August 1920, nahe Columbus, Ohio; Milwaukee, Wisconsin

Die morgendliche Sonne tauchte den Himmel in die atemberaubendsten Farben. Es sah beinahe aus, als wären die Wolken in Flammen aufgegangen. Sie glühten in kräftigem rot, orange und gold. Einem Gold, das Esme sofort an einen Tag in ihrer Kindheit erinnern würde, eine Zeit die ihr ferner kaum erscheinen könnte. Ihr Arzt aus Kindheitstagen mit den wundervolle goldenen Augen...

Doch Esme sah den Himmel nicht. Sie wurde nicht an jene Tage erinnert, die unendlich lang her zu sein schienen und deren Erinnerung inzwischen so unwirklich war, als wäre es niemals geschehen.

Sie tastete sich halbblind durch ihre Küche, auf der Suche nach einem frischen Küchentuch, die Augen zugequollen von den letzten Schlägen, die sie bekommen hatte.

Sie war dankbar als sie das Tuch fand und in die Schüssel Wasser tunken konnte. Das feuchte Tuch tat gut, als sie es sich ganz vorsichtig auf ihr Gesicht drückte.

Er schlug sie nur selten ins Gesicht. Es war zu auffällig, zu sichtbar für die Nachbarn.

Doch in letzter Zeit hatte ihn das weniger gekümmert.

Er schlug sie, wenn er betrunken war.

Er schlug sie, wenn er nüchtern war.

Prohibition. Wenn es nicht so tragisch wäre, hätte sie darüber gelacht. Es war so lächerlich. Illegalen Alkohol gab es überall. Doch er war teurer und wer ihn beschaffte oder herstellte, machte sich im Prinzip damit strafbar. Obwohl selbst ziemlich offensichtlicher Alkoholhandel nicht verfolgt wurde, so hatte es doch Einfluss auf Esmes Leben.

Vielleicht hätte es ihr Leben verbessert, wenn Charles wirklich überhaupt nicht mehr an Alkohol heran gekommen wäre. Vielleicht hätte es ihr Leben verschlimmert. Sie wusste es nicht. Aber er kam noch an den Alkohol. Und er machte sie verantwortlich, wenn der Nachschub zu langsam kam, wenn das Geld mal wieder nicht reichte, wenn das Gesöff nicht die gewünschte Qualität hatte und und und.

Er hatte längst aufgehört Begründungen zu erfinden weshalb er sie schlug. Er tat es einfach.

Manchmal war sie beinahe froh, wenn er betrunken war. Dann waren seine Schläge weniger fest, oftmals traf er daneben und er hatte Probleme mit seiner Männlichkeit, wenn er getrunken hatte. Selbst wenn er wollte, gelang es ihm dann manchmal nicht sie zu vergewaltigen.

Der Geschmack von Blut lag auf ihrer Zunge und sie schluckte es mühsam herunter. Das feuchte Tuch hielt sie weiterhin vorsichtig in ihr Gesicht. Die Kühle des Wassers tat gut, doch selbst der winzigste Druck gegen die Schwellungen verursachten höllische Schmerzen.

Doch all das waren nur physische Schmerzen. Sie waren aushaltbar. Sie hatte gelernt mit diesem immer währenden Schmerz zu leben.

Der Schmerz in ihrer Seele war ein ganz anderer. Er war unerträglich.

Es war immer ihr größter Wunsch im Leben gewesen Mutter zu werden.

Nun würde sich dieser Wunsch erfüllen – und gerade das verursachte die heftigsten Qualen, die sie jemals verspürt hatte.

Der Gedanke ein unschuldiges Kind in dieses Haus zu bringen war entsetzlich.

Vorsichtig nahm sie das Tuch von ihrem Gesicht. Sie versuchte ihre geschwollenen Augen ein Stück zu öffnen. Das rechte Auge blieb verschlossen, doch das linke öffnete sich zumindest einen winzigen Spalt.

Sie blickte geradewegs zum Küchenfenster hinaus. Die Sonnen stand nun höher, das unglaubliche Farbspektakel war vorüber. Nur noch eine einzige Wolke glühte in kräftigen Farben.

Goldfarben. Gold. Esmes Farbe der Hoffnung.

Dieses Kind würde in diesem Haus nicht geboren werden. Niemals. Charles würde niemals seinen Sohn oder seine Tochter in den Armen halten. Dafür würde Esmes sorgen. Es war ihr egal, was mit ihr selbst geschah. Ihr eigenes Leben war nicht von Bedeutung. Doch das kleine Leben, das in ihr wuchs, das würde sie beschützen. Dafür würde sie notfalls sterben!

Sie zwang ihre Augen ein Stück weiter auf. Es tat entsetzlich weh, doch das kümmerte sie nicht. Sie musste fort. Jetzt. Und dafür musste sie etwas sehen können.

Sie hörte Charles schnarchen. Er lag halb auf dem Sofa, halb auf dem Boden, erbrochenes klebte an seinem Hemd. An seiner Hand klebte Blut.

Esmes Blut.

Sie musste sich beeilen. Sie wusste zwar, dass er vermutlich bis in den Mittag schlafen würde – nur um dann erbost darüber zu erwachen, dass sie ihn nicht geweckt hatte (selbst verständlich wäre er nicht minder erbost, hätte sie ihn geweckt), bis dahin musste sie weit weg sein! Sie hatte nur ein paar Stunden.

Die Zeit reichte nicht, um wirklich zu packen. So griff sie nur eine kleine Tasche und etwas Bargeld und verschwand.

Sie brauchte eine knappe Stunde bis zum Bahnhof, normalerweise war es ein Weg von maximal 20 Minuten. Doch noch immer konnte sie kaum die Augen öffnen. Dennoch zog sie ihren Hut weit ins Gesicht. Sie wollte nicht, dass irgendjemand sah wer hier am frühen Morgen herum lief und in welchem Zustand.

Trotzdem spürte sie die brennenden Blicke des Schaffners auf ihr, als sie mit gesenktem Kopf das Geld für ihr Ticket über den Tresen schob.

Sie hätte gerne ein Ticket in eine gänzlich andere Richtung gekauft, um dann mit einem großen Umweg an ihr Ziel zu gelangen, doch dafür reichte ihr Geld nicht aus. Und aus demselben Grund konnte sie auch nicht an einen beliebigen Ort reisen.

Es gab für sie nur eine einzige Hoffnung. Würde man sie dort nicht aufnehmen, dann wären sie und ihr ungeborenes Kind verloren.

Milwaukee. Das war ihr Ziel. Dort lebte ihre Cousine Rachel.

Sie konnte nur beten, dass Rachel gütig genug war, ihr Unterschlupf zu gewähren. Bei ihren Eltern musste Esme es gar nicht erst versuchen, sie hatte es schon so oft versucht und jedesmal hatten sie sie zurück geschickt.

Rachel war ihre einzige Chance.

Als sie schließlich völlig erschöpft vor Rachels Haus stand und ihr die junge Frau die Tür öffnete, glaubte Esme schon nicht mehr daran, dass dies ihre Rettung sein könnte.

Rachel würde sie zurück schicken. Ebenso wie es Esmes Eltern immer getan hatten.

Eine Frau gehörte nach Hause zu ihren Mann, sie hatte ihm zu gehorchen, seine Kinder zu gebären und groß zu ziehen. Sie hatte nicht davon zu laufen wie ein räudiger Hund.

Doch als sie Rachel sah, musste sie blinzeln.

War dies ihre Cousine? Konnte das sein?

Rachels Haar war kurz geschnitten und zu einem Seitenscheitel gekämmt. In ihrer Hand hielt sie eine Zigarette, ihr Kleid war ungewöhnlich modern geschnitten, ihre Haut braun gebrannt und ihre Lippen knallrot geschminkt.

Hinter ihr an der Wand hing an einem Haken eine auffällige Schärpe, aufgehängt wie eine stolz erbeutete Trophäe. „Frauenwahlrecht", las Esme darauf. Es war die Schärpe einer Suffragette.

Esme hatte nur am Rande mitbekommen, wie die Suffragetten um mehr Rechte gekämpft hatten, wie sie schließlich beim Wahlrecht ihren Erfolg feiern durften. Es hatte für sie selbst nie eine Rolle gespielt. Charles beherrschte ihr Leben und daraus hatte es so und so kein entrinnen gegeben.

Doch nun stand sie Rachel gegenüber, Rachel die offenbar Seite an Seite mit den Suffragetten gekämpft hatte, die eine von ihnen war, Rachel die zu einer selbstbewussten Frau herangewachsen war, die sich von keinem Mann unterkriegen lassen wollte.

Rachel, die erschrocken ganz vorsichtig Esmes Kinn in die Hand nahm und ihr ins geschundene Gesicht blickte.

„Oh Gott, Esme!", stöhnte sie auf. „Was ist mit dir nur geschehen?"

Wie Esme erfuhr, konnte Rachels Leben kaum unterschiedlicher sein als das ihre, und dennoch zeitgleich so viele Parallelen haben.

Auch Rachel hatte die Unterdrückung der Männer gespürt. Mehrfach hatte sie im Gefängnis gesessen, nur weil sie für ihre Rechte gekämpft hatte. Aber sie hatte sich nicht unterkriegen lassen und es war für sie keine Frage, dass sie Esme anbot zu bleiben.

Esme genoss die übersprudelnde Energie Rachels. Die junge Frau sprach fast ohne Pause, sie schimpfte über Charles und was er Esme angetan hatte, erzählte von ihren eigenen Abenteuern, ihren Niederlagen und Erfolgen.

Zum ersten Mal seit Jahren fühlte sich Esme wirklich geborgen.

Doch die Zeit verging viel zu rasch.

Entsetzt blickte sie auf, als Rachel eines Nachmittags in das Haus stürmte.

„Esme, er ist hier! Er hat dich gefunden!"

Rachel musste nicht mehr erklären. Es war Esme von Anfang an bewusst gewesen. Irgendwann würde Charles sie finden. Es würde nicht einmal schwer sein, schließlich war sie auf direktem Weg hierher gekommen. Charles brauchte nur den geschwätzigen Schaffner fragen, welcher ihm zweifellos Auskunft geben würde, weil er genauso denken würde wie Charles. Eine Frau gehörte zu ihrem Mann. War sein Eigentum. Sie hatte nicht davon zu laufen.

Rachel sah das anders. Sie riss Esme mit sich, rannte mit ihr ins Schlafzimmer. Hastig zog sie einen Koffer hervor und warf wahllos einige ihrer eigenen Kleidungsstücke hinein. Schließlich drückte sie Esme einige Geldscheine in die Hand.

„Nimm es", erklärte sie etwas atemlos. „Mehr habe ich leider nicht, es tut mir leid."

Esme schüttelte leicht den Kopf. Sie konnte das nicht annehmen, es war zuviel. Doch Rachel verweigerte die Rückgabe. Sie zog Esme mit sich zu ihrem Auto.

Die Staubwolke hinter Rachels Auto hatte sich kaum gelegt, als Charles Evensons Wagen um die Kurve bog. Er sah die Frauen nicht mehr verschwinden. Er war nur Sekunden zu spät.

Und als er Stunden später zum Bahnhof kam, war er ebenfalls bereits zu spät. Der Zug nach Ashland war bereits abgefahren.

Hätte er gewusst, dass Esme nur wenige Minuten zuvor den Zug bestiegen hatte, dann hätte er auch ihr neues Ziel gekannt. Doch er wusste es nicht. Er wusste nicht, ob sie nicht vielleicht schon vor Tagen verschwunden war und so hatte er keinen Anhaltspunkt mehr, um sie zu suchen oder gar zu finden.

Er würde Esme niemals wieder sehen.

Dafür hatte Rachel gesorgt. Sie ahnte, dass auch sie ihre Cousine niemals wieder sehen würde, und doch war sie glücklich und stolz. Dies war ihr bisher größter Sieg gewesen und diesen Sieg würde ihr niemand mehr nehmen.

„Fahr in dein goldenes Glück!", waren Rachels letzte Worte an Esme gewesen. Sie hatte keine Ahnung wie wahr ihre Worte sein würden.

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