Die Flammen schlugen hoch und verschlangen alles, was ihnen in den Weg kam. Der Wald brannte lichterloh, selbst in der Nacht wurde der Horizont im Norden von den Feuern erhellt. Der Feind sorgte dafür, dass die Flammen niemals verloschen und heißte die Feuer immer und immer wieder an.

Da er damit beschäftigt war, hatte Legolas die Gelegenheit, sich zurückzuziehen und seine Reihen neu zu ordnen. Dennoch schmerzte es ihn unendlich, dass er ohne auch nur einen einzigen, richtigen Kampf Gebiete so weiträumig aufgeben musste. Sie verteidigten ihre Heimat, und doch hatte es der Feind geschafft, innerhalb viel zu kurzer Zeit eine breite Schneise in ihre Reihen zu schlagen.

In den nächsten Tagen zogen sie sich unter kleineren Scharmützeln Stück für Stück bis kurz vor seinen Hallen zurück. Die Orks schienen das zu dulden, denn sie setzten ihnen nicht allzu vehement nach. Warum? Hatten sie solchen Spaß daran, seinen Wald niederzubrennen und fühlten sich so siegessicher, dass sie es riskierten, dass er sich neu und stärker formieren konnte?

„Unser Feind ist sich zu siegessicher", sagte Celeborn. „Das ist sein Fehler und seine Schwäche. Bisher hat er nahezu nur Erfolge vorzuweisen, was ihn anscheinend leichtsinnig und übermütig macht. Das ist unsere Gelegenheit zum Gegenschlag, mein König."

„Wisst Ihr etwas zu diesem Mann, der sich Ghâshburz nennt?", fragte Legolas.

„Kaum mehr als Ihr, Herr Elrond und König Elessar", musste Celeborn einräumen. „Doch auch das kann ein Hinweis sein. Dass wir bisher noch nie etwas von ihm hörten, kann bedeuten, dass er keiner derer war, die für Sauron an vorderster Front kämpften. Und das wiederum bedeutet, dass er wahrscheinlich kein Heeresführer ist. Stimmt dies, so ist er noch unerprobt im Führen von Kriegen, und das gibt uns auch entgegen unserer zahlenmäßigen Unterlegenheit einen entscheidenden Vorteil. Denn wäre er klug, dann hätte er uns sogleich nachgesetzt, als er die Gelegenheit hatte, und uns zerschlagen. Er war nahe dran, doch im entscheidenden Moment hat er seinen Griff gelockert."

Alle Heeresführer der Waldelben waren sich einig, dass sie in den Schatten agieren mussten, Hinterhalte legen und dem Feind auflauern. Seine Heeresstärke war zu groß, in einem offenen Kampf konnten sie gegen ihn nicht bestehen. Das größte Problem jedoch waren die Drachen. Wie konnten sie getötet werden ohne selbst zu hohe Verluste in Kauf zu nehmen. Stets hielten die Bestien sich in der Nähe des Heeres auf, lauerten entweder in seinem Herzen oder kreisten hoch über ihm am Himmel und stießen nur herab, um die Feuer am Leben zu erhalten.

Legolas hatte zahlreiche Spione ausgesandt, die die feindlichen Truppen auskundschaften sollten. Dieses Mal bewegten sie sich auf bekanntem Boden und es gelang ihnen, dass keiner der Kundschafter entdeckt wurde. Durch ihre Augen und Ohren erfuhren sie so alles über ihren Feind, was sie wissen mussten.

Nachdem also die schlimmsten Wunden nach dem ersten, herben Verlust geleckt waren, sammelte Legolas seine Truppen erneut und errichtete einen Stützpunkt nördlich seiner Hallen, von welchem aus er sich rasch in ebenjene zurückziehen konnte. Sie waren schon immer, seit sie aus dem Süden hierher gezogen waren, ein Rückzugsort seines Volkes und seine Festung gewesen. Sollte es zum Äußersten kommen, würde er sich dort verschanzen und über Jahre hinweg ausharren können.

Mit einem Trupp Bogenschützen, darunter zahlreiche Galadhrim mit ihren starken Langbögen, hatte er sich in dieser Nacht aufgemacht, um wieder einmal einer Gruppe Kundschafter des Feindes aufzulauern. Gerüchteweise sollte ein ranghoher Offizier diese Gruppe begleiten, weshalb er sich selbst dem Überfall angeschlossen hatte.

Sie hatten den Weg über die Bäume gewählt, und obgleich die Nacht finster war, reichte ihnen das spärliche Licht der Sterne, um ihren Weg zu finden. Leise und verstohlen bewegten sie sich durch das Geäst und waren darauf bedacht, kein Geräusch zu machen. Sie wussten nur ungefähr, wo ihr Ziel sich befand, was hieß, dass sie jederzeit auf es treffen könnten.

Legolas hatte seinen Bogen stets anschlagbereit. Seine Sinne waren bis zum Zerreißen gespannt, und hinter jedem noch so kleinen Geräusch vermutete er den Feind. Orks konnten, wenn sie wollten, verblüffend leise sein.

Doch dann stieg ihm auf einmal ein sonderbarer Geruch in die Nase, beinahe wie nach faulen Eiern. Er hatte ihn erst jüngst gerochen. Drachen! Mit einer Handbewegung hieß er seinen Soldaten halt zu machen und suchte nervös den Himmel ab, ob er einen dunklen Schatten vor den Sternen entlangziehen sah. Als er in einiger Entfernjung jedoch ein lautes Knacken und Krachen vernahm, wusste er, dass er an der falschen Stelle suchte. Der Drache flog nicht, er lief durch den Wald!

„Das ist unsere Gelegenheit", wisperte er den ihm nachfolgenden Männern zu. „Er ist verwundbar am Boden und wird auch so schnell nicht aufsteigen können."

„Er wird sich in Begleitung der Orks befinden, die wir suchen", gab einer der Elben zu bedenken. „Schon allein ist ein Drache ein beinahe unüberwindbarer Gegner, aber mit Orks an seiner Seite …"

„Es wurden oft genug Drachen in weitaus gefährlicheren Situationen getötet", hielt Legolas dagegen. „Und sie wissen nicht, dass wir kommen. Kommt jetzt!"

Ohne weitere Wiederworte zu dulden ging er weiter. Sie mussten diese Gelegenheit beim Schopfe packen! Gelang es ihnen, einen Drachen zu töten, so hatten sie einen entscheidenden Sieg in diesem Krieg gewonnen. Er würde sehr vorsichtig sein und beim kleinsten Anzeichen, dass es in einem Desaster enden konnte, den Rückzug befehlen. Aber dieses Risiko mussten sie einfach eingehen!

Es dauerte nicht lang, da wurde der Gestank des Drachen immer stärker. Zudem vernahmen sie nun die schimpfenden Stimmen der Orks, die über irgendetwas in ihrer scheußlichen Sprache fluchten. Und nun sahen sie auch den großen Schatten des Drachen, welcher sich durch den dichten Wald kämpfte und dabei eine Schneise der Verwüstung hinter sich her zog. Warum lief er und flog nicht? Welchen Zweck hatte das? Es erschien Legolas widersinnig, doch sollte es ihm gleich sein.

Mit stummen Zeichen brachte er seine Männer in Position. Just in diesem Moment fauchte auch der Drache die Orks an, dass sie halten sollten, und hob die hässliche Schnauze, um zu wittern. Die Elben nutzen die Gelegenheit, um ihre Feinde in Windeseile zu umstellen. Doch warum hatte der Drache einen Halt befohlen? Hatte er etwas gerochen?

Als er plötzlich fauchte und brüllte und wild um sich zu schlagen begann, wusste Legolas, dass er sie gerochen hatte. Er stieß einen hellen Pfiff aus, woraufhin seine Soldaten den Hinterhalt auflösten und ihre Pfeile auf die Orks herabregnen ließen. Der Drache brüllte laut und stürzte sich in die Richtung, aus der er den Pfiff vernommen hatte. Mit einem Male sah sich Legolas seinem flammenden Tod gegenüber.

Entsetzt starrte er auf das auf ihn zustürmende Ungetüm und wusste, dass er sterben würde. Doch seine Instinkte waren sehr gut ausgebildet. Automatisch griff er zu einem Pfeil und spannte blitzschnell seinen Bogen. Der Drache schien ihn mittlerweile ausgemacht zu haben, denn er riss das Maul auf und brüllte. Sein Rachen glomm unheilverkündend, während er die Schwingen halb ausgebreitet hatte und sich aufbäumte. Zahlreiche Pfeile regneten auf seinen Panzer ein, doch er schüttelte sie alle ab, und keiner von ihnen konnte seinen Panzer mehr als nur ein wenig zu zerkratzen. Doch Legolas sah ihm direkt ins Maul.

Der Drache war nahe, so nahe, dass er ihn unmöglich verfehlen konnte. Es würde nur Bruchteile von Sekunden dauern, bis er als mitternächtliches Mal der Bestie endete, und doch hob er den Bogen und ließ den Pfeil los.

Es schien ihm, als würden Zeitalter vergehen, bis der Pfeil im Rachen der Bestie verschwand. Feuer glomm auf, doch verließ es niemals den Schlund der Bestie. Erstaunen trat in die feurigen Augen des Drachen und dann Wut. Ein letztes Mal stieß er ein schmerzerfülltes und auch panisches Brüllen aus, dann fiel er vorn über.

Beinahe wäre es auch jetzt um Legolas geschehen, als der riesige Drache direkt auf ihn zu stürzte. Krachend fiel er in den Baum, auf welchem Legolas gesessen hatte, und riss diesen und alle in seiner Nachbarschaft stehenden Bäume um. In seinen Todeszuckungen verwüstete der Drache alles, was sich in seiner Reichweite befand.

Nur durch einige gewagte Sprünge, gelang es Legolas, sich aus der Gefahrenzone zu bringen. Doch auch so zog er sich etliche Blessuren und Prellungen zu und wurde auch das eine oder andere Mal von einem aufgewirbelten Holzteil getroffen. Zahlreiche kleine Splitter bohrten sich in seine Haut.

Auch unter den Orks war Panik ausgebrochen. Sie wussten nicht, wie ihnen geschah, als wie aus dem Nichts etliche ihrer Kameraden röchelnd und tödlich getroffen zu Boden sanken. Und dann fiel auch noch der Drache, welcher sich in ihrer Begleitung befunden hatte! Dies ließ sie vollends kopflose Flucht ergreifen.

Der Überfall hatte nur Augenblicke gedauert und hatte etlichen Orks und einem Drachen das Leben gekostet. Von den Elben aber hatte niemand mehr als nur einige Schnitte davongetragen. Schwer atmend aber zufrieden lächelnd besaß sich Legolas das Chaos, welches sie angerichtet hatten, während seine Soldaten ihm für seinen ersten toten Drachen zujubelten.

Dies war definitiv ein Schritt in die richtige Richtung. Ghâshburz würde noch früh genug erfahren, dass sie noch immer einen scharfen Biss besaßen.