Der Wind strich durch die Wipfel der Bäume. Die blattreichen Kronen wiegten sich leicht hin und her. Sie überschatteten eine kleine Lichtung, auf der steinerne Stelen ihren Platz hatten. Man sah sie kaum, denn Gras und Moos wucherten hoch. Zwischendrin blühten kleine weiße Blumen, Elanor genannt.
Kaum hörbar traten ein Elb und eine Frau auf die Lichtung. Das Gesicht der Frau war bleich unter ihren langen braunen Haaren, die nur mühsam durch ein Lederband gebändigt waren. Tränen hatten die Augen gerötet.
„Was ist geschehen", fragte die junge Frau mit zitternder Stimme, als sie vor den moosbewachsenen Steinen anhielt. Ihre Finger glitten zärtlich über die Runen. „Anordil suchte den Tod, nachdem Arwen starb", sagte Luvalaes voll Trauer, „es ist jetzt fünf Sonnenläufe her. Doch ich fühle immer noch den Schmerz, der mich durchfuhr, als ich seinen Tod spürte." Stumm sank die Frau zu Boden. Ihre Gewänder waren verschmutzt und zeugten von einer langen Wanderung. Doch ihr Schwert war sauber poliert. Der Griff schimmerte sanft im Schein der untergehenden Sonne.
„Sie war doch noch so jung", schluchzte sie, „und Anordil war so stark. – Was brachte sie zu Fall?" „Ein Vorstoß in das Herz von Mordor", erwiderte Luvalaes düster, „Uruks töteten Arwen. Anordil hatte ihr sein Herz geschenkt, daher schwand seine Kraft. Als er sein Ende fühlte, ging er zu ihrem Gedenkstein. – Ich spürte seinen Tod in der Dämmerung des Morgens. Etwas zerriss das Band zwischen uns. Dann war nur noch Leere in mir."
„Ich wollte, ich hätte sie noch einmal sehen dürfen", kaum hörbar kamen die Worte über ihre Lippen, „ich wollte sie umarmen und ihr Verzeihen. – Es war mir nicht vergönnt." Ihre Stimme kippte. Die Schulterblätter zuckten. Heiße Tränen flossen über ihr schönes Antlitz. „Grämt euch nicht, Fiona, Arwens Tochter", sagte Luvalaes leise, „sie sind glücklich, denn nun sind sie zusammen und nichts kann sie mehr trennen. In den Mandos Hallen werden sie das Ende der Zeiten erwarten, um dann endlich in die Unsterblichen Lande zu segeln. – Eure Tränen ehren die Toten, doch ihr solltet sie nicht in Trauer vergießen."
„Kaum dass ich sie gefunden habe, so entgleitet sie mir", flüsterte Fiona, „ich hatte ihr noch so viel zu sagen und so viel zu berichten." „Sie wird dir zuhören", erwiderte Luvalaes leise, „von Mandos Hallen aus. – Habe Vertrauen."
Zweifelnd blickte Fiona ihn an. „Es war für mich nicht leicht an Belenus zu glauben oder die anderen Götter des keltischen Himmels", sagte sie skeptisch, „doch ich werde versuchen dir zu glauben."
Mit zittrigen Händen legte sie einen gewundenen Kranz aus Blüten und Immergrün auf den schlichten Stein. „Nun komme", forderte Luvalaes sie auf, „Cillien wartet auf dich und die Lande von Mittelerde." Müde erhob sich Fiona und folgte Luvalaes.
Sie hatte noch viel Zeit. Sehr viel Zeit, schließlich war sie gerade erst angekommen und ihr Abenteuer fing erst an.
