54. Die Geister der Wüste

Rosig kriecht die Morgendämmerung von Osten her über die scharfgeschnittenen Kanten der hohen Sanddünen, die die weitläufige Oase von Amnoon einrahmen, vermag die tiefen, bläulichen Schatten jedoch noch nicht zu erhellen. Der noch kalte Wind, der an meinen nassen Haaren reißt, überzieht meinen Körper mit Gänsehaut. Mit eisigem Hauch trocknet er die Feuchtigkeit auf der Haut, die ich aus dem provisorischen Badehaus, einer unterirdischen Kammer mit winzigem, ummauertem Badebecken und einem klirrend kalten Wasserstrahl, der durch ein Messingrohr aus der steinverkleideten Wand plätschert, mit nach draußen gebracht habe. Kleine Windstöße fegen feinen Sand in den flachen Teich hinter mir, dessen glatte Oberfläche sich unter den Böen leicht kräuselt. Die Seerosen, die ihn zieren, haben ihre Knospen noch fest geschlossen, warten auf die Sonne. Sandkörner bleiben auf der feuchten Haut meiner nackten Oberschenkel kleben, ihr Aufprall sticht wie winzige Nadelspitzen.

Mir ist eiskalt, und ich sehne mich zurück in die Wärme von Feanors Umarmung, aber es ist zu spät - auch er ist bereits aufgestanden und vor einer Minute die wenigen Treppenstufen zur Badekammer hinabgestiegen, um sich Schweiß und Schmutz von drei Tagen Seereise auf einem modrigen Geisterschiff und einer Wüstennacht in rauhen, schlecht gegerbten Ziegenfellen von der Haut und aus den Haaren zu waschen. Sehnsüchtig blicke ich ihm hinterher. Am liebsten würde ich mich ihm anschließen, um mit ihm gemeinsam ganz unbeschwert den Luxus fließenden Wassers zu genießen, so kalt es auch sein mag. Es wäre wohl das letzte Mal, bevor wir unsere lange Reise durch die Wüste antreten müssen. Doch ich verwerfe den Gedanken, ich weiß, wo das unweigerlich enden würde, und die letzte Nacht, in der wir allein waren und einander so nah, ohne dass ich ihn berühren durfte, weil die Zeit dafür noch nicht gekommen ist... das war hart, und ich habe kaum ein Auge zugetan. Ich schließe die Augen, lausche auf den Wind, der über die Dünen weht. Stimmen scheinen darin zu murmeln, zu leiser, sphärischer Musik zu summen, mir etwas mitteilen zu wollen... Ich schüttele den Kopf, dass die feuchten Haarsträhnen klatschend um meine Ohren fliegen. Entweder lässt mich der Schlafmangel halluzinieren, oder ich schnappe langsam wirklich über.

"Worüber grübelt Ihr nach, Tari?"
Erschrocken springe ich zur Seite, weg von dem bleichen Nekromanten, der unvermittelt neben mir aufgetaucht ist, als habe er sich aus der Luft selbst materialisiert.
"Nichts", zische ich abweisend. "Müsst Ihr mich so erschrecken?" Ich stelle fest, wie kalt es in seiner Nähe ist. Winzige Eiskristalle bedecken die Metallstacheln seiner schwarzen Lederrüstung, knacken leise, wenn er sich bewegt.
Norazul lächelt, lässt sein spitz gefeiltes Obsidiangebiss blitzen. Er hebt einen behandschuhten Arm, deutet nach vorn. Eiskristalle platzen ab, wehen zu Boden, wo sie eine Weile liegenbleiben. Schnee in der Wüste.
"Ich denke, ich weiß jetzt, mit wem Ihr sprechen müsst, um Eure Aufgabe zu erhalten. Seht Ihr? Dort vorn."
Ich folge seinem Blick, kneife die Augen zusammen, um das Dämmerlicht zu durchdringen. Unter zerrissenen Zeltplanen, zwischen Sandhügeln und Kisten und Fässern sind schwach leuchtende, grünlich transparente Gestalten auszumachen. Sie ähneln Feanors Ritualistengeistern... und doch wieder nicht, denn abgesehen von ihrer Durchsichtigkeit und der Tatsache, dass sie gut eine Handbreit über dem Boden schweben, sehen sie wie ganz normale Menschen aus, mit Gesichtern, Haaren, Kleidung und allem, was dazu gehört. Es sind viele... bestimmt ein Dutzend. Die Haut zwischen meinen Schulterblättern kräuselt sich von dem Gefühl, hier etwas beizuwohnen, was es gar nicht geben dürfte. Meine Finger krallen sich in das feuchte Handtuch, das um meine Schultern liegt.

"Das sind Geister, nicht wahr? Was tun die hier?"
Norazul nickt knapp, bohrt seine schwarzen Obsidianaugen in meine. "Die Kristallwüste ist ein Ort der Geister, Tari. Wusstet Ihr das nicht?"
Ich schüttele stumm den Kopf, und er fährt fort: "Die wenigen Leute, die Ihr gestern abend in der Herberge gesehen habt, die Pilger und die paar Kaufleute und Händler, die hier in der Oase leben, werden wahrscheinlich die letzten lebenden Menschen sein, die Ihr für lange Zeit zu Gesicht bekommt, wenn Ihr die Wüste durchwandern müsst. In der Wüste lebt niemand, Tari. Nur feindselige Kreaturen, die versuchen werden, Euch zu töten - und die Geister derer, die hier in Hunderten von Jahren zugrundegegangen sind. Die Geister derer, die an ihrer Aufgabe gescheitert sind."
Großartige Aussichten. Ich kaue an meiner Unterlippe, spüre, wie mein Herz anfängt zu klopfen, als wolle es aus dem Käfig meiner Rippen ausbrechen. "Sie sind... sie alle sind... an ihrem Aufstieg gescheitert?"
Der Albino nickt, löst seinen Blick von meinem und schaut hinüber zu den blassgrünen Geistern. "So ist es. Und heute ist einer erschienen, den ich selbst noch nie zuvor hier gesehen habe... aber ich glaube, ich weiß, wer er ist. Oder besser, wer er einst war. Wenn ihr alle fertig seid, bringe ich euch zu ihm."

Beim Frühstück, das aus der anscheinend üblichen Wüsten-Einheitskost besteht - lauwarmem Hirsebrei mit Zimt und Palmzucker, Bergen von kaltem, fettem Hammelfleisch, bei dessen Geruch allein sich mir schon der Magen umdreht, und süßem Minzchai -, muss ich mit mir kämpfen, überhaupt etwas Chai und Hirse herunterzuwürgen. Ein Ort der Geister... ich blicke mich im großen Gemeinschaftsraum der Zeltherberge um. Außer mir, meinen Kameraden und der mürrischen Mumienfrau, die ihr helles schmuddeliges Wickelgewand heute gegen ein dunkles schmuddeliges eingetauscht hat, ist noch niemand auf den Beinen. Ich frage mich, was die anderen Gäste, deren Schnarchen ich bis hierher hören kann, wohl an diesen Ort getrieben hat, was sie sich hier erhoffen, ob sie selbst den Aufstieg versuchen wollen, oder ob sie im reinigenden Schmelzofen der Wüste ihre eigenen Gespenster totzuschlagen suchen.

Wir alle sind müde und schweigsam, die Stimmung ist gedrückt und angespannt, weil niemand von uns weiß, was uns erwartet, und weil uns allen bewusst ist, dass Saidra und Evennia tot sein können, wenn das hier alles zu lange dauert. Selbst Stephan sagt kein Wort, schaufelt stumm kaltes Hammelfleisch und süßen Hirsebrei in sich hinein, alles durcheinander, während Alesia sich mit geschlossenen Augen an seine Schulter lehnt und Orion und Claude finster vor sich hinbrüten. Feanor sitzt neben mir, so dicht, dass sein Oberschenkel sich gegen meinen presst. Er schiebt das widerliche Hammelfleisch von seinem Teller auf meinen, damit ich es Chili und Dao geben kann, die es sich an meiner anderen Seite gemütlich gemacht haben. Der tranige Hammelgestank lässt beinahe den Hirsebrei wieder hochkommen, den ich gerade in mich hineingequält habe. Ich reiße mich zusammen, während die beiden Katzen behaglich schnurrend den einfachen Holzteller sauberlecken.
"Es ist Zeit", meint Norazul schließlich leise, als alle ihre Mahlzeit beendet haben und das Schweigen mir immer erdrückender scheint. Seine undurchdringlich schwarzen Augen huschen zwischen uns hin und her. "Zeit, dass Ihr herausfindet, was Eure Aufgabe ist. Kommt mit mir."

Goldenes Sonnenlicht erhellt inzwischen den Außenposten, und nun erst bemerke ich die vielen hohen, hölzernen Aufbauten, halb verfallene Baugerüste und Schiffsmasten, manche noch komplett mit Krähennest, an denen die Fetzen uralter Segel in der Morgenbrise flattern, graubraun und zerrissen vom niemals ermüdenden Wüstenwind. An ihren langen, graublauen Schatten entlang, zwischen den Geistern hindurch, die keinerlei Notiz von uns nehmen, führt Norazul uns zum Wrack einer großen Galeone, deren gesplitterter, zerstörter Rumpf zur Hälfte im Sand begraben liegt. Aus ihrem Schatten tritt ein Geist hervor, breitschultrig und riesengroß - Feanor reicht ihm gerade bis zum Brustbein, falls Geister so etwas haben -, grünlich transparent, nicht mehr körperlich, aber dennoch mit einer fühlbaren Aura vergangener Macht. Seine durchsichtige Gestalt lässt jedes Detail erkennen, das ihn einst ausgemacht hat - metallverstärkter Lederharnisch und ein ebensolcher Kilt mit passenden Stiefeln, tiefdunkle Haare und Bart, und durchdringende, trotz der Transparenz beinahe schwarze Augen unter buschigen Brauen, deren ruhiger, ernster Blick meine Seele zu sondieren, meine Kraft und meine Absichten zu erforschen scheint - und meine Schwächen... In der Hand trägt er ein gewaltiges Langschwert, genauso durchsichtig blaugrün wie seine ganze Gestalt, das dennoch scharf und gefährlich wirkt.

"Ihr seid die Auserwählten, auf die ich gewartet habe. Schon lange blicke ich diesem Moment entgegen."
Der Geist spricht langsam, bedächtig, und seine Stimme, ein tiefes, rasselndes Rumpeln, das man eher spürt als hört, lässt mein Knochenmark vibrieren. Feanor tritt näher an mich heran, nimmt meine Hand. Ich umklammere seine langen, kräftigen Finger. Keiner sagt ein Wort. Schließlich räuspere ich mich.
"Und wie... woher wisst Ihr, dass wir Auserwählt sind?"
Der Geist tritt einen Schritt an uns heran. Es ist kalt in seiner Nähe, und meine Haut beginnt zu prickeln. Ich zwinge mich, nicht zurückzuweichen und seinen Blick zu erwidern. "Jahrhundertelang", rumpelt der riesige Geist, "habe ich hier in der Wüste verweilt, habe darauf gewartet, dass die Prophezeiung sich erfüllt. Die Auserwählten werden kommen und mir helfen, Zugang zu den Nebeln zu erhalten und in die Halle der Helden einzugehen. Es wurde alles vorhergesagt."
"Die Halle der Helden", flüstere ich, eigentlich unhörbar, aber dem Geist entgeht nichts. Er nickt.
"Ja. Tief in den Nebeln liegt der Ort, der als die Halle der Helden bekannt ist. An eben jenem Ort wurde das Universum erschaffen, er ist das Zentrum aller Dinge. Es ist der Traum aller Helden, dass ihr Geist nach ihrem Tod in diese Halle gelangt, um dort gemeinsam mit anderen legendären Figuren aus der Vergangenheit zu verweilen."

Rurik... meine Kehle schnürt sich zusammen. Das ist der Ort, an dem ich ihn eines Tages wiedersehen werde. Falls ich mich jemals würdig erweise, dort Zutritt zu erhalten. Kann es sein, dass der Aufstieg allein mich schon dazu berechtigt? "Aber..." Ich schüttele den Kopf, versuche, zu fassen, was das für uns bedeutet. "Braucht Ihr dafür unsere Hilfe? Warum?"
"Ebenso wie Ihr", antwortet der Geist, "war ich einer der Auserwählten. Aber ich musste diese Welt verlassen, bevor ich den Aufstieg meistern konnte. Die Prüfungen des Aufstiegs können nur von Sterblichen abgelegt werden. Aber ich kann Euch hindurchführen, und wenn der Pfad sich für Euch eröffnet, kann auch ich aufsteigen."
Norazul tippt an meine Schulter. "Los, fragt ihn, wer er einst gewesen ist", raunt er. Ich werfe ihm einen scharfen Blick zu. Warum fragt er nicht selbst? Aber gut, bitte...
"Wer... wer wart Ihr zu Lebzeiten?" Meine Stimme klingt kratzig, die ganze Situation ist mir unheimlich. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich an Feanors Ritualistengeister gewöhnt hatte, und mit denen musste ich nicht mal reden...
Der Geist deutet eine kleine Verbeugung an, so etwas wie ein Lächeln legt sich über seine durchsichtigen Gesichtszüge. "Mein Name war Turai Ossa..."
"Wusste ich's doch!", vernehme ich Norazuls rasselndes Flüstern hinter mir, und mir bleibt kurz die Luft weg - jeder, der ein bisschen etwas von der Geschichte der Welt weiß, kennt diesen Namen.
"... und ich war der Champion von Elona, der Beschützer und Anführer meines Volkes. Bei der Schlacht von Jahai besiegte ich im Alleingang Palawa Joko, die Geißel von Vaabi. Ich war es, der die Elonier in die Kristallwüste führte. Seit mein eigenes Volk hier ums Leben kam, haben zwei weitere Gruppen ihr Glück mit dieser Aufgabe versucht, doch wie wir scheiterten sie am Aufstieg. Die Geister von vielen ihrer mächtigsten spirituellen Führer gehen noch immer hier um."
"Und... ist das auch Euer Schicksal?" Allmählich ersetzt Mitleid mein unbehagliches Gefühl. Was für ein Ende für einen Helden, einen Befreier, eine Legende....
"Ich kam hier um, zusammen mit dem Rest meines Volkes, als wir versuchten, einen Tempel für die Alten Götter zu errichten. Törichterweise glaubten wir, wir wären jene, von denen die Flammensucher-Prophezeiung spricht. Jene, die aufsteigen und in die Halle geführt werden würden. Aber das Schicksal ist ein grausamer Gebieter, und nun bin ich es, der zu Eurem Führer durch die Wüste wurde."
"Die Flammensucher-Prophezeiung? Was wisst Ihr darüber?", wirft Alesia ein. Es ist das erste Mal an diesem Morgen, dass ich sie sprechen höre. Sie ist blass, und ihre Stimme bebt.
"Ich weiß, dass jene, die sich als würdig erweisen, mir helfen werden, den Weg in den Riss zu öffnen. Ich weiß, dass jene, die aufsteigen, zu Großem bestimmt sind. Und ich weiß, dass ich es sein werde, der sie durch das tückische Jenseits zur Halle der Helden führen wird. Wenn Ihr mehr darüber erfahren wollt, dann solltet Ihr diejenige fragen, die die Vorahnung hatte - die Prophetin."
"Die Prophetin? Sie lebt noch?", frage ich mit zittriger Stimme. Hat der Wesir doch recht gehabt? Gibt es tatsächlich eine Prophetin?
Der Geist neigt den Kopf, ganz unmerklich. Er ist so groß, dass mir schon die Nackenmuskeln vom Hinaufstarren wehtun. "In der Tat. Ihr Name ist Glint, und sie ist ziemlich alt - sogar für einen Drachen."
"Ein... Drache? Die Prophetin ist ein Drache??" Meine Stimme überschlägt sich beinahe. Ich tausche rasche Blicke mit meinen Kameraden. Allen fallen beinahe die Augen aus dem Kopf. Außer Norazul. Warum wundert mich das nicht?
"Das ist sie", bestätigt der Geist. "Sie war die erste aller Kreaturen auf Tyria, von den Göttern erschaffen als Fürsorgerin der Welt, doch schon bald stellte es sich heraus, dass sie Hilfe brauchte. Deshalb erschufen die Götter jene Kreaturen, die heute nur noch als die 'Vergessenen' bekannt sind."
"Und... wer... oder was... sind die Vergessenen?"
"Sie ähneln großen Schlangen." Der Geist hebt den Arm, deutet eine Größe an, die ungefähr bei Stephans Kopfhöhe liegt. "Aber sie bewegen sich aufrecht, sie benutzen Magie und kämpfen mit geschmiedeten Waffen. Sie wurden von den Göttern eingesetzt, um Tyria zu bewachen, während die Götter ihre Schöpfung vollendeten. Aber schon vor vielen Hundert Jahren wurden diese Schlangenwesen fast vom gesamten Kontinent verdrängt, von den Menschen hierher in die Wüste verbannt. Jetzt ist es ihre Aufgabe, das Portal zur Drachenhöhle zu bewachen. Wenn Ihr aufsteigen und Glint treffen wollt, müsst Ihr an ihnen vorbeigelangen."
Stephan tritt vor. Er reckt entschlossen das Kinn, verschränkt die baumstammdicken Arme vor der Brust. Neben dem Geist wirkt er fast wie ein Zwerg. "Dann sollten wir mal los, oder? Wie finden wir diese... Glint?"
Die Mundwinkel des riesigen Geistes kräuseln sich - als ob er lächelt. Können Geister lächeln? "Sie lebt hier in der Kristallwüste. Aber sie ist nicht leicht zu finden. Ihre Höhle befindet sich in einem einzelnen magischen Kristallsandkorn. Ihr könntet eine Million Lebenszeiten darauf verwenden, die Wüste nach ihr zu durchkämmen, und Ihr würdet sie dennoch nicht aufspüren. Nur jene, die aufsteigen, finden das Portal, das zu ihr führt."

Mein Mund wird trocken, ich versuche, zu schlucken. Eine Prophetin, die ein Drache ist. Aufrecht gehende Schlangen. Eine Drachenhöhle. In einem Sandkorn. Die Welt scheint merkwürdiger zu sein, als ich es mir je in meinen wildesten Fantasien hätte ausmalen können. Viel merkwürdiger.
"Was... was müssen wir tun?", raspele ich mit Mühe.
"Ihr müsst den Göttern beweisen, dass Ihr des Aufstiegs würdig seid. Es gibt drei Prüfungen, die Ihr bestehen müsst, ehe sie Euch Einlass in die Mesa, das Tafelland beim Fels der Weissagung, gewähren. Folgt dem Pfad des Propheten zum Fels der Weissagung im Osten. Sprecht dort mit dem Großen Ritualpriester Zahmut."
"Und der... der Priester wird uns sagen, was wir tun müssen? Wohin wir gehen müssen?"
Der Geist nickt erneut. "Ja. Ich habe lange Zeit auf jemanden gewartet, der sich würdig erweist, mir beim Eintritt in den Riss zu helfen. Wir sehen uns wieder. Viel Glück, um Eurer und um meiner Willen."
Der Geist, der einst Turai Ossa war, verbeugt sich, tritt einen Schritt zurück und verblasst vor unseren Augen, bis seine Form vollständig verschwunden ist.

Eine Weile stehen wir stumm da, ohne uns zu rühren, blicken starr auf den steilen Hang der Düne, vor dem der Geist verschwunden ist, während die Sonne langsam höher steigt und heiß auf unsere Köpfe brennt. Das Gefühl, unverzichtbarer Teil von etwas Großem zu sein, etwas Mystischem, etwas, dessen Zusammenhänge sich noch meinem Verständnis widersetzen, zieht das Fleisch über meinen Knochen zusammen.
"Wir sollten bald aufbrechen", meint Norazul schließlich. Seine Stimme kratzt, als ob sie kurzzeitig eingefroren gewesen wäre. "Ich kenne den Fels der Weissagung, er ist nicht allzu weit entfernt - drei Wegstunden vielleicht. Wenn wir uns beeilen, können wir vor der Mittagshitze dort sein. Ich habe noch ein paar Kleinigkeiten besorgt, die Ihr brauchen werdet - wartet hier."

Der Albino verschwindet, um wenige Minuten später mit einem umfangreichen Bündel zurückzukehren. Er wühlt darin herum drückt jedem von uns zwei gefüllte Wasserschläuche in die Hand, sowie lange, schneeweiße Bahnen aus leichtem Seidenstoff.
"Die müsst Ihr Euch um den Kopf wickeln, seht Ihr? So." Der Albino demonstriert an Claude, wie man die Seidentücher kunstvoll arrangiert. Norazuls silberäugiger Nekromantenkollege sieht mit dem Kopfputz aus wie ein vaabischer Hofmagier, überlege ich und lächele schief.
"Und was soll ich damit? Glaubt Ihr, ich trage so einen weibischen Fetzen?!", mault Orion und blickt abfällig auf das Stück Stoff in seiner Hand.
Norazul hebt die Achseln, seine Mundwinkel zucken amüsiert. "Dann nicht. Ohne Schutz wird es nicht lange dauern, bis die Sonne das letzte bisschen Verstand aus Eurem Hirn gekocht hat. Viel ist es ohnehin nicht - insofern hält sich der Verlust in Grenzen." Orion wirft ihm einen giftigen Blick zu.

Der Nekromant hilft Stephan und Alesia, die kaffiyah, wie er die Kopfbedeckung nennt, anzulegen, greift dann ein letztes Mal in sein Bündel und drückt mir ein zusammengeknülltes Seidenknäuel in die Hand, das sich als bodenlanger Kapuzenmantel entpuppt. Der dünne Stoff schimmert in leuchtendem Safrangelb, kunstvoll verschnörkelte Muster, gestickt mit kupferfarbenem Garn, zieren die Säume.
"Das ist eine jellabah", erklärt Norazul, als ich das Kleidungsstück etwas ratlos vor meinen Körper halte. "Die Rüstung, die Ihr tragt, lässt zu viel von Eurer Haut frei. Euer Teint ist zu hell für diese Gegend, Tari. Wenn Ihr nicht binnen weniger Stunden von großen, nässenden, aufplatzenden Brandblasen bedeckt sein wollt" - Götter, er scheint das regelrecht zu genießen, schießt es mir durch den Kopf, während ich angewidert den Mund verziehe -, "dann tragt sie über der Rüstung. Und wenn Ihr die Kapuze aufsetzt, braucht Ihr keine kaffiyah. Sie ist groß genug, um auch Eure Augen zu beschatten."
"Und was ist mit Feanor? Wenn ich so ein Ding brauche, dann er doch sicherlich auch?" Meine Augen gleiten über die großen Flächen nackter Haut, die Feanors Lederkilt und seine kurze, offene Weste der Sonne preisgeben. Die Tätowierungen werden ihm wohl kaum etwas nützen gegen den Sonnenbrand. Ich unterdrücke den Drang, ihn zu berühren, balle die Hände zu Fäusten.
Feanor winkt indessen ab. "Keine Sorge, koishii. Ich glaube, mit den Auswirkungen der Wüstensonne werden meine Heilkünste gerade noch fertig." Wie müde er aussieht... auch für ihn wird die letzte Nacht nicht einfach gewesen sein. Zurückhaltung, Verzicht und Selbstbeherrschung, wenn das, was man sich wünscht, so nah ist... ich weiß, dass er stundenlang wachgelegen hat, im Kampf gegen sich selbst. So wie ich. Ich habe es gespürt. Aber er lässt sich nichts anmerken, lächelt, sichtlich erfreut über meine fürsorgliche Bemerkung.

"Na los", meint Norazul erwartungsvoll und deutet auf die jellabah in meiner Hand. "Probiert sie an!"
"Ich weiß zwar nicht, wie ich damit kämpfen soll.... aber trotzdem, danke", murmle ich zweifelnd, während Feanor mir hilft, in die safrangelbe Seide zu schlüpfen und die kupfern umstickten Haken zu schließen. Der Stoff legt sich herrlich kühl auf die Haut und wiegt so gut wie gar nichts.
"Gut?" Norazul lächelt mit charmant geblecktem Obsidiangebiss. Ich unterdrücke ein Schaudern und mache mich daran, Köcher, Bögen und meinen kleinen Rucksack über der jellabah zurechtzurücken, während Orion und Claude zum Quartier zurückgehen, um ihre Habseligkeiten zusammenzusuchen.
"Das sehen wir, wenn die ersten Feinde auftauchen." Ich wische die Kapuze wieder nach hinten. Das Gefühl, etwas auf dem Kopf zu haben, hat mir noch nie gefallen.

Ich blicke nachdenklich auf den etwas kleineren Nekromanten hinunter. "Ihr sagtet, Ihr hättet Euch schon gedacht, dass das der Geist von Turai Ossa war. Wie das? Das ist ja nun nicht wirklich naheliegend."
Norazuls blasse Augenbrauen zucken kurz in die Höhe. "Ganz einfach, ich habe ihn wiedererkannt. Er hat sich nicht sehr verändert - abgesehen vom Verlust seines festen Körpers."
Ich schnaube. "Was redet Ihr da? Turai Ossa lebte vor zweihundert Jahren!"
"Das stimmt." Wieder dieses zähnebleckende Lächeln.
"Und? Also? Wie könnt Ihr ihn da wiedererkannt haben? Ich meine... wenn ich gemein wäre... wenn ich richtig gemein wäre, würde ich Euch auf vierzig schätzen, aber gewiss keinen Tag älter! Wenn Ihr ihn persönlich gekannt hättet, wärt Ihr doch längst zu Staub zerfallen."
"Ich weiß, ich habe mich gut gehalten", grinst der Albino. "Was wisst Ihr über Turai?"
"Nicht viel", räume ich ein. "Nur, dass er in Elona so etwas wie ein Volksheld ist."
"Soll ich Euer Wissen etwas aufpolieren?" Norazuls schwarze Augen blitzen zufrieden, als ich nicke - er hat mich erfolgreich von meiner Frage abgelenkt.

"Nach dem Triumph über Palawa Joko, die Geißel von Vaabi, den er im Zweikampf besiegte, pries das elonische Volk Turai Ossa als seinen Kriegsmarschall, und die zersplitterte Nation brauchte dringend einen Anführer", erzählt Norazul mit seiner rasselnden, krächzenden Stimme, während er Alesia hinterherblickt, die sich gemeinsam mit Stephan zu den Ständen der Händler aufgemacht hat, um sich vor unserem Abmarsch in die Wüste noch mit Heilkräutern, Trockenfleisch, Gewürzen und Chai einzudecken.
"Kurze Zeit später wurde Turai als König von ganz Elona eingesetzt. Er schaffte, was all den Generationen seiner Vorgänger nicht gelang: er vereinigte die elonischen Völker zu einer einzigen Nation. Turai hatte Reichtum, Macht und Einfluss, doch er strebte nach höheren Zielen. Nach außen regierte er sein dankbares Volk, aber heimlich verbrachte er seine Nächte damit, uralte Weisheiten zu studieren. Und je mehr er las, desto mehr sann er über die Rolle der Götter in seinem Leben nach. Wenn die Götter ihn als den Retter seiner Nation auserwählt hatten, dann wäre er vielleicht zu größeren Errungenschaften bestimmt - dachte er."
Ich lege den Kopf schief. "Ihr erzählt das, als wärt Ihr dabeigewesen." Ich schaue mich zu Feanor um, der hinter mir steht, suche seinen Blick - doch außer neutralem Interesse kann ich nichts darin lesen. Wenn er mit Norazul befreundet ist, ist er vermutlich mit seinen eigenartigen Anwandlungen vertraut, überlege ich resigniert.
Norazuls Mundwinkel heben sich, er ignoriert meinen Einwurf und spricht weiter. "Turai grübelte über die Mysterien nach und suchte seine Antworten schließlich im Streben nach dem Aufstieg, der Vereinigung mit den Göttern. Er wusste, der Weg zu diesem Ideal führte durch das Ödland im Norden von Elona - das Land, das zuvor jahrelang von Palawa Joko regiert worden war. Turai Ossa trat von allen offiziellen Ämtern zurück und gab den Titel des Kriegsmarschalls an seinen Sohn Kunai weiter. Seit jenen Tagen ist dieser Titel in Kourna erblich, wurde durch all die Generationen von Turais Nachkommen getragen."
"Auch heute noch?" Ich mag es kaum zugeben, aber ich habe keine Ahnung, wer Elona im Moment regiert.
"Auch heute noch", bestätigt Norazul. "Kriegsherrin Varesh Ossa repräsentiert die jüngste Generation, sie herrscht über Kourna. Und sie teilt die Faszination ihres Ahnen für die Rolle der Götter im Leben der Menschen... aber das würde jetzt zu weit führen."

Der Nekromant räuspert sich, bevor er fortfährt: "Vor zweihundertvier Jahren begann Turai also mit seiner Gefolgschaft eine große Pilgerfahrt. Sie marschierten nordwärts durch das elonische Ödland in die tyrianische Kristallwüste, wo einst die Götter unter den Menschen wandelten. Hier errichtete er mit seinem treuen Gefolge stolze Bauwerke, Tempel und Säulen, die bis in die Himmel reichen sollten... doch der Aufstieg entzog sich ihm. Statt ewigen Lebens fand er die Qualen des ewigen lebenden Todes... und nun wandelt er hier durch die Wüste, in seiner Geisterform, ebenso wie die meisten seiner Gefolgsleute. Und jetzt seid Ihr gekommen, und er hofft auf Eure Hilfe, ihn von diesem Dasein zu erlösen und den Weg in die Halle der Helden für ihn zu öffnen."
Ich atme tief aus, presse die Lippen zusammen und lasse den Kopf hängen. Was steht uns hier bevor? Wie sollen wir das bewältigen? "Es ist... so schwer zu begreifen. Wenn er gescheitert ist, wie sollen wir das schaffen, Norazul? Warum ist unsere Aufgabe, den Aufstieg zu meistern, so schwer? Ich meine, Turai war ein Held und..."
"...und jetzt ist er ein Geisterheld. Turai war ein großer Feldherr, aber auch töricht, eitel und bigott", unterbricht Norazul bissig. "Er glaubte, die Götter ließen sich durch ein paar Tempel und Obelisken beeindrucken. Wenn Ihr das auch glaubt, dann..."
Ich blicke auf, mustere ihn scharf. "Ich glaube, die Götter lassen sich durch gar nichts beeindrucken, weil sie sich überhaupt nicht für uns interessieren. Wir sind ihnen vollkommen egal."
Norazul lacht, ein Geräusch, das etwa so angenehm ist wie das Schaben einer Messerklinge auf einer mattpolierten Schiefertafel. "Das ist zwar auch nicht ganz richtig, aber schon besser. Ihr werdet Euren Weg schon vollenden, Tari. Ihr steht ja auch nicht allein da." Er legt mir eine Hand auf die Schulter, ganz leicht nur, aber es fühlt sich an, als hätte mir jemand die Klinge eines Breitschwerts, das vorher ein Jahr lang im Eis gesteckt hat, auf die bloße Haut gelegt. Ich zucke zusammen, und die Hand verschwindet.

Inzwischen sind die anderen zurückgekehrt, Alesia verteilt die Last ihrer Einkäufe ("Nur das Nötigste! Wirklich!!") gleichmäßig auf alle Anwesenden. Ich schaue noch einmal zu Norazul. "Was erwartet uns da draußen? Wisst Ihr das?"
"Was meint Ihr? Sand und Wassermangel und Hitze bei Tag? Sand und Wassermangel und Eiseskälte bei Nacht? Das habt Ihr Euch sicher selbst ausrechnen können. Oder meint Ihr die Verschlinger und die giftigen Jade-Skarabäen und die Sandriesen, die Lindwürmer und die Zentauren, die Hydras und die..."
"Hydras?", unterbreche ich Norazuls Aufzählung monströser Sehenswürdigkeiten der Kristallwüste. "Alles andere kenne ich, aber was sind Hydras?"
Der Albino grinst. "Eine gute Gelegenheit für Euch, das Unterbrechen zu trainieren. Hydras sind dreiköpfige, vierzehn Fuß hohe Echsen, die auf den Hinterbeinen laufen. Schnell laufen. Sie sind einer primitiven, aber wirkungsvollen Art der Feuermagie mächtig, spucken aus allen drei Mäulern gewaltige Flammenbälle, die Euch zu Boden werfen. Und wenn sie Euch geröstet haben, zerfetzen sie Euch mit ihren armlangen Reißzähnen. Mahlzeit!" Norazul kichert, wird aber rasch wieder ernst. "Wenn es geht, sollten wir die Konfrontation mit ihnen vermeiden. Vor allem, wenn sie zu mehreren auftreten. Sie können Euch gefährlicher werden als alles, was Ihr bisher kennengelernt habt. Mit Ausnahme vielleicht von Dagnar Steinhaupt."
Meine Kiefer spannen sich grimmig, bis meine Zähne schmerzen, und ich packe meinen Recurvebogen fester. "Gut. Das macht sie zu idealen Übungsobjekten."
Norazul sieht zu mir hoch, etwas Eigenartiges schimmert in seinem Blick - fast so etwas wie Stolz. "Ich habe nichts anderes von Euch erwartet, Tari. Gehen wir!"

Es ist manchmal nicht zu glauben, wie komplett sich eine Landschaft innerhalb von nur wenigen Metern verändern kann. Kaum haben wir die noch recht liebliche Oase von Amnoon hinter uns gelassen, stehen wir mitten in einem Meer - einem Meer aus Sand. Sanfte Dünen türmen sich vor unseren Augen, manche flach, andere hoch wie Berge, beige und ocker, aprikosen- und topazfarben, werfen bläulich braune Schatten, deren Tönung etwa der des Himmels hier draußen entspricht, nur dass die gnadenlose Sonne dessen Farbe fast vollständig zum Verblassen bringt. Vertikale, rippenförmige Muster überziehen die dem Wind zugewandten Dünenhänge, scheinen sich vor meinen Augen umzuformen, neue Muster zu bilden, genauso gleichförmig wie die vorigen und doch anders. Der Umriss der Sonne ist nicht mehr auszumachen, das grelle Gleißen macht es unmöglich, es auch nur zu versuchen. Ihre Strahlen zaubern Lichtreflexe auf die Dünenkämme, lassen die Sandkörnchen wie Edelsteine glitzern, so stechend, dass man den Blick abwenden muss. Nichts unterbricht die monotone Harmonie des Sandes, die Wellenkämme und Täler der Wüste, bis auf eine Reihe verwitterter Monolithen aus grauem Granit, die sich zwischen den Dünen hindurchschlängelt.

Wir sind stehengeblieben, überrascht und regelrecht ergriffen von dem Anblick, der sich uns bietet.
"Sie... sie ist so... schön", hauche ich schließlich, und ich spüre das vertraute Ziehen in der Herzgegend, das mich jedesmal überkommt, wenn ich einen einzigartigen Moment erleben darf - und der allererste Blick auf die Kristallwüste ist ganz sicher ein solcher Moment.
Norazul neben mir neigt zustimmend den Kopf. "Ja. Die Wüste ist schön. Schön und betörend, wie eine dämonische Geliebte. Sie lockt dich... sie verführt dich. Sie täuscht dich. Und dann tötet sie dich."
Trotz der Hitze plötzlich fröstelnd, blicke ich in die pupillenlosen Augen des Albinos. Es ist nicht so, dass ich diese Gegend mit einem fürstlichen Lustgarten vergleichen würde, aber die Bildhaftigkeit von Norazuls kleiner Metapher jagt mir dennoch einen Schauer über den Rücken.
Er bückt sich, hebt eine Handvoll Sand auf, lässt ihn in meine geöffnete Handfläche rieseln. Ich streiche mit der Fingerspitze über die feinen Körnchen, gebe sie schließlich der Wüste wieder zurück. Winzige, durchsichtige Kristalle bleiben an meinen Fingern kleben, senden feine, in allen Farben des Spektrums leuchtende Lichtstrahlen aus, wenn die Sonne in einem bestimmten Winkel auf sie trifft.
"Jedes Sandkörnchen hier ist ein winziger, scharfkantiger Kristall. Daher hat diese liebliche Gegend ihren Namen", rasselt Norazul. "Die Kristalle speichern bei Tag die Hitze und binden bei Nacht die Kälte. Das macht das Wandern hier so gefährlich. Unter anderem. Die Wüste verzeiht keinen Fehler, Tari."

Mit diesen ermutigenden Worten stapft er davon, winkt uns hinter sich her, den 'Pfad des Propheten' zwischen den Dünen entlang, den die sandzerfressenen, runenbedeckten Monolithen uns vorgeben, die die Elonier vor zweihundert Jahren hier aufgestellt haben... bevor sie alle zu Geistern wurden. Es dauert nicht lange, bis die ersten feindlichen Kreaturen aus dem Wüstenboden hervorbrechen - übelriechende, grünlich-schwarz schillernde Jade-Skarabäen und die unvermeidlichen Verschlinger, ohne die offenbar kein Land der Welt auskommen kann. Doch hier in der Wüste sind sie schlimmer als ihre Artgenossen in Ascalon und Kryta - größer, aggressiver und giftiger. Nach einer Stunde sind wir kaum vorangekommen, haben aber bereits Heerscharen der widerlichen Rieseninsekten erledigt, deren Kadaver unseren Weg säumen und die Harmonie des leeren Sandes stören, so lange, bis sie von den Vertretern ihrer eigenen Spezies aufgefressen werden. Allmählich macht uns die Hitze zu schaffen, Schweiß rinnt in Strömen über unsere Gesichter, lässt die dünne Seide der jellabah an meinem Rücken kleben. Chili und Dao hecheln mit weit offenen Mäulern, und bald schon ist der Inhalt meiner Wasserschläuche dahin, verschwunden in den dankbaren Kehlen der beiden erhitzten Katzen.

"Wie weit noch?", rufe ich Norazul zu, nachdem ein gutes Dutzend weiterer Grüppchen monströser Käfer unseren Pfeilen, Schwertern und Zaubern zum Opfer gefallen ist.
"Die Hälfte haben wir", ruft er zurück. Die Hälfte erst... ich unterdrücke ein Stöhnen. Die brennende Sonne und die Stärke unserer Feinde macht das Kämpfen langwierig und anstrengend. Orion hat sich mit krebsrotem Gesicht in den Sand fallen lassen, wirkt schon jetzt völlig entkräftet. Alesia hilft ihm, die kaffiyah nun doch um seinen Kopf zu drapieren. Sieh an, das letzte bisschen Restverstand in seinem Hirn fleht um sein Leben, und er hat es tatsächlich erhört, denke ich und möchte lächeln, aber ich schaffe es gerade, einen Mundwinkel zu heben. Ein Teil von mir kann meinen mürrischen Freund sogar verstehen - die Kapuze der jellabah verengt zwar mein seitliches Sichtfeld, doch der leichte Stoff ist mir immer noch lieber als ein zu dreiviertel eingewickelter Kopf.

Ich trete neben Feanor, der gerade seine im Sand gereinigte Smaragdklinge wieder in die Scheide versenkt. Hinter uns wogen seine Ritualistengeister im Wind. Ich lege die Hand auf seinen Unterarm, seine Haut ist nass vor Schweiß, die hochgewölbten Muskeln hart und angespannt. Er versenkt seinen Blick in meinen, fragt mich ohne Worte, ob alles in Ordnung ist, und lächelt unmerklich, als ich bejahend den Kopf neige. Nicht zum ersten Mal staune ich innerlich darüber, zu welch einem außergewöhnlich tiefen Verständnis wir beide inzwischen gelangt sind, so dass wir viele Dinge zwischen uns gar nicht mehr laut aussprechen müssen, einander wortlos verstehen.

Eine gute Stunde, bevor die Sonne in den Zenit geklettert sein wird, schält sich der anthrazitgraue Umriss eines gewaltigen Tafelberges am Horizont aus dem diffusen blaubeigen Himmel - das muss die Mesa sein. Der Fels der Weissagung - wir sind beinahe da. Die Erleichterung, in der eintönigen Schönheit der Wüste endlich unser Ziel vor Augen zu sehen, mobilisiert unsere Reserven, lässt uns schneller laufen, schneller kämpfen, bis wir schließlich eine hohe Treppe aus bröckelndem, hellem Sandstein emporsteigen und ein von ursprünglich kunstvoll gearbeiteten, inzwischen aber stark verwitterten Granitbögen und hohen Sandsteinsäulen eingerahmtes Hochplateau betreten. Die Steinbögen bilden regelrechte Arkaden, in deren Schatten wir uns erleichtert fallen lassen. Auch hier gehen Geister um, schweben umher, halten sich fern von uns, und doch spüren wir ihre Neugier.

Als Norazul sich neben mich hockt, bemerke ich wieder, welch eine Kälte von ihm ausgeht, selbst in der Hitze der Kristallwüste. Hier im Schatten bilden sich sofort wieder die kleinen Eiskristalle auf seiner Rüstung, und ausnahmsweise finde ich seine Nähe direkt angenehm, weil die Lufttemperatur um ihn herum deutlich kühler ist.
Ich blicke ihn an, lege neugierig den Kopf schief. "Sagt mir, Norazul... wie kommt es, dass Ihr selbst in diesem Glutofen so... wohltemperiert seid? Oder ist das ein nekromantisches Geheimnis?"
Der Albino lächelt, zeigt die schwarzen, rubinbesetzten Fänge, während er sich ganz niederlässt und die Beine ausstreckt. "Kein Geheimnis. Ihr wisst von den Tränen des Grenth? Die jeder Akolyth unserer Zunft trinken muss, bevor er als vollwertiger Nekromant gelten kann?"
Ich nicke. "Ihr habt es... damals schon einmal erwähnt. Ein tödliches Gift, dessen Einnahme nicht alle überleben. Es ist für die Veränderung des Äußeren verantwortlich...."
"... und nicht nur das. Bei mir bewirkte es - unter anderem - das Absinken meiner Körpertemperatur unter den Gefrierpunkt. Nicht unangenehm in einer Umgebung wie dieser." Er lächelt zufrieden. "Was das Gift anrichtet, hängt ganz von der Mischung ab - und da hat jeder Meister der Nekromantie sein eigenes Rezept. Ich auch."
Ich hebe eine Braue. "Ihr habt schon Schüler ausgebildet?"
"Aber ja. Viele."
"Und? Haben sie Euer Rezept für die Tränen überlebt?"
"Nicht alle." Norazul seufzt bedauernd. "Berufsrisiko."
"Entzückend", murmle ich und verziehe das Gesicht. Nekromanten sind eine Sorte Mensch, die ich vermutlich nie begreifen werde. Und ich kann nicht mal behaupten, dass mir das leidtut.

Eine kleine Weile später, nachdem unsere erhitzten Körper sich einigermaßen abgekühlt haben, erforschen wir das Hochplateau, suchen nach dem Großen Ritualpriester Zahmut. Stephan verliert schnell die Geduld, will die Geister nach ihm fragen, doch sie weichen ihm scheu aus, obwohl sie uns eindeutig beobachten. Alesia packt ihn am Ellbogen, wobei ihre zierliche Hand vollständig in seiner Armbeuge verschwindet, zieht ihn wieder zu uns zurück. Stephan, der ihr Fliegengewicht durch die Luft wirbeln könnte wie eine Stoffpuppe, folgt gutmütig und grinst über ihre geflüsterten Ermahnungen, die zweifelsohne sein verschwitztes Erscheinungsbild und sein kämpferisches Auftreten betreffen.

Am anderen Ende des Plateaus finden wir schließlich den Gesuchten. Auf einer Plattform, die von zwei einander zugeneigten, dreikantig behauenen Runenobelisken überdacht wird, die mich irgendwie an riesige Fangzähne erinnern, die aus der Unterwelt an die Oberfläche brechen, erwartet uns der Ritualpriester. Ein Geist - natürlich -, der einst ein Magier war, wie sich an seiner eleganten Robe und seinem langen Zweihandstab erkennen lässt. Hinter ihm ragt der gewaltige Fels der Weissagung aus dem Dunst des Vormittags, das Gelände dazwischen ist nicht zugänglich, schimmert aber durch ein transparentes, waberndes Energiefeld hindurch, das wohl eine Art Portal darstellt. Grün sieht es dahinter aus... eine Oase?

Stephan tritt vor. "Seid Ihr Zahmut?"
Oh je. Mit unnötigen Titeln und Etikette hat mein alter Freund es noch nie so sonderlich genau genommen...
Der Geist richtet sich auf, schafft es tatsächlich, hochmütig auf Stephan herabzublicken, obwohl er ihm höchstens bis ans Schlüsselbein reicht. "Der Große Ritualpriester Zahmut. Der bin ich. Und Ihr seid jene, deren Kommen angekündigt wurde."
Ich atme tief aus. Jetzt werden wir endlich erfahren, was wir hier zu tun haben. Und vielleicht auch, wie lange das alles dauert. Und wann wir endlich in die Zittergipfel können. Um unseren Freunden zu helfen. Um Dagnar Steinhaupts Kopf von seinem kurzen, dreckigen Hals zu trennen. Ich knirsche ungeduldig mit den Zähnen, doch der Große Ritualpriester Zahmut lässt sich Zeit, schwebt schweigend um uns herum, mustert jeden von uns von oben bis unten.
"Ihr wünscht aufzusteigen", stellt er schließlich fest. "Viele sind vor Euch gekommen, und alle haben versagt. Mögen die Götter Euch Weisheit geben, die Euren Pfad erhellt. Drei Prüfungen erwarten Euch in der Wüste. Suchet, und Ihr werdet finden."

Der Geist fällt in Schweigen. Wie? War das schon alles? Ich gehe einen Schritt auf den Geisterpriester zu.
"Der Geisterheld... Turai Ossa sagte, wir müssten in das Tafelland beim Fels der Weissagung."
Der Geist mustert mich mit überheblichem Blick. Etwa so ähnlich, wie ich eine Küchenschabe betrachten würde. Langsam werde ich ungehalten, doch allmählich entspannen sich seine Züge, zeigen sogar etwas ähnliches wie ein Lächeln.
"Ja. Ich weiß, wer Euch schickt. Ehe Euch der Eintritt zum Fels der Weissagung selbst gewährt wird, sprecht mit den drei ehemaligen Feldherren von Elona. Sie erwarten Euch am Fuße des Felsens und werden Euch alles sagen, was Ihr wissen müsst. Soll ich Euch hinbringen?"
Natürlich, du Trottel. Deshalb sind wir schließlich hier. Ich nicke mit äußerster Höflichkeit.

Der Große Ritualpriester Zahmut vollführt eine weitausholende Geste mit seinem Zweihandstab, und das Portal verändert sich, wird klarer, weniger verschwommen. Wir treten hindurch, und für eine Sekunde habe ich das Gefühl, als ob ein Mahlstrom an mir zerrt und mein Innerstes nach außen kehrt - doch dann ist es vorbei, und wir stehen auf der anderen Seite des Portals. Warmer Wind wirbelt den Wüstensand auf, formt diffuse Wolken aus feinstem Staub, rötlich gefärbt von einem in dramatischem Karmesin und Zinnober gewölkten Himmel. Der Himmel hier ist so vollkommen anders als jenseits des Portals... als befänden wir uns hier in einer anderen Dimension, in einer Traumwelt.

Vor uns dehnt sich eine weitläufige Oase, frisches, grünes Gras rahmt einen großen, tiefblauen See ein, der das Land vom Fels der Weissagung trennt. Der gewaltige, oben abgeflachte Berg, granitgrau und so hoch, dass er am Himmel zu kratzen scheint, ragt bedrohlich vor uns auf. Mir fällt auf, dass er keinen Schatten wirft.
Vor dem See befindet sich ein Podest, ähnlich dem, das wir gerade verlassen haben. Ein halbes Dutzend Paare der aufeinander zugeneigten, schrägen Runenobelisken führt darauf zu, bildet eine Arkadengang, wobei die drei letzten Paare so stark geneigt sind, dass ihre Spitzen sich kreuzen. Merkwürdige Runen bedecken sie dicht an dicht, wirken eher wie kleine Zeichnungen als wie Schriftzeichen. Ich kneife die Augen zusammen, kann aber die Muster aus der Entfernung nicht erkennen. Und vor dem Arkadengang stehen wartend drei Geister, die dem von Turai Ossa in Rüstung, Bewaffnung und Aufmachung sehr ähneln - sie sind nur nicht so groß wie er.

"Aah...", macht Norazul neben mir und strafft die Schultern. "General Mendoza. Lord Valodor. Und Kommandeur Joziah, der alte Haudegen. Ich wusste gar nicht, dass die auch hier hängengeblieben sind."
"Alte Bekannte von Euch?", frage ich lakonisch. Nur der Form halber, denn ich kenne die Antwort bereits - sie wird darin bestehen, mir nicht zu antworten. Und so ist es auch.
"Wir sollten uns anhören, was sie uns zu sagen haben", meint er stattdessen und marschiert voran, auf den linken Geist zu, den er General Mendoza genannt hat, doch dann bleibt er stehen und winkt mich nach vorn. Ich zucke kurz die Achseln, trete vor den Geist hin und verbeuge mich höflich.
"Ich bin..."
"Ihr seid die, deren Kommen angekündigt wurde." Selbst seine Stimme ähnelt der des Geistes von Turai Ossa. "Und ich bin General Mendoza. Zu Lebzeiten war ich einer der Anführer der elonischen Armee. Ich diente Turai Ossa in der Schlacht von Jahai, und selbst im Tode diene ich ihm noch. Bevor Ihr Zutritt zum Fels der Weissagung erhaltet, müsst Ihr nach Süden reisen. Zu den Dünen der Verzweiflung. Dort werdet Ihr Turai Ossa dabei helfen, in den Tempel des Aufstiegs einzudringen und die Aufmerksamkeit der Götter zu erringen. Wenn ihr Blick sich auf Euch richtet, werdet Ihr dem Aufstieg einen Schritt nähergekommen sein."

Inzwischen sind die beiden anderen Geister ebenfalls herbeigekommen. Sie rücken nahe an uns heran, und die Lufttemperatur sinkt merklich - wofür wir alle im Moment nicht undankbar sind.
"Ich bin Lord Valodor", erklärt der zweite Geist mit einer knappen Verbeugung. "In der Schlacht von Jahai kämpfte ich an Turai Ossas Seite. Ich wurde Zeuge, wie er Palawa Joko bezwang. Und ich war es, der ihn vom Schlachtfeld trug, als er schließlich von den Vergessenen hier in der Kristallwüste getötet wurde."
Der Geist blickt mir in die Augen, ernst und durchdringend, bevor er fortfährt: "Der Aufstieg wird nur jenen gewährt, die sich aus den Reihen gewöhnlicher Menschen erheben. Sucht nach dem Durstigen Fluss im Osten. Dort müsst Ihr Euch als würdig erweisen und von Euren irdischen Unvollkommenheiten geläutert werden."

Das wird hart, überlege ich nicht ohne Selbstironie, bevor der dritte Geist das Wort ergreift, jener, den Norazul als Kommandeur Joziah bezeichnet hat. Seine Aura fühlt sich irgendwie... energischer an als die der beiden anderen, und seine Stimme unterstreicht diesen Eindruck.
"Man nennt mich Befehlshaber Joziah", beginnt er. Mit Verbeugungen hält er sich nicht lange auf. "Anführer von Menschen, Bezwinger von Drachen und Liebhaber von Frauen. Seit mehr als zweihundert Jahren stehe ich an Turai Ossas Seite, und das werde ich noch weitere zweihundert Jahre tun, wenn es nötig ist."
Er blickt uns an, alle nacheinander, als warte er auf Widerspruch. Aber natürlich kommt keiner. "Ihr habt auf Eurer Suche nach dem Aufstieg Euer endgültiges Ziel erreicht, Ihr seid jedoch angekommen, bevor Ihr bereit seid. Geht zur Elonaspitze im Nordosten und fügt dort den Sehkristall wieder zusammen, damit die Götter durch ihn auf Euch schauen können. Lasst mich Euch warnen, dies ist keine unbedeutende Aufgabe. Auf der Elonaspitze ist unser Volk am Aufstieg gescheitert."

Schweigen folgt seinen Worten, während ich kurz die Augen schließe und im Geiste rekapituliere, was wir gerade gehört haben. Schließlich blicke ich zum ersten Geist, dem General, und zähle auf: "Also... zu den Dünen der Verzweiflung im Süden, den Tempel des Aufstiegs einnehmen... dann nach Osten zum Durstigen Fluss, um uns läutern zu lassen... und zum Schluss nach Nordosten auf die Elonaspitze und den Sehkristall... was immer das ist... wieder zusammenfügen. Das... ist es? Wenn wir das getan haben... ist der Aufstieg geschafft?" Hoffnungsvoll blicke ich in die transparenten, nichtsdestoweniger dunklen Augen des Geister-Generals.
"Nicht ganz. Wenn Ihr diese drei Aufgaben gemeistert habt - falls Ihr es schafft -, dann kehrt hierher zurück für den abschließenden Test."
"Ein abschließender Test?" Mein Mut sinkt. Als ob all das... andere nicht schon reichen würde! Wie lange soll das denn alles dauern?!
Der Geister-General nickt ernst. "Das wird vielleicht die schwerste Aufgabe. Der Große Ritualpriester Zahmut wird Euch mehr darüber sagen. Geht nun! Geht und bezwingt die Wüste. Löst Eure Aufgaben. Und dann kehrt hierher zurück, damit Ihr den letzten Schritt zu Eurem Aufstieg tun könnt. Wir erwarten Euch. Wir bauen auf Euch."

Die drei Geister verblassen, die letzten Worte des Generals sind schon kaum noch zu verstehen. Leichter Schwindel vernebelt kurzfristig meine Sicht, und ich lasse mich langsam in den Sand sinken, während Stephan, praktisch wie immer, unsere Wasserschläuche einsammelt, um sie im klaren Wasser des Sees aufzufüllen. Chili und Dao sind ihm längst vorausgeeilt, um ihren Durst zu stillen.
"Koishii! Alles in Ordnung?" Feanor kniet sich neben mich, legt sanft eine Hand gegen meine Schläfe.
"Es geht schon", murmle ich. "Ich hatte nur so ein komisches Gefühl... eben. Hilf mir hoch, ja?"
Feanor greift unter meine Achseln, stellt mich behutsam auf die Beine.
"Wir sollten wieder zurückgehen. Sobald Stephan fertig ist. Und wenn wir mit dem Ritualpriester gesprochen haben, sollten wir am besten gleich abmarschieren. Es ist ja nicht so, dass wir alle Zeit der Welt hätten. Norazul?"
Der Albino, der sich während des Gesprächs mit den Geistern ganz diskret im Hintergrund gehalten hat, tritt an meine Seite. "Was kann ich für Euch tun, Tari?"
"Kennt Ihr diese Orte? Die Dünen der Verzweiflung, den Durstigen Fluss und die Elonaspitze?"
Norazul neigt bejahend den Kopf. "Ich habe sie alle schon bereist - vor einiger Zeit. Ich denke, ich werde den Weg dorthin wiederfinden."
"Wie weit ist das? Wie groß ist die Kristallwüste überhaupt?" Ich habe diese Gegend zwar schon auf Tyria-Karten gesehen, doch diese waren ziemlich grob und ungenau.
"Etwas größer als das Königreich Ascalon", antwortet der Nekromant. "Alle drei Orte liegen an den Rändern der Wüste, dort, wo schroffe Gebirgszüge sie umgrenzen. Und es sind die drei Orte, die am weitesten von hier entfernt liegen."
Götter... auch das noch. "Was schätzt Ihr... wie lange werden wir unterwegs sein?"
"Kommt darauf an, wie gut wir vorankommen... wie viel wir kämpfen müssen, ob alle Wasserstellen noch nutzbar sind oder ob der Wind sie zugeweht hat, wie weit die Dünen gewandert sind und uns eventuell zu Umwegen zwingen, ob wir in Sandstürme geraten... ich habe eine Karte, ich zeige sie Euch nachher. Ich schätze, wir brauchen zehn Tage für jede Strecke. Im besten Falle."
"Und im schlechtesten?"
Norazul grinst. Schwarzes Obsidian schimmert rot im Licht des purpurnen Himmels, als hätte er sein Gebiss gerade in lebendes Fleisch geschlagen. "Kommen wir gar nicht erst irgendwo an."
Ich winke stöhnend ab. "Danke... das reicht schon. Wunderbar."

Ohne ein weiteres Wort drehe ich mich um und trete durch das Portal, zurück zum Hochplateau, zurück zum Ritualpriester. Vierzig Tage. Und noch einmal - optimistisch geschätzt - fünf Tage für die Aufgaben selbst. Macht fünfundvierzig Tage. Mindestens. Wenn wir sofort losgehen. Wenn nichts dazwischenkommt. Dazu kommt noch die Reise in die Zittergipfel. Mit dem Schiff zum Eishafen von Droknars Schmiede sind es noch einmal vielleicht zehn Tage. Wenn wir hier, im Hafen der Oase von Amnoon, überhaupt direkt ein Schiff dorthin bekommen. Also fünfundfünfzig Tage. Fast zwei Monate. Aber nur, wenn alles gutgeht.

Mein Herz sinkt bis in meine Kniekehlen. Wenn wir hier fertig sind und endlich in den Zittergipfeln ankommen - wenn wir das hier überhaupt überleben -, werden Saidra und Evennia mit Sicherheit tot sein. Abgeschlachtet vom Weißen Mantel. Deren Unsichtbaren Göttern zum Fraß vorgeworfen auf dem Blutstein, den sie angeblich in den Zittergipfeln haben. Und Dagnar Steinhaupt... wenn ich Glück habe, ist er bis dahin noch nicht an Altersschwäche gestorben. Oh Götter... wäre ich bloß nie aus Ascalon weggegangen. Am liebsten würde ich mich einfach hinsetzen und heulen.

Die anderen sind mir gefolgt, umringen mich. Ich spüre ihre Blicke, weiß, dass sie mehr von mir erwarten, als wieder mal in Tränen auszubrechen. Lediglich Feanor zeigt echtes Mitgefühl, umarmt mich, murmelt sanfte, tröstende Worte in mein Ohr, die ich nicht verstehe, die mir aber dennoch Kraft geben. Ich schlucke trocken, reiße mich zusammen.

Der Geist des Großen Ritualpriesters Zahmut tritt an uns heran, hat wieder seinen blasierten Gesichtsausdruck aufgesetzt, der anscheinend unverzichtbar zu seinem Selbstbild gehört.
"Nun? Habt Ihr mit den Feldherren gesprochen?"
Ich würge ein letztes Mal an dem Knoten in meinem Hals, bis er endlich tief genug rutscht, dass ich sprechen kann, ohne dass meine Stimme zittert. "Aye. Das haben wir. Wir haben unsere Aufgaben erhalten."
Ich umreiße kurz unser Gespräch mit den Geistern. "Und wenn das getan ist, sollen wir hierher zurückkehren. Um hier unsere abschließende Prüfung abzulegen und aufzusteigen. Wie sieht diese Prüfung aus?"
Der Ritualpriester nickt bedeutungsschwer. "Das wird vielleicht der schwerste Test von allen. Der Kampf gegen Euer Spiegelbild."
"Wie? Der Kampf gegen...?"
"Wenn Ihr die drei Missionen gemeistert habt und auf das Tafelland zurückkehrt, wird sich der Fels der Weissagung für Euch öffnen. Dort, in seinem Innern, werdet Ihr mit Euch selbst konfrontiert. Diesen Kampf müsst Ihr allein ausfechten. Jeder für sich selbst. Geht Ihr siegreich daraus hervor, ist Euer Aufstieg abgeschlossen, und der Blick der Götter wird auf Euch ruhen. Sie werden Euch Stärke geben für alles, was Euch in Eurem Leben noch bevorsteht. Und nur dann gelangt Ihr in jenes winzige Kristallsandkorn, in dem sich die Höhle der Prophetin Glint verbirgt, damit Ihr mit ihr sprechen könnt. Scheitert Ihr jedoch - dann endet Ihr wie wir. Als Geister in der Kristallwüste."
"Aber... wie kann es denn einen physischen Kampf gegen sich selbst geben?" Bei aller Überraschung bleibt Alesia skeptisch.
Der Geisterpriester hebt eine durchsichtige Braue. "Das kann ich Euch nicht sagen, denn - wie Ihr Euch denken könntet, wenn Ihr Euch die Mühe machtet - ich habe diesen Test niemals abgelegt. Ich starb auf der Elonaspitze, wie der Rest meines Volkes." Er hebt hoheitsvoll seinen Zweihandstab. "Ruht nun - oder geht gleich Euren Aufgaben entgegen, ganz wie Ihr wünscht. Bezwingt die Wüste. Meistert Eure Missionen. Aber - eins noch. Eine wichtige Sache wäre noch zu klären."
Ich blicke auf. "Was denn?"
"Zwei von Euch sind bereits aufgestiegen. Wenn auch nicht hier. Das weiß ich. Das fühle ich. Ihr braucht es nicht zu leugnen." Zahmut blickt erst zu Norazul, dann zu Feanor.
"Das hatte ich auch nicht vor - warum sollte ich auch", meint Feanor stirnrunzelnd. Leichte Verwirrung klingt in seiner Stimme mit.

"Weil Ihr zurückbleiben müsst. Eure Freunde müssen ihre Aufgaben allein bestehen. Ohne die Hilfe jener, auf denen bereits das Auge der Götter ruht. Ihr müsst die Wüste verlassen."