Secrets Are Walls That Keep Us Alone
Kapitel dreiundfünfzig
Die geflüsterten Worte verfolgen ihn. Umschlingen ihn, halten ihn in einem Netz gefangen.
„Wertlos."
„Dumm."
„Fett."
„Enttäuschung."
„Schande."
Sie verhöhnen ihn, schubsen ihn, schleichen um ihn herum, tanzen in Kreisen, wirbeln Staub von dem gewebten Teppich auf, der tausend Galleonen schwarzer Magie bedeckt.
„Schwach."
„Armselig."
Die Tür knarzt unheilvoll, schwingt bedrohlich in den Raum, verdeckt die Sicht auf den Eintretenden. Der verrostete Türknauf windet sich, während eine Hand ihn weiter zerquetscht, fast verbiegt.
„SIRIUS!" Das Grollen lässt den Raum erzittern, Stuhlbeine zirpen wie Grillen, als der Boden bebt, lachen ihn fröhlich aus, als die Decke ihn mit Staub berieselt und der Boden so heftig wankt, dass er vornüber stürzt, die Hände vor sich ausgestreckt. Die Dielenbretter krallen sich in seine Handballen, ein loser Nagel versenkt seine Zähne in ihm.
Abgehackte, hallende Schritte schneiden in seine Ohren, der Boden vibriert unter der Kraft, Lungen werden unter dem Gewicht von Stiefeln zerquetscht.
Sein Haar wird nach hinten gerissen, sein Hals dehnt sich, die Ränder seines Blickfeldes verschwimmen um Orion herum. Große, feste Gesichtszüge, umrahmt von ordentlichem, dunklem Haar. Perfekte Statue, bis auf die Augen, die ihn mit flammenden Fingern aus Hass erstarren lassen.
Eine verschwommene Bewegung aus Fleisch und die Ringe prallen auf. Silber, Familienwappen; Gold, Ehering; Diamant, nur für den Status; Onyx, nur für den Schmerz.
Sirius hustet und sieht Rot, sein eigenes Rot, das seine Lippen benetzt, sein Kinn hinabtropft um sich auf den alten Dielenbrettern zu sammeln. Es verschmiert seine Finger rot-orange, mit der Farbe des Himmels, wenn die Sonne an einem klaren Herbsttag hinter den Türmen von Hogwarts versinkt.
Sein Arm verdreht sich schmerzhaft, hoch und hoch, bis er unsicher auf seinen Turnschuhen steht, die keinerlei Halt auf dem Boden bieten, der sich weigert ihn zu tragen.
Blitze brennen, Schatten zischen. Mit dem Krachen eines Donnerschlags kommt der Schlag eines ausgerollten Gürtels und das flüssige Rot gleitet über seine leichenblasse Haut. Das Leder kreischt wieder und wieder, während es seine Haut befleckt, doch er wird nichts sagen. Nein, er kann nichts sagen. Das Geflüster erstickt ihn.
Wieder, wieder, wieder, wieder, und sein Vater wird nicht müde. Ein Stiefel, ein Gürtel, ein Ring, immer kommt das gleiche Rot.
Er liegt still, schaut nach oben, beobachtet, wie die Spannung sich durch die Decke brennt, Wasser tropft seine Wange hinab. Die Atmosphäre überwältigt ihn. Seine Brust hebt und senkt sich nicht. Er stellt sich tot.
Der Vollmond heult sein Wolfslied.
Auf seine Füße gezogen, die Schultern in zu großen Händen zerquetscht, sieht er zu, wie Orions Gesicht verschwimmt. Die Nase bestimmter, der Kiefer breiter, die Haare länger, die Augen glühend vor Hass.
James' Zähne sind zusammengebissen, seine Lippen zu einer dünnen Linie gepresst, seine Augen entschlossen und die Worte langgezogen.
„Ich hasse dich," grollt es und Sirius fällt. Die Dielenbretter fangen ihn nicht auf, kein Zauberstab, kein Besen, nichts kann ihn retten, als ihn die Dunkelheit verschlingt, sich um ihn windet und ihn festhält, während sein Freund immer höher und höher schwebt.
„Es tut mir leid!" Seine Stimme ist ein verzweifeltes Flehen. „Es tut mir leid, bitte, bitte es tut mir leid!"
„Sirius..." Es pulsiert um ihn, aus jeder Richtung und er windet sich aus seinem Griff, zurück zu sich selbst. „Sirius...Sirius!"
„Sirius!"
„Nein!" Das Wort brach aus ihm heraus, als er seine Augen aufriss und in Remus' Gesicht blickte. „Es tut mir leid."
„Ist schon gut," flüsterte Remus, und umarmte ihn. Sirius zitterte so sehr, dass ihm davon schwindelig wurde und er schlang seine Arme fest um seinen Freund, versuchte irgendwo Halt zu finden.
Als Sirius wieder ruhig war, ließ Remus ihn los und Sirius wischte sich die klebrigen Überreste seiner Tränen von den Wangen.
„Geht's dir jetzt besser?" fragte Remus und Sirius brachte ein gehustetes ‚ja' zustande. Sein Magen drehte sich immer noch und seine Augen sahen immer noch Blut, aber es ging ihm gut, es ging ihm gut.
Remus saß auf seinem Bettende und Sirius saß in der Mitte, die Decken zu fest um sich gewickelt, so dass sie ihn fast erwürgten.
„Hattest du diesen Albtraum oft?"
Er schüttelte seine Kopf, sehr fest.
„Willst du darüber reden?"
Sirius schüttelte abermals den Kopf und wendete seinen Blick ab.
„Warum sagst du nichts?"
„'Tschuldigung. Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe."
„Keine Sorge, das macht mir nichts. Ich mach mir nur Sorgen um dich."
„Brauchst du nicht. Es ist jetzt vorbei." Sirius entwirrte seine Decken und erhob sich. „Wie spät ist es?"
„Fast vier," antwortete Remus, der immer noch auf dem Bett saß. „Willst du nicht weiter schlafen?"
„Ich bin nicht müde;" erwiderte Sirius hastig.
„Oh." Remus runzelte die Stirn. „Was machen wir dann?"
„Nein, Moony, du solltest schlafen," widersprach Sirius. „Du musst nicht so früh aufstehen."
„Aber was machst du dann?"
„Laufen, oder Hausaufgaben, oder so was," murmelte Sirius und sah sich nach seinen Jeans um. „Ich kann mich selbst beschäftigen."
„Sicher?" fragte Remus und unterdrückte ein Gähnen. „Ich bleib wach, wenn du willst."
„Nein, schlaf weiter. Tut mir leid, dass ich dich geweckt hab."
„Ist schon gut." Remus stand auf und streckte sich, dann schlurfte er verschlafen zurück zu seinem Bett. Auf halbem Weg drehte er sich noch einmal zu Sirius um und fuhr sich mit der Hand durch die Haare, so dass es an den Enden abstand. „Hey, was auch immer du jetzt machst, du solltest versuchen wieder hier zu sein wenn Lily kommt um James anzuschreien. Das wird eine gute Show."
„Lass sie nicht ohne mich anfangen," lächelte Sirius und Remus nickte.
Er zog sich rasch um und verließ eilig den Schlafsaal. Er erreichte das Quidditchfeld unbehelligt, konnte sich jedoch nicht dazu überwinden zu Laufen. Stattdessen setzte er sich in die Ränge.
Sirius fühlte sich immer noch wacklig, als ob er gleich zusammenbrechen würde, wenn er irgendentwas zu anstrengendes tat. Seine Atemzüge kamen zittrig und unsicher, als ob er dieses Lungenfunktionsding grade erst gelernt hätte. Er streckte seine Hände vor sich aus und beobachtete, wie die Finger auf dem Stoff seiner Jeans zitterten. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, die Fingernägel bohrten sich in seine Handballen. Jetzt hielten seine Hände still.
Er hätte Remus erzählen können, dass er diesen Traum seit Wochen jede Nacht hatte. Remus hätte es verstanden. Er hatte ebenfalls mit seinen Dämonen zu kämpfen. Und dann hätte Remus ihn mit in den Krankenflügel genommen um nach einem Trank für traumlosen Schlaf zu fragen, und alles wäre vorbei gewesen. Er würde nicht hier in den Rängen sitzen, gähnend und zitternd.
Sirius schaute in den seidigen pechschwarzen Himmel, wo die hellen Punkte leicht pulsierten, glücklich millionen Meilen entfernt von allem zu glitzern. Er wünschte sich, er könnte genauso glücklich sein wenn er allein war.
Irgendwann wurde es heller, das Wasser des Sees wurde blau, und der Horizont über dem Wasser violett. Er sah zu, wie lila den See befleckte, wie Farbkleckse und wie der Himmel sich pink und golden verfärbte. Er sah zu, wie feurige Tropfen aus Sonnenlicht über die wogende, blaue Haut des Sees huschten, er fühlte die Spritzer des schmelzenden Lichts auf seiner eigenen Haut.
Es würde ein wunderschöner Tag werden, dachte er, trotz der stürmischen Nacht, die er gehabt hatte. Er wusste, dass die Sonne sich ihren Weg über den azurfarbenen Himmel suchen würde, auch wenn er in seinem Kopf Tornados und Hagel beschwor.
Undeutliche Teile seines Albtraums lauerten geschickt am Rande seines Bewusstseins, wie Spinnenweben, die auf ihre Beute warteten. Egal wie heftig er den Kopf schüttelte, Der Staub ließ sich nicht abschütteln.
Erst gestern war er glücklich gewesen. Wirklich glücklich. Froh, seinem Freund geholfen zu haben, froh, wieder der Held von Gryffindor zu sein. Froh, dass dies eine Sache war, die sein Vater ihm nicht nehmen konnte.
Aber das hatte er. Oh, ja, das hatte er.
