Pieces of what I used to be
In der nächsten Zeit fielen sie ihn eine unausgesprochene, aber fein austarierte Routine. Und sie taten dass, was Leslie ihnen aufgetragen hatte – sie lernten einander kennen.
Es kamen wenige Besucher, wahrscheinlich auch das von ihren Eltern so beabsichtigt (nur mit Ausnahme von Persis, die sich nie mehr als ein paar Tage verhalten ließ), und so verbrachten sie die meisten Abende zusammen vor dem Kaminfeuer. Zu Beginn meistens jeder in seine eigenen Arbeiten vertieft, lesend oder Briefe schreiben oder, in Rillas Fall, handarbeitend. Es war zwar nicht so, als hätte sie in den vergangenen Jahren Spaß am Stricken gefunden, aber es war ihr zu einer zweiten Natur geworden, immer irgendetwas zu tun (auch wenn sie sich manchmal fragte, was Kanada mit den ganzen Socken ab jetzt anfangen sollte).
Es war an einem solcher Abende gewesen, als Ken sie über den Rand seines Buches hinweg einige Sekunden gemustert hatte, wie sie gedankenverloren da saß, nur die Hände emsig arbeitend. Und dann, ohne zu fragen oder es anzukündigen, hatte er angefangen, ihr vorzulesen.
Es war ein neues Buch, eine Geschichtensammlung, erst im letzten Jahr in kleiner Auflage im Privatdruck veröffentlicht. Er hatte es erst vor wenigen Tagen mit der Post aus Toronto bekommen – mit einem Schriftsteller zum Vater gelangte Ken an Bücher, die normale Menschen gar nicht erwerben konnten.
Das Hauptmerkmal der Geschichte, die er gerade las, war, das es nicht vom Krieg handelte. Denn, das hatte Rilla bereits bemerkt, es war in den letzten Jahren vermehrt schwierig geworden, noch Bücher zu finden, die sich nicht um den Krieg drehten. Sie vermutete, dass es eine Form der Verarbeitung für die Autoren war und wahrscheinlich war es für die ‚Nachwelt' auch durchaus interessant. Aber für sie, die sie diesen Krieg doch gerade erst durchlebt hatten, war es einfach zu früh.
Also Albert Nobbs. Eine, nun, merkwürdige kleine Novelle in der George Moore seinen gleichnamigen Protagonisten das Geschlecht von Frau zu Mann wechseln, ihn dann doch wieder Frauenkleider tragen und am Ende sterben ließ. Aber, so irritierend die Geschichte sein mochte, sie spielte im Irland des neunzehnten Jahrhunderts und somit bestand absolut keine Gefahr, dass man darin über diesen Krieg – ihren Krieg – stolpern würde.
Sie brauchten nur wenige Abende, bis Ken die etwa hundert Seiten vorgelesen hatte. Als er das Buch mit einem leisen Knall zuschlagen ließ, sah er zu Rilla hinüber, die an einem Pullover arbeitete. „Nun denn, das war – anders", stellte er fest, „irgendwelche Wünsche, welches Buch ich als nächstes lesen soll?"
Anstatt direkt zu antworten ließ Rilla das Strickzeug sinken. Sie wirkte nachdenklich, aber nach einigen Augenblicken klarte ihr Black auf. „Gar kein Buch", erklärte sie entschieden, „ich möchte, dass du mir etwas erzählst."
„Etwas erzählen?", wiederholte Ken und hob fragend eine Augenbraue.
Rilla nickte. „Ja, erzähl mir etwas", bekräftigte sie und lächelte ihn bittend an. Sie hatte bereits erkannt, dass er eher geneigt war, ihrem Willen zu folgen, wenn sie ihn anlächelte.
Ken wirkte immer noch skeptisch, als er fragte: „Worüber denn?" Als Rilla seinem Blick begegnete, merkte sie, wie angespannt er plötzlich war und sie begriff, dass er Sorge hatte, sie würde ihn nach seinen Erlebnissen im Krieg fragen.
„Von euren Reisen zum Beispiel", beeilte sie sich also, klarzustellen, „ich bin in meinem Leben noch nicht weiter als bis nach Quebec gekommen und du hast so viele fremde Länder gesehen. Erzähl mir davon."
Die Anspannung verließ ihn so schnell, wie sie ihn überkommen hatte. „Über welches Land würdest du denn gerne etwas hören?", erkundigte er sich, während er es sich gleichzeitig auf dem Sofa noch bequemer machte.
„Hm...", Rilla dachte für eine Sekunden nach, „Ägypten?"
„Gute Wahl", bestätigte Ken, „also Ägypten…"
Und damit hatten sie ein gemeinsames Gesprächsthema für ihre Abende am Feuer gefunden. Eines, das niemanden wehtat.
Zuerst erzählte Ken von den Reisen, die er vor dem Krieg mit Eltern und Schwester unternommen hatte, immer mal wieder unterbrochen von Episteln über seine Kindheit in Toronto und, später, seine Zeit an der Law School. Er war ein guter Erzähler, was einen aber bei dem Sohn von einem der besten Autoren Kanadas wohl auch nicht überraschen durfte. Er hatte ein Talent, fremde Welten bildreich in ihren kleinen Wohnzimmer auferstehen zu lassen, verstand sich aber ebenso darauf, die erlebten Situationen scharf zu analysieren und lustige wie tragische Momente herauszuarbeiten.
Und als Rilla irgendwann anfing, zaghaft ihrerseits erste Geschichten beizusteuern, stellte Ken sich als mindestens ebenso guter Zuhörer wie Erzähler heraus. Rilla war nicht mit seiner Wortgewandtheit gesegnet, aber jahrelange Briefe an ihre Brüder hatten sie gelehrt, ihre Erlebnisse in humorvollen, durchaus auch selbstironischem Tonfall vorzutragen. Da Ken sich darauf verstand, ihr seine ungeteilte Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, an den richtigen Stellen zu lachen oder betroffen zu sein, wurde sie zusehends mutiger. Sie erzählte ihm von ihren Schülern, von den Monaten in Quebec und von ihrer eigenen Kindheit, deren Großteil sie mit Shirley oder Carl in Glen herumstreichend verbracht hatte.
Sie hielten die Dinge leicht, ganz bewusst, und ohne dass es einer Absprache bedurfte. Kens sämtliche Erzählungen endeten abrupt in Sommer 1915 und über die Zeit danach verlor er kein Wort. Rilla musste sich geschickter um die schwierigen Themen winden – so erzählte sie zwar von Carl als Jungen, ohne aber seinen Tod zu erwähnen, und wenn sie von ihrer Zeit in Quebec berichtete, sparte sie die verhängnisvollen zwei Novembertage geflissentlich aus.
Es war aber in Ordnung. Denn sie hatten noch viel Zeit, die schwierigen Themen anzugehen, vielleicht ein ganzes Lebensalter. Jetzt ging es darum, sich einander anzunähern, den anderen verstehen zu lernen und, ganz langsam, fing es an, ihnen zu gelingen.
Natürlich verlief nicht alles so leicht wie ihre Geschichtenabende, in denen die Welt auf das dämmrige Wohnzimmer zusammenschrumpfte und das Flackern des Feuers die Wirklichkeit vertrieb. Im grellen Tageslicht mussten sie nicht nur einmal feststellen, dass sie manchmal unterschiedlicher Meinung waren oder den anderen partout nicht verstehen konnten.
Eine der schwierigsten Dinge daran war Kens Bedürfnis, alleine zu sein.
Auch nach dem seine Familie das Traumhaus verlassen hatte, verbrachte er an den meisten Tagen viele Stunden alleine am Strand. Zu Beginn hatte Rilla das verunsichert, das ließ sich nicht leugnen – sie hatte den Grund für sein Fernbleiben bei sich gesucht und erst nach einer Weile erkannt, dass der Grund vielmehr einzig und allein bei ihm lag.
Er hatte ‚blaue Stimmungen', wenn er in sich gekehrt und düster wurde und als sie lernte, diese Stimmungen zu erkennen, verstand sie auch, dass das die Momente waren, in denen er das Haus verließ. Es war ihr, als würden die Wände des Traumhauses zu eng für ihn werden und jede Gesellschaft ihm zu laut, sei es nun ihre oder von irgendeinem anderen Menschen.
Es fiel ihr nicht immer leicht, hinunterzuschlucken, was ihr auf der Zunge lag und ihn gehen zu lassen. Aber wenn er wieder kam, manchmal nach einer Stunde, manchmal erst am Abend, war er stets besserer Laune, war entspannter und schien bemüht, sein Verschwinden wieder gut zu machen. Und er achtete immer genau, keinen ihrer Erzählabende zu verpassen.
Eine Ehe zu führen, erkannte Rilla, hieß offenbar, den anderen zu nehmen, wie er war, auch wenn es einem nicht unbedingt immer gefiel.
Eines Morgen, als der März in den April überging und damit zusammen auch der Frühling auf der Insel Einzug nahm, fand sie Ken nachdenklich am Fenster stehend und auf den Garten blickend vor.
„Guten Morgen", grüßte sie ihn, während sie das Frühstücksgeschirr, das sie vor sich her trug, auszubalancieren versuchte. Ken beeilte sich, ihr ihre Last abzunehmen und da wusste sie, dass er heute einen guten Tag hatte. Beinahe zwei Monate Zweisamkeit sorgten wohl dafür, dass man die entsprechenden Zeichen zu entdecken lernte.
„Hast du besondere Pläne für heute?", erkundigte Ken sich fast beiläufig, als sie wenige Minuten später zusammen am Frühstückstisch saßen.
Etwas überrascht sah Rilla von ihrem Ei auf. „Nein, nichts konkretes", erwiderte sie, „vielleicht wollte ich die Sonne nutzen und anfangen, die Vorhänge zu waschen. Und du?"
Zuerst zögerte Ken, bevor er antwortete: „Ich dachte mir, ich könnte mich mal des Gartens annehmen."
„Du? Den Garten?", hakte Rilla nach und konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme etwas skeptisch ausfiel. Sie hatte Ken nicht unbedingt als Gärtner abgestempelt.
Er nahm es jedoch gelassen, lachte sogar. „Ich will nicht behaupten, einen grünen Daumen zu besitzen", gab er zu, „aber der Urwald da draußen braucht im Moment Muskelschmalz auch viel mehr als irgendwelche Daumen, seien sie grün oder in irgendeiner anderen Farbe."
Rilla nickte. „Da hast du vermutlich Recht", pflichtete sie ihm bei, „und den Muskelschmalz möchtest du liefern, ja?"
„Ich glaube, es würde mir guttun", entgegnete er achselzuckend, „einfach mal etwas tun. Und dank deiner exzellenten Kochkünste habe ich in den letzten Monaten auch mehr an Gewicht zugelegt, als ich durch die Boche-Diät verloren hatte. Noch ein Grund, sich ein wenig körperlich zu betätigen." Er grinste und klopfte sich wie zum Beweis kurz auf den Bauch.
„Ich kann aufhören, zu kochen", gab Rilla zurück, und auch wenn der schnippische Tonfall, den sie angepeilt hatte, durchaus gut gelang, nahm das Lachen in ihren Augen den Worten die Ernsthaftigkeit.
Ken schüttelte heftig den Kopf. „Bloß nicht!", widersprach er, „aber ich fürchte, wenn ich nichts dagegen tue, hast du in drei Monaten einen Klotz zum Mann. Und das würdest du doch nicht wollen?"
„Nein, in der Tat nicht", stimmte sie zu und lachte, als er sie vernichtend ansah. „Welche Pläne hast du denn für den Garten?", erkundigte sie sich dann.
„Gar keine", erwiderte er entspannt, „ich werde ihn einmal vollständig umgraben, danach sind meine Visionen erschöpft. Wenn es also um das Anpflanzen geht, wirst du mir vermutlich beratend zu Seite stehen müssen."
„Nicht, dass ich einen sonderlich grünen Daumen hätte. Aber gut, ich werde sehen, was sich machen lässt", stimmte Rilla zu.
Also zog Ken nach dem Frühstück mit Schaufel und Harke bewaffnet in den Garten hinaus und er behielt Recht – es tat ihm gut. Seine Strandwanderungen hörten zwar nicht völlig auf, aber sie blieben seinen sehr düsteren Tagen vorbehalten. Meistens zog er sich jetzt stattdessen in den Garten zurück und bearbeitete für einige Zeit die harte Erde.
Als Rilla ihn an einem Tag, nicht allzu lange später, dabei beobachtete, stellte sie dankbar fest, dass welche Dämonen er auch immer bekämpfte, es zu helfen schien.
Sie stand oben in Persis' Zimmer, das jetzt Ken bewohnte, und blickte auf den Garten hinab. Eigentlich hatte sie Staubwischen wollen, aber während sie die Kommode bearbeitete, die vor das Fenster gerückt worden war, waren ihre Gedanken abgedriftet. Jetzt stand sie also da, Staubtuch vergessen in der Hand, und sah nachdenklich aus dem Fenster.
Es war nicht mehr lange bis Ostern und ihre Mutter hatte sie und Ken für die Feierlichkeiten nach Ingleside eingeladen. Rilla, der es bisher gelungen war, ihrem Vater weitgehend aus dem Weg zu gehen, freute sich zwar einerseits darauf, die Familie zu sehen, war aber auf der anderen Seite auch besorgt, was wohl geschehen würde, wenn sie Gilbert begegnete.
Sie überlegte gerade, ob sie ihr Problem mit Ken besprechen sollte – sie wollte ihn nicht nerven, aber er hatte ein Talent dafür, ihre Probleme zu lösen –, als ihr Blick durch eine Bewegung unten am Tor abgelenkt wurde. Ken arbeitete auf einem Beet nahe dem Haus, aber dort am Tor war soeben eine weitere Person aufgetaucht.
Rilla kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Der Neuankömmling trug Kleidung in den Khaki-Ton, den sie zu verabscheuen gelernt hatte – Uniform. Also ein Soldat. Er war zu weit weg, als dass sie sein Gesicht hätte erkennen können, zumal es von seiner Schirmmütze beschattet wurde. Dann nahm er jedoch die Mütze ab und die Frühlingssonne auf ausgeblichene rote Haare.
Jem.
Das Staubtuch blieb vergessen auf der Kommode liegen, als Rilla nach unten eilte, um ihren ältesten Bruder zu begrüßen. Atemlos erreichte sie dir Tür und wollte gerade zu ihm hinlaufen, als sie plötzlich wie vom Donner gerührt stehen blieb.
Jem war zu Ken geschlendert, der, über das Beet gebeugt, ihn offenbar nicht bemerkt hatte. Bei ihm angekommen, tippte Jem ihm kurz auf die Schulter und noch bevor Ken sich vollständig aufgerichtet hatte, hatte Jem auch schon ausgeholt und ihm einen Schlag auf die Nase verpasst.
Rilla stand wie angewurzelt im Türrahmen und sah hilflos zu, wie Ken zwei Schritte nach hinten taumelte, sich an die Nase fasste und einen Fluch ausstieß, für den Susan ihm fünfzehn Jahre zuvor den Mund mit Gallseife ausgewaschen hätte. Dann, zu ihrer völligen Überraschung, ging er wieder zu Jem zurück, die beiden grinsten einander breit an – Kens Gesicht immer noch etwas verzerrt vom Schmerz – und umarmten einander auf die Männerart, einschließlich sinnlosem Auf-den-Rücken-Geklopfe.
Das löste Rilla aus ihrer Starre.
„James Matthew Blythe!", rief sie aus, „was ist in dich gefahren?"
Sie sprang die Stufen der kleinen Vordertreppe hinunter und kam vor ihrem Bruder zum Stehen. Im ersten Moment wusste sie nicht, ob sie ihn entweder ebenfalls umarmen oder hauen sollte, entschied sich also stattdessen dafür, ihm einen Zeigefinger in die Brust zu bohren.
„Du kannst nicht einfach hierhin kommen – nach fünf Jahren! – und irgendwelche Menschen schlagen!", wies sie ihn zurecht. Ihr Zeigefinger piekte dabei mehrfach in seine Brust, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen.
Jem hob beschwichtigend beide Hände. „Er ist ja wohl kaum irgendwer", widersprach er, war damit aber bei seiner Schwester an der falschen Adresse. Der pieksende Zeigefinger wurde augenblicklich durch ihre flache Hand ersetzt, die mehrfach keine seine Schulter schlug. Jem wich ein paar Schritte zurück, die Hände noch immer erhoben.
Rilla jedoch folgte ihm. Bis sie plötzlich ein anderes Paar Hände spürte, das sich sanft um ihre Oberarme schloss und sie zurückhielt. „Lass ihn, Ril. Es ist gut", murmelte Ken.
Sie fuhr zu ihm herum. „Er hat dich geschlagen! Einfach so! Und –", sie brach ab, als sie ihn näher in Augenschein nahm, „oh mein Gott, du blutest!"
Ihre Hand flog nach oben zu seiner Nase, aus der tatsächlich eine schmale Blutspur lief. Da er seine Hände brauchte, um sie festzuhalten, konnte er das Blut nicht wegwischen und es tropfte gerade über seine Oberlippe.
„Den Nasenstüber da gerade hatte ich mir verdient", entgegnete Ken ruhig, „ich vermute, ich bin sogar noch glimpflich weggekommen. Keine Ahnung, was ich mit einem Mann machen würde, der das mit Persis macht, was ich dir angetan habe."
Von hinten murmelte Jem: „Wenigstens erkennt er es." Er war jedoch klug genug, sich in sicherer Entfernung zu den Fäusten seiner Schwester zu halten.
Rilla zog die Nase kraus, offenbar verstimmt. „Du blutest aber trotzdem", stellte sie fest.
„Das ist nichts", gab Ken zurück und vermutlich meinte er die Worte tatsächlich. Er hatte zu viele Grausamkeiten gesehen, als dass eine blutende Nase ihn berühren könnte. Nicht, dass er damit allerdings großes Verständnis bei Rilla hervorrief, die, anstatt etwas zu antworten, seine Hände abschüttelte und ihrerseits nach seinem Arm griff. Sie zog ihn hinter sich her ins Haus, durch den Flur ins Wohnzimmer und deutete dort auf eines der Sofas.
„Hinlegen", befahl sie. Ken sah für einen Moment so aus, als wolle er widersprechen, schien dann aber zu der Erkenntnis zu kommen, dass es dem Weg des geringsten Widerstands entsprach, ihr ihren Willen zu lassen. Artig ging er also zum Sofa und legte sich hin, allerdings nicht ohne ihr durch ein Augenrollen zu verstehen zu geben, dass er das ziemlich albern fand.
Sie stopfte ihm zwei Kissen unter die Füße, verschwand dann – Jem, der ihnen hinein gefolgt war, im Vorbeigehen einen finsteren Blick zuwerfend –, in die Küche, und kam mit einem Stück Eis aus der Eisbox wieder. Sie wickelte es in ein sauberes Taschentuch, drückte es Ken in die Hand und verlangte: „Draufhalten."
Wieder kam er der Aufforderung nach kurzem Zögern nach und nachdem sie sich vergewissert hatte, dass er gut versorgt war, drehte Rilla sich zu ihrem Bruder um.
„Und du – was glaubst du eigentlich, gibt dir das Recht, ihn zu schlagen?", fauchte sie ihn an.
„Naja, ich…", begann Jem, offenbar erneut aus dem Konzept gebracht, „also, er… er hat sich dir gegenüber nicht gerade ehrenhaft verhalten… und er hat doch selbst gesagt, dass er es verdient hat!"
Rilla funkelte ihn jedoch weiterhin an. „Was er verdient hat oder nicht, entscheide ich", stellte sie klar, „immerhin geht es um meine ‚Ehre' oder nicht?"
Zögernd nickte Jem: „Ja schon, aber du bist doch meine Schwester und da muss ich…"
Abrupt unterbrach Rilla ihn: „Du musst gar nichts! Du unterliegst weder einer Verpflichtung mich zu beschützen, noch hast du ein Recht darauf. Bruder hin oder her, du warst die letzten fünf Jahre nicht hier, um auf mich aufzupassen, also brauchst du jetzt nicht damit anfangen!"
Verdattert starrte Jem auf sie hinab. Umso mehr, als die Wut aus ihren Augen wich und sie sich stattdessen mit Tränen zu füllen begannen. Plötzlich schlug sie die Hände vor ihr Gesicht, wandte sich von ihm ab und ging einige Schritte zum Fenster hinüber.
Hilflos sah Jem zu Ken hinüber, der die Szene über sein Taschentuch-Eis-Päckchen hinweg beobachtete. Er wirkte nicht im Mindesten überrascht, sondern machte nur eine kleine Kopfbewegung, um Jem anzuzeigen, dass er zu ihr gehen sollte.
„Rilla?", fragte er leise und legte er zögernd eine Hand auf die Schulter. Augenblicklich fuhr Rilla herum – statt ihn jedoch erneut mit den Fausten zu bearbeiten, warf sie ihm beide Arme um den Hals und vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter.
„Du Idiot!" klang es gedämpft aus den Falten seiner Uniform, „wir haben uns solche Sorgen gemacht. Fünf Jahre lang! Mach das ja nie wieder!"
Langsam schloss Jem seine Arme ebenfalls um sie, stieß einen tiefen Atemzug aus und murmelte: „Nein, Rilla, das werde ich nicht mehr tun. Darauf kannst du dich verlassen."
Dann hielt er sie fest und ließ sie weinen.
Es brauchte eine Weile, bis sie sich beruhigt hatte, was immerhin Kens Nase genug Zeit ließ, mit der Absonderung roter Flüssigkeit aufzuhören. Eingehend vergewissert Rilla sich, dass die Nase nicht gebrochen war.
„Keine Angst. Ich habe dir deinen hübschen Ehemann nicht dauerhaft verschandelt", neckte Jem, als er das sah, und erntete dafür von beiden vernichtende Blicke.
Rilla ließ es sich jedoch nicht nehmen, ihren Bruder zum Abendessen einzuladen, zumal, nachdem sie erfuhr, dass er bereits am Vortag in Glen angekommen war. Und da die doch etwas ungewöhnliche Begrüßung zumindest geeignet gewesen war, die Luft zwischen ihnen zu klären, wurde es eine angenehme, unterhaltsame Runde.
Nachdem Rillas Essen eingehend gelobt und bis auf den letzten Krümel verspeist worden war, siedelten sie ins Wohnzimmer um. Ken streckte sich auf seinem üblichen Sofa aus, Jem nahm das andere in Beschlag und Rilla kuschelte sich in den Arm ihres Bruders, den sie so lange vermisst hatte.
Während die Männer redeten, hatte sie Zeit, ihn zu beobachten. Er war verändert. Nicht so sehr wie Ken und Jerry es gewesen waren, denn deren Zeit in Gefangenschaft hatte in noch anderer Art an ihnen gezerrt, aber auch Jem war ein Anderer geworden. Er sah immer noch so aus wie ihr Bruder Jem, und er lachte immer noch genauso und er neckte sie kein Bisschen weniger als er es früher getan hatte, aber sie erinnerte sich, dass der Jem von früher immer ein schelmisches, abenteuerlustiges Funkeln in den Augen gehabt hatte. Dieses Funkeln, mehr als alles andere, vermisste Rilla jetzt – und fragte sich, nicht ohne Schrecken, ob es jemals zu ihm zurückkehren würde.
Sie beteiligte sich wenig an dem Gespräch, zufrieden damit, einfach hier zu sitzen und zu sein. Und während sie an Jem gelehnt da saß und das hypnotische Flackern des Feuers betrachtete, spürte sie auch schon, wie ihr langsam die Augen zufielen.
Ihre Träume waren blutrünstig und wirr.
Schreiende, abgetrennte Köpfe, die in einem Meer aus Blut schwammen und sie, Rilla, anriefen, sie doch zu retten, aber wie sollte sie das tun? Ihr Boot war viel zu klein und die Köpfe viel zu viele und aus der Ferne rollte eine rote Wand auf sie zu…
Schnitt.
Der deutsche Kaiser, überlebensgroß und in eine Ritterrüstung gekleidet, der über einen kochenden Wasserkessel gebeugt da stand und sie bat, doch zum Essen zu bleiben, bevor er in den Kessel langte und ein Baby hervorzog.
Schnitt.
Ein Sumpf, im prasselnden Regen, stockdunkel, bis auf kleine runde Lichter, die ein absonderlich blasses Licht abgaben – sie stand mittendrin, wollte weglaufen, aber ein Blick nach unten sagte ihr, dass sie bereits bis zu den Knien versunken war. Sie wollte schreien, konnte aber nicht, und da erkannte sie, dass die kleinen runden Lichter in Wirklichkeit Augen waren – die Augen der Toten, die sie umgaben.
Rilla riss die Augen auf.
Fast erwartete sie, immer noch in diesem grausamen Sumpf zu sein, aber als sie ihren Blick hektisch kreisen ließ, stellte sie fest, dass sie stattdessen im Wohnzimmer des Traumhauses war. Jem hatte noch immer seinen Arm um sie gelegt und unterhielt sich mit Ken. Einzig das Feuer war weiter hinuntergebrannt und sagte ihr, dass sie vermutliche eine ganze Weile geschlafen hatte.
Sie hätte erwartet, dass sie im Schlaf geschrien oder anderweitig Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, aber dem schien nicht so zu sein. Beide Männer unterhielten sich ganz ruhig, mit gedämpften Stimmen – sie schienen von ihren Alpträumen nichts mitbekommen zu haben und ebenso wenig hatten sie bemerkt, dass sie aufgewacht war.
Um sich abzulenken und ihr immer noch klopfendes Herz zu beruhigen, konzentrierte Rilla sich auf das, worüber die zwei sprachen und da begriff sie, wo ihre Alpträume ihren Ursprung hatten. Denn während das Gespräch sich vorher am Abend um recht belanglose Dinge gedreht hatte, hatten die beiden wohl ihren Schlaf genutzt und begonnen, sich über ihre Erfahrungen im Krieg auszutauschen.
„…es hat wochenlang geregnet. Erinnerst du dich? Alles war Matsch. Ich dachte, ich würde in meinem Leben nicht mehr trocken werden. Und dann diese Planken, absolut glitschig, aber jeder wusste, wenn du abrutscht, bist du tot", erzählte Jem gerade mit bitterer Stimme.
„Ich habe einen darin ersticken sehen, im Matsch", bemerkte Ken, fast ein wenig abwesend, den Blick auf das Feuer gewandt, „wir waren auf dem Weg nach hinten und kommen an drei Männern vorbei. Einer war wohl vom Steg abgerutscht, denn er steckte bis zu den Knien im Schlamm. Seine Kameraden haben versucht, ihn rauszuziehen, aber er steckte fest. Selbst als wir geholfen haben, hat er sich keinen Zentimeter bewegt. Wir mussten irgendwann weiter, haben ihn seinen Leuten überlassen. Tja… und als ich zwei Tage später an der gleichen Stelle vorbeikomme, ist er immer noch da. Bloß nicht mehr nur bis zu den Knien versunken, sondern bis zum Hals und mittlerweile vollkommen irre. Armer Teufel… ein Pferd hatte man erlöst, aber er musste tagelang in diesem Matsch ausharren, in den er immer tiefer versunken ist, in der Gewissheit, dass er sterben würde – bis es dann vorbei war und er erstickt ist."
Er wandte sich vom Feuer ab, um Jem anzusehen und dabei fiel sein Blick auf Rilla. Sie sah Überraschung in seinen Augen, aber er fing sich schnell wieder.
„Du bist ja wach", stellte er fest, sein Tonfall gemessen, aber sie sah ihm an, dass er sich fragte, was sie wohl gehört hatte.
„Hättest dich ja ruhig mal bemerkbar machen können, Schwesterchen", grummelte Jem, der jetzt ebenfalls zu ihr hinab sah.
Sie zuckte nur mit den Schultern. Sie wusste nicht, ob sie sich wünschte, dass die beiden aufhörten zu reden oder ob sie vielmehr hören wollte, was sie zu sagen hatten. Denn auf der einen Seite war das, was sie gehörte hatte, schon jetzt viel zu grausam, um es zu begreifen – im Matsch ersticken? Drei Tage lang? – aber gleichzeitig wünschte sie sich auch, dass sie sie würden teilhaben lassen an dem, was sie erlebt hatten. Wie sollte sie denn jemals verstehen können, was sie durchgemacht hatten, wenn sie immer meinten, sie beschützen und somit außen vor halten zu müssen?
Bevor sie zu einem Ergebnis kam, nahm Ken ihr die Entscheidung ab. Er stand vom Sofa auf, streckte sich und verkündete: „Es ist spät. Wir haben uns wohl mit der Zeit verzettelt, als wir in guten alten Erinnerungen geschwelgt haben, Jem." Das letzte sagte er mit einem merkwürdig verzerrten Grinsen, das so gar nichts freundvolles an sich hatte.
„Willst du hier schlafen?", bot Rilla ihrem Bruder an, „nach Ingleside ist es ein ganzes Stück und ich glaube, es ist wirklich spät."
Er überdachte ihr Angebot kurz, schüttelte dann aber den Kopf. „Ein kleiner Nachtspaziergang wird mit gut tun. Außerdem würde Mum sich Sorgen machen", bemerkte er und dem konnte sie nicht widersprechen.
Sie verabschiedete sich also von Jem, brachte ihn zur Tür und sah ihm hinterher, bis die Dunkelheit ihn verschluckt hatte. Als sie sich umdrehte, bemerkte sie, dass Ken sich beobachtete. Er schien immer noch zu überlegen, wieviel sie von seinem Bericht gehört hatte, aber sie wusste, dass er sie nicht fragen würde – und sie würde es ihm freiwillig auch nicht sagen. Also lächelte sie ihn nur freundlich an, wünschte ihm eine gute Nacht und ging an ihm vorbei die Treppe hinauf. Den ganzen Weg bis nach oben spürte sie seinen Blick im Rücken.
Dennoch lag Rilla in dieser Nacht noch lange in der Dunkelheit wach, starrte an die Decke und versuchte, nicht an den Mann im Schlamm zu denken.
Der Titel ist dem Lied „Replica" der Band Sonata Arctica entnommen.
Die erwähnte Geschichte ist eine Novelle mit dem Titel „The Singular Life of Albert Nobbs", geschrieben von George Moore und veröffentlicht in dessen Geschichten-Sammlung „A Story-teller's Holiday" im Jahr 1918 bei Cumann Sean-eolais na h-Eireann (private Veröffentlichung).
Bei der Geschichte über den Soldaten, der im Schlamm versinkt, handelt sich um eine wahre Begebenheit. Berichtet wird davon in „Military Anecdotes" von Geoffrey Reagan, veröffentlicht im Jahr 1992 bei Guinness Publishing, London.
