Freie Drachen

Ich zögerte noch einen Moment, bevor ich mit meiner Erklärung begann. Ich holte ganz weit aus, begann bei dem Tag an dem ich Saphira gefunden hatte. Die Skepsis der Drachen war deutlich zu spüren, doch je weiter ich meine Geschichte erzählte, desto geringer war diese wahrzunehmen. Bei der Erwähnung von Broms Namen schienen einige Drachen, vermutlich jene die ihn gekannt hatten, Vertrauen zu mir zu gewinnen. Und als ich bei den Elfen, einschließlich Oromis und Glaedor, angekommen war schien es als hätte ich beinahe alle Eldunarí von meiner Aufrichtigkeit überzeugt. Natürlich half es dabei, dass ich in der alten Sprache mit ihnen kommunizierte und daher nicht in der Lage war konkrete Lügen auszusprechen, wobei natürlich immer noch die Lücke von Halbwahrheiten offen war. Es schien als hätte ich einige Stunden gesprochen, mit einigen Ergänzungen von Saphiras Seite aus, bevor ich alles erzählt hatte.

„Weder Saphira, noch ich, wussten was uns im Verließ der Seelen, von dem uns die Werkatze Solembum erzählt hatte, erwarten würde. Doch als wir erkannten, wem wir gegenüberstanden, hatten wir erhofft eure Unterstützung im Kampf gegen Galbatorix zu erhalten", schloss ich schließlich mit der Bitte an die Drachen.

Einen kurzen Moment herrschte Stille und ich machte mir bereits Sorgen, keine Antwort mehr zu bekommen, als die grollenden Stimmen erneut sprachen: „Eragon Dalia Bromstochter, wir haben uns deine Worte angehört und sind zu der Entscheidung gekommen, dass wir ihnen Glaube schenken werden. Insbesondere das Saphira ebenfalls zu uns gesprochen hat, hat uns überzeugt, dass du tatsächlich gegen Galbatorix kämpfst. Wenn wir mit ihm oder Murtagh konfrontiert werden, richten sich deren Drachen nie aus eigenem Willen an uns."

Ich war leicht überrascht, dass dies so einen großen Einfluss auf die Entscheidung gehabt hatte, doch eigentlich war es offensichtlich. Die meisten dieser Drachen würden keinem Drachenreiter vertrauen, denn dieser könnte ja unter Galbatorix Kontrolle stehen. Ein Vertrauen zu einem weiteren Drachen aufzubauen war vermutlich sehr viel einfacher. Ich sprach weiterhin nicht, sondern wartete respektvoll darauf, dass die Drachen wieder Kontakt mit mir aufnehmen würden. Allzu lange musste ich auch nicht mehr warten.

„Du bittest um unsere Hilfe, Drachenreiterin. Was erwartest du von uns? Einige Eldunarí sind bereits von Galbatorix unterworfen worden und die restlichen von uns haben lange gegen seine Kraft angekämpft. Wir werden uns nicht einfach jemand anderem unterwerfen."

Entsetzt riss ich die Augen auf und antwortete rasch: „Das habe ich auch keine Sekunde erwartet. Natürlich nicht. Ich hatte hauptsächlich die Hoffnung Informationen zu erhalten. Beispielsweise eine Schwäche von Galbatorix, ein Weg dem letzten Drachenei in Galbatorix Besitz zu helfen, alles was uns helfen könnte diesen Krieg gegen Galbatorix zu gewinnen."

„Und auch eure Kräfte würden wir gerne an unserer Seite haben", sagte Saphira gerade heraus, bevor ich sie zurück halten konnte. Ich spürte ein wenig Unmut um mich herum, doch bevor eine Antwort gegeben werden konnte, fuhr Saphira fort: „Versteht mich nicht falsch. Ich meine damit nicht, dass wir euch versklaven wollen oder euch unserem Willen unterwerfen wollen. Wir hoffen, dass ihr uns aus eurem freien Willen heraus helfen werdet. Falls dies nicht der Fall ist, so haben wir keine Möglichkeit dies zu ändern. Aber ich bin der letzte, zumindest körperlich existierende, freie und gleichzeitig weibliche Drache und hoffe darauf, dass meine Vorfahren mir ihre Mithilfe in dem Kampf gegen Galbatorix nicht verwehren werden."

Unruhe kam bei den Drachen auf. Ich schnappte verschieden Fetzen aus dem Gemurmel auf. „Weiß sie es nicht?" „Diese Anmaßung!" „Letzter ‚körperlicher' Drache?" Ich konnte mir keinen Reim auf diese Sätze machen. Auch Saphira war von den einzelnen Ausrufen, die sie mitbekam verwirrt. Bevor wir jedoch lange weiter überlegen konnten bekamen wir unsere Antwort.

„Junge Drachendame, lass Vorsicht walten, bei deinen Worten. Wenn du das nächste Mal solch anmaßende Worte von dir gibst, dann werden wir daraus Konsequenzen für dich und deinen Reiter ziehen. Jedoch müssen wir dir eine andere Frage stellen. Du glaubst tatsächlich der letzte ‚körperlich', wie du es nennst, existierende weibliche Drache zu sein?"

Verwirrt antwortete Saphira: „Aber das bin ich doch. Shruikan und Dorn, wie auch das bisher ungeschlüpfte Drachenei, sind allesamt männlich", verteidigte sich Saphira, doch bei ihren nächsten Worten schlich sich auch etwas Sorge in ihre Stimme: „Und das macht mir ungemein Angst. Ich will nicht für das Aussterben unserer Spezies schuldig sein, aber was ist, wenn ich keinen der drei mir zu Verfügung stehenden männlichen Drachen wählen möchte? Oder keiner von ihnen mich?"

Ich konnte den Schmerz in Saphiras Stimme wahrnehmen. Insbesondere die letzte Frage traf mich tief. Sie hatte mir bereits einmal von dieser Sorge erzählt und ich konnte sie absolut verstehen. Trotz aller Versuche, hatte ich sie nicht ganz davon überzeugen können, dass sie niemandem gegenüber eine solche Pflicht hatte. Aber vor allem die letzte Frage schien darauf gezielt zu sein, was sie mit Glaedor erlebt hatte. Als ersten anderen Drachen, den sie getroffen hatte, hatte sie versucht mit ihm eine solche Verbindung aufzubauen, war jedoch vehement von Glaedor zurück gewiesen worden. Mir war nicht bewusst gewesen, zu welchem Ausmaß dies auch heute noch an ihr fraß.

Diesmal war in der Antwort der Drachen auch ein wenig Mitleid zu hören: „Du bist dir also deiner wahren Situation wirklich nicht bewusst, junge Drachendame. Wir sind überrascht, dass Glaedor dir dies nicht mitgeteilt hat, doch er wird seine Gründe gehabt haben. Eragon Schattentöterin, wir weihen dich als Mensch nicht leichtfertig in dieses Geheimnis ein, also wage es nicht es ohne Saphiras Erlaubnis weiter zu erzählen."

Überrascht, dass ich angesprochen wurde, versicherte ich ihnen, dass ich niemandem von dem was jetzt kommen würde ohne Saphiras Erlaubnis berichten würde. Dann fuhren die Drachen fort: „Saphira, du bist nicht der letzte weibliche Drache."

„Was?", riefen meine Drachendame und ich gleichzeitig aus. Gab es irgendwo noch einen weiteren weiblichen Drachen, der sich ähnlich wie Oromis im Verborgenen gehalten hatte? Ich schien die Frage unbewusst laut ausgesprochen zu haben, denn die Drachen antworteten direkt darauf.

„Nein, Eragon, wir wissen von keinem weiteren Drachen, der sich nach dem Sturz der Reiter im Verborgenen gehalten hat. Unser Wissen reicht viel weiter in die Geschichte der Reiter zurück. Als der Beschluss gefasst wurde, ein Bündnis zwischen Elfen und Drachen zu schließen, waren einige der Drachen nicht glücklich mit dieser Entscheidung. Sie verließen Alagaësia, obwohl sie durch den Pakt dieselben Effekte erfuhren, wie alle anderen Drachen. Wenig Kontakt bestand seit dem mit diesen Drachen und ihren Nachkommen, doch sie existieren noch."

Saphiras Gefühle waren kaum zu beschreiben, als sie diese Worte hörte: „Wie… wie könnt ihr euch sicher sein, dass die Nachkommen noch am Leben sind?"

„Dies ist selbst unter Drachen ein Geheimnis, welches nicht jedes Drachenei von Beginn an mit auf den Weg gegeben bekommt. Aus diesem Grund wissen auch sowohl Shruikan als auch Dorn nicht von den freien Drachen. Schon vor dem Pakt mit den Elfen bestand eine mentale Verbindung zwischen den Drachen. Sie ist nicht ohne weiteres zu spüren, insbesondere für Drachen, die einen Reiter oder eine Reiterin haben, da die Verbindung mit diesen die andere überschattet. Doch wenn man im Besitz des Wissens darüber ist, so ist es oft ein leichtes auch für diese Drachen, die Verbindung zu erkennen."

Dies mussten sowohl Saphira, als auch ich, erst einmal verdauen, doch Saphira konnte nicht aufhören zu fragen. Natürlich, sie hatte gerade erfahren, dass das Überleben ihrer Spezies nicht von ihr abhing. Eine solche Bürde nicht mehr Schultern zu müssen fühlte sich unglaublich an.

„Aber wie können wir wissen, dass die freien Drachen uns wohl gesinnt sind, wenn sie wegen dem Bündnis mit den Elfen damals gegangen sind?", fragte sie noch immer verunsichert.

„Diese Frage können nur die freien Drachen selbst beantworten, junger Drache", grollte die Antwort durch unser beider Geister, „aber der Konflikt liegt so viele Jahre zurück, dass ich die Möglichkeit nicht ablehnen würde, dass sich ihre Meinung dem Pakt gegenüber geändert haben."

Stumm fragte ich mich ob Oromis, oder zumindest Glaedor, diese Informationen besessen hatten und wenn ja, warum sie diese nicht mit uns geteilt hatten. Hatten die Eldunarí recht und die beiden hatten einen Grund dafür gehabt? Vielleicht hatten sie Sorgen darüber gehabt, dass die Informationen über uns an Galbatorix gelangen würden, wenn es dazu kommen sollte, dass er über uns triumphierte? Doch sicher konnte ich mir nicht sein. Allerdings half es, sich mit dieser Theorie einreden zu können, dass es nicht an einem mangelnden Vertrauen zu Saphira und mir gelegen hatte.

Jetzt fiel mir jedoch eine Frage ein, die ich vorsichtig stellte: „Verzeihung, ich möchte nicht zu vorlaut sein, doch Oromis sprach die Vermutung aus, dass Galbatorix es bereits geschafft hatte, sich einige Eldunarí zu unterwerfen und ihr habt am Anfang dieses Gespräches dasselbe angedeutet. Wie ist es da möglich, dass er von den freien Drachen nichts weiß?"

Ich hatte erneut großen Unmut auf meine Frage erwartet, doch wieder erwarten spürte ich nur eine leichte Traurigkeit bei der Antwort: „Ja, Reiterin, Galbatorix und sein Handlanger Murtagh haben sich viele Eldunarí unterworfen, wenn auch nicht gebrochen. Und wenn Galbatorix nach dieser Information gefragt hätte, so hätten sie ihm diese Antwort nicht verwehren können. Aber der Tyrannenkönig hatte die Möglichkeit, dass außerhalb Alagaësias noch weitere Drachen leben könnten, nie in Betracht gezogen und deswegen nicht nach solchen Informationen verlangt."

Saphira und ich waren beide sehr still, nachdem wir diese Menge an Informationen erhalten hatten, mit denen wir nie gerechnet hatten. Doch noch waren wir mit der Unterredung mit den Drachen nicht fertig. Es gab noch einige weitere Aspekte, die wir besprechen mussten, bevor Saphira und ich zu den Varden zurück mussten.

Saphira war immer noch dabei die bisherigen Informationen zu verdauen, jedoch wusste ich, dass jede Minute die wir sparen konnten wichtig war. Deswegen sandte ich meinen Geist erneut in Richtung der mentalen Verbindung der Drachen aus, die ich nun auch als solche erkannte.

„Ich möchte definitiv nicht unhöflich sein, aber die Zeit drängt, die Varden erwarten uns bei dem Aufeinandertreffen mit der Armee von Dras Leona an ihrer Seite. Auch wenn diese Informationen unglaublich erfreulich und erleichternd sind, so hatten wir doch auf andere Informationen, als Hilfe im Kampf gegen Galbatorix, gehofft. Falls ihr euch also in der Lage seht uns solche Informationen zu geben, wären wir zutiefst dankbar."

„Das ist nicht das Einzige, was wir euch zur Verfügung stellen werden, Drachenreiterin." Verwundert was die Eldunarí meinen könnten, wollte ich schon nachfragen, als die grollende Stimme fortfuhr: „Ihr werdet Informationen erhalten, sofern wir sie besitzen. Allerdings gibt es wenig, das wir euch über Galbatorix erzählen können, da er nichts von sich verrät. Was wir euch mit auf den Weg geben, ist unsere Kraft als Unterstützung. Du und Saphira habt die mentale Verbindung zwischen uns Eldunarí entdeckt und ihr werdet sie über ganz Alagaësia hinweg spüren, wenn ihr nur nach ihr sucht. Alle Eldunarí, die Galbatorix sich unterworfen hat, bewahrt er in Urû'baen auf, weswegen ihr nicht in der Gefahr seid von ihnen verraten zu werden. Wir übrigen sind es leid, immer wieder gegen Galbatorix für unsere Freiheit kämpfen zu müssen und ihr seid unsere letzte Hoffnung auf Befreiung. Wann immer ihr unsere Hilfe braucht, werden wir euch zur Seite stehen und alle Kraft, die wir haben, zur Verfügung stellen."

Ich war überraschte über die starken Emotionen, die in den Worten lagen. Nicht darüber, dass sie da waren natürlich. Ich konnte es absolut nachvollziehen, dass die Drachen eine große Wut Galbatorix gegenüber empfanden, jedoch hatten sie bisher kaum Emotionen gezeigt, jegliche Gefühlsregung mir und Saphira gegenüber zurück gehalten. Es schien ein Zeichen des Vertrauens zu sein, das über die Bedeutung der Worte selbst nur verdeutlicht wurde.

„Wir fühlen uns geehrt, dass ihr uns an dieser Würde teil haben lasst und versprechen euch, mit allen Mitteln für eure Freiheit zu kämpfen", sprach Saphira nun wieder, nachdem sie ihren Schock ein wenig überwunden hatte, und ich sandte nur meine Zustimmung mit ihren Worten mit.

„Dessen sind wir uns bewusst, sonst hätten wir euch dieses Privileg nicht zugeteilt. Doch wie Eragon bereits sagte, eure Zeit in unserer Gegenwart wird knapp. Wie bereits erwähnt, haben wir keine Informationen über Galbatorix selbst, jedoch hast du auch um Hilfe bei der Rettung des letzten Dracheneis in Galbatorix Besitz gebeten. Auch da können wir nicht viel tun, außer euch einen Plan von Urû'baen mit auf den Weg zu geben, da ihr dieses noch nie gesehen habt."

Ich wäre wohl von der geringen Menge an Informationen enttäuscht gewesen, wüssten Saphira und ich jetzt nicht von der Existenz weiterer Drachen. Auf ein Geheiß der Eldunarí hin, ließen Saphira und ich uns im Geiste durch das komplette Schloss von Galbatorix führen, schwer entdeckbare Türen und Durchgänge zeigen, und uns somit einen Grundriss des Gebäudes geben. Dies konnte uns bei einem Rettungsversuch für das Ei oder bei einem Angriff auf Galbatorix Festung von großem Vorteil sein.

„Nun haben wir vorerst alles in unserer Macht stehende für euch getan, Eragon Schattentöterin und Saphira Schimmerschuppe. Nun geht hinaus und kämpft für die Freiheit der Völker von Alagaësia."