konnte ich ihr Ende kaum noch erkennen, soweit erstreckte sie sich. Was jedoch viel überwältigender war, waren die langen Reihen von Regalen, die sich durch den kompletten Saal erstreckten. Ich und Saphira erkannten im gleichen Moment, dass es sich bei den großen Steinen, die in bunten Farben glitzerten, nur um eins handeln konnte.

„Eldunarí!", sagten wir im gleichen Moment.

„Wir hätten es wissen müssen. Verließ der Seelen. Und wir wussten von den Eldunarí. Es scheint auf der Hand zu liegen", fügte ich an, doch Saphira, die die Gedanken in meinem Kopf sah, unterbrach mich.

„Eragon, sei vorsichtig! Du weißt nicht wie sie uns gesinnt sind", warnte mich Saphira.

„Ich weiß", antwortete ich, während ich mich umdrehte um Pfeil und Bogen, sowieso die Scheide meines Schwertes zu holen und gleichzeitig sowohl das Feuer als auch die noch immer über mir schwebende Lichtkugel zu löschen. „Aber sie könnten auch auf unserer Seite sein, wenn ich es schaffe zu ihnen durchzudringen."

„Aber viele von ihnen könnten für Galbatorix arbeiten, wenn er die, die er sich unterworfen hat, ebenfalls hier lagert."

Ich hatte die Angst und Sorge deutlich wahrgenommen, die sie in ihrer Stimme hatte, und versuchte sie zu beruhigen: „Und ich werde bestimmt nicht versuchen sie anzugreifen, lediglich werde ich probieren mit ihnen zu kommunizieren. Und auch wenn du physisch nicht in meiner Nähe bist, bist du mit deinem Geiste doch hier und in dieser Situation ist das alles was ich brauche. Zu zweit schaffen wir das."

Obwohl ich merkte, dass die Drachendame noch nicht ganz überzeugt war, trat ich durch den Torbogen hindurch. Ich bewegte mich durch die Reihen hindurch auf die Mitte des Raumes zu. Zu meiner Überraschung stand dort ein gemütlich aussehender Stuhl, der mit Samt überzogen war. Dann wurde mir klar wieso. Vielleicht hatte Galbatorix irgendwann angefangen sich die Eldunarí, deren Willen er versuchen wollte zu überpowern, nach Urû'baen bringen lassen, vermutlich von den Ra'zac, aber vorher hatte er vermutlich genau an dieser Stelle gesessen als er die Willen der Eldunarí brach.

Der Gedanke mich auf diesen Stuhl zu setzen war mir absolut zuwider und ich entschied mich prompt dagegen. Stattdessen ließ ich mich ein Stück von diesem entfernt auf dem Boden erneut im Schneidersitz nieder, wie zur Meditation. Nun stand ich jedoch vor einem Problem. Zwar hatte ich gewusst was zu tun war, sobald ich die Eldunarí gesehen hatte, allerdings war ich mir nicht sicher, wie ich am besten vorgehen sollte. War es besser ein einzelnes Eldunarí zu berühren oder zu versuchen mit allen gleichzeitig in Kontakt zu treten?

„Saphira?", erkundigte ich mich nach ihrer Meinung.

„Ich kann es dir nicht sagen, Era. Aber ich kann versuchen mit meinen Dracheninstinkten zu urteilen. Diese Eldunarí sind stark, alle mindestens um die einhundert Jahre alt. Zudem sind sie natürlich nicht dumm. Sie werden wissen, dass Galbatorix versucht sie zu versklaven, also werden die meisten in Alarmbereitschaft sein. Du wirst es nicht merken, aber vermutlich habe sie deine geistige Präsenz bereits wahrgenommen. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden sie feindlich gesinnt sein. Wir sollten also nicht versuchen ein einzelnes Eldunarí anzusprechen, da dieses uns bestimmt attackieren wird. Meiner Meinung nach solltest du sie als Einheit ansprechen und dabei keinem der Geister zu nahe kommen, damit sie sich nicht bedroht fühlen."

„Aber wie soll ich sie alle ansprechen? Welche Worte könnten sie davon überzeugen, zumindest mit uns zu reden?"

Wir beide verstummten und verschiedene Formulierungen flogen mir durch den Kopf. Saphira und ich wussten beide, dass meine Nachricht weder zu lang noch zu kurz sein durfte. Wenn ich zu lange sprach, dann würde ich meinen Geist zu weit für sie öffnen, falls ich dies nicht sowieso schon tat. Und wenn meine Worte nicht ausführlich genug waren um sie zu überzeugen, dann konnte ich nicht mit ihnen sprechen.

„Wie wäre es mit den Worten, mit denen du Arya in ihrem selbst-heraufbeschworenen Koma davon überzeugt hast mit dir zu reden? ‚Eka aí Fricai un Shur'tugal'."

Ich dachte einen Moment darüber nach, wies ihren Vorschlag dann jedoch zurück: „Ich glaube es wäre keine gute Idee die Drachen mit ‚Ich bin ein Drachenreiter und ein Freund' zu begrüßen. Das wäre zu simpel und lässt zu viele falsche Rückschlüsse übrig. Soweit sie wissen könnten, ist Galbatorix der letzte Reiter. Zu viele nötige Informationen bleiben unbeantwortet."

„Du hast Recht. Vielleicht solltest du es dann doch mit einer etwas längeren Anrede überzeugen. Sag ihnen ‚Ich bin Eragon Drachenreiterin und ich komme als Freund und in Frieden.'"

Dieser Vorschlag gefiel mir schon deutlich besser und das teilte ich ihr auch mit: „Das klingt gut. Das sollte ihnen zumindest genug Informationen geben, dass sie es vielleicht nicht für nötig halten uns anzugreifen. Vielleicht ist es etwas zu lang, aber ich kann es nicht riskieren weniger Worte zu nutzen."

Erneut sah ich mich um. Es erschien mir fast ein wenig wahnwitzig, dass etwas, was aussah wie ein Haufen glitzernder Steine, vermutlich tödlicher sein konnte wie eine mehrere Tausend Mann starke Armee. Und doch wusste ich das dem so war, denn die Drachen in den Eldunarí hatten über einhundert Jahre Zeit um ihre Energien zu sammeln. Und in diesem speziellen Fall handelte es sich ja nicht einmal um eine mehrere Tausend starke Armee, sondern nur um Saphira und mich. Dann fiel mir noch etwas ein.

„Saphira, du solltest dir auch etwas überlegen mit dem du die Drachen ansprichst. Wer weiß ob die Situation es nicht brauchen wird."

„Nein meine Kleine, das kann ich nicht tun. Ich bin hier unter meinesgleichen und wir Drachen haben nicht die Angewohnheit unsere Worte vorzubereiten wie ihr Menschen, Elfen und Zwerge es so gerne tut. Ich vertraue darauf, dass mein Instinkt weiß, wie ich auf die anderen Drachen reagieren sollte."

Ich akzeptierte ihre Antwort ohne große Diskussionen. Manchmal waren die Unterschiede zwischen Drachen und den anderen Lebewesen in Alagaësia deutlicher zu bemerken und insbesondere Impulsivität gehörte definitiv dazu. Noch einmal stärkten wir den Wall um unsere Verbindung herum, um die Gegenwart des anderen deutlich zu spüren. Es war immer wieder ein beruhigendes Gefühl, die jeweils andere zu fühlen.

Als wir dazu bereit waren, senkten wir den Schutzwall um unsere Geister und ich sandte meinen ein Stück aus, um mit den hunderten von anderen um mich herum zu kommunizieren. Doch die Chance bekam ich gar nicht erst, denn sobald die Barriere um meinen Geist ein Stück gesenkt war, drückte die Präsenz mit einer Gewalt auf mich ein, die mir die Luft nahm. Ich stöhnte unter den Schmerzen, auch wenn ich keine physische Verletzung hatte. Ich versuchte die Gegengewalt zu durchdringen, kam jedoch nicht durch.

„Saphira", presste ich durch den Druck auf meinem Geist hindurch, „Hilfe!"

Ich konnte spüren, wie Saphira versuchte einen Wall um meinen Geist aufzubauen, wie damals als sie mich vor den Zwillingen in Tronjheim beschützt hatte, doch der Effekt war kaum zu spüren, vor allem da sie nun ebenfalls von den fremden Geistern der Eldunarí angegriffen wurde.

„ Meine Name ist Eragon!", rief ich mit all meiner Kraft in meinen Gedanken in der alten Sprache. Ich war mir nicht sicher, aber mir schien als würde der Druck ein wenig nachlassen. Vielleicht waren die Drachen, wie so viele andere, die Kenntnis von Alagaësias Geschichte hatten, von meinem Name überrascht. Es geschah nicht oft, dass jemand nach dem ersten Drachenreiter benannt war. Die Chance nutzend sprach ich weiter: „Ich bin ein Drachenreiter und –"

Nach dem Wort ‚Drachenreiter' war der Druck stärker zurückgekommen wie je zuvor und ich krümmte mich und stieß einen Schmerzensschrei aus. Ich merkte wie meine Kräfte nachließen. Aber ich hätte mich nicht zurückziehen können, selbst wenn ich es gewollt hätte. „Eragon!", hörte ich Saphiras Stöhnen in der Ferne. Oder vielleicht war es auch nur Einbildung. In dieser Situation konnte ich mir nicht sicher sein. Jedoch war ich nicht bereit jetzt aufzugeben.

„Ich bin… ein… Freund und… komme… in… Frieden!", presste ich hervor.

Einige Sekunden geschah gar nichts auf meine Worte, doch plötzlich ließ der Druck um mich herum nach. Ich sackte auf dem Boden nach hinten, lag nun ausgestreckt da. Besorgt tastete ich nach Saphira und stellte erleichtert fest, dass es ihr den Umständen entsprechen gut ging. Weder sie, noch ich, schienen einen permanenten Schaden zurück behalten zu haben.

„Welcher Drachenreiter wagt es, sich als unser Freund zu bezeichnen?", dröhnte es mir plötzlich donnernd durch den Kopf. Meine Augen weiteten sich auf einmal. Die Drachen schienen sich ein mentales Netz zu teilen und alle gleichzeitig zu sprechen. Die Verblüffung abschüttelnd stand ich auf und verbeugte mich tief, nur um dann zu realisieren, dass dies natürlich niemand gesehen hatte.

Ich versuchte bei meiner Antwort die Worte vorsichtig zu wählen: „Mein Name ist Eragon Dalia Bromstochter. Mein Drache heißt Saphira. Wir kommen mit keinerlei bösen Absichten und hoffen eine Unterredung."

„Und uns tut es Leid falls der Versuch Kontakt mit euch aufzunehmen als Angriff wahrgenommen wurde, das war nicht unser Ziel. Wir bitten um Vergebung", fügte Saphira unterwürfiger hinzu als ich mich erinnern konnte sie jemals gesehen zu haben. Nach einem Moment des Schweigens von Seitens der Drachen kam schließlich die grollende Antwort.

„Sprecht."