Nacht war es auch an der Küste vor Littlehampton geworden und noch immer kreuzten Schiffe der Küstenwache vor der Mündung des Flusses Arun. Von den Fischern fehlte weiterhin jede Spur. Die Matrosen standen an der Reling der Motorschiffe und suchten mit Scheinwerfern die Wasseroberfläche ab. Hohe Wellen brachen sich am Bug des kleinen Kreuzers und die Gischt peitschte übers Deck. Die Hoffnung, noch einen der Vermissten zu finden, war inzwischen so gut wie null. Auch das Unterwassersonar hatte weder die angeblichen Barrakuda Schwärme noch Haifische angezeigt.
Längst machten wilde Gerüchte die Runde und jeder schmückte die Geschichte noch etwas aus. Waren es bei den Muggeln ein ausgebrochener Serienmörder oder Piraten, die auch in moderner Zeit ihr Unwesen treiben konnten; so tuschelte man in der magischen Gemeinschaft über mutierte Grindelohs oder gar eine illegale Kreuzung zwischen Seeschlange und Drachenfisch. Zu finden war aber trotz aller Bemühungen kein einziger Hinweis, welcher Übeltäter hier am Werk gewesen war. Die Schuldigen hatten längst das Mündungsgebiet des Flusses Arun verlassen und holten sich auf ihrem Weg noch weitere Opfer unter Vagabunden und einsamen Hirten.
Die dunklen Mörder, die unter dem Befehl der spinnenfingrigen Kreatur standen, waren nicht die Einzigen, welche nicht gesehen werden wollten.
In den Wäldern des Northumberland Parks machten sich etliche lichtscheue Gestalten zur Weiterreise im Schutze der Nacht bereit. Bei der wachsenden Anzahl ihrer Mitglieder wurde es immer schwieriger, sich vor neugierigen Augen zu verbergen. Sie konnten sich glücklich schätzen, war die magische Polizei mit ihrer Ermittlung noch nicht so weit in den Süden vorgedrungen. So konnte man hoffen, diese Nacht eine weitere Etappe zu schaffen, ohne abgefangen zu werden.
Ihre nächste Station wären die alten Gemäuer von Nottingham Castle. Dort wollten sie sich vor der neugierigen Muggelpolizei verstecken. Nottingham wäre auch ihr letzter Halt auf der weiten Reise zu ihrem Ziel.
Viel gemütlicher ging es in der Wohnstube in Schloss Arundel zu. Die Gäste des Fürsten konnten sich die vielen Dinge gar nicht alle merken, die ihnen von den Schlossbewohnern erzählt und gezeigt wurden. Merllano hätte es nichts ausgemacht, in dem Castle zu übernachten, selbst Rufus fühlte sich wie in einer grossen Familie. Jeder half jedem, ob verwandt oder nicht. Der Auror bedauerte es fast, als sie die gemütliche Runde im Salon verliessen, um weiter das Schloss mit seinen dicken Mauern und vielen Gängen zu erkunden.
„Eigentlich gehe ich nicht oft in das Zimmer meines Bruders Lachlan. Da er seit der Wandlung von zwei anderen Menschen weitere Brüder hat, ist er nur noch selten in Arundel. Ich halte ihm aber immer seine kleine Wohnung bereit, so hat er hier ein Zuhause, in das er stets zurückkehren kann", erklärte der Fürst und bog in einen entlegenen Trakt des Schlosses ab. Scrimgeour hörte genauso interessiert zu wie der junge Bursche. Die Türen in diesem Korridor waren alle aus dickem Eichenholz und in jede war ein anderes Bild geschnitzt. Die Türe, die der Schlossherr wenig später mit einem antiken Schlüssel aus geschmiedetem Eisen aufschloss, war mit einer Insel über den Wolken verziert.
Valerius stutzte schon beim Aufschliessen, betrat dann misstrauisch den Wohnraum. „Es war schon offen, aber ich habe niemand kommen sehen, komisch. Bleibt bitte beim Eingang stehen."
Scrimgeour und Merllano folgten der Bitte und warteten neben der Garderobe, wo es einige erlesene, altertümliche Umhänge zu bestaunen gab. Der Fürst sah sich weiter in den Räumen um und entdeckte rasch die offenen Glastüren auf der anderen Seite des Zimmers. „Lachlan", rief er in freudiger Überraschung, „du bist zurück!"
Draussen vor dem Zimmer befand sich ein Mann, der zu träumen schien, denn er hatte die Augen geschlossen und seine Gesichtszüge zeugten von seliger Ruhe. Seine Statur war schlank und gross, sogar grösser noch als Valerius, das dichte Haar ebenso schlohweiss wie seine buschigen Brauen. Die Flügel jedoch waren so filigran gebaut und silberhell, dass sie im Sternenlicht wirkten wie zerbrechliches Glas. Der Mann sass reglungslos auf dem Sims des Balkons, öffnete die Augen und sein Blick auf die Besucher im dunklen Zimmer war so durchdringend, das Merllano überzeugt war, der alte Vampir könne alles sehen.
„Guten Abend Bruder, was führt dich zu so früher Stunde in meine Gemächer?", sprach MacKeltar mit tiefer Stimme.
„Ich wollte wie üblich jeden Monat nach dem Rechten sehen. Doch da du selbst anwesend bist, erübrigt sich das", antwortete Valerius und verneigte sich leicht.
„Dies ist aber nicht der einzige Grund, welcher dein Herz bewegt", sprach der Alte und es hörte sich eher an wie eine Feststellung, als wie eine Frage.
Valerius seufzte leise und bestätigte die Aussage seines Bruders mit einem Nicken.
Sein hellgraues Gewand raschelte, als sich der Vampir auf dem Balkon mit geschmeidigen Bewegungen erhob, um seine Gäste zu begrüssen.
Merllano starrte fasziniert auf die beiden geflügelten Menschen und traute sich kaum, dem ehrwürdigen MacKeltar die Hand zu reichen. Die klaren Augen und das sanfte Wesen des Mannes wirkten wie hypnotisierend, man hätte ihm alles erzählt, was immer er auch fragen würde. Dessen war sich Merllano sicher, als er den ersten Bruder von Valerius ehrfürchtig begrüsste.
Aufgrund seines Aussehens und des hohen Alters schätzte Rufus den Mann mit dem schlohweissen Haar eher gebrechlich und bescheiden ein.
László wurde von Lachlan aber so kraftvoll in die Arme gezogen, dass es den Fürsten fast von den Füssen hob. Merllano sah Valerius leicht straucheln, die emotionale Umarmung erwidern und schon legte MacKeltar seine silbergrauen Schwingen um seinen Bruder. Minutenlang waren die Vampire hinter MacKeltars Flügeln verborgen, nur ihre kehligen Worte in der fremden Sprache der Druiden waren zu hören und Merllano meinte, der Boden unter seinen Füssen erbebe. Sicher war er sich nicht, doch auch Scrimgeour neben ihm wirkte sprachlos in Gegenwart der machtvollen Präsenz, die den Raum zu erfüllen schien.
Endlich legte Lachlan die Flügel wieder an seinen Körper und trat einen Schritt zurück. Lászlós Haare waren etwas zerzaust und er wirkte atemlos, offensichtlich war es nicht bei einer einfachen Umarmung geblieben.
„Du hast grosse Pläne nicht wahr?" MacKeltars Hand ruhte noch immer auf der Schulter seines Bruders, doch sein Blick schweifte jetzt zu den beiden Auroren.
„Einige, das ist richtig. Wir hatten etliche Angriffe und Scharmützel mit Menschen …", begann Valerius. Er verstummte aber, als Lachlan abrupt die Hand hob. „Kriege der Sterblichen sind unbedeutend, wenn man Jahrhunderte auf der Welt wandelt. In den Auen und Wäldern, die die alten Feen bewohnen, durfte ich viele Weisheiten erfahren und sehne mich nicht nach lautem Kriegsgeschrei. Zorn und Machtgier war schon immer der Anfang vom Ende. Lass mich stattdessen an deiner privaten Zukunft teilhaben, die noch viele Jahrzehnte überdauern möge."
Valerius schwieg einen Moment und beobachtete Rufus, der sich an die Wand lehnte.
„Die Freundschaft mit meinem gutherzigen Begleiter möchte ich nicht missen. Es ist nicht nur Schlimmes passiert, sondern auch schöne Dinge, die ich gar nicht alle fassen kann. Du erinnerst dich vielleicht an die junge Frau damals im Forsthaus."
MacKeltar bat Scrimgeour und Merllano zu den Polstersesseln und nahm mit Valerius ebenfalls Platz.
„Gewiss, deine Augen glänzen heute genauso wie damals, aber bitte fahre fort", antwortete der weisshaarige Vampir. Im Gegensatz zu dem unruhigen Merllano, der zappelig auf seinem Stuhl herumrutschte, schien MacKeltar unendlich geduldig auf die Erzählung warten zu können. Er drängte seinen verlegenen, zaudernden Bruder auf keine Weise. Lachlan schloss wieder die Augen und hörte gelassen zu, wie sich Valerius die ganze Geschichte mit Maureen und seine Gefühle für sie von der Seele redete.
„Dein Herz ist gross und hat für viele Platz", meinte MacKeltar, nachdem der Fürst geendet hatte. „Ich bin froh, dass sich die frische Wunde langsam schliesst. Du wirst deine Sache gut machen, auch wenn du dir noch nicht bei allem sicher bist."
Scrimgeour wie auch Merllano sahen verdutzt zwischen den zwei ungleichen Vampirherren hin und her. Mochte der eine schwarze Haare und Flügel haben und der andere in würdiges Weiss des Alters gekleidet sein, mochte der Altersunterschied fast 700 Jahre betragen. Die beiden Vampirbrüder schienen sich dennoch bestens zu verstehen.
„Ich erbiete dir meinen Dank, Bruder", sprach Valerius und erhob sich. „Wird man wissen, ob sich meine weiteren Wünsche erfüllen dürfen?"
„Das wird sich zeigen. Mögest du immer Wind unter den Flügeln haben, welcher dich sicher zu deinem Mädchen trägt. Gestattest du mir, mich derweil mit deinen Freunden zu unterhalten?"
„Nichts soll dich daran hindern, wenn sie dir Gesellschaft leisten möchten." Nach diesen Worten verabschiedete sich Valerius und verliess die Wohnung.
MacKeltar wandte sich mit einer unverblümten Direktheit an Merllano.
„Junger Mann, was führt dich des Nachts in ein Schloss abseits deiner Kameraden? Hat so ein adretter Bursche wie du keine Freundin?"
Der Jüngling antwortete etwas verlegen: „Die Damen meinen, ich sei ihnen zu reif, zu erwachsen. Sicherlich hat sich schon die eine oder andere interessiert, aber es stellte sich heraus, dass unsere Interessen ganz andere sind. Selbst Sonja sagte, nur Erwachsene gehen miteinander in ein Konzert."
„Das ist Ansichtssache, wie aber ist deine Meinung? Welche Gesellschaft ziehst du vor? Sind dies deine Altersgenossen?"
Während Lachlan auf die Antwort von Merllano wartete, stand er auf und schritt hinüber zu Scrimgeour.
„Von den Altersgenossen sind es eher die jungen Männer, mit denen ich die Zeit verbringe. Flavio, Williamson und ein paar ältere Jungs sind eher bereit für einen Ausflug mit dem Besen als Mädchen."
„So still und ruhig der Herr. Ich hoffe Sie fühlen sich wohl?", erkundigte sich der alte Vampir, als er vor Rufus stehen blieb.
Dieser hielt sich gerade gähnend die Hand vor den Mund, erklärte aber rasch: „Es geht mir gut und ich langweile mich auch nicht. Seit dem Unfall bin ich nur öfter müde als sonst und muss häufiger ausruhen. Der Heiler meinte, das wird sich bald bessern."
Der Gastgeber nickte und musterte Scrimgeour genau. „Sie sagen mir bitte, wenn Sie nach Hause und zu Bett gehen möchten."
„Darf ich vorher dann noch die Galerie auf dem First besichtigen, von der Sir Valerius sprach?", fragte Merllano scheu. „Ich mag Türme alter Burgen, auch wenn man Turmbesteigungen nicht unbedingt als Hobby bezeichnen kann. Ein Dachfirstspaziergang ist gewiss nicht weniger interessant."
„Wenn Sir MacKeltar dies erlaubt, dann bitte jetzt", bat Scrimgeour. „Ihr Polsterstuhl ist sehr bequem, erlauchter Herr. Wenn ich noch länger hier verweile, schlafe ich vielleicht doch ein."
„Ich geleite euch gerne an die frische Luft. Ihr seid jedoch herzlich eingeladen, euren Besuch hier in Arundel zu wiederholen." Nach diesen Worten schritt Lachlan MacKeltar hinaus auf den Balkon, umfasste die nachfolgenden Begleiter mit seinen Armen und hob mit kräftigen Flügelschlägen ab, denn eine Treppe auf das Dach gab es in dem Vampirschloss nicht.
