zu ihr

Rasch steckte er die Schriftrolle in den Beutel an seinem Gürtel.

Dann gab der Boden unter ihm nach.

Kurtis stürzte in tiefe Finsternis und Schwärze, doch nicht lange, denn dann spürte er, wie eiskaltes Wasser ihn umgab.

Das Licht seiner Taschenlampe leuchtete schwach in der Dunkelheit, doch Kurtis realisierte, was geschehen war und schwamm nach oben.

Er durchstieß die Oberfläche und atmete den Sauerstoff ein.

Es wunderte ihn kaum, das hier Wasser war, denn irgendwo musste sich das Wasser ja ansammeln, das von der Decke gerieselt war.

Er mochte sich auch gar nicht ausmalen, wie tief es unter ihm war und was geschehen wäre, wenn kein Wasser da gewesen wäre.

,,Kurtis? Alles klar?´´

fragte Alister.

,,Ja…´´ begann Kurtis und verstummte, als er ein erneutes Krachen hörte.

Es kam von unten.

…Was zum…?…

Er konnte nicht weiter denken, denn plötzlich spürte er einen kräftigen Sog im Wasser.

Kurtis konnte gerade noch einmal Luft schnappen, als er in einem heftig kreisenden Strudel in die Tiefe gezogen wurde…

Nichts ging mehr.

Er konnte nicht atmen.

Er versuchte gegen die Strömung zu schwimmen, doch hatte völlig die Orientierung verloren.

Er konnte an nichts richtiges denken und dennoch wusste er, das es bald ein Ende haben würde, wenn nicht ein Wunder passierte.

Man sagt ja, es würde das Leben an einem vorbeiziehen, wenn man dabei ist zu sterben, doch in seinem Fall war das ganz anders.

Die Luft in seinen Lungen wurde knapp und das spürte er.

Doch konnte er nur noch an das eine denken.

Ihr Gesicht.

Er sah es förmlich vor sich und wollte nicht wahr haben, das er sie, jene die er über alles liebte, nie wieder erblicken soll. Das versetzte ihm, zu allem anderen, noch einen tiefen Stich ins Herz.

Dann wurde alles schwarz um ihn herum und seine Sinne schweiften davon…

,,Kurtis?…´´ Aliser rief seit einiger Zeit immer wieder seinen Namen, ,,…Kuris?!…Mensch, wo bist du denn?´´

Langsam wurde es heller um ihn herum und er hörte Stimmen.

,,Junge…bitte antworte doch!´´

flehte Marie in sein Ohr.

…Jetzt höre ich schon Stimmen?…Scheiße dann ist es vorbei…

Doch dann realisierte er, das es überhaupt nicht die Stimmen von Engeln waren, die ihn fortragen wollten, sondern die Stimmen von Freunden.

Auch die Helligkeit verschwand, wieder in dunkle Finsternis. Eisige Finsternis, die ihm fast einen Schock versetzte.

Dann war er plötzlich hell wach und verspürte einen starken Hustenreiz.

Kurtis setzte sich abrupt auf und hustete das Wasser aus seinen Lungen.

Er schöpfte Atem.

Sogleich fragte er sich aber auch, was das eben gerade gewesen war.

Er wusste noch, das er im Strudel gefangen war, der in ihn die Tiefe gezogen hatte und er wusste, das es sich so angefühlt hatte, als würde er sterben. Doch dem war nicht so.

Er war quick lebendig.

Allerdings fragte er sich, wie das möglich gewesen war. Und er fragte sich, wo er war.

Die Taschenlampe an seinem Schulterriemen war aus, doch da sie sich ja selbst aufladete, schaltete er sie einfach ein.

Kurtis blickte sich um.

Er erkannte im schwachen Licht der Lampe, das er sich in einer unterirdischen Höhle befand. Sie war feucht und es tropfte von den Wänden und der Decke.

Als er zu seinen Füßen blickte, sah er einen etwa drei Meter breiten Bach an sich vorbei fließen. Seine Beine steckten noch im Wasser, deshalb war ihm auch so kalt gewesen.

Noch immer etwas perplex zog er die Füße an seinen Körper.

…Nah-Tot-Erfahrung…das hat man auch nicht alle Tage…

,,Kurtis alles klar bei dir, Mann?´´ rief Zip nun in sein Ohr.

Endlich gab Kurtis den anderen Antwort: ,,Ja, ich lebe noch und es geht mir gut.´´

,,Du hast uns ganz schön erschreckt.´´ meinte Marie dann erleichtert.

,,Glaubt´s mir, ich habe mich selbst erschreckt. Ich war wohl bewusstlos, was?´´ fragte Kurtis, als er sich langsam erhob.

Die Höhle war groß genug, um problemlos darin zu stehen. Sie war länglich und in der Richtung, in die der Fluss floss, ging es weiter.

,,Wir dachten es hätte dich erwischt.´´ sagte Alister.

,,Das dachte ich auch bis vor zwanzig Sekunden…´´ murmelte Kurtis und sah sich eingiebig um. Dann fragte er: ,,Wie und wo bin ich hier gelandet? Habt ihr eine Ahnung?´´

,,Wieso fragst du das? Du hast dich doch selbst noch ans Ufer gezogen, bis du bewusstlos wurdest.´´ erklärte Alister.

,,So? Wie lange war ich denn weg?´´

,,Etwa vierzig Minuten.´´

Kurtis wunderte sich.

Er konnte sich gar nicht mehr daran erinnern.

Schon komisch, was man alles vergisst, wenn an kurz vorm verrecken ist oder war. Aber ihr Gesicht konnte er einfach nicht vergessen.

Es kreiste noch in seinem Geiste herum.

,,…Strudel sich in einen Bach verwandelt und dich in die Höhle gespült. Klingelt da was?´´ es war Zips Stimme, die Kurtis wieder in die Realität rief.

,,Hm?…´´ begann er und fügte dann hinzu, ,,…Nein…aber ich lebe. Jetzt muss ich nur einen Weg hier raus finden. Denn zurück kann ich nicht.´´

Er leuchtete auf den kleine Bach, der doch mit starker Strömung floss. Dann beschloss er im Geiste, dem Bach zu folgen, denn irgendwo würde er sicher rauskommen.

,,Hast du die Schriftrolle noch?´´ fragte Alister.

Kurtis schaute sicherheitshalber in dem Beutel an seinem Gürtel nach, der neben seinem Chirugai hing, als er losging.

,,Ja ich habe sie. Sie ist noch nicht einmal nass geworden, obwohl ich vor Wasser nur so triefe.´´

,,Das sagte ich ja, sie kann nicht zerstört werden. Die Elemente sind ein Teil von ihr.´´

sagte Marie über Funk.

Kurtis ah sich die Schrift an: ,,Was ist denn das? Das ist weder Latein, noch irgend eine andere Sprache die ich kenne.´´

,,Es ist die Sprache der Alchemisten…´´ meldete sich Alister zu Wort, ,,…Nur angesehen Kreise der Alchemisten in früheren Jahrhunderten konnten und durften diese Sprach erlernen. Ich habe auch keine Ahnung, wie man die Worte ausspricht und um ehrlich zu sein will ich es auch nicht wissen, aber eins ist sicher…dieser Damian, der weiß es mit Sicherheit, weil sein Vater ja ein solch angesehener und mächtiger Alchemist war.´´

,,Ja nur, wird er dieses Ding hier, niemals zu Gesicht bekommen…´´ Kurtis steckte die Schrift wieder weg, ,,…denn ohne das hier kann er gar nichts ausrichten, egal wie viele Teile er besitzt.´´

Kurtis ging große Schritte.

Er wollte endlich hier raus. Ihm war zwar eiskalt, aber das war noch nebensächlich.

Irgendetwas war komisch und das spürte er.

Er fühlte es geradezu und er wusste, das etwas nicht stimmte. Er hatte das dumme Gefühl, das Lara ihn braucht.

,,Wie sieht es eigentlich bei Lara aus? Hat sie Sara schon gefunden?´´ fragte Kurtis dann, um sich zu beruhigen, denn wohl war ihm immer noch nicht, weil sie sich getrennt hatten.

,,Naja…eigentlich schon, ja…´´ drückte Alister herum, denn die drei wussten ja bereits bescheid.

,,Und weiter?…´´ entgegnete Kurtis, ,,…Sind sie schon draußen?´´

,,Nee…ich denke sie hat andere Probleme.´´ antwortete Zip.

,,Was für welche? Es geht ihr doch gut, oder?…´´ noch bevor jemand antworten konnte, sprach Kurtis weiter, ,,…Wieso bist du eigentlich hier in der Leitung? Solltest du nicht lieber Lara helfen?´´

,,Ja schon, wir haben da ein kleines Kommunikationsproblem.´´

,,Ach ja?…´´ Kurtis wurde beunruhigt, ,,…Spuckt es aus, Leute, was ist los?´´

Er hörte zweimal, fast gleichzeitig ein Seufzten.

,,Na gut…´´ begann Zip schließlich, ,,…Ja, Lara hat Sara gefunden, obwohl es eher umgekehrt war…Lara landete in einem Labyrinth aus Hecken in einem Innenhof der Burg, nachdem sie ja aus dem Fenster gestürzt war und plötzlich stand Sara vor ihr. Doch sie war anders. Sie war aggressiv und es wirkte so, als ob sie eine Gehirnwäsche bekommen hätte…Jedenfalls ist sie…naja, Sara ist auf Lara losgegangen…´´

,,Was?´´ entfuhr es Kurtis geschockt.erzählte Zip.

,,Ja, es war so, als ob die sie umgedreht hätten und sie sagte, sie würde Lara ihrem Meister ausliefern, der ihr dann die Kräft des Nephillim austreiben und sie töten wird. Klar, Lara hat sich gewehrt, doch sie hatte gegen die Witchblade keine Chance…´´

,,Was soll das heißen?´´ fragte Kurtis, doch eigentlich wusste er es schon.

Sie schwiegen kurz, dann sagte Alister: ,,…Wir haben vor dreißig Minuten den Funkkontakt zu ihr verloren…´´

Kurtis registrierte es und rannte noch in der nächsten Sekunde los.

,,Weiß der Himmel, was die mit ihr machen, werden, wenn die sie wirklich haben…´´ sagte Kurtis, allerdings eher zu sich selbst als zu den anderen.

Von Null auf Hundert, was er nur noch fixiert darauf zurück zu kehren.

Alles andere war ihm jetzt egal.

Er mochte sich wirklich nicht mal denken, was Damian oder Rouzic oder Gunderson oder wer auch immer, Lara antun würden. Allein schon, um an ihre Kräfte heran zu kommen.

Er musste es verhindern.

Lara war ihm wichtiger als alles andere auf der Welt.

Seinetwegen konnte Damian diese blöde Schriftrolle haben, wenn er nur Lara und Sara in Ruhe lassen würde.

Alles war ihm scheiß egal, wenn es darum ging, die Frau zu retten, die er liebte.

Am Horizont wurde es heller.

Kurtis blickte angestrengt nach vorne und sah schon bald den Ausgang der Höhle.

Er rannte schneller und hatte ihn erreicht.

Der Mond schien bereits kreisrund am sternenklaren Himmel. Vor ihm floss der, mittlerweile immer kleiner gewordene, Bach in den Wald hinein.

Das war allerdings nicht Kurtis´ Weg.

Er drehte sich um und blickte nach oben.

Eine Felswand.

Er wusste nicht, das es hier eine Felswand gegeben hatte.

Allerdings war er, als er als Kind in der Burg gelebt hatte, auch zu sehr damit beschäftigt gewesen, deren Geheimnisse zu lüften, anstatt die des nahe gelegenen Waldes.

,,Du musst da hoch. Die Burg ist dort oben.´´ klang Zips knisternde Stimme in seinem Ohr.

,,Bin schon unterwegs!´´ entgegnete Kurtis und suchte halt für seine Arme und Beine.

Dann kletterte er die Felswand empor…