Epilog

Elizabeth Darcy lag faul und träge auf einer weichen Decke unter der großen Weide am Froschteich, genoß die Sonne und den herrlich warmen Tag im Kreise ihrer Familie. Sie strich immer wieder gedankenverloren durch die dunklen Locken ihres Ehemannes, der mit dem Kopf auf ihrem Bauch lag und in einem Buch las. Auf William Darcys Bauch wiederum schlief ruhig und friedlich ein kleines, in eine Decke gewickeltes Bündel, von dem nur ein paar ebenfalls dunkle Locken zu sehen waren.

Es war ein niedliches, idyllisches Bild, und Hannah Darcy, die ein wenig abseits am Ufer saß, machte fleißig Skizzen davon auf ihren Block. Hannah hatte vor kurzem ihr Talent und ihre Liebe zum Zeichnen entdeckt und versorgte die ganze Familie inklusive Verwandtschaft mit Bildern und Zeichnungen. Ihr Lieblingsobjekt war zur Zeit selbstverständlich die kleine Isabelle Darcy, ihre sieben Monate alte Schwester, die so vertrauensvoll auf dem Bauch ihres Vaters schlief und keine Sorgen auf der Welt zu haben schien.

Die kleine Isabelle hatte in der Tat keine Sorgen. Dabei war ihr Eintritt in diese Welt nicht einfach gewesen. Geboren am Neujahrstag dieses Jahres in einer eisigen, stürmischen Nacht mit nur Georgiana und Mrs. Reynolds als Geburtshelferinnen hatte sie von Beginn an einen etwas schweren Stand. Doch sie war eine Darcy, sie war eine Kämpferin, und obwohl sie vier Wochen zu früh das Licht der Welt erblickte, biß sie sich durch und aus dem anfangs sehr, sehr schwachen, fast todgeweihten Säugling entwickelte sich ein hübsches, kräftiges Baby, das seine Eltern in Atem hielt. Und ein ständiger Grund zur Freude war.

Hannah war anfangs ein ganz klein wenig eifersüchtig gewesen. Alexander war vor kurzem nach Eton gegangen und Hannah hatte sich danach alleine und verlassen gefühlt. Isabelles Ankunft schien sie in die zweite Reihe zurückzudrängen, doch sowohl William als auch Elizabeth gaben ihr nie das Gefühl, nur die zweite Geige zu spielen und schon bald war die kleine Isabelle interessant für die große Schwester. Man konnte sie herumschleppen, sie knuddeln, baden, ins Bett bringen und vieles mehr. Besonders stolz war Hannah darauf, daß ihr Vater sie explizit um ihre Mithilfe bat und dem Mädchen damit das Gefühl gab, wichtig zu sein. Was sie für den kleinen neuen Erdenbürger ja auch durchaus war – und für ihre Eltern.

Hannah beendete ihre Zeichnung, klappte ihren Block zu und ließ sich an der Seite ihres Vaters auf der Decke nieder. William lächelte seine Große an, streckte einladend einen Arm aus und zog sie an sich. Er war der glücklichste Mann der Welt, wie er fand. Seine wundervolle Ehefrau, mit der es keinen Tag langweilig wurde, seine große, hübsche Tochter, die ihn mit Stolz erfüllte und das kleine, zarte Wesen auf seinem Bauch, das ihn schon jetzt mit ihren sieben Monaten mühelos um den kleinen Finger wickeln konnte. Dazu sein Sohn und Erbe, der ihm in Eton keine Schande machte und später einmal ein würdiger Nachfolger als Herr von Pemberley sein würde. Oh ja, William war äußerst zufrieden mit seinem Leben.

Er dachte an die Zeit seit seiner Hochzeit zurück. Nach ihrer Rückkehr aus Wien begann für Elizabeth und ihn der normale Ehealltag, doch bei ihnen beiden war von Beginn an nichts normal. Ohne groß darüber zu reden war Elizabeth jede Nacht in sein Schlafzimmer gekommen und daran hatte sich bis heute nichts geändert. Sie schliefen gemeinsam ein und begannen den neuen Tag zusammen – mal mehr, mal weniger leidenschaftlich. Die Dienerschaft lernte schnell, daß man das Schlafzimmer des Hausherrn besser nur betrat, wenn er explizit danach verlangte oder wenn es als hundertprozentig sicher galt, daß das Zimmer auch wirklich leer war. Es war bald ein offenes Geheimnis, daß das Ehepaar sich sehr zugetan war und diese gegenseitige Zuneigung auch meist offen auslebte.

Elizabeth hatte auch nach der Hochzeit nicht aufgehört, sich hin und wieder mit ihrem Gatten zu streiten. Sie versuchte immer wieder, ihre Meinung durchzusetzen und obwohl William seine Frau über alles liebte, gab er ihr bei weitem nicht immer nach, was stets zu hitzigen Diskussionen führte. Oft stürmte Elizabeth aufgebracht aus dem Zimmer, doch sie stritten sich nie so arg, daß sie die Nächte aus lauter Zorn alleine verbrachten. Spätestens dann waren sie wieder versöhnt und es war bisher noch nie vorgekommen, daß sie auch nur eine Nacht voneinander getrennt waren. Elizabeths Bereitschaft zum streiten nahm ein ganz klein wenig ab, als sie zum ersten Mal schwanger wurde.

Georgiana lebte weiterhin glücklich und zufrieden mit ihrem attraktiven Earl und zwei Kindern auf ihrem Landsitz in Norfolk. Die Fenwicks waren häufig auf Pemberley zu Gast wie auch umgekehrt.

Jane und Charles Bingley setzten vier Kinder in die Welt und auch sie besuchten die Darcys häufig – meist verbrachten die Familien einen Großteil des Sommers miteinander, in einem Jahr auf Pemberley, im nächsten in Lincolnshire. Ab und zu reiste man auch gemeinsam nach London, um zumindest einen Teil der Saison dort zu verbringen, aber selbst Elizabeth, die gerne die Nächte durchtanzte, fühlte sich am wohlsten auf Pemberley im Kreise ihrer Familie und veranstaltete lieber selbst Bälle und Gesellschaften, die von Verwandten, Freunden und Nachbarn nur zu gerne besucht wurden.

Caroline überraschte ihre Familie und auch die Darcys mit der Ankündigung, sich mit Andrew, dem künftigen Earl of Matlock, zu verloben. Während eines Aufenthalts in London hatte sie den unverbesserlichen Frauenhelden bei einem Dinner eines gemeinsamen Bekannten wiedergetroffen – beide ein wenig… nun ja, angeheitert und auf der Suche nach Gesellschaft. Andrew, zu Tode gelangweilt aufgrund mangelnder weiblicher – vielmehr weiblicher und williger – Gäste, gab sich schließlich mit dem zufrieden, was vorhanden war, und das war an diesem Abend nun einmal Caroline. Er verwickelte sie in der Bibliothek in ein Gespräch und wurde dabei immer zudringlicher, bis Caroline seinen Schmeicheleien endlich nachgab, sich auf ein Sofa drängen und sich von ihm küssen ließ. Andrew, der offenbar einen ziemlichen Notstand hatte, war gerade mit dem Kopf in ihrem Ausschnitt versunken, mit einer Hand hatte er ihr Kleid hochgeschoben, mit der anderen seine Hose geöffnet.

In diesem äußerst verfänglichen und delikaten Zustand wurden die beiden eine Minute später von ihrem Gastgeber, dessen Ehefrau und mehreren anderen Gästen überrascht – was zur Folge hatte, daß Caroline aufs äußerste kompromittiert und Andrew wohl oder übel gezwungen war, ihre Ehre wiederherzustellen. Weder Andrews Familie noch Carolines und auch nicht die Darcys waren sehr erfreut über diese erzwungene Verbindung, von Andrew ganz zu schweigen. Caroline grämte sich anfangs ein wenig darüber, doch am Ende war sie froh, überhaupt einen Ehemann gefunden zu haben. Und dann noch einen zukünftigen Earl! Und dann auch noch verwandt mit den Darcys! Ihre Euphorie endete jedoch sehr schnell, als sie ihren Gemahl am zweiten Tag ihrer Flitterwochen im Bett mit einem jungen Hausmädchen erwischte.

Andrews Bruder, Richard Fitzwilliam, hatte mehr Glück gehabt. Er besuchte weiterhin pflichtbewußt und regelmäßig seine Tante, Lady Catherine, in Kent. Dort lief er auch immer wieder Charlotte Collins über den Weg und aus Mangel an adäquaten Gesprächspartnern unterhielten sie sich ziemlich oft miteinander. Ab und zu trafen sie sich unterwegs auf Spaziergängen und setzten diese gemeinsam fort. Bald stellten sie fest, daß sie viele Gemeinsamkeiten hatten und viele Ansichten teilten und es dauerte naturgemäß nicht allzu lange, und Richard machte Charlotte einen Heiratsantrag, den diese sehr gerne annahm. Ihr Glück wurde später noch perfekt durch die Geburt von zwei Söhnen – und als Lady Catherine einige Jahre später starb, erbte Richard Fitzwilliam Rosings Park.

Charlottes „Stieftochter", die berüchtigte Contessa del Sarto, verschwand glücklicherweise vollkommen aus Williams Leben. Möglicherweise verließ sie England für immer. Zumindest in London ging sie ihrem „Gewerbe" augenscheinlich nicht mehr nach, das hätte Andrew, als eifriger Konsument von Harris's list of Covent Garden Ladies or Man of Pleasure's Kalendar und ständiger Besucher der einschlägigen Etablissements (trotz seiner Ehe) sicherlich mitbekommen. Keiner vermißte sie, niemand hörte je wieder etwas von ihr. Nur William dankte jeden Sonntag im Gottesdienst still dem Herrn dafür, daß er sich damals zu keiner Dummheit hatte hinreißen lassen.

Ach ja, und was geschah mit John Thornton und seinen Lieben? Nun, zunächst einmal mußte er noch einiges erdulden mit seiner Familie. Die kleine Emily entwickelte sich zu einem Satansbraten allererster Güte. Ihre Stiefmutter kam mit dem wilden und heimtückischen Kind nicht zurande und gab schließlich auf. Selbst die furchteinflößende Mrs. Thornton hatte nur bedingt Erfolg mit der Erziehung des kleinen Teufels und das Mädchen schikanierte den gesamten Haushalt auf Milton Manor. Emily Watson fand jedoch schließlich ihren Meister im neuen Ehemann ihrer Stiefmutter, einem General Tilney, der mit seinen – zugegebenermaßen etwas fragwürdigen – Erziehungsmethoden aber endlich für Ruhe sorgte. Fannys Ehe wurde – was niemanden so richtig erstaunte – nicht besonders glücklich.

Und John Thornton – nun ja, auch er fand noch sein Glück. Auch wenn es etwas auf sich warten ließ. Er hatte lange Zeit darüber nachgegrübelt, ob er mehr um Elizabeth hätte kämpfen sollen, aber er kam zu dem Schluß, daß es am Ende nicht viel genutzt hätte. Seine Mutter hätte sie niemals akzeptiert und auch wenn er Elizabeth anfangs noch etwas nachtrauerte, er wußte genau, er hätte seine Mutter niemals auf die Straße setzen können. Er hatte seine Entscheidung getroffen, er mußte damit leben. Auch machte er keinen Versuch mehr, eine Frau kennenzulernen, die er heiraten und mit der er eine Familie gründen konnte. Er vergrub sich in seine Arbeit, in die Verwaltung des Anwesens und nach der Hochzeit seiner Schwester lebte er mit seiner Mutter alleine auf Milton Manor. Mit der Zeit konnte er sein Los akzeptieren.

Aber Mrs. Thornton war kein langes Leben vergönnt. Auf den Tag genau fünf Jahre, nachdem sie Elizabeth erfolgreich vergrault hatte, wurde sie plötzlich und unerwartet zu ihrem Schöpfer abberufen. Sie starb friedlich im Schlaf und hatte keine Zeit mehr gehabt, ihre Sünden zu bereuen. Thornton begrub seine Mutter und betrauerte sie aufrichtig, doch er spürte auch bald, daß seine Chancen auf ein bißchen weibliche Gesellschaft in Form einer Ehefrau vielleicht doch noch vorhanden waren. Schließlich hatte er etwas zu bieten, und er war nicht im geringsten darauf angewiesen, reich zu heiraten. Es gab keinen Grund, den Rest seines Lebens alleine hier draußen zu verbringen, oder?

Und es schien fast so, als hätte der liebe Gott Mitleid mit dem leidgeprüften Mann gehabt. Thornton gab eine Anzeige auf, in der er eine Hilfe für den Haushalt suchte – Mrs. Dixon wurde auch nicht jünger und auch wenn er seine Haushälterin nicht ersetzen wollte, so sollte sie doch tatkräftige Unterstützung erhalten. Es wurde einfach alles zuviel für sie. Viele potentielle Kandidatinnen waren von der einsamen Lage des Anwesens abgeschreckt, doch eines Tages kam eine junge, offenbar furchtlose Dame vorbei, die sich für die Stelle interessierte und der die Isolation nichts ausmachte. Ihr gefiel das Anwesen, ihr gefiel ihr Arbeitgeber und so begann sie bereits am nächsten Tag mit der Arbeit. Ein Jahr später war sie Mrs. Thornton. Wieder ein Jahr später schenkte sie Mr. Thornton einen Sohn und Erben.

Die Darcys erfuhren erst Jahre später von Thorntons Schicksal. Nachdem so viel Zeit ins Land gegangen war, hatte er William einfach einen Brief geschrieben, aus dem sich eine freundschaftliche und jahrelange Korrespondenz entwickelte.

Elizabeth schenkte noch zwei weiteren Kindern das Leben, zwei Jahre nach Isabelle kam Richard zur Welt und drei Jahre später, als kleine Nachzüglerin, wurde Madeline geboren. William liebte alle seine Kinder abgöttisch, wobei ihn Madeline am meisten an Elizabeth erinnerte. Sie wurde nicht nur rein äußerlich ein Ebenbild ihrer Mutter, sie war auch genauso vorwitzig und unerschrocken. Ja, und gedankenlos, zumindest manchmal. Kein Baum war vor ihr sicher, kein noch so wildes Pferd konnte sie ängstigen und es kam genau zweimal vor, daß William seine jüngste Tochter aus dem Froschteich retten mußte. Als er ihr im darauffolgenden Sommer das Schwimmen beibrachte, hatte die Familie im Anschluß viel Spaß mit den Erzählungen ihrer Mutter, die sich noch allzu gut daran erinnerte, wie ihr Ehemann ihr widerwillig das Schwimmen beigebracht hatte – noch bevor sie verheiratet waren.

Ja, William konnte zufrieden sein mit seinem bisherigen Leben. Wenn er sich daran zurückerinnerte an seinen 30. Geburtstag, den er alleine in der Bibliothek Pemberleys verbrachte… es war viel passiert seit diesem Abend. An diesem Abend hatte er sich entschieden, Charles Einladung zu dessen Hochzeit anzunehmen, er hatte im Anschluß Elizabeth als Gouvernante mit nach Pemberley genommen, obwohl er von Beginn an davon überzeugt gewesen war, daß diese dreiste, junge Frau nur Ärger bedeuten würde.

Er lächelte bei der Erinnerung daran. Nein, sie hatte nie Ärger gemacht – wobei er das früher wahrscheinlich ganz anders gesehen hätte. Sie hatte sein Leben bereichert. Sie hatte ihm sehr oft sehr direkt gesagt, daß er oft auf dem Holzweg war mit seinen Ansichten. Er hatte langsam, sehr langsam umgedacht und siehe da, ihre teilweise revolutionären Meinungen waren oft gar nicht so verkehrt gewesen. Und dann war sie ihm weggenommen worden und durch eine wundersame Ironie des Schicksals wieder in sein Leben getreten. Diese zweite Chance hatte er genutzt. Er hatte die Liebe seines Lebens durch eigene Schuld, nämlich sein eigenes Unvermögen verloren, durch eigenen Einsatz zurückbekommen und war – zumindest seiner Meinung nach – der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt. Und wehe, einer wollte ihm da widersprechen.

Ende.