50.

Geschieht es nun, dass dem sonst friedlichen Kerle
nächtens, bei des Firmaments voll stehender Perle
sprießen das Fell, die Klauen und die Reißer,
so gib ihm, darauf achte gut,
bevor er sich verwandeln tut,
folgenden Trunke zwischen die Beißer:

Bei Merlin. Wie sollte sie das nur durchstehen? Warum hatte Lucius Malfoy Severus unbedingt in einen Werwolf verwandeln müssen? Nicht, dass es schon schwierig genug war, diesen merkwürdigen Trank zu brauen – nein, Severus sollte auch noch das Testobjekt sein! Sollte sie nur einen einzigen Fehler begehen, was würde dann aus ihm werden? Müsste er eventuell sogar sterben, weil sie nicht fähig war, ein Zaubertrankrezept korrekt zu befolgen? Wenn er ihr doch nur beistehen könnte…


Zufürderst nimm der alten Jungfer Blut
auf dass es das Tier beruhigen tut
denn dies entbehrt der animalischen Triebe
auf Grund von niemals erfahrener Liebe.

Seit sie das Rezept übersetzt hatte, war sie sich bewusst, was dieser Absatz bedeutete. Sie mussten einen Menschen opfern. Sie, Hermine Granger, musste Hand anlegen an eine alte, unschuldige Dame, um Severus – und auch Remus und all die anderen – retten zu können. Sie, eine Mörderin... Ihre Gedanken begannen sich zu überschlagen. Schnell konzentrierte sie sich auf Severus, der erschöpft in seinem Käfig lag. Seine Augen erwiderten ihren Blick – sie würde handeln müssen.


Als zweites gib des Karpfens Auge hinzu,
trüb und alt, so bleibt des Hasses Lodern kalt,
auf dass das Tier erblinde im Manne,
und rühr es unter in erzener Wanne.

Malfoy hatte selbst eine solche Wanne in ihr Verlies schaffen lassen; ihm war sehr daran gelegen, dass der Trank gelang. Nicht etwa wegen Severus, da machte sie sich nichts vor; doch er hoffte, den Trank umkehren und die Betroffenen für immer in Werwölfe verwandeln zu können. Für dieses verdammte Bestiarium!


Gegen des Tieres schauerlich Körperkraft
hilft des Klatschmohns heißer Blütensaft.
Dies rühr als Drittes dem Trunke nun zu,
auf das Du hast vor dem Tiere die Ruh.

Nun, Auge und Mohn lagen vor ihr; sie benötigte nur noch eine weitere Zutat…


Auf diese Weise, verwirrt und gebannt,
ist das Tier an Herz, der Seel und der Hand,
doch beachte tunlichst folgende Sache,
auf dass der Kerl nicht werde zum Greise
und trotz des Trunks noch jugendlich lache.

Sie riss sich zusammen und wandte ihren Blick ab, weg von ihrem ehemaligen Zaubertränke-Professor, den sie so sehr liebte, dass sie nicht mit ansehen konnte, wie er litt. Malfoy hatte bei der Beschaffung der letzten Zutat, der alten Jungfer, ganze Arbeit geleistet. Selbst hierbei hatte er einen Weg gefunden, Severus und damit auch sie selbst noch zu quälen.

Wieder einmal hatte sie in Malfoys triumphierendes Gesicht blicken müssen, als er die alte Dame „präsentierte", die nun sterben musste.

An eine Wand gekettet und mit einem Schweigezauber belegt harrte Agonia Valigia der Dinge, die sie erwarteten. Sie war selbst für eine Hexe bereits alt und hatte es inzwischen aufgegeben, sich gegen ihre Fesseln zu wehren. Auch die Fluchtiraden hatte sie eingestellt, nachdem Malfoy sie still gehext hatte.

Agonia – als Severus sie erblickt hatte, war er total ausgerastet. Er hätte beinahe seinen Käfig in Schutt und Asche gelegt. Doch jetzt, jetzt lag er nur noch in einer Ecke und trauerte.

Sein Kindermädchen – Hermine würde sein ehemaliges Kindermädchen töten müssen.

Malfoys Gesicht sprühte förmlich vor guter Laune, als er Hermine berichtete, wen sie da vor sich hatte.


Der alten Jungfer Blut entnimm gegen acht
direkt vor des Neumonds versteckter Pracht,
ob freiwillig oder unter Zwang
ist hierbei nicht von Belang,
mit einem schartig Messer voll Rust
direkt aus der noch schlagenden Brust.

Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es Zeit zum Handeln war. Severus jaulte leise. Mit einem Stoßgebet und dem innigen Wunsch nach Traumlostränken für den Rest ihres Lebens ergriff sie das bereitgelegte Messer. Es musste jetzt sein. Ihre Nerven mussten das einfach aushalten; Severus hatte nur diese eine Chance. Sie selbst hatte nur diese eine Chance. Das gesamte Blut von Miss Valigia sollte aufgefangen werden, für weitere Versuche, wie Malfoy sich ausdrückte. Das ließ ihr zumindest den Hauch einer Chance, nicht noch jemanden opfern zu müssen, sollten sie Remus tatsächlich jemals wieder sehen. Was für ein perfider Gedanke...

Die Götter und Severus im Stillen um Verzeihung bittend, machte sie sich an die Arbeit.

Sie würde den seltsam verzerrten Gesichtsausdruck des Kindermädchens nie mehr vergessen können.


Entnimm dem Karpfen, dem alten Fisch,
stets von den Augen das Linke
auf einem bemoosten, steinernen Tisch.
Denn nimmst Du der Augen das Recht
auf einem Tisch aus anderm Geflecht
des Trunkes starke doch unheilige Macht
verschwindet in dem er lauthals zerkracht.

Die Zubereitung dieser Zutat erschien ihr geradezu wie eine Wohltat.


Den Mohn für die dritte Zutat im Extrakt
stets bei Vollmond gut in Jute einpack
Um die Blüten aber lauf im Kreise
gegen die Zeit, rückwärtigerweise
dreimal, bevor Du sie der Erde entrupfst
und sie dabei mit Deinem Schweiße betupfst.

Sie konnte nur hoffen, dass sich Malfoys Leute genau an die Anweisungen gehalten hatten. Sie wagte nicht, darüber nachzudenken, was passieren könnte… Um nichts in der Welt wollte sie diesen Trank – mit neuen „Zutaten" - noch einmal zubereiten müssen.


Nach der beschriebnen Zubereitungsweise
sei Dir nun hier noch geschildert:
Des Blutes bedarf es zweier des Ganzen eines Liter
auf dass der Kerl nicht mehr verwildert,
des Auges, nicht vertrocknet, eines an der Zahl
ein Dutzend nimm von des Klatschmonds Blüten
und gelindert wird sein die verfluchte Qual.

Inzwischen hatte sich dieses Rezept in ihr Gedächtnis eingebrannt; sie würde es jederzeit, auch ohne den Codex, zitieren können.

Am Ende dieser Schrift, zum Schluss
ein wichtig Anmerk vom Klumppfuß,
Meister der Trunkesalchemie
hinsichtlich moralischer Bedenken:
Du tauschst ein altes Leben gegen neu
auf dass es wieder Dein Herz erfreu,
drum kannst Du sie Dir schenken.

Wenn der Trank nun nicht funktionierte… Wenn sie versagt hatte… Wenn der Mohn nicht richtig eingesammelt worden war… Es waren so viele unsichere Komponenten dabei… Konnte sie Severus den Trank geben?

Würde sie jemals wieder schlafen können, ohne den heutigen Tag wieder und wieder vor Augen zu haben?

Würde sie jemals ihre Heimat wieder sehen? Jemals mit Severus vor irgendeinem Kamin sitzen?

Würden sie all das hier überleben?

Wäre ihr Leben jemals wieder „normal"?

Jetzt war es zu spät für alle Zweifel. Malfoy flößte Severus mit einer Kelle den Trank ein.

Hermine schloss die Augen, als ihr ehemaliger Professor zu zucken anfing.