50. No ordinary love


Molly sah auf, als Sherlock das Labor betrat. Niemand sonst war gerade anwesend. Er schloss die Tür und wandte ihr sein Gesicht zu.

,,Ich bin gerade in meinen Bruder hinein gelaufen, als ich angekommen bin."

Molly nickte. ,,Er ...ist gekommen, um mit mir über dich zu sprechen. Über uns."

Sherlocks Mund spannte sich an. ,,Er hat versucht, dich zu überreden, mich zu verlassen."

Molly nickte, fühlte sich unbehaglich, als ob sie diese Probleme zwischen ihnen verursachte.

,,Sei nicht besorgt, Molly." sagte Sherlock. ,,Dieser...Konflikt...mit Mycroft ist nicht der Erste, und er wird nicht der letzte sein."

Sie nickte wieder, es fiel ihr schwer ihm in die Augen zu sehen. ,,Er...er hat gesagt, dass wenn du zu Sinnen kommen würdest und mein Herz brechen. Dass ich in Gefahr wäre und ich mich von ihm an einem sicheren Ort verstecken lassen soll, irgendwo außerhalb Englands. Er fragte mich, ob du es wert seist zu sterben."

Sherlock starrte sie an. ,,Was hast du ihm gesagt?"

Molly erwiderte sein Starren. ,,Die Wahrheit."

Die Luft erschien Sherlock plötzlich dünner. ,,Und die wäre?" fragte er leise.

,,Dass ich dich nicht verlassen werde. Dass meine Liebe stärker als das ist, stärker als Moriarty, oder die Angst, oder der Tod."

Sherlock fühlte eine Flut an Emotionen. Erstaunen, Ungläubigkeit, Zuneigung, Bewunderung und Erleichterung. Er wusste nicht, welche er zuerst verarbeiten sollte, und in einem für ihn völligen untypischen Vorgang, entschied er, sie in diesem Moment einfach zu erfahren und später über sie nachzusinnen.

,,Molly...das ...ist...". Er schluckte. ,,Das ist außergewöhnlich."

Sie senkte den Blick, ein roten Schimmer auf ihren Wangen. ,,Nun, das ist nur die Wahrheit." sagte sie schlicht.

,,Es hat etwas für sich, dass da jemand ist, der in einer Welt voller Lügen, genug Mut hat, die Wahrheit auszusprechen." sagte er leise. Sie sah auf und lächelte.

Sie war noch nie so schön gewesen, wie in diesem Moment, entschied er. Dieser Moment stiller Kraft, irrationaler Liebe, mutiger Überzeugung und übermäßiger Bewunderung, plötzlich erschienen ihm all diese Dinge, die er einmal für albern gehalten hatte, gar nicht mehr so albern.

Er hatte immer geglaubt Liebe sei eine Schwäche. Er hatte nie wirklich in Betracht gezogen, dass sie auch eine Quelle der Stärke sein könnte.

Mycrofts Worte kehrten zu ihm zurück. Sein Bruder hatte recht: Molly hatte sich verändert. Sie war die Frau geworden, die sie immer in der Lage gewesen war, zu sein, mit dem richtigen Stimulus und Umständen. Er hatte diese Veränderung herbeigeführt. Sie hatte sich von einer scheuen Raupe in einen atemberaubenden Schmetterling verwandelt. Sie hätte sich von ihm befreien können: ihn verlassen, England verlassen, und vor Angst davonlaufen. Aber sie war geblieben. Zu ihm zurückgekommen. Sie war im wahrsten Sinne des Wortes Sein, und es beschwingte ihn und machte ihm Angst.

Und es machte ihm Angst, dass es ihn beschwingte und Angst machte.

Sogar, wenn er nicht durch Moriarty an sie gebunden wäre, war sich Sherlock in diesem Moment nicht ganz sicher, ob er sie hätte verlassen wollen.

Molly kam näher. Dieses Mal war es Sherlock, der sie zuerst umarmte, und seine Wange an ihrem Haar rieb, als sie ihre Arme um ihn legte. Sie standen eine lange Weile so da, die Stille nicht unangenehm, sondern friedlich, und er seuftze.

,,Was ist los?" fragte sie und sah nach oben.

Er schüttelte seinen Kopf. ,,Ich habe es nicht gewusst." sagte er leise.

,,Was gewusst?"

,,Das es so sein kann. Du beruhigst die Ruhelosigkeit. Ich fühle mich...sicher bei dir."

Molly lächelte. ,,Gut."

,,Fühlst du dich so?" fragte er neugierig.

Sie lachte. ,,Ich habe mich immer so in deiner Nähe gefühlt, Sherlock. Sogar, wenn du ein Idiot warst."

Er hob seine Augenbrauen. ,,Gut zu wissen, dass es Konstanten im Universum gibt."

Sie drückte sich an ihn, und er atmete scharf ein als sein Körper auf ihren reagierte, der sich an seinen schmiegte. Er schloss die Augen, atmete tief ein, und akzeptierte sein Verlangen, ohne den Versuch zu unternehmen, dagegen anzukämpfen. Es erstaunte ihn wie sehr er sie wollte. Bis hierher war es nur durch die Schokolade zu erklären. Der Rest, jedoch, so verrückt es auch war, war einfach nur er. Und nur sie. Die simple Wahrheit.

Sie drückte einen Kuss auf jedes Augenlid, dann auf seine Nase, was ihn wieder die Augenbrauen heben ließ, und wanderte zu seinen Lippen, was zu einer ganz anderen Form der Erregung führte. Er spürte ihren Atem vor Heiterkeit hervorstoßen.

,,So verlockend Sie auch sein mögen, Miss Hooper, es ist besser, wenn ich jetzt gehe, um rechtzeitig zu unserem Date heute Abend wieder da zu sein." sagte er trocken, zog sie von sich, und küsste ihre Nase, was sie zum kichern brachte.

,,Was? Keine verruchten Fantasien übers Vögeln auf Autopsietischen?" neckte sie ihn.

,,Natürlich. Du kannst mich gerne altmodisch nennen, aber ich hätte unser erstes Mal gerne ein wenig traditioneller." sagte er leise. Sie lächelte, und sah wieder schüchtern auf ,,Ich ehrlich gesagt, auch."

,,Dann hör auf damit, mich in Versuchung zu führen, Molly und lass mich gehen."

,,Sicher." grinste sie. ,,Es scheint ohnehin ein wenig Arbeit auf mich zu warten."

,,Ich sehe dich um sieben." sagte er, einen letzten Kuss auf ihre Lippen drückend, bevor er ging.

Es war das einzige Geheimnis, das er nicht lösen konnte.

Sherlock Holmes, der weltweit einzige (und deswegen in Ermangelung eines anderen, der beste) Consulting Detective, konnte das Geheimnis um Molly Hooper nicht lösen.

Genauer genommen, ihre Liebe für ihn.

Er verstand die Theorie dessen, was die Menschen Liebe nannten: die Biologie, die Psychologie, die Physiologie. Chemische Reaktionen, oder vielmehr Defekte, wie er sie einmal genannt hatte. Hormone und Neurotransmitter und Wirkstoffe, die den Körper beeinflussten und den Geist plagten.

Er konnte jedem, der sich die Mühe machte, genau zu fragen, erklären, warum sie ihn dazu brachte, Mollys Lächeln nun erwidern zu wollen, wenn er sie sah.

Aber niemand machte sich die Mühe zu fragen, weil Sherlock Holmes kaum Freunde hatte.

Er konnte sie an einer Hand abzählen, sogar wenn er Mycroft dazuzählte.

Für einen Moment war er damit beschäftigt zu analysieren, welchen Finger er jedem Freund zuordnen würde.

Er bemerkte, dass er abgeschweift war, und es verärgerte ihn.

Emotionalität. Romantik. Zuneigung.

Liebe.

Er atmete tief ein und nahm am Rande davon Notiz, dass sein Atem leicht unstet war.

Nichts davon erklärte, warum Molly ihn liebte.

Er war nicht liebenswert. Zumeist war er nicht einmal sympathisch.

Aber sie liebte ihn nichtsdestotrotz.

Sie war alles, was er nicht war, auf so vielfältige Weise wie John alles war, was er nicht war.

Es wäre nicht schwer zu verstehen gewesen, warum jemand John lieben konnte, Molly lieben würde: wenn er der Liebe zugetan wäre.

Der Versuch zu verstehen, warum sie ihn liebten, lag jenseits seiner Fähigkeiten.

Gewöhnliche Menschen ließen alle Arten von unsinnigen Empfindungen zu: nutzloses wie Liebe, Wut und Eifersucht.

Moriarty hatte ihn all das fühlen lassen. Für John, für ihn, für Molly.

Nun, um ehrlich zu sein, hatte er all das schon vorher einmal gefühlt. Gelegentlich. Besonders als Kind.

Aber er war kein Kind mehr. Er war ein Mann: ein Mann, den Moriarty gewöhnlich gemacht hatte.

Außer, dass er immer noch er selbst war.

Er selbst, aber anders.

War es das, was man Evolution nannte?

War er dabei, wie Lestrade es einmal ausgedrückt hatte, nicht nur ein bedeutender Mann zu werden, sondern ein guter Mensch?

Es ging sogar über das hinaus, worüber Sherlocks Verstand nachzusinnen in der Lage war.

Er wünschte sich beinahe, er hätte Jim Moriarty niemals zu Gesicht bekommen.

Abgesehen davon, dass dieser Mann ihn vor die größte Herausforderung seines Lebens gestellt hatte, hatten sie beide den Tod ausgetrickst, Haken geschlagen, um den anderen zu überlisten, wie eine Art bizarrer siamesischer Zwilling, der nach der Geburt getrennt worden war und verschiedene Leben gelebt hatte.

Und nun hatte er es persönlich gemacht, Moriarty hatte es. Indem er diese Spiel mit ihm und Molly spielte.

Ihn zwang zu fühlen. Ihn selbst fühlen zu lassen. Die Dinge, die er gering geschätzt und vermieden hatte.

Aber hier, jetzt, allein mit seinen Gedanken, wusste Sherlock Holmes, dass er der Wahrheit ins Gesicht sehen musste.

Er hasste es nicht länger auf diese Weise zu fühlen.

Was er für Molly fühlte, gab ihm eine Art Frieden, die er niemals zuvor erfahren hatte.

Sie war sein Trost geworden, seine Zuflucht.

Wie sollte er das wieder loslassen?

Sherlock schüttelte seinen Kopf. Zu diesem Zeitpunkt darüber zu spekulieren war nutzlos. Er könnte eventuell Moriartys Intentionen deduzieren. Im Moment genügte es, zu wissen, dass alle sicher waren.

Er musste, wie Moriarty es so boshaft ausgedrückt hatte, sich wie eine Hure verkaufen; das einzige von Wert, das er diesem Verrückten hatte anbieten können. Sich zu ergeben.

Den Gefühlen, dem Sex. Molly.

Der Liebe.

Vermutlich sollte er es bereuen. Sich zu fügen widersprach seiner Natur. Ganz besonders Gefühlen.

Aber er tat es nicht.

Wenn es das war, was geschehen musste, um Molly die Würde zu lassen, die sie unwissentlich verdiente, ihm selbst die Gewissheit das richtige zu tun, die er brauchte, und das Spiel zu beschleunigen, musste es getan werden.

Es hatte ihn, auf eine Art, befreit, wie Moriarty mehr als einmal betont hatte. Er konnte nun selbst all das ohne Widerstand und Zögern erfahren. Er musste sich nicht um Moralische sorgen, weil er es für ein höheres Wohl tat.

Es würde es einfacher für sie alle machen: sich selbst, Molly, Moriarty.

Er hob seine Violine an. John würde bald mit Mary Morstan zurückkehren, und er wollte einen letzten ruhigen Moment vor dem Sturm haben.

Vor all dem hätte er etwas von Bach, Schubert, Tchaikosky gespielt...etwas klassisches.

Aber es passte nicht hierzu.

Er wählt etwas, das, wenn es ihn irgend jemand überhaupt hätte spielen hören, sehr erstaunt gewesen wäre.

Aber niemand außer ihm und Moriarty würden es zu hören bekommen. Oder Molly.

Irgendwann, bald, würde er es für sie und nur sie allein spielen.

Sie würde die Bedeutsamkeit zuerst nicht erfassen. Aber eines Tages würde sie verstehen.

Sherlock nahm einen tiefen Atemzug, mit einem stillen Gesichtsausdruck hob er den Bogen an.

Langsam, andachtsvoll, erfüllten die ersten Noten von ,,Green Destiny" die Luft und ließen sich auf seinem Herzen nieder.

Tbc...


,,Green Destiny" ist vom Tiger&Dragon-Soundtrack