1. August 1918
No. 15 Ambulance Train, Frankreich
Just a little prayer
„Schwester!", ruft eine laute Stimme durch den Waggon.
Ich streiche ungeduldig meinen Schleier zurück und werfe einen prüfenden Blick hinab zu dem Gefreiten, dem ich soeben Schmerzmittel verabreicht habe. Gerade für die Patienten mit Knochenbrüchen oder offenen Wunden sind die ruckligen Zugfahrten eine ziemliche Qual.
„Kommst du jetzt klar?", vergewissere ich mich.
Er nickt, bemüht sich um ein Lächeln. „Natürlich, Ma'am. Gehen Sie nur", versichert er und obwohl ich es bedauere, ihn so plötzlich verlassen zu müssen, greife ich nach meiner Lampe und wende mich um zu der Stimme, die gerufen hat. Hier im Zug reicht die Zeit einfach niemals, um all das zu tun, was eigentlich getan werden müsste, umso weniger in den letzten zwei Wochen.
Es war Mitte Juli als die Nachricht uns erreicht hat. Zuerst nur ein unheilvolles Wispern, aus dem die Schlagezeilen der Zeitungen schließlich eine druckergeschwärzte Wahrheit gemacht haben. Eine neue deutsche Offensive hatte den Feind über die Marne getragen. Ausgerechnet die Marne, diese magische Grenze, von der sie sagen, dass sie niemals aufgegeben werden kann, wenn Paris gehalten werden soll.
Drei unendliche Tage lang haben wir in Sorge gen Osten geblickt. Und dann – ja, dann hat die Geschichte sich wiederholt. Dem ersten Wunder an der Marne ist, fast genau vier Jahre später, ein zweites Wunder gefolgt. Französische und amerikanische Soldaten haben sich zum Gegenangriff gesammelt und die Deutschen zurück an das andere Ufer geworfen. Nicht nur das, sie haben weiter voran gekämpft und jetzt, zwei Wochen später, sieht es so aus, als würde es ihnen gelingen, die Front zwischen Soisson und Reims zu stabilisieren. ‚Den Frontbogen begradigen', wie es im Militärjargon heißt.
Die Gebiete, die die Deutschen bei den Kämpfen im Mai erobert haben, befinden sich zum großen Teil wieder in alliierter Hand und nach vier Monaten der schlechten und noch schlechteren Nachrichten ist das ein erster, zaghafter Hoffnungsschimmer. Selbst Miller hat widerwillig gelächelt, als die Nachrichten uns erreicht haben, aber wir sind dennoch vorsichtig. In der Vergangenheit hat der Feind allzu oft bewiesen, dass er immer noch einen neuen Trick auf Lager hat.
Was immer die Landgewinne zwischen Marne und Vesle jedoch langfristig bedeuten werden, für uns hat es in erster Linie dazu geführt, dass wir von unseren Fahrten zwischen den Küsten-Krankenhäusern abgezogen und in den Süden geschickt wurden, näher heran an die Kämpfe. In den vergangenen Tagen haben wir fast ausschließlich Patienten von den frontnahen Lazaretten in Sézanne nach Rouen gebracht und heute haben wir in Senlis eingeladen, einer kleinen Stadt mitten im Chantilly-Wald, keine 35 Meilen entfernt von den Ufern der Marne.
Kurz gesagt: ich bin genau dort, wo Ken mich tunlichst nicht haben wollte.
Er und die anderen Kanadier hatten mit den Kämpfen allerdings wenig zu tun. Sie halten immer noch die ihnen so bekannte Frontlinie bei Arras, wo es diese ganzen schrecklichen letzten Monate lang ungewöhnlich ruhig gewesen ist. In Konsequenz hat das kanadische Korps an keinem großen Kampf mehr teilgenommen, seitdem sie Passchendaele eingenommen haben. Und obwohl ich dafür natürlich dankbar bin, so frage ich mich doch, wann der Tag kommen wird, an dem ein britischer General sich daran erinnert, dass er neben den durch das Frühjahr gebeutelten englischen Einheiten noch die kanadischen Divisionen hat – erfahren, kampfstark, ausgeruht und gut trainiert.
Es ist ein Jahr her, seitdem die große Schlacht bei Ypern begonnen hat. Damals haben sie die Kanadier geholt, um es zu Ende zu bringen. Jetzt dagegen scheinen sie geradezu prädestiniert dazu, es zu beginnen – wann und wo immer es am Ende stattfinden wird.
„Schwester!", erklingt es erneut durch den Waggon, dringlicher dieses Mal.
Ich wische mir die Hände an der Schürze ab, halte mich kurz an einem Bettgestell fest als der Zucke ruckelnd eine Kurve umfährt, und hangele mich dann hinüber in die Ecke, aus der der Ruf gekommen ist.
„Was ist los?", frage ich, als ich angekommen bin.
Der Mann, der gerufen zu haben scheint, nickt hinüber zu seinem Sitznachbarn. „Geht ihm nicht gut", informiert er mich knapp.
Ich hebe meine Lampe, schwenke sie in Richtung des anderen Mannes. Es muss irgendwann zwischen zwei und drei Uhr morgens sein und bis auf die Lichtscheine der wenigen Lampen ist es finster im Wagen.
Für den jungen Mann, auf dessen Gesicht ich die Lampe jetzt richte, macht es jedoch offenbar so oder so keinen Unterschied. Ein dicker Verband ist um seinen Kopf gewickelt, verbirgt beide Augen. Als das Licht auf ihn fällt, macht er keine Anstalten, die erkennen lassen würden, dass er des Lichtscheins gewahr ist.
„Hallo", spreche ich ihn vorsichtig an, „wie heißt du denn?" Das Prozedere besagt, dass wir ihre Namen nicht zu wissen brauchen, aber ich kenne kaum eine Krankenschwester, die sich daran hält. Namen helfen.
Ruckartig hebt der Junge den Kopf, bewegt ihn suchend hin und her, als könne er dadurch etwas erkennen. Als er bemerkt, dass das nicht hilft, lässt er den Kopf wieder hängen, verbirgt das Gesicht in den Händen.
Ich hebe die Lampe noch etwas höher, sehe mich im Waggon nach einem unbesetzten Sitz um. Wir haben fast 400 Patienten an Bord, entsprechend voll ist es, aber schließlich erkenne ich noch eine leere Stelle. „Kannst du dich dort drüben hinsetzen, geht das?", frage ich dann den Sitznachbarn des Jungen und deute auf den freien Platz drei Sitzliegen weiter hinten.
„Hm, klar doch", brummt der Mann zur Antwort, erhebt sich schwerfällig und humpelt langsam davon.
Ich setze mich auf den so frei gewordenen Platz, hänge die Lampe neben mir ein, berühre dann den Jungen mit der Augenbinde sanft am Arm. Er zuckt zusammen, dreht mir in einer Reflexreaktion das Gesicht zu.
„Hallo", wiederhole ich freundlich, „möchtest du mir sagen, wie du heißt?"
„Paddy", murmelt er mit belegter Stimme, „Paddy O'Mulligan." Sein Akzent würde ihn als Iren verraten, wenn sein Name es nicht schon getan hätte.
„Hallo Paddy. Ich bin Schwester Blythe", stelle ich mich ebenfalls vor. Normalerweise würde ich ihn mit seinem Nachnamen ansprechen, das machen wir so bei unseren Patienten, aber immer mal wieder begegnet man einem von ihnen, bei dem man ahnt, dass er kein Nachname sein will. Sie sind meistens sehr jung und fast immer sehr hilflos.
„'N Abend Schwester", grüßt Paddy artig. Immer noch schwingt sein Kopf leicht umher, als würde er verzweifelt nach einer Möglichkeit suchen, nur endlich zu sehen.
Ich habe derweil seine Patientenkarte entdeckt. „Wenn das in Ordnung jetzt, werde ich jetzt die Karte ansehen, die an deinem Kragen feststeckt, ja?", kündige ich meine nächste Handlung an. Paddy nickt schweigend.
Als ich die Informationen überfliege, die in verschiedenen Handschriften auf die Karte gekritzelt wurden, wird mein Herz schwer. Ein Granatsplitter hat seine beiden Augen verletzt. Eines haben sie noch in der CCS herausoperiert, ob der andere Augapfel noch zu retten ist, scheint noch unklar, aber sehen wird er auch daraus nichts mehr. Sein Augenlicht, in jedem Fall, ist unwiederbringlich verloren.
„Ist es schlimm, Schwester?", fragt Paddy leise. Ich sehe von der Karte hoch, in sein halb verbundenes Gesicht und weiß nicht, was ich sagen soll. Ich habe Männern gesagt, dass sie nie wieder laufen werden, habe gar manch einem von ihm eröffnet, dass er sterben wird, aber das hier… Ich habe keine Ahnung, wie ich ihm das hier sagen soll.
Paddy deutet mein Schweigen jedoch von ganz alleine. „Schon gut, Schwester. Ich habe mir schon gedacht, dass es schlimm ist", versichert er. Und dann, unerklärlicherweise, sehe ich, wie er um ein Lächeln kämpft. Schwach und wankend und zitternd wie es ist, ist es doch ein Lächeln.
Ich schlucke schwer, aber der Kloß in meinem Hals sitzt fest.
Das schlimmste, das aller-aller-schlimmste, ist zu sehen, wie tapfer sie sind. Selbst dann noch, wenn ich weinen und schreien und Walters Gott verfluchen möchte, finden sie von irgendwo die Kraft für ein Lächeln, für ein höfliches Wort, für eine hoffnungsvolle Bitte. Es gibt nichts auf dieser Welt, dass einen so sehr Demut lehrt, wie der Anblick dieser wunderbaren, tragischen, tapferen Jungen.
„Wissen Sie, Schwester, ich glaube, es würde mir nicht so viel ausmachen, wenn es nicht so schrecklich dunkel wäre", fährt Paddy fort, „wenn ich nur ein klitzekleines Licht hätte, dann wäre es nicht ganz so schwer." Seine Stimme zittert und seine Hände krampfen sich ineinander, aber er hält das Lächeln auf den Lippen und das Kinn erhoben.
„Dann wirst du das Licht in dir selbst finden müssen, Paddy O'Mulligan", erwidere ich mit belegter Stimme. Einem Impuls folgend hebe ich die Hand und streiche mit den Fingerspitzen kurz über die Stelle, hinter der sein Herz schlägt.
Als meine Hand wieder hinabsinkt, hebt Paddy die seine und berührt die gleiche Stelle. Es ist schwer zu sagen, aber er wirkt nachdenklich. Ein kurzes Zögern entsteht, dann fragt er: „Glauben Sie, dort ist ein Licht, Schwester? Ich war nicht immer… gut, müssen Sie wissen."
„Das ist niemand. Was zählt, ist, dass wir es versuchen", antworte ich leise, „und was dich angeht… ich bin mir sicher, dass dort ein Licht ist." Und das bin ich wirklich. Ich bin mir wirklich, wirklich sicher.
Paddy nickt langsam. „Dann will ich es auch glauben", entgegnet er und es klingt wie ein Schwur.
Für einen Moment betrachte ich ihn und der Hals wird mir eng. Er glaubt, weil er mir glaubt. Und dabei habe ich seinen Glauben doch gar nicht verdient.
„Darf ich… darf ich Sie etwas fragen, Schwester?", kommt es nach einigen Augenblicken zögernd von Paddy.
Ich nicke, bevor ich mich erinnere, dass er das niemals mehr wird sehen können. „Natürlich darfst du", antworte ich also.
Eine weitere Pause entsteht, bevor Paddy den Mut aufbringt um zu fragen: „Sie haben sicher einen Liebsten, oder?"
„Ja", erwidere ich schlicht. Wenn Paddy mich nicht vorher schon völlig aufgewühlt hat, so bringt spätestens der Gedanke an Ken mich um den Rest meiner Fassung. Ich balle die Hand zur Faust, grabe die Fingernägel in die Handfläche. Der Schmerz hilft etwas.
„Wenn… ihr Liebster so zurückkommen würde… also, so wie ich… würden sie ihn dann noch lieben?", fährt Paddy stockend fort.
Dann, bevor ich eine Möglichkeit zur Antwort habe, dreht er sich ruckartig weg, birgt das Gesicht in den Händen. „Tut mir Leid, Schwester", murmelt er durch seine Finger, „ich sollte Sie das nicht fragen. Es ist unschicklich. Bitte vergessen Sie es!"
Ich öffne meine Fäuste. Vorsichtig strecke ich dann die Hände aus, löse sanft Paddys Griff und drehe sein Gesicht wieder zu mir herum. „Ich weiß gar nicht, wie es geht, ihn nicht zu lieben", gestehe ich dann.
Sein Kopf bewegt sich zweimal ganz leicht hin und her und ich weiß, dass er gerne mein Gesicht sehen würde, um zu erkennen, ob ich meine Worte wirklich so meine wie ich sie sage. Stattdessen drücke ich kurz seine Hand. Eine andere Versicherung habe ich nicht für ihn.
Ein kleines, dankbares Lächeln zuckt durch Paddys Gesicht. „Aber Ihr Liebster… würde er nicht vielleicht Schuldgefühle haben? Würde er nicht wollen, dass Sie einen anderen Mann finden, der Ihnen mehr bieten kann?", fragt er dann weiter. Immer noch ist er zögerlich, aber das liegt nicht mehr an der Sorge um die Schicklichkeit des Gesprächs, sondern daran, dass Paddy O'Mulligan gerade seine innersten Ängste nach außen kehrt.
„Das würde er sogar ganz sicher wollen. Er ist nämlich manchmal ein ziemlicher Dummkopf", antworte ich und entlocke Paddy damit ein weiteres Lächeln.
„Aber weißt du, ich würde das nicht zulassen und die meisten Frauen, die ich kenne, würden das auch nicht tun", fahre ich dann mit leiser, aber fester Stimme fort, „wenn man jemanden liebt, dann liebt man ihn wie er ist, und wenn er sich verändert, dann liebt man ihn eben so. Und nun weiß ich, dass ihr Soldaten gerne tapfer und ritterlich und edelmütig seid, aber ihr müsst auch lernen, uns holden Maiden manchmal zu vertrauen. In der Regel wissen wir ganz gut selbst, was wir wollen."
„Das weiß ich!", nickt Paddy mit plötzlicher Inbrunst, „mein Vater hat schon immer gesagt, dass es gar nichts bringt, mit einer Frau zu diskutieren. Sie kriegt am Ende doch immer ihren Willen. Und mein Vater hatte Recht."
Ein Lächeln stiehlt sich bei seinen Worten auch auf meine Lippen. „Na siehst du? Dann vertrau ihr einfach. Denn wenn sie dich wirklich liebt, wird sie einfach nur froh sein, dich zurückzuhaben", verspreche ich ihm.
Paddy nickt langsam, dann immer überzeugter. Und ich sitze neben ihm und halte seine klamme Hand und flehe im Stillen, dass ich Recht behalten mag, dass seine unbekannte Liebste ihn tatsächlich genug liebt, um ihn weiterhin lieben zu können. Denn er wäre nicht der erste Soldat, dem der Krieg die Freundin raubt und vielleicht ist es nicht richtig, dass ich ihm Hoffnung mache. Aber andererseits… vielleicht ist es auch eine Wahrheit für eine andere Stunde. Eine Stunde, die weniger düster und bedrückend ist als diese hier. Eine Stunde mit mehr Licht.
„Nun, Molly hat immer gesagt, es gefällt ihr, wenn ich singe", gibt Paddy zögerlich zu, „und ich muss nicht sehen können, um zu singen, oder Ma'am?"
„Das musst du gewiss nicht", versichere ich sanft. Ein Augenblick, dann füge ich hinzu: „Würdest du denn auch für mich singen, wenn ich dich darum bitte?"
Paddy dreht den Kopf, als wolle er sich im Waggon umsehen. „Aber werden den anderen nicht lachen?", fragt er mit gedämpfter Stimme.
„Oh, das sollen sie mal wagen!", entgegne ich in meiner strengsten Schwesternstimme und Paddy lacht leise.
„Dann will ich für Sie singen", erwidert er mit einem entschiedenen Nicken.
Ein Augenblick vergeht, in dem Paddy sich zu sammeln scheint. Als er dann die Stimme hebt, klingt sie klar und leuchtend durch die Dunkelheit.
Siúil, siúil, siúil a rún
Siúil go sochair agus siúil go ciúin
Siúil go doras agus éalaigh liom
Is go dté tú mo mhúirnín slán.
Ich verstehe die gälischen Laute nicht, aber der Klang der Worte und der Klang seiner Stimme sind genug, um mir eine Gänsehaut über den Rücken laufen zu lassen. Und einer nach dem anderen verstummen auch die anderen Männer. Bevor Paddy die zweite Strophe erreicht, sind sie mucksmäuschenstill. Seine Stimme ist der einzige Laut, der den Wagen erfüllt.
Als er schließlich endet, herrscht für einen Moment absolute Stille. Ich drücke Paddys Hand, wische mir mit der anderen eine verstohlene Träne aus den Augen. „Danke", flüstere ich.
Ein Lächeln erblüht auf Paddys Gesicht. „Mochten Sie es?", fragt er eifrig.
„Es war wunderschön", erwidere ich wahrheitsgemäß.
„Es ist eines meines Lieblingslieder. Es handelt von einer Frau, deren Liebster nach Frankreich in den Kriegt zieht, und die verspricht, auf ihn zu warten", erklärt Paddy.
Wie passend.
Ich schlucke.
„Die Worte… was bedeuten sie?", frage ich zögernd.
Paddy legt nachdenklich den Kopf schief, bevor er zu einer Übersetzung anhebt.
Geh, geh, geh, mein Liebster,
Gehe leise und in Frieden
Gehe zur Tür und fliehe mit mir,
Auf dass du sicher gehen magst, mein Liebling.
Es klingt wie ein Abschied für immer.
Ich will etwas sagen, traue aber meiner Stimme nicht mehr. Also drücke ich noch einmal Paddys Hand und hoffe, dass er versteht. Ein Augenblick, dann erwidert er den Druck.
Ein oder zwei Sekunden vergehen in Stille. Umso lauter klingt der Knall, der plötzlich darauf folgt. Abrupt fahre ich herum.
Einer meiner Orderlies steht in der Tür, die zu meinem zweiten Stationswagen führt, und lässt hektisch den Blick schweifen. „Schwester Blythe?", ruft er halblaut, „kommen Sie schnell!"
Sofort bin ich auf den Beinen, drehe mich jedoch noch ein letztes Mal zu Paddy um. „Versprichst du mir, nicht das Vertrauen zu verlieren?", bitte ich mit belegter Stimme.
Paddy schüttelt den Kopf. „Tu' ich nicht, Ma'am", verspricht er, „haben Sie vielen Dank. Und… und Gott schütze Sie."
Rasch berühre ich zum Abschied seine Schulter, greife nach meiner Lampe und wende mich dann endgültig ab. Doch während ich bereits durch den Mittelgang des Waggons eile, auf den ungeduldig wartenden Orderly zu, schicke auch ich ein Stoßgebet an welche Macht auch immer, dass sie diesen tapferen kleinen Iren schützen mag.
Mein Orderly hält mir bereits die Zwischentür auf, als ich ihn erreiche und es ist der unruhige, hektische Blick in seinen Augen, der mir vorwarnt, was mich dahinter erwarten wird. Ich nehme mir eine Sekunde, um mich zu sammeln und das merkwürdige Gefühl zu vertreiben, das Paddy und sein gälisches Lied hinterlassen haben. Als ich mich wieder unter Kontrolle habe, husche an dem Orderly vorbei, klettere über den Verbindungssteg und betrete Sekunden später den zweiten Waggon.
Es ist hier nicht heller als drüben, aber ich sehe sofort, dass in der Mitte des Wagens Unruhe herrscht. Als ich dort angekommen bin, reicht mir ein schneller Blick, um mir ein Bild über die Situation zu machen.
Ein junger englischer Gefreiter liegt auf der mittleren Liege, das Gesicht fahl im schwachen Lichtkegel der Lampe, die Uniform dunkel und fleckig. Neben ihm steht ein weiterer junger Mann, umklammert die Hand des anderen und sieht aus panisch aufgerissenen Augen auf ihn hinab. Es braucht einige Sekunden, bis er mich bemerkt und seinen verzweifelten Blick auf mich richtet. „Schwester, bitte helfen Sie ihm", presst er hervor.
„Hol' Dr. Hunter", murmele ich dem Orderly zu, der augenblicklich mit dem Dunkel des Waggons verschmilzt.
Den nervös von einem Fuß auf den anderen tretenden Soldaten neben mir für den Moment ignorierend, beuge ich mich näher über den Patienten. Mit mittlerweile routiniertem Blick und geübten Fingern untersuche ich ihn rasch.
Der andere Mann macht ein ersticktes Geräusch. Ich bin mir seines brennenden Blickes sehr bewusst. „Seid ihr Freunde?", frage ich ihn, ohne mich umzudrehen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es ihnen hilft, wenn sie reden können. Sie verlieren dann nicht so schnell die Nerven.
„Brüder, Ma'am", antwortet der Mann. Wieder ein Geräusch. Es klingt wie ein Schluchzen.
Das Blut tritt aus einer Wunde am Unterleib aus. Ich fühle mit der Hand vorsichtig nach und spüre mehr Nässe als mir lieb sein kann. Ich bin mir sicher, dass nur die Dunkelheit verbirgt, gar wie schnell es aus dem Mann herausrinnt.
„Wer ist älter?", richte ich die nächste Frage an seinen Bruder. Es ist egal, was ich sage, solange ich ihn nur am Reden halte.
„Er ist zwei Jahre älter als ich", kommt nach kurzem Zögern die Antwort, „aber wir haben immer alles gemeinsam gemacht."
Ich leuchte dem Patienten ins Gesicht. Er kann nicht viel älter als zwanzig sein. Die Blässe seiner Haut ist wächsern. Ein grauer Schleier hat sich bereits über seine Züge gelegt. Er ist noch nicht tot, aber er sieht bereits so aus. Auch seine Haut ist schon kühl.
„Erzähl mir von ihm", bitte ich den Bruder, höre jedoch nur mit halbem Ohr auf seine Worte. Meine Konzentration liegt bei meinem Patienten.
Ein hörbares Schlucken, dann beginnt der jüngere Bruder stockend zu erzählen: „Wir haben uns zusammen zur Armee gemeldet. Pete hat auf mich gewartet. Er hat immer auf mich aufgepasst. Wir sind noch nicht lange hier draußen. Ich dachte nicht, dass es so sein würde, aber Pete hat gesagt, wir müssen es einfach hinter uns bringen. Ich habe versucht, tapfer zu sein." Er zieht schniefend die Nase hoch.
Puls zu schwach, Atem zu flach.
„Bestimmt warst du tapfer", versichere ich dem Bruder abwesend, während ich gleichzeitig ich die Decke vom Fußende der Liege nach oben ziehe. Ich balle sie zu einem festen Knäuel zusammen, drücke sie hinab auf den Unterleib des armen Pete, halte sie mit einer Hand fest. Mit der anderen Hand greife ich nach unten, taste blind nach der Decke des Patienten darunter. Sekunden vergehen, dann spüre ich, wie er mir den Stoff zwischen die Finger schiebt.
„Danke", murmele ich nach unten.
Der Bruder bewegt ruckartig den Kopf und ich sehe kurz zu ihm hinüber, während ich die zweite Decke ebenfalls auf die Wunde presse. In seinen Augen spiegelt sich Panik.
„Was ist dann passiert?", frage ich. Ich muss ihn bei mir behalten.
„Wir mussten angreifen", stammelt er, „Pete hat gesagt, ich soll bei ihm bleiben. Ich – ich weiß auch nicht, was dann passiert ist. Es war so laut und dann lag ich auf dem Boden und es tat so weh. Pete ist bei mir geblieben, bis ein Sanitäter kam und dann ist er weiter bei mir geblieben. Nur – nur, als der Sanitäter fertig war, ist Pete plötzlich umgekippt und… er hat ganz schrecklich geblutet, Ma'am. Der Sanitäter hat ihn aber verbunden und Pete hat gesagt, dass alles gut wird. Er hat gesagt, wir bleiben zusammen. Er hat es versprochen!" Seine Stimme hebt sich in seiner Verzweiflung. Ein Schluchzen, dann noch eins.
Irgendwie bin ich mir sicher, dass Pete noch nie ein Versprechen an seinen kleinen Bruder gebrochen hat. Mit ebensolcher Sicherheit weiß ich jedoch, dass er dieses letzte Versprechen nicht wird halten können.
Mein Blick huscht hinüber zu Petes Gesicht und ich zucke unwillkürlich zusammen, als ich in müde, dunkle Augen sehe. Ich dachte nicht, dass er noch bei Bewusstsein ist. Er begegnet meinem Blick, hält ihn für einen Moment fest. Ich sehe Resignation, Trauer, aber auch Akzeptanz. Pete weiß, dass er sterben muss. Vielleicht wusste er es schon in dem Moment, als er den Sanitäter dazu gebracht hat, erst seinen Bruder zu versorgen.
Er hat, selbst ganz am Ende, immer noch auf seinen kleinen Bruder aufgepasst und dafür wird er den höchsten Preis zahlen. Er sieht nicht so aus, als würde er das bereuen.
„Du bist einfach mal wieder zu langsam, Olli", murmelt Pete mit rauer, kaum verständlicher Stimme, „ich habe schon wieder gewonnen." Unter sichtbarer Anstrengung verzieht er den Mund zu einem Grinsen.
Olli macht eine Handbewegung, als wolle er ihn festhalten, aber da verkrampft sich Petes Körper auch schon. Ein plötzlicher Blutschwall durchtränkt die Decke unter meinen Händen. Pete verdreht die Augen, sein Oberkörper zuckt hoch, fällt herab. Ein Aufkeuchen, dann liegt er still. Auf seinen Lippen liegt immer noch das Grinsen.
Auf dass du sicher gehen magst, mein Liebling.
Für mehrere Augenblick wirkt Olli wie eingefroren, starrt mit aufgerissenen Augen auf seinen Bruder hinab, der bei ihm hätte bleiben sollen und ihn doch verlassen hat. Ich sehe zu ihm hinüber, seufze lautlos, während ich meine krampfenden Hände von den Decken löse. Abrupt dreht Olli den Kopf, sieht meine blutbeschmierten Hände im Schein der Lampe und das löst seine Starre.
Ein Geräusch wird seiner Kehle entrissen, von dem ich nicht wusste, dass ein Mensch dazu fähig ist. Es geht mir bis ins Mark. Dann, sehr plötzlich, wirft Olli sich nach vorne, hin zum Körper seines Bruders. Reflexhaft strecke ich die Arme aus, will ihn aufhalten, aber da wird er schon zurückgezogen. Ich hebe den Blick, erkenne Dr. Hunter, der den tobenden Olli mit mehr Kraft festhält, als ich ihm zugetraut hätte.
Dr. Hunter sieht an Olli vorbei, nimmt die Situation in sich auf. Dann begegnen seine Augen meinen und er nickt, ganz ruhig, ganz sachlich. Ich weiß, dass er mir sagen will, dass ich alles menschenmögliche getan habe. Und dennoch fühlt es sich nicht so an. Mehr mag nicht möglich gewesen sein, und doch ist es nicht genug.
„Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen", murmelt Dr. Hunter leise, als er bekümmert auf Petes Gesicht hinab sieht.
Gelobet sei der Name des Herrn.
Ich glaube, mir wird schlecht.
Olli schlägt die Hände vor das Gesicht. Die Spannung verlässt seinen Körper. Dr. Hunter lässt ihn vorsichtig los. Er wehrt sich nicht. Er hat keine Kraft mehr. Ein Wimmer erklingt, dass sich zu einem verzweifelten Schluchzen steigert.
Ich trete einen Schritt näher an ihn heran, dann noch einen. Behutsam schiebe ich die Arme um seinen zitternden Körper, ziehe seinen Kopf hinab auf meine Schulter, halte ihn fest, lasse ihn weinen. An meinen Händen klebt immer noch das Blut seines toten Bruders.
Im Zugfenster spiegelt sich unser Abbild. Dahinter ist ein dunkles, bodenloses, scheinbar nie enden wollendes Nichts. Mit einem Mal macht es mir Angst.
Wann wird nur diese Nacht endlich vorüber sein?
Der Titel dieses Kapitels ist dem Lied „A mother's prayer for her boy out there" aus dem Jahr 1918 entnommen (Text von Andrew B. Sterling, Musik von Arthur Lange).
Das Lied „Siúil A Rúin" ist ein gälisches Volkslied, möglicherweise aus dem 19. Jahrhundert.
Die Bibelstelle entstammt dem Buch Hiob, Kapitel 1, Vers 21.
