Kapitel 51: Der geheime Kamin
Mark und Willow trafen pünktlich und fast zeitgleich mit dem Rest der Gruppe hinter dem Postamt ein. Es war stockdunkel und Kälte und Müdigkeit machten Mark jetzt schon zu schaffen. Der Gedanke, die ganze Nacht an etwas zu arbeiten, ließ ihn noch mehr frösteln.
Mansfield inspizierte die kleine Gruppe und nickte zufrieden. Dann deutete er auf einen kleinen, fast verfallenen Schuppen, der so aussah, als habe ihn jahrzehntelang niemand mehr benutzt.
„Dort finden wir die Sachen, die wir brauchen. Wir tragen alles zum See hinunter und dann rudern wir auf das Schulgelände. Leise. Ich denke, das muss ich nicht betonen. Es ist von eminenter Wichtigkeit, dass niemand uns dabei sieht oder hört." Mansfield flüsterte nur und auch die anderen wagten nicht, ihre Stimmen zu erheben.
„Aber der See wird geschützt, das wurde uns doch gesagt. Wir kommen nicht über den See, die Meermenschen werden uns nicht passieren lassen", entgegnete Jordan.
„Dafür wurde gesorgt, macht Euch keine Gedanken. Der Plan ist perfekt, er steht und fällt nur mit unserem Einsatz."
„Und was sollen wir nun genau tun?", fragte Drake und man konnte Neugier und leichtes Unbehagen aus seinen Worten heraushören.
„Wir bringen das Material hier über den See und dort erkläre ich Euch, wie es weiter geht." Mansfield klang nun ungeduldig. „Noch Fragen?"
Keiner sagte mehr etwas und schweigend machten sie sich daran, Bretter und kleine, aber schwere Kisten zu einem unter dichtem Gestrüpp versteckt vertäutem Boot zu tragen.
Als alles an Bord war, stiegen sie ein und ruderten los.
Mark hatte ein mulmiges Gefühl dabei. Er hatte mehr als einmal gehört, dass Meermenschen und ein Riesenkrake den See bewachen sollten, ganz zu schweigen von sonstigen Kreaturen, die hier angeblich lebten und niemanden passieren ließen.
Aber wie Mansfield es vorhergesagt hatte, passierte nichts und sie überquerten den See lautlos und völlig unbehelligt.
Am anderen Ufer steuerten sie das Boot an den Rand eines kleinen Wäldchens. Leise protestierte Willow und wies darauf hin, dass der verbotene Wald nicht sicher sei, aber Mansfield knurrte nur.
„Idiot. Schau Dich um. Ist das der verbotene Wald?" Er schnaubte leise.
Willow und Drake sahen sich das Wäldchen genauer an und tatsächlich, es war nur eine klein Ansammlung von Bäumen, der verbotene Wald ragte finster und bedrohlich in einiger Entfernung auf.
„Hier sind wir vor Blicken geschützt, falls irgendwer auf die Idee kommen sollte, mitten in der Nacht hinaus zu sehen, oder gar einen kleinen Spaziergang zu unternehmen."
Er lachte leise, dann gab er ihnen weitere Anweisungen.
„Wir errichten eine Hütte. Sie soll nur einen einzigen Raum haben, der aber einen Kamin beherbergt."
Er machte eine Pause und versicherte sich, dass er die Aufmerksamkeit seiner Kameraden hatte.
„Wir müssen schnell und sauber arbeiten. Der Kamin muss bis zum Morgen fertig und einsatzbereit sein. Eine halbe Stunde, bevor der für das Flohnetzwerk zuständige Ministeriumsangestellte seinen Dienst antritt, dringt unser Kontaktmann in dessen Büro ein und schließt diesen Kamin an das Flohnetzwerk an. Dann braucht er noch ein wenig Zeit, um die Spuren seines Handelns zu verwischen. Man wird zwar herausfinden können, dass der Kamin angeschlossen wurde, aber das sollte nicht auf den ersten Blick zu merken sein. Und wenn man es später irgendwann herausfindet, dann ist es sowieso zu spät. Sobald der Kamin angeschlossen ist, und seine Existenz im Ministerium verschleiert wurde, beginnen unsere Kameraden hierher zu reisen."
Alle waren angemessen beeindruckt von diesem tollkühnen Plan.
„Das wird eine eindrucksvolle Ansammlung von Todessern werden", meinte Willow ehrfürchtig.
„Wenn ich den geflüsterten Worten glaube, dann wird sogar der dunkle Lord selber uns hier beehren und seinen Anspruch auf die Macht ein für alle Mal geltend machen."
Staunen und Begeisterung war auf den Gesichtern der jungen Männer zu lesen.
„Aber wenn wir erwischt werden, sind wir tot. Und nur wir, denn niemand wird uns zur Hilfe eilen und es wird keine Rettungsmission für uns geben", fuhr Mansfield unbarmherzig fort. „Deshalb sollten wir uns an die Arbeit machen. Wir haben viel zu tun, müssen sorgfältig arbeiten und haben nur ein sehr begrenztes Zeitfenster für den Anschluss des Kamins an das Flohnetzwerk."
Er schob seine Ärmel hoch und wandte sich dem Haufen Bretter zu.
Sie arbeiteten schweigend und achteten darauf, die Hütte stabil zu bauen, denn immerhin würden hier eine Menge Füße hindurch trampeln, wenn alles so klappte, wie geplant.
Pünktlich um halb Acht stand die Hütte und der Kamin war fertig gemauert.
Sie besahen sich ihr Werk und endlich sprachen sie wieder.
„Warum eigentlich die Hütte", fragte Jordan leise. „Hätte es der Kamin alleine nicht auch getan?"
Mansfield sah ihn einen Moment lang schweigend an und man sah, dass Jordan unbehaglich zumute wurde.
„Gute Frage", sagte Mansfield dann mit einem Lächeln. „Überleg mal. Wenn ein Kamin mit Flohpuder benutzt wird, dann leuchten die Flammen grün auf. Wenn nun viele Personen durch den Kamin kommen, dann wäre das ein grünes Feuerwerk, das ein zufällig vorbei kommender Mensch entdecken könnte. Vielleicht würde man es sogar von einem der oberen Fenster des Schlosses sehen. Wenn aber eine kleine Hütte drum herum steht, dann sieht man das Licht nicht. Und eine kleine Holzhütte in einem Wäldchen ist so unauffällig, dass sie beinahe unsichtbar ist.
Und sollte sie später wirklich jemandem auffallen, dann ist unsere Mission längst erfüllt."
Er machte eine Pause.
„Wenn wir siegreich sind, interessiert sich sowieso bald kein Mensch mehr für all das hier." Er mache eine ausladende Armbewegung, die das Gelände und das Schloss umfasste.
Dann sah er auf die Uhr. „Jetzt wird der Kamin gleich angeschlossen. Geht zur Seite, damit unsere Kameraden heraustreten können."
Man konnte die erwartungsfrohe Anspannung regelrecht fühlen, die die jungen Männer erfüllte, als es nun hieß, dass ihre Aufgabe erfüllt war und sie den Weg geebnet hatten für all jene Todesser, sie sie so bewunderten und an deren Seite ihnen erlaubt sein sollte, nun zu kämpfen.
Am Morgen standen Ron, Hermine und Harry früh auf und trafen sich im Gemeinschaftsraum. Dort stießen sie auf Neville, obwohl es noch stockdunkel und eisig kalt war. Er sagte, er habe nicht schlafen können, weil ihn schreckliche Alpträume gequält hätten und er es nicht mehr in seinem Bett ausgehalten habe.
Sie teilten sich ein paar Kekse, die Hermine in ihrem Schlafsaal aufbewahrt hatte und weihten während dieses improvisierten Frühstücks Neville in ihre Pläne ein.
Er war sofort bereit, ihnen zu helfen und versicherte, wäre er nicht wach gewesen, wäre er spätestens nach ihrem Aufruf über die Münzen beim Frühstück sofort zu ihnen geeilt.
Also schlichen sich die vier hinaus und bewegten sich vorsichtig auf den Waldrand zu. Hermine hatte vorgeschlagen, dort zu beginnen, denn es wäre viel zu gefährlich und unübersichtlich, in den Wald zu gehen. Dort könnten sie nichts ausrichten, aber wenn sie den Waldrand mit Feinerkennungszaubern versehen würden, dann wäre dass schon mal ziemlich effizient, fand sie. Diese Zauber würden die Bäume dazu bringen, aufzuleuchten, wenn sich Feinde näherten. Im Abstand einiger Meter voneinander angebracht, wäre das ein gutes Frühwarnsystem falls Feinde sich durch den Wald näherten und den Zentauren entgingen.
Die anderen hatten ihr zugestimmt und so waren sie übereingekommen, eine Kette zu bilden, bei der jeder immer in Sichtweite von mindestens einem anderen der Gruppe blieb und sich so den Waldrand entlang zu arbeiten.
Es war noch ziemlich dunkel und Harry empfand die Atmosphäre als gespenstisch, als sie sich schweigend auf den Waldrand zu bewegten. Wieder einmal hatte er das Gefühl, etwas Drohendes, Dunkles würde sich auf ihn zu bewegen und er war froh, dass sie sich vorbereitet hatten.
Sie teilten sich auf und begannen still und schnell ihre Arbeit. Es war frostig und ein leichter Wind ließ die Kälte selbst durch die gefütterten Winterumhänge kriechen.
Langsam fanden sich Schüler und Lehrer in der großen Halle zum Frühstück ein. Es herrschte eine merkwürdige Stimmung, denn der Schulleiter war als einer der ersten aufgetaucht und die sorgenvolle Miene, die er kaum zu verbergen suchte, sprach Bände. Minerva McGonagall sah ihn mehrmals fragend an, aber er zeigte keine Reaktion darauf.
Als alle schon eifrig aßen fiel auf, dass Hagrid noch nicht aufgetaucht war. Sein großer Stuhl ragte leer zwischen den Lehrern auf und fast jeder warf von Zeit zu Zeit nervöse Blicke zur Tür.
Plötzlich sprang sie auf und ein ziemlich aufgelöster Hagrid stürzte herein. Er lief mit donnernden Schritten direkt zum Lehrertisch und beugte sich vor, um Professor Dumbledore flüsternd zu berichten, dass alles Leben im See tot sei.
Außerdem seien Gestalten gesehen worden, die über das Gelände liefen und von denen man annahm dass sie nicht zur Schule gehörten.
Er flüsterte zwar, doch was für Hagrid ein Flüstern war, war für die nahe am Lehrerpodium sitzenden Schüler noch gut zu verstehen. Ein bienenstockartiges Raunen erfüllte fast unmittelbar den Raum.
Dumbledore erhob sich, hob die Arme und rief: „Ruhe, bitte!"
Stille trat ein und alle Blicke wandten sich ihm zu.
Es war einer dieser Momente, in denen der alte Schulleiter viel größer wirkte, als er eigentlich war. Seine Gestalt ragte imposant zwischen den sitzenden Lehrern auf und niemand vermochte zu sagen, ob es sich dabei um Magie handelte, oder nur um die Ausstrahlung von Autorität und Stärke, die ihn in diesen Momenten umgab.
„Es sind unvorhergesehene Umstände eingetreten, die zwar zu befürchten standen, mit denen wir aber nicht so schnell gerechnet haben.
Die Vertrauensschüler der Häuser begleiten ihre Mitschüler jetzt in die Gemeinschafträume und tragen dafür Sorge, dass diese dort auf direktem Wege hingelangen. Bitte bewahrt Ruhe und Disziplin."
Er holte tief Luft, sein Blick schweifte über das Meer der Köpfe seiner Schutzbefohlenen.
„Wir werden diese Krise überstehen, so, wie wir jede Krise überstehen können, wenn wir nur zusammen halten und daran glauben, dass die Macht der Dunkelheit niemals triumphieren kann, solange noch ein einziges kleines Licht der Hoffnung brennt."
Er winkte ihnen zu, zu gehen, dann wandte er sich an die Lehrer, die sich sofort um ihn scharrten, um zu hören, was für Maßnahmen zu ergreifen waren.
Trotz der Ermahnungen Dumbledores, Ruhe und Disziplin zu bewahren herrschte ein lautes Durcheinander, so dass es niemandem auffiel, dass einzelne Schüler der verschiedenen Häuser in ihre Taschen griffen, einen Moment verharrten und sich dann aus den Gruppen schlichen, um das Gebäude zu verlassen und dem Ruf zu folgen, dem sie sich verpflichtet hatten.
Carol und Remus saßen in ihrem Zimmer beim Frühstück, als der Alarmruf durch das ganze Schloss erklang. Fast zeitgleich erschien Winky vor ihre Füssen und berichtete atemlos, was Hagrid berichtet hatte und von davon dass in aller Munde sei, auf dem Schulgelände wären sehr viele Todesser aufgetaucht, die weiß der Himmel was vorhätten.
Carol schlug erschrocken die Hand vor den Mund.
„Es ist so weit. Nun beginnt es", sagte sie mit tonloser Stimme wie zu sich selbst.
Winky starrte sie entsetzt an, dann verschwand die kleine Elfe wieder, um ihren Pflichten nachzukommen.
Remus trat ans Fenster und sah Carols Worte bestätigt. Dunkle Gestalten mit Kapuzenumhängen liefen über die Wiesen und gleichzeitig kamen Leute aus dem Schloss gelaufen. Remus erkannte die Lehrer, aber auch einige Mitglieder des Phoenixordens und ein paar bekannte Auroren. Dumbledore schien es geschafft zu haben die Verteidigung aus dem Boden zu stampfen und obwohl Remus keine Ahnung hatte, wie der Schulleiter das zuwege gebracht hatte, fühlte er tiefe Bewunderung für den älteren Mann.
Er fühlte, dass Carol neben ihn getreten war und auch beobachtete, was unten vor sich ging.
Die Lehrer, Ordensmitglieder und Auroren verteilten sich über das Gelände und nahmen die Kämpfe mit den Todessern auf.
Remus riss sich von dem Anblick los und drehte sich um.
„Ich muss da hinunter und helfen", sagte er schlicht.
„Ich weiß", erwiderte Carol ruhig. „Ich auch."
Er sah sie einen Moment lang fassungslos an, dann erinnerte er sich daran, was sie zustande brachte und was sie als ihre Aufgabe ansah. Niemals würde sie Harry dort alleine lassen, sie hatte versprochen, für ihn da zu sein, wenn er es brauchte und ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen war das jetzt.
Remus blickte ihr liebevoll in die Augen, küsste sie sanft und nickte dann.
Sie zogen sich warme Jacken an und gerade, als sie den Raum verlassen wollten, hielt Carol Remus am Arm fest. Sie sah ihn an und er bemerkte etwas in ihren Augen, das er noch nie gesehen hatte.
„Remus, egal, was geschieht, vergiss bitte nie, dass ich Dich liebe."
Furcht schnürte ihm die Kehle zu und er sah sie voll schrecklicher Vorahnung an.
„Was willst Du damit sagen?"
„Remus... Ich…" Sie verstummte.
„Es wird Dir nichts passieren, Carol. Ich werde Dich beschützen. Wir werden Dich von den Kämpfen fernhalten. Deine Kraft kann doch dafür sorgen, dass Dir nichts geschieht, ich habe gesehen, was Du zustande bringen kannst, dagegen ist unsere Zauberei Kinderkram. Und außerdem, Du musst doch nur Harry unterstützen, oder?"
Er sah sie hoffnungsvoll an, doch der Ausdruck in ihren Augen ließ die Hoffnung in seinem Herzen gefrieren.
Sie schwieg.
„Oder?" Seine Stimme klang dünn, aber doch drängend.
„Nein, Remus. Es ist anders."
„Anders? Was meinst Du?"
Remus fühlte ein eisiges Gefühl der Verzweiflung in sich aufsteigen. Er wusste nicht mehr, ob er wirklich hören wollte, was sie ihm jetzt sagen musste, oder ob er sich nicht viel lieber verkriechen wollte. Andererseits hatte er versprochen, auf sie aufzupassen. Und was immer passierte, er wollte sie stützen und ihr helfen, selbst wenn es ihm das Herz brechen würde.
Er atmete tief ein und versuchte sich zu wappnen, für das, was jetzt kommen mochte.
Carol sah ihm einen Moment tief in die Augen und bei dem Anblick seiner Verzweiflung und seines Schmerzes spürte sie, wie es ihr Herz zerriss. Genau das hier hatte sie nie gewollt, genau das hier hatte sie vermeiden wollen.
„Es gibt etwas, das Du nicht weißt, Remus. In jeder Generation kann immer nur genau ein Mensch Zugriff auf die Kraft des Lebens haben. Ich habe sie von meiner Mentorin bekommen, als diese starb. Sie starb, damit ich diese Kraft bekommen kann, im vollen Bewusstsein, was sie tat und dass es so sein musste. Das eigene Leben ist so stark mit der Kraft verwoben, dass es unmöglich ist, die beiden zu trennen. Wer einmal die Kraft des Lebens ins sich trug kann nicht mehr leben, wenn er sie abgibt. Das weiß man, bevor man sie in sich aufnimmt und man muss sich willentlich dafür entscheiden. Ich habe es gewusst und ich habe mich entschieden, aber ich habe niemals gewollt, dass ein Mensch – dass Du so sehr darunter leiden musst. Glaub mir das bitte."
Sie sah ihn voll tief empfundenem Mitgefühl an.
„Aber nun muss Harry diese Kraft bekommen, um sie gegen Voldemort einzusetzen und diese Welt wieder zu einem sicheren Ort des Lebens zu machen."
Remus starrte sie an. Er hörte, was sie sagte, aber jede Faser seines Verstandes sträubte sich dagegen, die Worte aufzunehmen, oder gar zu verstehen.
„Es war schon immer so und es wird immer so sein. Es gibt nichts, was das ändern kann. Es kann nur ein einziger Mensch die Kraft in den Händen halten und dieser Mensch muss von nun an Harry sein. Um das Leben zu verteidigen, muss ein Preis gezahlt werden."
Sie schwieg einen Moment, dann ergriff sie zärtlich Remus' Hand.
„Es war von Anfang an meine Aufgabe. Es war immer mein Anteil an dieser Geschichte, eines Tages Harry Zugang zu der Kraft des Lebens zu verschaffen. Der Preis dafür ist nicht zu hoch, auch wenn er Dir persönlich unermesslich erscheinen mag."
Sie beugte sich vor und küsste ihn noch einmal zärtlich. Kaum hörbar sagte sie: „Vergiss nie, wie sehr ich Dich geliebt habe."
Dann verließ sie den Raum, um Harry zu suchen.
