Am Ende war da mehr
‚Klock, Klock, Klock…"
Draco war nah daran die Nerven zu verlieren, was wollte Lupin denn vom ihm? Der sollte ins Bett gehen und sich ausruhen, bevor er nachher vielleicht noch wirklich ohnmächtig umkippen würde oder seine Schüler weiterhin mit den falschen Namen ansprach. Professor Lupin sah furchtbar geschwächt aus und Draco hätte ihm am liebsten entgegen gerufen, er solle in den Krankenflügel stolpern. Die kränkliche Blässe und auch der deutliche Schweißfilm auf der Stirn waren keine guten Zeichen, genauso wenig wie dieser riesige Köter, der sich als Lupins Irrwicht herausgestellt hatte … kein Mond, nein ein toter Hund, seltsam irgendwie. Einen Wolf hätte Draco ja noch verstehen können, aber eine große, schwarze, zottelige Promenadenmischung? Das zeigte doch schon deutlich, dass Professor Lupin Schlaf oder zumindest Ruhe bitter nötig hatte.
Malfoy starrte auf das Buchcover, während das ‚Klock, Klock, Klock' von Lupin immer bedrohlicher wurde, okay ja, dass bildete sich der Junge wahrscheinlich nur ein.
Flüchtig huschten die grauen Augen mehrmals zu dem Lehrer, bevor sie sich wieder auf den Einband des Buches hefteten, als wäre das wirklich der Grund, warum Draco noch einmal zurückgekommen war. Nein, er hatte es natürlich nicht absichtlich liegen gelassen, aber er fand es auch nicht schlimm, als er bemerkt hatte, dass es noch im Klassenzimmer sein musste.
„Kommst du bitte nach vorne, Draco" sagte Professor Lupin und der Angesprochene konnte nicht anders als verwundert den Kopf in seine Richtung zu drehen. Damit hatte er wirklich nicht gerechnet. Der Professor benutzte seinen Vornamen, nachdem er sich bei ihrem letzten Treffen auf ‚Mr. Malfoy' verbissen hatte. Zeitgleich mit Lupins Aussage entspannte sich Draco merklich, es war also noch nicht verloren, was auch immer verloren geglaubt gewesen war… Diese raue Schicht, die sein Herz beim Schlagen eingeschränkt hatte, brach in Sekundenschnelle entzwei und das klamme Gefühl in der schmalen Brust verschwand beinahe vollkommen.
Eigentlich hätte er gerne unfreundlich geantwortet, doch der Werwolf, der gerade wieder angestrengt seine Schläfen massierte, machte auf ihn nicht den Eindruck als würde er das heute noch verkraften und so hielt Draco einfach einmal seine vorlaute Klappe und entschied sich dazu, dass es vielleicht gescheiter wäre, eine gängige Konversation zu starten. Allerdings von hier hinten aus bevor das werwölfische Temperament wieder mit dem Professor durchging. Riskieren wollte Draco da nichts mehr, der letzte Tag war schon grausig genug gewesen. Einsam, obwohl er sich sogar dazu durchgerungen hatte mit Astoria spazieren zu gehen, aber sonst hatte er neben dem Unterricht nichts unternommen außer weiterhin das alte Foto zu mustern, dass er ausfindig gemacht hatte.
„Was wollen Sie von mir?" fragte er zögerlich und fixierte Professor Lupin weiterhin, der aufblickte und seinen Schüler mit einem bizarren Blick musterte, den wohl niemand zu einschätzen gewusst hätte. Draco schluckte.
„Draco, du…" sagte Professor Lupin und diesmal lag auch ein kränklicher Unterton in seiner Stimme und der Slytherin begann langsam sich wirklich Sorgen zu machen.
„Sie sollten ins Bett gehen, wie Sie es vorhatten" erwiderte Draco und hätte den Älteren gerne höchstpersönlich in sein Schlafzimmer gebracht, um sicher zu gehen, dass dieser sich ausruhte. Am besten noch liebevoll zudecken und sich dann davon machen, um sich in die Küche zu schleichen und einen Earl Grey zu besorgen. Lächerlich, Draco hätte sich wegen diesem Gedankengang gerne selbst mit nachsitzen bestraft. Hundert Mal schreiben: ‚Einem Slytherin ist der gesundheitliche Zustand des Personals gänzlich egal' hätten sicherlich ihre Wirkung getan. Tatsächlich spielte er kurzzeitig mit dem Gedanken jetzt ein Pergament aus seiner Umhängetasche zu ziehen. Allerdings hätte er dann wohl eher versucht, sich den Hund aufzuzeichnen, zwar konnte er nicht sonderlich gut skizzieren, doch dieses Vieh musste wichtig sein, wenn sich deswegen sogar der Irrwicht des Professors änderte.
Lupin war ja so geschockt gewesen, das er Potter James, nach seinem alten Schulfreund, genannt hatte. Der musste echt durch den Wind sein, oder….
Und da fiel es Draco wie zwei Galleonen von den Augen! Potter, James, Harry Potter, Potter James, James Potter! Professor Lupin hatte doch erzählt, dass er Potters Eltern kannte und jedem in der Zaubererwelt war die tragisch ums Leben gekommene Familie Potter ein Begriff. Warum war er da nur nicht früher darauf gekommen? Alles logisch! Schon oft hatte Draco gehört, wie man dem Kapitän der gryffindorschen Qudditchmannschaft mitgeteilt hatte, er würde seinem Vater unglaublich ähnlich sehen. Darum hatte Lupin die zwei im ersten Moment verwechselt, nachdem er die Besinnung wiedererlangt hatte. So dermaßen musste er durch den Wind gewesen sein.
Würde das jetzt seltsam aussehen wenn er das Jahrbuch von 1975/1976 rausholen würde um nach Potter zu fahnden? P wie Potter, das dürfte nicht allzu schwer werden.
Potter war doch der beste Freund von seinem blutsverräterischen Cousin zweiten Grades gewesen. Ja sicher, Draco konnte sich noch gut erinnern, wie seine Mutter von Sirius Black erzählt hatte, was für ein mieser Hund der gewesen war.
Sirius? Das war doch der Name gewesen, den Professor Lupin gerade ausgesprochen hatte, als Draco zurück ins Klassenzimmer gekommen war. Der war also auch noch mit einem der Brandlöcher im mütterlichen Stammbaum befreundet gewesen. Und dann auch noch mit dem Loch über das hin und wieder gesprochen wurde. Draco klappte der Mund unschön auf, jetzt war da nur noch die Frage um wen es sich bei Lily Evans handelte und was es mit diesem Zusatz ‚Tätzchen' auf sich hatte. Merlin, da würde er die nächste Zeit aber eine Menge Freizeit in der Bibliothek verbringen müssen, um die früheren Beziehungen des Professors nachkonstruieren zu können. Warum hatte er sich bis jetzt nur auf dieses eine Bild beschränkt?
Das Geräusch der tanzenden Fingerspitzen auf der Tischplatte erstarb ohne Vorwarnung. Das war besser, viel besser! Ohne ‚Klock, Klock, Klock' konnte man sich vielleicht auch unterhalten. Ob Professor Lupin das jetzt absichtlich machte? Draco zweifelte stark, als der Lehrer die Distanz zwischen ihnen verringerte und jetzt so nah bei ihm stand, dass Draco meinte den heißen Atem bereits im Gesicht zu spüren und hätte er nur einen winzigen Schritt zur Seite gemacht, hätte er ihn unweigerlich berührt.
Zögerlich hob der Siebzehnjährige den Blick und wahrscheinlich machte er genau den gegenteiligen Eindruck von dem was wirklich in seinem Kopf vorging.
Ob Lupin wusste, dass er am Sonntag eine geschlagene Stunde vor dessen Bürotür verbracht hatte, sich aber nicht überwinden konnte zu klopfen? Weil er Angst gehabt hatte, fürchterliche Angst davor, dass Professor Lupin ihn nach diesem Zwischenfall abweisen würde. Allein der Gedanke ließ Draco sachte auf seiner Unterlippe herumkauen, allerdings nicht zu fest, damit da wieder alles verheilen konnte. Nebenbei war da natürlich auch die noch nicht verrauchte Wut gewesen, die Draco aufgrund der verlorenen Hauspunkte empfunden hatte, und da war es wahrscheinlich eh besser gewesen, sich nicht auf ein Streitgespräch einzulassen, zu dem ein solches Zusammentreffen unweigerlich geführt hätte. Aber trotzdem hatte er den Professor irgendwie vermisst, ja vermisst. Gut dass niemand seine Gedanken lesen konnte, dass würde wirklich peinlich werden.
Zu gerne wollte er sich mal eben an der Schulter des Größeren anlehnen, doch die Atmosphäre die im Moment herrschte war, trotz dem verebbten Geräusch, nicht die in der sich Draco wohl gefühlt hätte und wahrscheinlich ging es Lupin da eben so. Unrasiert war der wiedermal und ganz kurz wagte Draco es Blickkontakt herzustellen, allerdings ohne das erhoffte Ergebnis. Von wegen die Augen wären das Fenster zur Seele, aus Lupins konnte er gerade überhaupt nichts lesen, rein gar nichts. Der hatte absolut dicht gemacht oder war so wirr im Kopf, dass er selbst nicht wusste was er dachte.
„Sie sollten wirklich ins Bett gehen" sagte Draco, während er sich ausgiebig mit den leicht verklebten Haarspitzen des Professors beschäftigte. Anscheinend hatte sein Gegenüber Fieber, hohes Fieber, so wie der schwitzte. Madam Pomfrey könnte dem sicher was geben, damit es ihm besser ging.
„Draco…" wiederholte sich Lupin und Draco fragte sich ernsthaft ob Snape und der Werwolf das abgesprochen hatten, nur um ihn zu ärgern.
Es dauerte mehr als einen Augenblick bis der Slytherin wahrnahm, dass sich die Hand seines Lehrers auf seine Schulter legte und am liebsten hätte er innerlich gejubelt, doch da dies kein passendes Verhalten war stierte er lieber auf die Hand und war nur ganz knapp davor seinen Stolz hinunter zu schlucken und mehr Nähe zu suchen.
„Wirklich, Sir" versuchte der Junge sich zu erklären „Gehen Sie in den Krankenflügel" meinte er mit brüchiger Stimme.
Doch bis zu dem Gehör von Lupin schienen seine Worte überhaupt nicht durchzukommen, denn der blieb wie angewurzelt stehen und schwieg. Ohne das wohlbekannte sanfte Lächeln im Gesicht, sondern eher mit nachdenklicher Mimik.
„In Ordnung" gab Draco klein bei „Was wollen Sie von mir?" Normalerweise war es nicht seine Art in einer solch ernsten Situation die Gesprächsführung zu übernehmen, wenn sein Dialogpartner älter als er war. Wenn sie aber ewig hier rumstehen würden, würde es Professor Lupin sicher nicht besser gehen und daher war jetzt doch so etwas wie Eile geboten, damit der sich endlich ausschlafen konnte. Ein bisschen Kooperation würde Draco ja schon nicht umbringen.
Stur starrte der blonde Zauberer jetzt aus dem Fenster, an die Stelle, an der zuvor der Vogel aufgeprallt war und einen leichten Kratzer hinterlassen hatte. In diesem reflektierte sich die Sonne nun ungewöhnlich und auf dem hölzernen Boden flackerte ein länglicher Lichtpunkt fröhlich vor sich hin.
Ebenso überrascht wie darüber, dass sich Lupins Hand auf seine Schulter gelegt hatte, war der Junge nun auch, als die andere seine Wange berührte. Das war so schön…
„Remus, bitte" rutschte es ihm heraus und seine Mundwinkel huschten nach oben, als er aus den Augenwinkeln heraus sehen konnte, dass der Professor für den Bruchteil einer Sekunde lächelte. In diesem Moment brach das Eis, dass es da noch unbarmherzig dafür verantwortlich war, dass Draco sich nicht so recht entscheiden konnte ob er auf Abstand bleiben sollte oder nicht. Einmal tief durchatmend gab er seinem Instinkt nach und überwand die letzten Zentimeter Entfernung zwischen ihnen.
„Ich mach mir doch nur Sorgen" erläuterte er flüsternd „Du siehst wirklich nicht gut aus und der Irrwicht hat dich wahrscheinlich auch fertig gemacht. Vermutlich bist du nichtmal ganz bei dir"
Während er sprach stellte sich der Slytherin auf Zehenspitzen und fuhr seinem Professor über den Hinterkopf. Oha! Diese Beule hatte ein Ausmaß von einem eigenen, kleinen Berg, die musste anständig wehtun. Doch Remus schien das überhaupt nicht zu kümmern. Er zuckte nicht, verzog nicht einmal das Gesicht, als Draco sie so unauffällig wie möglich abtastete. Anscheinend wollte Remus im Moment nicht mehr als Kontakt, Nähe, Vertrautheit, oder etwas anderes in dieser Richtung und Draco sehnte sich doch ebenfalls schon so lange danach.
Immer noch auf den Zehenspitzen stehend hauchte Draco seinem Lehrer einen Kuss auf die Lippen. Irgendwie war jetzt der richtige Zeitpunkt dafür, obwohl dass wahrscheinlich niemand anders so empfunden hätte. ‚Hauchen' war nicht die richtige Beschreibung für diesen zärtlich Kuss, denn das Lippenbekenntnis zog sich in eine ungeahnte Länge, da es diesmal wohl nicht nur von dem verliebten Slytherin ausging. Liebevoll streichelte Draco währenddessen über die rostfarbenen Bartstoppeln und Remus genierte sich nicht sich zumindest ein wenig an den Jüngeren zu schmiegen. Eigentlich hatte sich Draco fest vorgenommen, Remus dazu zu überreden doch bitte auf die Krankenstation zu gehen und sich dort auszukurieren, doch jetzt gerade wollte er ihn einfach nur nicht weglassen. In seinem blonden Schädel brannte er sich eben noch die beiden Namen ‚James Potter' und ‚Sirius Black' ein, bevor diese untergehen würden und verbannte dann jeglichen noch so kurzen Gedanken, um sich selbst in der Liebkosung zu verlieren.
Er hätte ewig so stehen bleiben können, die rauen Lippen auf den seinen gespürt und dieses Glücksgefühl ausgekostet, dass ihn innerlich wärmte wie ein tragbares Feuer. Hoffentlich ging es Remus da ähnlich, denn der war fürchterlich kalt, so kalt, dass Draco beinahe mitgefroren hätte. Atmen war nur noch zweitrangig und doch mussten sie sich irgendwann lösen, zwar widerwillig aber der menschliche Körper benötigte nun mal Sauerstoff zum Überleben.
Blaue Augen trafen auf graue und Draco war fast der Meinung, dass sich die Iris seines Lehrers ein wenig aufgehellt hatte, wahrscheinlich wegen der Sonne, die jetzt direkt ins Klassenzimmer fiel und die beiden umspielte und es schaffte einen imaginären Nebel zu durchbrechen, der ihm die Sicht verschleiert hatte.
„Du bist mir nicht mehr böse?" wollte er zögerlich wissen, während er verträumt vor sich hin grinste und diesmal den Blickkontakt bestehen ließ. Nie wieder wollte er ohne Remus sein.
