A/N: Es sei empfohlen, sich vor diesem Kapitel noch einmal kurz mit den Geschehnissen in "Vier" (Kapitelnummer 8) vertraut zu machen. Die Ereignisse hier knüpfen zeitlich direkt an jenes Kapitel an.


Fünf

House hatte es sich in seinem Sessel im Büro bequem gemacht, nachdem Wilson, von der Müdigkeit inzwischen bezwungen, mit dem Taxi nach Hause gefahren war. Die Sache mit Chase und dem so simplen Fall ließ ihm immer noch keine Ruhe und er beschloss, gar nicht erst nach Hause zu fahren und sich dort den ohnehin weiter wie Kaugummi an der Klinik haftenden Gedanken hinzugeben.

Er hatte Wechselsachen in einer Tasche irgendwo im Büro und duschen konnte er auch im Krankenhaus. Alles in allem gab es keinen wirklichen Grund, um den Weg jetzt noch auf sich zu nehmen. Zu Hause würde nur ein leerer Kühlschrank auf ihn warten. Nichts weiter, niemand sonst.

Nach einigen Minuten war er eingeschlafen. Ganz allmählich rutschte sein Kopf erst zur Seite und dann nach unten, als auch seine Muskeln in den Schlaf abglitten und nur ab und an korrigierte ein kleines Zucken wieder die unbequeme Position, in die sich sein Körper begeben hatte.

Als er anfing zu träumen, stand er in einem Klassenzimmer. Irgendwo im mittleren Westen, wo der warme Sommerwind durch die weit geöffneten Fenster wehte und die schlichten Gardinen anmutig tanzen ließ. Als er sich umschaute, fiel sein Blick auf Chase, der wissbegierig mit gefalteten Händen direkt vor ihm saß und darauf zu warten schien, dass etwas passierte. Er sah aus wie ein viel zu groß geratener Schuljunge, unschuldig und doch irgendwie bedrohlich.

"Was?", fragte House ihn mit einem angedeuteten Schulterzucken.

"Werden Sie die Geschichte zu Ende erzählen?"

"Welche Geschichte?"

"Ihre Geschichte", erklärte Chase wie selbstverständlich.

"Was wollen Sie hören?"

"Ob Sie Ihre Fähigkeiten wiedererlangt haben." Sein Blick war traurig.

Eine laute Stimme riss House just in diesem Moment wieder aus dem traumbeladenen Schlummer. Schlaftrunken konnte er sie anfangs weder zuordnen, noch erfassen, was genau sie zu ihm sagte. Er richtete sich etwas auf und sah die vor ihm stehende Schwester verwirrt an.

Sie fing an, das gerade Gesprochene langsam zu wiederholen: "Dr. House, wir haben versucht Sie anzupiepen, aber konnten Sie nicht erreichen", erklärte sie mit einem Hauch von Verzweiflung in der Stimme.

House schob sein Hemd etwas nach oben und suchte nach seinem Pager, doch er war tatsächlich nicht da, wo er sein sollte. Er sah sich in seinem Büro um, aber es war der Tisch des Konferenzraums, auf den sein Blick letztendlich fiel. Dort lag sein Pager und blinkte aufgeregt und vielleicht auch ein wenig bedrohlich vor sich hin. Unangetastet und unerhört.

"Die Patientin mit dem Karzinom ist gestorben", fuhr die Schwester ruhig aber bestimmt fort. "Sie hatte einen plötzlichen Atem- und Kreislaufstillstand. Wir haben sofort Dr. Brand gerufen, der gerade Dienst hatte, doch die Wiederbelebung war erfolglos. Ich soll Ihnen sagen, dass er gerne kurz mit Ihnen sprechen würde, um zu erfahren, wie sie behandelt wurde. Dr. Stein ist schon auf dem Weg."

House erlebte einen Moment zwischen Schock und vollkommener Ruhe, als seine Gedanken für ein paar Sekunden verrücktspielten und sich nicht entscheiden konnten, ob sie den Weg der Panik oder der Gelassenheit einschlagen sollten.

"Wir haben ihr nur Antibiotika gegen die Neutropenie gegeben", murmelte er leise vor sich hin und suchte bereits nach seinem Stock.

"Dr. Brand ist in seinem Büro." Die Schwester sah den verwirrt wirkenden Arzt kurz mit flüchtiger Besorgnis an und verließ dann das Büro.

House versuchte sich zu sammeln und ordnete seine Gedanken, die schneller sprinteten, als er je mit seinem Stock hinterherkommen würde. Ein plötzlicher Atem- und Kreislaufstillstand konnte viele Gründe haben, doch sofort sprang ihm eine Ursache in den Kopf und hielt sich dort so hartnäckig wie ein verzweifeltes Kind, das sich an die Beine der fortgehenden Mutter klammert: anaphylaktischer Schock.

Er stand auf und ging mit schnellen Schritten den Gang entlang. So schnell wie er wollte, konnte er dagegen gar nicht. Als er den Fahrstuhl erreichte und dieser nicht gleich kam, wünschte er sich verzweifelt ohne Mühe Treppen steigen zu können, nur um diese Qual zu beenden. Sekunden, die ihm wie zähe Minuten vorkamen, vergingen, bevor sich die Tür des Fahrstuhls endlich öffnete und House ein Stockwerk nach oben fahren konnte.

Er rannte zum Zimmer der verstorbenen Patientin, rannte so schnell und gut es ging mit einem Bein, das seine Bestimmung schon lange verloren hatte. Er musste einfach wissen, ob sich seine Theorie bestätigen würde. Ruckartig öffnete er die Tür und schloss sie dann jedoch sorgfältig wieder hinter sich, warf dabei einen Blick auf den ruhig erscheinenden Gang, den er zurückgelassen hatte.

Die letzten Schritte bis zum Bett der Patientin ließen ihn spüren, dass er sich gerade keinen Gefallen getan hatte so schnell zu gehen. Unter ihm knickten seine Knie leicht ein, sein Herz hämmerte gegen seinen Brustkorb, als würde nur noch der es davon abhalten, hier und jetzt aus seinem Körper zu springen.

Über der jungen Frau lag ein weißes Tuch. Ein kleines Zucken durchfuhr House und er folgte dem Tuch mit seinem Blick vom Fußende bis zu der Stelle, unter der ihr Kopf verborgen war. Ein letztes Mal atmete er tief ein und hoffte, dass alles anders war, als er dachte, als er es sich in dunklen, unangenehmen Farben gerade ausmalte.

Dann hob er seinen Kopf ganz langsam und schaute auf den Hängebeutel, in dem sich das Antibiotikum befand, das die Patientin von Wilson intravenös gegen die Neutropenie bekommen hatte. Er las das Etikett immer und immer wieder, bis die Worte ihre eigentliche Bedeutung verloren hatten: 'Ceftazidim, Wirkstoff: Cephalosporin'.

Nur schwer konnte er seinen Blick von der Aufschrift lösen, doch nach einer Weile machte er zwei Schritte zur Seite und nahm die Behandlungsakte vom Fußende des Bettes. Er schlug die erste Seite auf, dann die zweite, dann die dritte. Und dort fand er, was er gesucht und befürchtet hatte: 'Besondere Allergien: Penicillin, Amoxicillin, Cephalosporin'.

House schloss für einige Sekunden die Augen und versuchte gleichmäßig weiterzuatmen, doch der Raum schien luftleer. Er wusste, dass die Welt nicht einfach vor ihm verschwinden würde und so öffnete er die Augen nach ein paar japsenden Atemzügen wieder und blätterte diesmal zur letzten Seite der Akte. Der letzte Eintrag stammte von 1:40 Uhr und hielt eine gemessene Körpertemperatur von 39,5 Grad fest. Die Unterschrift der Nachtschwester befand sich daneben.

Einen Moment lang—und auch lange später noch—wusste House nicht, ob es Selbstlosigkeit, Dummheit, Freundschaft oder einfach nur der Drang nach dem Richtigen war, was ihn zu seiner nächsten Handlung trieb. Er holte einen Kugelschreiber aus seiner Hemdtasche und schrieb unter den letzten Eintrag: '2:15 Uhr, intravenöse Behandlung mit Ceftazidim gegen vermutete fiebrige Neutropenie'.

Danach setzte er mit einer schwungvollen Bewegung seine Unterschrift daneben.

ENDE