49. Ist deine Liebe stark genug?
Molly stand gedankenversunken an einem Autopsietisch und berührte geistesabwesend ihr Haar. Sie hatte für den Moment genug Leichen untersucht. Jetzt wartete Schreibtischarbeit auf sie oder sie könnte eine Pause machen. Verdammt, so spät wie es war, hätte sie im Prinzip zu Mittagessen können, wenn sie gewollt hätte. Im Moment schien stehen und denken jedoch alles zu sein, wozu sie in der Lage war.
Heute Abend war es soweit.
Heute Abend, würde sie, Molly Kathleen Hooper, Sex mit Sherlock Holmes haben.
Sie kannte ihn seit drei Jahren, sie war nun seine Freundin - und sie kannte seinen Zweitnamen nicht.
Nun da sie wo sie aufhörte darüber nachzudenken, was wusste sie eigentlich genau von Sherlock Holmes?
Er war erstaunlich. Er war brillant, scharfsinnig, ehrlich, grausam, leicht gereizt, loyal, sarkastisch, schnell, und stark. Oh, und hinreißend. Unglaublich hinreißend.
Sie schnaubte. Er klang nach einem Charakter aus einem verdammten Film, wenn sie es so ausdrückte.
Sie kannte einiges, das er tatsächlich aß. Sie wusste, wie er schmeckte, wenn sie ihn küsste, wie es sich anfühlte, wenn er die Arme um sie legte. Sie wusste, nach einiger Übung, ein falsches Lächeln von einem richtigen zu unterscheiden. Sie wusste, wer ihn als Freund betrachtete, und wen er als Freund betrachtete.
Er hatte Drogen genommen. Der größte kriminelle Wahnsinnige der Welt war hinter ihm her. Und möglicherweise, hinter ihr.
Molly fröstelte.
Sie wusste, dass sie zählte. Dass er ihr vertraute.
Konnte sie ihm trauen?
Sie schüttelte ihren Kopf, wütend auf sich selbst, dafür, dass sie diesen Gedanken hatte. Natürlich konnte sie das. Es war unmöglich, dass er mit ihr in dieser Beziehung spielte. Er hatte nie zuvor irgendwen gehabt. Sie war die Erste. Sie war besonders.
Er hatte ihr einen Song geschickt. ,,What do you want from me?" vom American Idol-Gewinner Adam Lambert. Es hatte sie überrascht. Es schien dem Sherlock, den sie gekannt hatte, nicht ähnlich zu sehen. Natürlich betraf dies Dates und Küssen und Freundinnen haben ebenso, also war es nun mal so, vermutete sie.
Der Text passte perfekt zu ihrem Streit, ihrer Versöhnung und ihrer Situation im Allgemeinen.
Sie wusste, was sie von Sherlock wollte. Aber was wollte er von ihr?
Sich keine Sorgen zu machen, war angesichts ihrer Initialen, die in die Brust eines toten Mannes geritzt waren, sehr hart.
Auch wenn Sherlock nicht müde wurde ihr zu versichern, dass sie sicher sei, hatte er vorher falsch gelegen. Was wenn er wieder falsch lag? Der Gedanke daran, sich herumzudrehen und einen verkleideten Moriarty zu sehen, machte ihr Angst.
Aber was konnte sie tun?
Sie war mit dem Mann zusammen, in den sie ungefähr genauso lang hoffnungslos verliebt gewesen war, wie sie ihn kannte, und es machte ihr Angst.
Offenbar brauchte sie professionelle Hilfe.
Nein. Sherlock würde sagen, dass es klug war, zu hinterfragen. Er war sicherlich nicht derjenige, der sich in eine Angelegenheit stürzte, ohne sie vorher eingehend zu analysieren. Er würde sicherlich seine Augenbrauen heben und sie fragen, was sie deduziert hätte, mit dieser Stimme.
Dieser Gedanke entlockte ihr ein Kichern.
Nein. Sie würde die Angst nicht gewinnen lassen. Und alles was sie über Sherlock wissen wollte, würde sie ihn einfach fragen. Er würde es ihr erzählen.
Er würde Moriarty finden und alles wäre in Ordnung.
Das war ihre gemeinsame Nacht, und nichts, niemand, würde sie ruinieren.
"Doktor Hooper?"
Molly erstarrte. Sie hatte diese Stimme bisher nur dreimal gehört, aber nach dem ersten Mal hatte sie gewusst, sie würde sie nie wieder vergessen.
Langsam wandte sie sich um.
Und fand sich selbst Angesicht zu Angesicht mit Mycroft Holmes.
Er lächelte sie an, den für ihn typischen Regenschirm mit einer Hand umgriffen.
,,Dürfte ich vielleicht kurz mit Ihnen sprechen?"
Dreißig Minuten früher...
Sherlock lächelte als er Mycroft den Text schickte. Es war ein bittersüßes Lächeln, aber trotz alledem ein Lächeln.
Du wirst nach heute abend einen neuen Spitznamen für mich brauchen, geschätzter Bruder.. SH
Er wartete auf das Klingeln des Telefons, neugierig, ob Moriarty für jede Person, die ihn kontaktierte eigene Text- und Klingeltöne zugeordnet hatte.
Kein Anruf.
Fünf Minuten vergingen.
Nicht einmal ein Text.
Hat all dein Kaffeegebäck deine Gedanken träge gemacht? Ich habe gesagt, ich werde einen neuen Spitznamen brauchen. SH.
Keine Antwort.
Zehn Minuten vergingen.
Fünfzehn.
Sherlock schnaubte. In Ordnung. Wenn er es auf diese Weise haben wollte...
Er rief Mycroft an.
Mycroft antwortete innerhalb von zwei Sekunden. ,,Nicht jetzt, Sherlock. Ich fühle mich ein wenig krank und muss dringend zu einem Doktor."
Mycroft legte auf.
Sherlocks Augen weiteten sich alarmiert.
Eine Minute später stand er draußen und wartete auf sein Taxi.
Dreißig Minuten später...
Scheiße. Ruhig bleiben, Molly.
Molly nahm einen tiefen, wenn auch leicht zittrigen, Atemzug. Sie hatte Mycroft Holmes schon um sich gehabt: als er wegen Der Frau in die Leichenhalle gekommen war, und als sie Sherlock geholfen hatte, seinen Tod vorzutäuschen. Er war höflich gewesen, respektvoll, all das, was sie sich immer bei Sherlock gewünscht hatte. Außer etwas, das in seinen Augen zu finden war, etwas, das sie von Sherlocks unterschied.
Warum war er hier?
,,Warum sind Sie hier?" entfuhr es ihr.
Er hob seine Augenbrauen.
Nein, nein. Du kannst es doch besser, verdammt.
,,Nein, warten Sie. Erlauben Sie mir zu...deduzieren." sagte Molly, überrascht davon, wie beherrscht sie klang. Vielleicht sammelte sie gerade ihren inneren Sherlock.
Mycroft schien amüsiert, aber er sprach nicht.
,,Es ist wegen Sherlock. Oder mir und Sherlock, um genau zu sein. Sie reden nicht mit ihm, weil sie denken es würde zu nichts führen. Also sind Sie zu mir gekommen, in der Absicht,, mich um etwas zu bitten oder Informationen zu bekommen. Aber sie sind Mycroft Holmes. Sie wußten vermutlich schon alles, was sie benötigen, schon als sie meinen Pferdeschwanz im Blick hatten. Vielleicht sogar schon bevor sie hineingekommen sind. Sie billigen unsere Beziehung wahrscheinlich nicht."
Mycroft sah beeindruckt aus. ,,Und?"
Molly zuckte mit den Schultern. ,,Mehr habe ich nicht. Entschuldigung."
,,Dennoch sind Sie scharfsinniger, als ich Ihnen zugestanden hätte, Doktor Hooper."
,,Bitte, nennen Sie mich Molly, Mycroft." sagte sie mit einem schwachen Lächeln. ,,Wenn wir schon eine Meinungsverschiedenheit wegen Ihres Bruders und meines Freunds haben, dann sollten wir wenigstens per du sein."
Er neigte seinen Kopf. ,, Wie Sie wünschen...Molly. Sie lagen zum größten Teil richtig. Diese Liaison, so charmant wie sie in der Theorie ist, ist zum scheitern verurteilt. Meine Mißbilligung hat nichts mit Ihnen persönlich zu tun. Ich kenne meinen Bruder; ich weiß zu was er fähig ist und zu was nicht. Und das, so bedauernswert es für Sie sein mag, ist etwas, zu dem er nicht fähig ist. Nicht für lange."
,,Wie können Sie sich dessen so sicher sein? Er hat es nie zuvor versucht." sagte Molly.
,,Genau. Es gibt Gründe, Molly: sehr vernünftige Gründe warum mein Bruder sich nie mit romantischen Angelegenheiten befasst hat. Gefühl ist ein chemischer Defekt. Es ist verwirrend und gefährlich. Es ist definitiv kein Vorteil. Und obwohl sie Sherlock wirklich...wichtig sind, ist es nur eine Frage der Zeit, bis er wieder zu Sinnen kommt. Und wenn er das tut, kann ich Ihnen versichern, wird ihre Beziehung vorüber sein und sie werden wieder einmal ein gebrochenes Herz mit sich herumtragen."
Molly fühlte, dass sie trotz ihrer Entschlossenheit wütend wurde. ,,Sie wissen nicht alles über ihn. Sie haben nie gedacht, dass er es so weit schafft. Sie könnten auch mit dem unrecht haben, zu was er fähig ist."
,,So gern ich Ihnen um Ihretwillen glauben würde, ich kann es nicht. Das hier ist destruktiv und könnte ihm schaden. Und Ihnen wird es definitiv schaden. Ich gebe Ihnen den dringenden Rat es jetzt zu beenden und Ihnen beiden den Schmerz zu ersparen."
Molly blitzte ihn an. ,,Nein. Ich verstehe, warum Sie so denken, aber ich werde nicht mit ihm Schluss machen."
,,Nein?" Mycroft ging ein paar Schritte vorwärts, seine Augen an ihre geheftet. ,,Auch wenn er in Gefahr ist, und zusätzlich auch noch sie gefährdet? Jim Moriarty ist kein gewöhnlicher Krimineller. Er ist der gefährlichste kriminelle Verstand das Jahrhunderts, er ist geisteskrank, und er wird nicht aufhören, Sherlock in irgendeiner Art und Weise zerstören zu wollen, bis er erfolgreich war oder er wirklich tot ist. Sagen Sie mir, Molly: Wie geht es Ihrem Rücken?"
Molly wich zurück. Er nickte sachte.
,,Moriarty hätte sie ohne weiteres töten können, oder sie weitaus schlimmer verletzen. Im Moment interessiert er sich nicht für Sie, aber das könnte sich ändern. Ich könnte Ihnen helfen, Molly. Eine Beurlaubung arrangieren, sie aus dem Land schaffen und an einem sicheren Ort unterbringen, bis Moriarty gefunden worden ist. Erzählen Sie mir nicht, dass sie niemals Angst gehabt haben, oder von Fragen und Zweifeln geplagt waren."
Molly kämpfte gegen ihr Zittern an. ,,Das habe ich. Aber ich werde Sherlock nicht verlassen."
,,Bemerkenswert." Mycroft studierte sie neugierig. ,,Sie zeichnen sich durch dieselbe blinde Hingabe aus wie John Watson. Es besteht kein Zweifel daran, dass die charakterliche Ähnlichkeit einen großen Teil Ihrer Anziehungskraft auf ihm ausmacht. Also. Sie stehen Sherlock bei, egal was kommen mag? Sogar wenn sie sterben sollten? Bedeutet er Ihnen wirklich soviel, Molly? Ist Ihre ...Liebe...stark genug?"
Molly nahm einen langsamen, tiefen Atemzug. Dann ging sie auf ihn zu, bis sie nur noch zwei Fuß von Mycroft entfernt war.
,,Ist meine Liebe stark genug? Ich habe meine Karriere für ihn riskiert. Ich habe seinen besten Freund angelogen. Ich habe beinahe ein Jahr die Last und die Schuld auf meinen Schultern getragen, zu wissen, dass er noch immer am Leben war, um ihn zu schützen. Ich würde alles tun, um ihm zu helfen. Ich würde für ihn brennen. Ich würde für ihn sterben."
Mycroft blinzelte.
,,Da haben Sie die Antwort auf Ihre Frage. Ja. Meine Liebe für Sherlock ist stark genug. Ihre Worte können daran nichts ändern, nicht Moriarty, weder die Zeit noch der Tod."
Mycroft starrte sie an, als wäre sie ein Rätsel, das er zu lösen versuchte. Dann nickte er beinahe, fast unmerklich.
,,Nun dann. Es scheint, es bleibt mir nichts anderes übrig als...Ihnen Glück zu wünschen. Ich kann Ihre Hingabe nicht nachvollziehen und Ihre Liebe für ihn verblüfft mich. Sie haben ein reines Herz, Molly. Und gleichgültig, was Sie jetzt über mich denken mögen, bitte seien Sie sich dessen bewusst, dass alles, was ich tue, der Vernunft wegen ist. Ich hoffe aufrichtig das Beste für Sie, was auch immer die Zukunft mit meinem Bruder für Sie bereit hält."
,,Danke." schaffte Molly es zu sagen.
,,Guten Tag, Doktor Hooper." sagte Mycroft verhalten, und mit einem letzten Nicken wandte er sich ab und ging davon.
Sherlock sprang aus dem Taxi und schlug die Tür zu. Er stürmte die Treppen des St. Barts hoch gerade noch rechtzeitig um fast mit seinem Bruder zusammen zu stoßen, als dieser das Gebäude verließ.
,,Was zur Hölle hast du getan?"verlangte Sherlock zu wissen.
,,Im Wagen, bitte." sagte Mycroft und nickte in Richtung seines Gefährts.
Sobald sie im Wagen saßen und die Türen geschlossen waren, wandte Sherlock sich ihm zu.
,,Was zur Hölle hast du zu ihr gesagt, Mycroft? Hast du versucht sie vor mir zu warnen? Ihr zu erzählen, dass sie in Gefahr ist und dass ich nur ihr Herz brechen werde?"
,,Ja." sagte Mycroft ruhig. ,,Was hast du mit ihr gemacht?"
Sherlock sah ihn düster an. ,,Was meinst du?"
,,Was ich meine ist, dass Molly Hooper nicht länger dieselbe Frau ist, die sie vor einem Jahr war. Sie legt eine Willensstärke und ein Ausmaß an Grimmigkeit an den Tag, die ich ihr kaum zugetraut hätte. Sie hat sich von einer Maus zu einen Löwen gewandelt. Etwas hat sie verändert, hat sie dazu gebracht, mehr von dem zu werden, was sie wohl schon immer zu sein in der Lage war. Es braucht nicht viel, um zu deduzieren, dass dieses ,Etwas` du bist."
Sherlock grinste. ,,Willst du mir damit sagen, dass du sie unterschätzt hast?"
,,Ein wenig." gestand Mycroft widerwillig. ,,Also, anscheinend planst du ihr die zweifelhafte Ehre zu erweisen, dir deine Jungfräulichkeit zu nehmen. Bist du dir dessen sicher? Sex ist eine Grenze, die man, wenn sie einmal überschritten ist, hinterher nicht wieder zurechtrücken kann, Sherlock."
,,Warum denkst du, dass ich mir dessen nicht bewusst bin?" schnappte Sherlock. ,,Ja, ich bin mir sicher."
,,Sehr gut. Nimm das hier." Mycroft überreichte ihm eine Schachtel.
Sherlock sah ihn ungläubig an. ,,Kondome? Mycroft, denkt du wirklich -."
,,Nimm sie." bestand Mycroft ,,Du wirst Schutz brauchen, Sherlock."
Sherlock hielt inne, nickte dann, nicht so dumm, sich auf einen Streit einzulassen. ,,Danke?" fragte er trocken.
,,Ich denke, ich kann ein ,,Bitte sehr" zurückgeben. Nun. Ich habe Angelegenheiten, die auf mich warten, und du musst jetzt wohl das Kama Sutra lesen oder einen Film wie ,,Der letzte Tango in Paris" gucken. Soll ich dich nun also deinen anzüglichen Lehrstunden überlassen? Pass auf dich auf, Bruder. Ich bin brennend daran interessiert, was du über Sex denkst, wenn du ihn erst einmal hattest."
,,Da bin ich mir sicher." sagte Sherlock mit einem angespannten Lächeln. ,,Mach's gut, Mycroft."
Sherlock stieg aus dem Taxi. Anstatt das St. Barts zu verlassen, ging er hinein und steuerte auf die Treppe zu. Er wollte die Mycroft-Unterhaltung mit Molly jetzt führen und nicht später am Abend.
Tbc...
Sakurajima: Tja, ein wenig Johnlock sind sie halt immer. Egal ob freundschaftlich oder mehr, sie sind so ein süßes Paar:) Ich danke dir für deine Kommies:)
Ich habe mal eine Frage: Ist das Siezen zwischen Sherlock und John übertrieben? Oder findet ihr es passend, dass Sherlock seinen besten Freund noch immer auf diese Weise anredet, nach allem, was sie durchgestanden haben?
