Kerkermond Evolution
Fanfiction von Lady of the Dungeon
Slashig-trashige Fanfiction, in der zwei Werwölfe die amerikanische Einwanderungsbehörde neppen und ein bereits anderweitig bekanntes und beliebtes Kindermädchen mal wieder unabsichtlich Schicksale wendet.
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Danke an Sally Slytherin, lufa, lola, Moonlight und Reetaskeeta für Eure Reviews!
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Wir sind fast am Ende… ehrlich.- Versprochen. Nur noch ein einziger kleiner Cliffhanger.
Viel Vergnügen dabei.
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Musik:
Bryan Adams: Flying
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50. Freiheit ohne Hoffnung
Remus Lupin verdrehte entnervt die Augen. Bereits mehr als eine Stunde wartete, diskutierte und redete er nun schon mit Engelszungen auf diese grässliche Zollbeamtin ein, die das Veterinärzeugnis für den Vogel in seinem Gepäck partout nicht akzeptieren wollte.
„Es fehlt die Annex-B Bescheinigung nach dem Washingtoner Artenschutz-Abkommen", beharrte sie. „Es gibt keine Gerfalken in den Vereinigten Staaten, es könnte zur Faunenverfälschung kommen."
„Aber Ma'am, er soll überhaupt nicht ausgewildert werden. Es ist ein zahmer Vogel, mit einem unwiederbringlich zerstörten Flügel, er könnte in freier Wildbahn gar nicht überleben." Remus wiederholte seine Argumente gebetsmühlenartig der mittlerweile dritten Person gegenüber. „Das steht doch auch in dem tierärztlichen Gutachten."
„Außerdem kommen Gerfalken in Kanada durchaus vor", sagte eine vertraute Stimme hinter Remus.
Er fuhr herum und sah Gawain Gray, einen Koffer in der Hand, durch die Absperrung treten.
„Wenn so ein Falke nun über die Grenze fliegt, hat er auch keine Annex B- Bescheinigung", erklärte Gawain lächelnd und mit breitem amerikanischen Akzent.
Die Beamtin lächelte, wobei sie alle ihre Zähne zeigte. „Das wäre dann eine natürliche Zuwanderung, Mister. Aber dies hier", sie wies auf den Käfig, „ist eine illegale Einfuhr eines belebten Vektors im Sinne des Tierseuchenrechts." Sie sah ihn triumphierend an.
„Weißt du was?", sagte Gawain kühl. „Leck mich."
Remus zuckte zusammen, aber der Amerikaner griff in die Tasche und zog einen schmalen Holzgegenstand daraus hervor.
„Imperio", flüsterte er.
Die Augen der Frau wurden glasig.
Gawain lächelte. „Sie möchten, dass wir jetzt passieren – mit unserem Vogel."
„Bitte verlassen Sie die Zollabfertigung", sagte die Frau und wies auf die Ausgangstür. „Vergessen Sie Ihren Falken nicht."
Gawain tippte sich an die Baseballmütze. „Danke, Ma'am", sagte er höflich.
Kaum hatten sie die Absperrung des Flughafens hinter sich gelassen, knurrte Remus: „Bist du wahnsinnig, Gawain Gray? Das war ein Unverzeihlicher! Du bist ein…" Er sah sich um und senkte die Stimme, „ein Lykantroph."
„Ich bin Auror", gab Gawain cool zurück. „Ich darf diesen Zauber verwenden, wenn es ein Notfall ist."
Remus schnaubte empört. „Was ist deine Definition von Notfall?"
„Es begann, mich zu nerven", grinste Gawain. „Jetzt mach dir mal nicht in den Pelz, Remus. Das hier ist Amerika. Hier ist alles möglich!"
Remus griff sich an die Stirn. Er stand unter Stress. Seit er Gawains Brief bekommen hatte, stand er sogar unter enormem Stress. Natürlich hatte er keine zwei Stunden, nachdem die Albatross-Eulen-Post ihn erreicht hatte, seine Sachen für eine kurze Reise nach Irland gepackt gehabt. Daktari hatte darauf bestanden, ihn am Flughafen abzuholen, da er so kurz nach dem Vollmond nur eingeschränkt apparieren konnte. Er hatte ein Muggelflugzeug nehmen müssen. Transatlantische Portschlüssel waren nach wie vor unerschwinglich.
„Das alles wäre deutlich einfacher, wenn du dich entschließen könntest, dieses lächerliche Federkleid abzuwerfen, Lucius", knurrte Gawain, während sie in Richtung des Taxistandes gingen. „Warum genau können wir noch mal nicht apparieren?"
„Weil", wiederholte Remus Minervas Expertise, „Lucius' arkane Struktur völlig zerschlissen ist. Die Einwirkungen der Apparition könnten ihn endgültig in der Vogelgestalt fixieren. Falls das nicht bereits geschehen ist", setze er seufzend hinzu.
Nicht, dass Lucius Anstalten erkennen ließ, diese Gestalt jemals wieder freiwillig aufzugeben. Genau genommen wusste niemand von ihnen, ob er dazu überhaupt in der Lage war.
Fleur vermutete nach Rückfragen bei ihrer Familie und Studium der Familienchronik, dass Lucius seine Veelamagie geopfert hatte, als er vor Dolohovs Todesfluch floh. Großer, dunkler Magie musste man einen übermächtigen Zauber entgegen setzen, um sie abzuwehren. So wie Lilli Potter, die ihr Leben geopfert hatte für ihren Sohn. So wie Lucius Malfoy, der sein gesamtes Sein auf die kleine Gestalt eines Falken konzentriert hatte, und all seine Magie, die ihm noch verblieben war, in einem einzigen Augenblick in die Wagschale des grünen Todes geworfen hatte.
Gawains Vermutung, dass der Todesfluch vielleicht einfach von der Wand aus feinem Wüstensand, den Lucius' Veelakräfte produzierten, reflektiert worden war, und dass Lucius lediglich ein heftiges Trauma davon getragen hatte, dass ihm ein Ausbrechen aus seiner Vogelgestalt verwehrte, hatte ihm mitleidige Blicke der anderen Zauberer eingebracht.
„Dann müsste man ja mit einem simplen Spiegel den Avada kedavra umleiten können", hatte Minerva ihn belehrt. „Wirklich, Gawain, gerade du als Auror solltest nicht so einen Schwachsinn behaupten."
Doch sowohl Snape als auch Fleur hatten nachdenklich ausgesehen. Auch Remus wusste, dass der scheinbar so harmlose Sand, den die Veela bei ihren Zaubern hinterließen, von besonderer Art war.
Wie auch immer dem sein mochte, Tatsache war, dass der Falke im selben Augenblick, als er Remus erblickte, laut kreischend auf dessen Schulter gelandet war und ein paar ziemlich schmerzhafte, tiefe Kratzer auf der Haut des Werwolfs hinterlassen hatte. Zwar kehrte er zum Fressen zu Daktari zurück, doch kaum war die Mahlzeit verschlungen, landete er wieder bei Remus.
Abgesehen von dieser augenfälligen Anhänglichkeit gab es jedoch keine Anzeichen dafür, dass das Tier mehr war, als es zu sein schien: Ein Vogel.
Doch Remus glaubte nicht an Zufälle dieser Art. Kein normaler Falke, wie zahm auch immer, ließ sich spontan bei einem Fremden nieder. Werwölfe waren auch nicht eben als Magnet für andere Wildtiere bekannt, eher im Gegenteil.
Ein einziger Blick in die seltsam grauen Augen des Falken hatte die Sache für Remus entschieden: Er würde es versuchen. Wenn es bedeutete, sich lächerlich zu machen und mit einem Falken als Gefährten zu leben, würde er das eben aushalten.
Severus allerdings lehnte Remus' Bitte ab, auch nur zu versuchen, in den Geist des Vogels einzudringen.
„Weißt du nicht, dass man sich als Legiliment im Geist eines Tieres auf ewig verlieren kann?", erkundigte er sich mit kühler Stimme. „Nein, Lupin. Ich habe zu viel geopfert für das Leben, das ich jetzt führe, um es für dein Liebesglück zu riskieren. Außerdem mag man mich im Kampf gegen den Dunklen Lord noch irgendwann einmal benötigen. Dann sollte ich besser klar denken können und mich nicht von der Illusion herbei huschender Kaninchen ablenken lassen."
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Unterstützung kam von gänzlich unerwarteter Seite.
„Professor Lupin?"
Draco Malfoy in Irland bei Daktari zu treffen, verblüffte Remus nicht – er wusste, dass Severus den jungen Todesser unter seine Fittiche genommen hatte und ihn versteckte.
„Werden Sie den Vogel mit in die Staaten nehmen?", erkundigte sich Draco.
„Das muss ich", entgegnete Remus. „Ich habe Arbeit in ‚Wolftown'. Die USA sind ein gutes Pflaster für einen wie mich."
Der junge Mann nickte. „Wir müssen alle sehen, wo wir bleiben", erwiderte er. „Was meinen Vater angeht – und ich habe keine Zweifel, dass dieser Falke Lucius ist -, hätte ich eine Bitte: Falls Sie jemals zu ihm durchdringen, sagen Sie ihm, dass es mir Leid tut. Er hatte Recht, mit jedem Wort, das er an dem Morgen vor seinem Urteil zu mir sagte."
„Das sollten Sie ihm besser selbst sagen", entgegnete Remus.
„Wenn er jemals wieder ein Mensch wird, werde ich es versuchen", sagte Draco. „Falls er mich anhört."
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Tatsächlich schien es jedoch unmöglich, zu Lucius durchzudringen. Zurück in den Vereinigten Staaten, verschaffte Gawain Remus die Konsultation eines amerikanischen Experten für Magische Geschöpfe und eines hochkarätigen Psychomedimagiers. Beider Urteil war einhellig - und es war niederschmetternd.
„Sie sagen, er wird sich nie wieder zurück verwandeln können?", wiederholte Gawain betroffen.
Der Amerikaner hatte seine Tätigkeit als Auror wieder aufgenommen und pendelte ständig zwischen den USA und London hin- und her. Heute hatte er einen Abstecher nach ‚Wolftown' eingeschoben, nachdem Remus' erschreckende Eulennachricht ihn erreicht hatte.
„Wenn ich es richtig verstanden habe, gibt es gleich zwei Hinderungsgründe", erklärte Remus mit geröteten Augen.
Zum ersten Mal seit dem Showdown im ‚Wahnstein' letztes Jahr wirkte der Engländer wieder gehetzt und völlig am Ende seiner Kräfte, stellte Gawain fest.
„Der erste Grund ist, dass Lucius' Geist sich mit solcher Intensität im Augenblick des vermuteten Todes auf den Weg der Veela konzentriert hat, dass er nun nicht mehr hinaus findet. Er erinnert sich an mich, aber so, wie es ein zahmer Falke tun würde, der mit der Hand aufgezogen wurde. Sein menschliches Bewusstsein ist so tief verschüttet, dass Lucius nicht einmal ahnt, dass er mehr als ein Vogel ist. Auch ist er unserer Sprache nicht mehr mächtig. Selbst wenn man ihn in menschliche Gestalt zurück verwandeln würde – geistig bliebe er ein Falke."
„Das klingt nicht besonders….hoffnungsvoll", gab Gawain zu.
„Der zweite ist die völlige Abwesenheit von Magie", sprach Remus trocken weiter. „Da ist nichts mehr, wenn man seine arkanen Felder scannt. Biologisch ist da nur noch ein Falke. Arkan gibt es ein menschliches Profil dahinter, aber es ist sehr schwach. Das bedeutet, dass er eine - gemäß Punkt Eins ohnehin sinnlose – Verwandlung in einen Menschen vermutlich nicht einmal überleben würde."
„Muggel sterben, wenn man sie in Tiere verwandelt – und Tiere sterben, wenn man versucht, sie in Menschen zu verwandeln", bestätigte Gawain.
Jedes Kind lernte das schon in der Zauberer-Schule.
„Der Psychomedimagier sagte, dass ein heftiger Schock unter Umständen dazu führen könnte, dass Lucius sich erinnert, wer er war. Was er war. Doch wie man einen solchen herbeiführen könnte, ohne Lucius zu schaden, das konnte er mir nicht sagen." Remus zuckte hilflos die Schultern. „Und selbst, falls er sich erinnert – man kann ihn nicht aus seiner Vogelgestalt befreien, ohne ihn umzubringen."
Müde ließ Remus den Kopf auf die angezogenen Knie sinken. Gawain legte ihm tröstend eine Hand auf die Schulter – eine hilflose Geste.
„Was wirst du nun tun?", fragte er nach einer Weile des Schweigens.
„Du weißt, dass ich nicht leicht aufgebe", erwiderte Remus schließlich. Sein Gesicht war blass, tiefe Schatten lagen unter seinen Augen. Seit er die erste Diagnose und das Gutachten dazu bekommen hatte, konnte er kaum mehr schlafen. „Hier jedoch bin ich am Ende aller Hoffnung. Wer bin ich, sein Leben ein weiteres Mal zu riskieren? Ihn zum Tod zu verurteilen, nur um einem Hoffnungsschimmer nachzujagen?"
„Was ist mit dem Ritual?", fragte Gawain. „Glenkill…ich habe dich nicht bedrängt, Remus, aber…"
„Ja. Nein, hast du nicht. Die Magie von Glenkill ist erloschen. Ich habe Lucius letztes Jahr verloren, und ich habe um ihn getrauert."
Remus stand auf und holte die Teekanne aus der kleinen Küche seiner Lehrerwohnung auf dem Campus. Gawain wartete geduldig. Natürlich hätte Remus die Kanne auch aufrufen können, doch vermutlich brauchte er eine Minute für sich. Gawain hörte ihn mit dem Herd hantieren und die Nase putzen. Er kehrte mit zwei Tassen ins Wohnzimmer zurück.
„Wenn ich mich an Lucius erinnere, ist es wie…an ein früheres Leben. Es tut immer noch weh, aber es bringt mich nicht um. Natürlich hatte ich große Hoffnungen, als deine Eule mich erreichte. Doch wie es scheint, gibt es keinen Weg zurück. Meine Sehnsucht nach Lucius ist da, aber sie ist spürbar ferner. Er ist so unerreichbar." Remus schüttelte den Kopf.
„Was willst du machen?" Gawain beobachtete den älteren Werwolf aufmerksam.
Remus sah ihn offen an, nachdem sein Blick zum Fenster, hinaus zur Voliere gewandert war. „Ich denke, ich werde ihn freilassen, Gawain. Welches Recht hätte ich noch, ihn festzuhalten?"
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Es war ein grauer Septembermorgen, als Remus mit dem Falken auf der Schulter einen der zahlreichen Gipfel erstieg, die sich aus den Wäldern um ‚Wolftown' erhoben. Er hatte den Ort mit Bedacht gewählt. Auf halbem Weg lag inmitten eines alten Ahornwaldes eine Ausbildungsstätte für Posteulen. Hier würde Lucius Nahrung finden, falls er in der Wildnis mit der Jagd nicht zurecht kam. Es war nah genug, um zu Remus zurück zu kehren – aber weit genug, um den Ruf der Freiheit zu hören und ihm zu folgen.
Es war nicht die erste Wanderung der beiden in den umliegenden Wäldern. Den ganzen August hatten sie während der Ferien mehr oder weniger im Freien verbracht. Oft genug hatte der Falke – Remus hatte es aufgegeben, ihn ‚Lucius' zu nennen – die Gelegenheit genutzt, und sich von einer Böe davon tragen lassen. Doch stets war er am Ende des Tages zu dem einsamen Wanderer zurückgekehrt, oder hatte am nächsten Morgen auf einem Ast unweit von Remus' Zelt gehockt und ziemlich jämmerlich nach Futter verlangt.
Heute würde es anders sein. Remus nahm sich Zeit, sich von dem gefiederten Gefährten zu verabschieden. Ein letztes Mal erzählte er ihm die Geschichte von ihrer Gefangenschaft beim Dunklen Lord, davon, wie sie Kira, Johari und Babu gerettet hatten, von Glenkill, vom Urteil, von ihrem Wiedersehen auf Summertime Farm. Er sprach zu dem stummen Vogel von Liebe und Schuld, von Vergebung und Hoffnung – und von Freiheit.
Gegen Abend kam Wind auf. Der ahnungslose Falke ließ sich hoch in die Lüfte davon tragen, segelte mit der Thermik an den Berghängen hinauf und war schließlich irgendwo in der umgebenden Wildnis verschwunden.
Noch zweimal sah Remus einen Schatten in der untergehenden Sonne über die Klippen huschen, doch ob es der Falke oder ein anderer Greifvogel war, vermochte er nicht zu sagen.
Je mehr die Sonne sank, desto unruhiger wurde Remus. Immer wieder blickte er zum Himmel. Schweiß stand ihm auf der Stirn und der rasende Schmerz hinter seinen Schläfen kündigte das Zerren des silbrigen Erdtrabanten an, dem er heute Nacht nachgeben würde. Überall in den Wäldern würden heute Nacht Menschen ihre Hülle abstreifen und zu dem werden, was das Schicksal ihnen bestimmt hatte. Langsam und sorgfältig zog er sich aus und legte seine Kleider zusammen. Im Zelt waren sie vor Regen geschützt und er hatte gute Chancen, sie wieder zu finden, falls er nicht zu weit davon lief.
Nun, nackte Menschen, die am Tag nach dem Mond in den kleinen Drugstores und Tankstellen um ‚Wolftown' herum nach etwas zum Anziehen und einem Taxi fragten, waren nichts Außergewöhnliches in dieser Gegend. Missgeschicke kamen gelegentlich vor, und niemand störte sich daran.
Als der Mond schließlich kam, ließ sich Remus willig in seinen Sog ziehen. Dies hier war Wolfsland – die Verwandlung war sicher und willkommen.
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Der Mond kam und ging, um schließlich seiner hellen Schwester das Firmament für einen weiteren Tag zu überlassen. Remus erwachte mit den üblichen Kopfschmerzen. Nach einem Marsch durch dorniges Unterholz, der ihm mehr zusetzte als die Fellreste des zerfledderten Kaninchens an seinem Mund und das getrocknete Blut unter seinen Fingernägeln, fand er das Zelt genau dort, wo er es vermutete.
Von dem Falken fehlte jede Spur.
Entgegen seinen ursprünglichen Plänen blieb Remus noch zwei Tage an derselben Stelle, bis seine letzten Vorräte aufgebracht waren. Es war Sonntag. Morgen begann die Schule wieder, und mit ihr seine Arbeit. Unzählige Male war sein Blick zum Himmel geglitten, hatte den Schatten mit den Schwingen gesucht, und doch nur Bussarde und ein paar verirrte Milane gefunden.
Nun, das hatte er doch gewollt. Freiheit für Lucius – und für sich selbst.
Sie fühlte sich merkwürdig an, diese Freiheit. Remus wusste nicht, ob er sich daran gewöhnen würde.
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Selma Andersson suchte im Handschuhfach des Leihwagens nach ihrer Sonnenbrille, während sie laut ein Loblied auf den schwedischen Sommer sang.
„Fram för svenska sommaren,…"
Sechs Wochen hatte sie sich frei genommen von ihrer Stelle in London, wo sie als Erzieherin arbeitete. Genug Zeit, um den bergigen Norden Amerikas zu erkunden.
„…vilken tur att vi har den."
Sie sah den Schatten nicht, der auf das von einem anderen Wagen ‚erlegte' Kaninchen am Straßenrand herabstieß. Sie hörte nur den Knall, schrie auf und sah dann weiße Federn vor ihrer Windschutzscheibe zu Boden sinken.
Etwas Schweres polterte über das Autodach, ein heller Körper blitzte im Rückspiegel auf und verschwand. Mit quietschenden Reifen brachte sie das Fahrzeug zum Stehen.
Mit vor Aufregung und Schreck heftig pochendem Herzen und zitternden Knien stieg sie aus dem Auto und lief auf den reglosen Körper zu, der am Straßenrand lag.
Wieso der Mann einen schwarzen Umhang trug, erschloss sich ihr nicht, aber sie hatte auch keine Zeit, sich zu wundern. Sie war viel zu beschäftigt damit, erste Hilfe zu leisten. Vermutlich hatte er sich bei dem Aufprall verletzt. Vorsichtig drehte sie den mit dem Gesicht am Boden liegenden auf die Seite – und erstarrte. Sie kannte dieses Gesicht aus der Zeitung, vor allem aber von einem Foto auf dem Nachtisch eines der Kinder, die sie betreute.
„Lucius Malfoy", flüsterte sie.
Als habe sie eine Zauberformel gesprochen, schlug er die Augen auf, um im nächsten Moment schmerzhaft das Gesicht zu verziehen.
„Nehmen Sie den ‚Crucio' fort – bitte", jammerte er.
„Wenn das mal wäre so einfach", entgegnete sie. „Das war kein ‚Crucio', sondern ein 99er Ford Mustang. Wir werden das jetzt alles schön langsam auf Muggelart machen, mit Handy, Krankenwagen und Notaufnahme. Sobald Sie sind erstversorgt, ich werde Kontakt zu Mr. Shacklebolt aufnehmen. Himmel, Johari wird aushüpfen vor Freude."
Sie fingerte in ihrer Tasche nach ihrem Mobiltelefon und rief die 911 an. Als sie fertig war, sagte sie tröstend: „Sie sagen, es etwa zehn Minuten dauert, bis kommt Hilfe. So lange Sie sollt nicht bewegen."
Sie stand auf, lief zum Auto und kam mit einer knisternden Rettungsdecke zurück, die sie ihm um die Schultern legte. Blutende Wunden hatte er keine, wohl aber Schmerzen.
Selma nahm seine Hand und murmelte sanft tröstende Worte.
„Hej tomtegubbar slå i glasen
och låt oss lustiga vara.
Träsprit vi hällt i alla glasen
och fjäriln vinglar på Haga."
Kinderreime waren ja so praktisch!
„Johari…sagen sie ihr, dass ich sie lieb habe", sagte Lucius plötzlich leise.
„Ich verspreche das", antwortete Selma ernst.
„Remus Lupin", quetschte der Verletzte jetzt über blutige Lippen.
„Remus?" Sie nickte mit dem Kopf. „Den habe ich getroffen, ein paar Male. Nette Kerl. Aber ich habe nicht eine Nummer. Er lebt in den Staaten doch schon eine Weile." Sie überlegte. Dann plötzlich hellte sich ihr Gesicht auf. „Aber ich habe eine Nummer von seine Freund Gawain, die er hat mir gegebt vor Ferien."
Lucius Malfoy versuchte, die bohrenden und ziehenden Schmerzen in seinen Beinen zu ignorieren, das Hämmern in seinem Kopf zu verdrängen und das Reißen in seinem Rücken auszublenden. Jeder Atemzug fiel ihm schwer. Er fühlte sich, als wäre er vom Himmel gestürzt, ohne dass er sich diese Empfindung erklären konnte.
Er versuchte das Gesicht der jungen Frau zuzuordnen, die ihm sorgsam eine Decke über die Schultern zog und dann seltsame Dinge in einem mehr als merkwürdigen Singsang vor sich gab. Er konnte die Frau beim besten Willen nicht zuordnen, doch immerhin schien sie ihn zu kennen. Sie war keine Hexe, das war offenbar, aber vielleicht eines jener halbmagischen Wesen, die in ländlichen Regionen die Wälder unsicher machten.
Dunkelheit griff nach seinem Bewusstsein mit eisigen, schwarzen Fingern.
„Hej, hej, bleiben Sie bei mir", mahnte die Frau. „Einschlafen ist keine gute Idee!"
Lucius stöhnte. Merlin, wie gerne würde er diesen martialischen Schmerzen für eine Weile in betäubende, warme Schwärze entfliehen. Doch der plappernde Dschinn mit dem blonden Haar und den großen blauen Augen, der sich über ihn beugte, ließ ihn nicht zur Ruhe kommen.
„Zehn kleine Besen flogen übers Dach…- Los, sagen Sie mir, wie es weiter geht."
„Einer ist hinabgestürzt, da waren's nur noch acht", vollendete Lucius matt. Ihm war schwindelig, die Welt begann sich mit rasender Eile zu drehen. Und kalt wurde es. Entsetzlich kalt.
„Sieben kleine Besen umschwirrten wild die Hex'…"
„Die Hexe hat gleich zugeschnappt, da waren's nur noch sechs", rezitierte Lucius müde. Er war auf einmal entsetzlich erschöpft. „Mir ist kalt", flüsterte er.
„Halten Sie durch. Der Rettungswagen müsste hier sein jeden Augenblick", beruhigte sie ihn. „Haben Sie starke Schmerzen?"
Er schüttelte matt den Kopf. Nein, die Schmerzen verebbten langsam, wandelten sich in ein diffuses Brennen, das seinen ganzen Körper erfasste, jedoch zunehmend von der Kälte geschluckt wurde. Einer Kälte, die ihm die Lippen gefrieren ließ, seine Bewegungen einfror, und deren Schwester eine beängstigende Dunkelheit war, die mehr und mehr von seinem Blickfeld verschluckte.
Zuletzt blieb nur die Stimme des Mädchens mit den blauen Augen, eine schöne, melodische Altstimme, die zu ihm sprach und immer wieder seinen Namen rief.
Fortsetzung folgt
Okay, es tut mir Leid, ich hatte versprochen, dass es maximal fünfzig Kapitel sein würden. Aber der Epilog ist dann doch viel länger geworden als geplant. Deswegen also zwei Teile. Der zweite (und letzte) folgt bald.
P.S. Selma – Ihr habt sie sicher längst erkannt - ist eine Leihgabe von Slytherene. Und, noch ein Zusatz für Sally Slytherin: Ja, ja. Sie hat mich weichgekocht... ;-)
