Kapitel 52: Angriff !
Harry, Ron, Neville und Hermine waren emsig bei der Arbeit, die Feinderkennungszauber an den Bäumen des Waldrandes anzubringen. Es dämmerte und langsam konnte man mehr und mehr Einzelheiten auf den Schlossgründen erkennen. Als sie sich genauer umsahen, bemerkten sie plötzlich, dass Lehrer, Schüler, Auroren und Mitglieder des Ordens aus dem Schulgebäude gelaufen kamen und sich in kleinen Gruppen über das Gelände verteilten. Voller Staunen sahen sie nun auch, dass sich vom anderen Ende des Geländes kleine Gruppen schwarz gekleideter Menschen auf dem Gelände verteilten. Es waren viele, schrecklich viele, das erkannte Harry auf einen Blick.
„Was ist hier los?" Nevilles Stimme klang erschrocken. „Was hat das zu bedeuten?"
„Es geht los", sagte Harry leise.
„Das ist viel zu früh", murmelte Hermine und man konnte aus ihrer Stimme hören, wie überrumpelt sie sich fühlte.
Ron starrte nur auf die verschiedenen Gruppen, die sich über das Schulgelände verteilten, als folgten sie einer Choreographie, die nur ihnen bekannt war.
Dann zeigte er plötzlich auf die Tore des Schlosses. „Da!"
Die anderen drehten sich um und sahen Schüler verstohlen aus der Tür laufen. Harry musste unwillkürlich lächeln, die DA kam, um zu helfen und das war ein unglaubliches Gefühl. Seine Freunde. Seine Truppe. Er war voller Stolz auf ihren Mut und ihre Loyalität.
Doch dann schlich sich ein weiteres Grüppchen aus dem Schloss. Draco Malfoy führte eine Gruppe Slytherins an. Sie folgten ihm auf das Gelände und liefen in entgegengesetzter Richtung als ihre Mitschüler. Crabbe und Goyle bildeten den Abschluss und schienen dafür zu sorgen, dass keiner der Gruppe sich heimlich entfernte. Sie liefen in Richtung auf die Gewächshäuser zu und so verloren die Vier sie rasch aus den Augen.
Harry riss sich zusammen, obwohl alles in ihm danach drängte, hinter Malfoy und seinen Kumpanen her zu laufen und ihn zu stellen.
„Malfoy, dieser verdammte Dreckskerl", zischte Ron wütend. Hermine holte zischend Luft, aber Harry winkte ab.
„Wir haben wichtigeres zu tun, als dem miesen Frettchen hinterher zu rennen."
Er sah seine Freunde an und als er in ihren Augen die gleiche Entschlossenheit sah, die er in sich fühlte, spürte er, wie ihm das den letzten Rest an Kraft gab, den er brauchte für das, was nun kam.
„Neville, bitte lauf zu den DA-Mitgliedern und sammle sie ein. Achte darauf, dass sie sich genau in den Teams zusammenfinden, in denen wir geübt haben. Wir kämpfen gegen voll ausgebildete Zauberer und wir haben nur eine Chance, wenn wir so vorgehen, wie wir es geübt haben. Die Teams bleiben unter allen Umständen zusammen und wir decken unsere Schwächen gegenseitig ab und unterstützen unsere Stärken. Sie sollen in der Nähe des Schlosses bleiben und sehen, dass niemand versucht mit irgendwelchen Tricks hinein zu gelangen." Er klopfte Neville auf die Schulter. „Du schaffst das, Neville. Achte nur darauf, dass sie zusammenbleiben. Und wenn in einzelnen Teams Leute fehlen, dann steck notfalls mehrere zusammen, ok?"
Neville sah aus, als würde er an etwas großem, klebrigen würgen, schluckte dann aber tapfer und nickte.
„Mach ich, Harry." Er wollte sich gerade umdrehen, da fügte er noch hinzu: „Viel Glück Euch!"
Harry reckte einen Daumen in die Luft und sagte munterer, als er sich fühlte: „Dir auch Neville."
Dann lief Neville auf das Schloss zu, um die an einer Seitenmauer stehenden DA-Mitglieder in ihre Aufgaben einzuweisen.
Harry, Ron und Hermine machten sich daran, ihre Arbeit weiter zu führen. Ron hatte zwar gefragt, ob das noch sinnvoll sei, nun, da schon so viele Todesser auf dem Gelände waren, aber Hermine meinte nur, es wäre wohl besser, wenn man sich gegen noch mehr Überraschungen absichern würde.
Remus schüttelte die lähmende Betäubung ab, die Carols Worte verursacht hatte. Er versuchte die Furcht und den Schmerz tief in sein Innerstes zu verdrängen, denn nun war es erst einmal wichtig, die Lehrer und den Orden zu unterstützen und die Todesser zu bekämpfen.
Er atmete tief ein und verließ sein Zimmer in Richtung Halle. Ihm kamen Gruppen von Schülern entgegen und er hörte aufgeregtes und ängstliches Rufen.
In der Halle sah er die Lehrer, die sich um Dumbledores Platz am Lehrertisch versammelt hatten und zu seinem Erstaunen traten durch eine andere Tür Auroren und Mitglieder des Phoenixordens. Er wunderte sich einen Moment lang, dachte sich dann aber, dass der Schulleiter sie wohl vorsorglich alarmiert haben musste. Und wirklich, hinter ihnen kam er ruhig und aufrecht durch die Tür und schritt auf die Lehrer zu. Remus gesellte sich zu ihnen und hörte sich an, was sie sagten.
Es war nur eine kurze Besprechung, der Schutz der Schüler hatte oberste Priorität und solange nicht klar war, was dieser Überfall bedeutete, sollte jeder all seine Kräfte einsetzen, die Eindringlinge vom Gelände der Schule zu vertreiben.
Dumbledores Mine war voller Entschlossenheit und zum ersten Mal sah Remus Wut in den Augen des Schulleiters aufglimmen. Erstaunlicherweise beunruhigte ihn das mehr, als alles andere, was da draußen vor sich gehen mochte.
Harry sah zwischendurch immer wieder auf, aber außer einigen Gestalten, die von einer Deckung zur nächsten huschten, war nicht viel zu erkennen. Es war gespenstisch, als würden Figuren auf einem Schachbrett aufgebaut.
Dann aber verließen die ersten Grüppchen ihre Deckung und machten einen Ausfall.
Die Kämpfe begannen so unvermittelt, dass es fast unwirklich wirkte. Kein Vorgeplänkel, es wurden kaum Worte gewechselt, es war, als würde nun etwas zum Ausbruch kommen, was lange geschwelt hatte und auf das sie alle irgendwie gewartet hatten.
Harry bemerkte, dass Ron und Hermine auch innegehalten hatten und auf die Kämpfenden schauten.
„Wir sollten hier aufhören", sagte er schlicht und Hermine nickte mechanisch, ohne den Blick von den nun immer stärker aufbrandenden Duellen und Gruppenkämpfen zu wenden.
„Lasst uns zu den anderen gehen, als Gruppe sind wir besser aufgehoben", meinte Ron.
Gerade, als sie sich aufmachen wollten, sich der DA anzuschließen, drehte Harry den Kopf in die andere Richtung und erstarrte.
Er sah eine Gestalt den Weg vom Eingangstor herauf kommen und nach einigen Sekunden erkannte er, dass es Draco war, gefolgt von einer Gruppe furchterregender Riesen, die grauenhafte Waffen schwangen und wütende Schreie ausstießen. Es war nur eine Handvoll der monströs großen Figuren aber schon wenige von ihnen reichten aus, um Angst und Schrecken zu verbreiten.
Einen Moment lang glaubte er zu träumen, denn wo sollten diese schrecklichen Gestalten hergekommen sein, dann dämmerte es ihm, dass man sie sicher mit einem Portschlüssel genau vor die Tore des Schulgeländes gebracht hatte, das dann von jemanden von Innen geöffnet wurde.
Ihm wurde fast schwindelig, als er erkannte, mit welcher schrecklichen Präzision dieser Angriff geplant und durchgeführt worden war und sein Innerstes fühlte sich an, als würde eine eisige Hand danach greifen, als er gleichzeitig begriff, wie überrascht und improvisiert die Verteidigung war.
Draco entfernte sich rasch von den Riesen, sobald sie auf dem Schulgelände und in Sichtweite der Kämpfe angekommen waren. Mehr war nicht nötig, sie sahen, dass gekämpft wurde und das war ihr Element. Sie folgten ihrem Anführer, der sie mit einem lauten Schlachtgebrüll aufstachelte. Zumindest verteilen sie sich nicht, sondern bleiben auf einem Haufen, dachte Harry voller Grauen.
Sie stampften an den entsetzten Kämpfern vorbei auf den Waldrand zu und stürzten sich auf die Zentauren, die am Waldrand standen und die Kämpfe beobachteten.
Harry erkannte voller Entsetzen Bane und Magorian, die vor ihre Leute traten und von den Riesen hochgehoben und herumgewirbelt wurden. Die Zentauren bewahrten Ruhe und schossen aus den hinteren Reihen einen Pfeilhagel auf die Riesen ab. Sie formierten sich, als hätten sie diesen Fall vorhergesehen und geprobt.
Ihre Taktik schien aufzugehen, auch wenn an der vorderen Front viele Zentauren verletzt oder schlimmer zugerichtet zu Boden fielen, so bremsten sie die Riesen nicht unerheblich ab.
Einige Auroren und Lehrer erkannten die Lage und gesellten sich zu den Zentauren, um mit ihren Zaubern die Riesen zu beschießen. Sie hatten ebenso geringen Erfolg, wie die Pfeile, aber schon ein geringer Erfolg war besser, als sich einfach niedertrampeln zu lassen.
Harry packte Hermine am Ärmel und zog sie ein Stückchen den Waldrand entlang Richtung Schloss.
Aber was er dann sah, erfüllte ihn mit neuerlichem Staunen.
Ein ganzes Stück entfernt, am Rand des alten Waldes, der vom verbotenen Wald abgetrennt war, tauchte eine weitere Gruppe Zentauren auf. Sie bewegten sich ruhig und voller Würde auf ihre kämpfenden Artgenossen zu, um ihnen beizustehen.
Doch ihre Begleiter waren es, die Harry hatten erstarren lassen.
Eine kleine Herde Einhörner begleitete die fremden Zentauren und ihr Anblick ließ jeden einen Augenblick innehalten.
Sogar die Zauberer, die ein wenig abseits in Zauberkämpfe verwickelt waren und nichts mit dem Kampf der Riesen gegen die Zentauren zu tun hatten, sahen herüber.
Die Einhörner stürmten wie von einem unhörbaren Kommando geführt hinter den Zentauren hervor und versuchten sie abzuschirmen, doch diese schoben die wunderschönen Geschöpfe zur Seite um den Kämpfenden zur Seite zu eilen. Die Einhörer blieben am Rand des Waldes stehen und beobachteten das Geschehen. Eines von ihnen trabte plötzlich langsam los und hielt vor einem Verwundeten. Es sah den blutenden Zentauren aus seinen sanften, dunklen Augen an, dann senkte es sehr langsam den Kopf, bis das silberne Horn die klaffenden Wunde in der Flanke des Verletzten berührte. Erst geschah gar nichts, dann versiegte der zuvor stetige Blutstrom langsam, bis die Blutung völlig zum Stillstand gekommen war. Das Einhorn schnaubte leise und trabte zu seinen Artgenossen zurück.
Von ihnen waren inzwischen zwei weitere zu Verletzten geeilt, um deren Wunden mit der Berührung ihres Horns zu versorgen.
Ron stand ein Stück entfernt und starrte auf das Geschehen.
„Da….das… das sind… da… Einhörner", er konnte es nicht fassen, aber als er seinen Blick von ihnen löste und sich nach seinen Kameraden umsah, bemerkte er, dass sie schon ein ganzes Stück weiter waren.
Er versuchte sie einzuholen, als er plötzlich eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahrnahm. Er erstarrte und sah genauer hin. Wenn ihn nicht alles täuschte, schlich dort Lucius Malfoy geduckt durch das Unterholz des Waldrandes und versuchte sich ungesehen an der Flanke der Schlacht vorbei zu schleichen, um hinter die Linien zu gelangen.
Er wartete einen Moment, bis der Vater seines Schulkameraden außer Hörweite war, dann bewegte er sich schnell zu seinen Freunden.
„Ich habe Malfoy gesehen", verkündete er aufgeregt, als er Harry und Hermine erreichte. „Er schlich weitab von den Kämpfen durch das Unterholz, irgendwas plant der. Wir müssen jemandem vom Orden Bescheid sagen, das ist mir nicht geheuer."
„Was? Draco ist dort drüben, er versucht mit einer Gruppe Slytherins Unruhe zu stiften und die Aktionen des Ordens zu stören", erwiderte Harry und zeigte auf dem blonden Jungen in seiner üblichen Gruppe von Gefolgsleuten.
Ron schüttelte heftig den Kopf. „Nicht Draco, Seinen Vater!"
„Lucius Malfoy ist in Askaban, erinnerst Du Dich? Und es hat keine weiteren Berichte über einen Ausbruch gegeben", widersprach Hermine energisch, während sie die Baumstämme mit energischen Bewegungen mit Feinderkennungszaubern belegte.
„Aber ich habe ihn gesehen, ich bin ganz sicher. Dort im Wald, er schlich sich durch das Unterholz." Ron war sich wirklich sicher, doch Hermine schnalzte ungeduldig mit der Zunge.
„Er ist in Askaban. Du hast Dich bestimmt getäuscht, es gibt schließlich noch mehr blonde Männer."
Ron überlegte einen Moment, vielleicht hatte sie Recht. Es gab wirklich noch andere blonde Männer und er hatte ihn ja auch nur kurz gesehen. Andererseits, er war sich so sicher gewesen.
„Könnten wir nicht vielleicht nachsehen gehen?"
Harry schüttelte den Kopf. „Er ist sicher in Askaban verwahrt, Ron. Lass' uns versuchen Draco und seine Kumpane auszuschalten. Er hat schon genug Schaden angerichtet."
Sie liefen mit ausgestreckten Zauberstäben auf die Gruppen der Kämpfenden zu, als Harry plötzlich stolperte.
„Was ist los?", fragte Hermine besorgt.
„Er ist hier. Voldemort ist hier. In Hogwarts." Harry keuchte, als er begriff, was das bedeutete.
„Er hat das Versteckspielen aufgegeben und nun will er mich. Mich und die Schule."
Ron packte seinen Arm und sagte leise: „Dann muss er an mir vorbei."
„Werd nicht melodramatisch, Ronald Weasley", schnappte Hermine. „Wir müssen Harry sofort ins Schloss bringen. Professor Dumbledore wird wissen, was zu tun ist."
Harry schüttelte den Kopf. „Auf keinen Fall. Ich werde mich nicht verstecken." Er machte sich los.
„Wir werden erstmal den Orden und die DA unterstützen. Weglaufen kann ich immer noch."
Er wartete nicht mehr auf eine Antwort, sondern rannte los, um sich den Kämpfenden anzuschließen.
