144

Denise hatte sich von den anderen verabschiedet. Sie waren gerade losgefahren, um Negans Lager zu überfallen. Es war Denise egal, was sie mit den Menschen dort machten, solange Alexandria sicher blieb. Zwar hatte sie tief in ihrem Inneren die Sorge versteckt, dass das Ganze auch tierisch nach hinten losgehen konnte, aber sie war sich sicher, dass Rick alles im Griff hatte.

Was wenn er das einmal nicht hatte? Daran wagte Denise nicht zu denken, besonders nicht, weil Tara mit dort draußen war, die Frau, die sie liebte. Ihr Hoffnungsschimmer, ihr Fels in der Brandung. Sie waren noch nicht lange zusammen, aber Denises Leben hatte sich seitdem maßgeblich verändert.

Jetzt war Tara eindeutig in Gefahr, wenn sie nicht auf ihre Umgebung achtete, aber sie hatte schon einiges vor den Mauern überstanden... Schließlich war sie nicht von Anfang an hier in Sicherheit gewesen. Es musste furchtbar sein Erlebnisse mit sich herumzuschleppen, die einem den Schlaf raubten.

In dem Moment, in dem sie das dachte, hörte sie Judith aus dem Nebenraum, die wieder schreiend wach wurde. Auch sie konnte kaum schlafen und wenn, dann nur schlecht. Sie hatte die Frau auch vor ihrem Verschwinden nur selten ausgeruht oder überhaupt schlafen gesehen. Höchstens wahnsinnig übermüdet. Sie schlief wahrscheinlich nie länger als eine halbe Stunde am Stück und nun zwang sie ihr Körper zu einer Pause.

Schnellen Schrittes lief sie rüber und fand Judith auf dem Boden liegend, sie hatte sich aus dem Bett geworfen und kroch nun etwas unbeholfen herum. „Zurück ins Bett", rief Denise und lief auf Judith zu, die sich mit aller Kraft gegen ihren Griff wehrte.

Der Krach eines umstürzenden Metalltischs lockte Tobin von draußen in das Haus und er half Denise die schreiende Frau auf das Bett zu heben.

„Lasst mich!" schrie Judith immer wieder und versuchte sich aus den Griffen zu befreien. Nach einer Minute brach sie ihre Bemühungen ab und blieb keuchend liegen.

„Willst du dich umbringen oder was soll das?" fragte Tobin aufgebracht und sah Judith wütend an. Denise runzelte die Stirn. Was wollte er eigentlich?

Die Nähte an Judiths Fuß waren aufgerissen, der Verband verfärbte sich gerade rötlich. Denise verließ den Raum und holte Nadel, Faden und neues Verbandszeug.

„Liegen bleiben und nicht zappeln", sagte sie deutlich und zog sich ihren Roll-Hocker an das Fußende des Bettes, um besser an Judiths Fuß heranzukommen. Sie ließ sie gewähren, sah allerdings nicht begeistert aus. Irgendwie argwöhnisch, misstrauisch sogar.

Das Nähen musste ohne Betäubungsmittel schmerzhaft sein, aber Denise wollte ihre Vorräte für Eingriffe aufsparen, die es nötiger hatten. Carls Verletzung zum Beispiel gehörte zu den Eingriffen, die eine Betäubung mehr als nötig gehabt hatten.

„Ich werde das jetzt neu verbinden. Du darfst nicht aufstehen und durch die Gegend laufen, sonst heilt das niemals, verstanden?"

Judith blickte sie an, ließ Denise aber im Dunkeln, ob sie sie verstanden hatte, oder eben nicht verstehen wollte. Letzteres passte sehr gut zu ihr. Aber Denise war hier, um ihr zu helfen und nicht, um sie zu bestrafen. Das hier passierte nicht, um Judith zu ärgern.

Tobin blieb aus irgendeinem Grund im Raum und verschränkte die Arme vor der Brust. Er sah Judith abschätzig an.

„Wer war das eigentlich? Wer hat dir das angetan?" fragte er dann in die Stille und Judith richtete sich ruckartig auf. Denise bemerkte die Panik, die sich in Judiths Blick abzeichnete und rollte auf ihrem Hocker etwas näher an sie heran.

„Kannst du dich daran erinnern? Oder ist es verloren gegangen?" Denise wusste, was ein Schock mit dem menschlichen Geist anrichten konnte, immerhin war sie mal Psychologin gewesen. Reden würde Judith vielleicht helfen.

Widerwillig schüttelte Judith den Kopf, aber nicht, weil sie sich nicht erinnerte, ihre Augen sagten da etwas anderes. Sie wusste noch alles und das war wahrscheinlich schlimmer als das Vergessen.

„Wie hießen die? Wo leben die?" Tobin ging völlig falsch an die Situation heran. Er war zu ruppig, verlangte zu viel.

Denise warf ihm einen verärgerten Blick zu und rollte nun direkt neben Judith, deren Hand sie ergreifen wollte. Die Frau ließ es nicht zu, aber das hätte sie ohnehin nicht, dafür hätte sie nicht gefoltert werden müssen.

„Hier bei uns bist du in Sicherheit, dir wird niemand etwas tun, hörst du Judith?" begann Denise die beruhigende Tour, doch schüttelte Judith noch heftiger den Kopf.

„Das sagten alle und dann haben sie es doch getan." Judiths Stimme war nur ein Flüstern, das Denise sofort einen kalten Schauer über den Rücken jagte. Die Frau musste die Hölle durchgemacht haben.

„Er hat mich verraten", setzte sie zusammenhanglos hinterher und zog die Knie an. Der Schmerz war danach sofort in ihrem Gesicht zu erkennen, denn der frisch bandagierte Fuß war geräuschvoll über das Laken gerutscht.

„Wer?" fragte Tobin nun auch etwas sanfter und ließ die Arme endlich sinken. Wenn jemand die Arme verschränkte, dann signalisierte er Abwehr und er sollte Judith nicht abwehren wollen. Sie sollte verstehen, dass sie hier willkommen war.

„Der Mann", begann Judith mit brüchiger Stimme und starrte ins Nichts.

„Welcher Mann, Judith?" fragte Denise, denn die Chance durfte sie nicht verpassen. Wenn sie sich öffnete, dann vielleicht nur dieses eine Mal.

Judith blickte Denise an und wieder bekam Denise eine Gänsehaut.

„Der Mann mit der Armbrust."

Tobin atmete zischend aus, Denise runzelte die Stirn. Meinte sie etwa Daryl? Wieso sollte er sie verraten? Und wann sollte er das getan haben? Judith war seit Wochen nicht mehr hier gewesen.

„Daryl?" fragte Denise deshalb, denn sie konnte das nicht glauben.

Judith lachte und legte ihre Hände an ihre Ohren. „Nein, er will alles wissen. Er befiehlt über sie, er besitzt sie alle."

Denise war sich nicht sicher, ob sie noch von ein und derselben Person sprach, oder von zwei. Der 'Er', den sie jetzt erwähnte, der schien jemand anderes, gefährlicheres zu sein. Jemand übergeordnetes und furchteinflößendes. Und hatte Daryl seine Armbrust nicht verloren? Jemand hätte sie doch an sich nehmen können, die Chance war relativ hoch.

„Wer ist er?" unterbrach Tobin verunsichert die neuerliche Gesprächspause.

Judith öffnete die Augen noch weiter und sah Tobin mit einem leeren Blick an. Sie ließ einige Sekunden verstreichen bevor sie eine Antwort gab. Der Name, den Judith dann nannte, ließ Denise erstarren.

„Negan."

145

(Inspiriert von 'Follow the Shadows', Vitja)

Er kam sich vor als wäre er eine Art geräuschloser Schatten, der durch die Gänge schlich, um nur ein Ziel zu erreichen – den Tod aller Männer hier im Gebäude. Glenn schluckte seinen Unmut herunter und tat das, was Ricks Plan vorsah.

Das nächste Zimmer gehörte ihm und Heath. Sie beide hatten noch nie ein Menschenleben ausgelöscht, aber früher oder später kam es immer dazu... Glenn hatte eigentlich die Hoffnung gehabt, dass er weiterhin verschont bleiben könnte, doch nun war der Tag gekommen. Der Tag, der niemals hätte kommen sollen.

Ihm war bewusst, dass diese Menschen hier alles andere als rücksichtsvoll oder nett waren, dennoch fühlte er sich wie ein Verräter der Moral, wenn er hier mit gezücktem Messer durch die Flure wandelte.

Das Gefühl nagte an ihm, dabei hatte er es überhaupt noch gar nicht getan. Seine Frau war dort draußen irgendwo und war deshalb potentiell in Gefahr und er rang hier mit sich und seinen Vorstellungen von Ethik und Menschlichkeit.

Eigentlich müsste es ihm egal sein, denn er verdiente hiermit die Lebensmittel, die Maggie und die Kinder in Alexandria so dringend brauchten. Es war eine Art Arbeit, die er gerade erledigte. Zwar keine herkömmliche, aber eine Arbeit.

Dieser Gedanke war so tröstend wie lächerlich. Ein erbärmlicher Versuch sich selbst diese Entscheidung schön zu reden. Natürlich hätte er Ricks Vorhaben widersprechen können, aber dann wären Maggies mühevolle Verhandlungen mit Gregory sinnlos geworden.

Er musste das hier durchziehen und Alexandria zur Versorgung helfen, die es brauchte. Vorsichtig lotste er Heath in das Zimmer und begab sich an das Bett des Mannes auf der rechten Seite. Es war ein relativ kleiner Mann, vermutlich Mexikaner und er hatte sehr viele Tattoos auf seiner Haut.

Glenn zögerte noch einen Moment und prägte sich jedes Detail des Gesichtes ein. Eine schlechte Idee, das wusste er, aber er hatte das Gefühl, dass er es dem Mann irgendwie schuldig war, dass er sich später an ihn erinnerte. Es mussten ja keine guten Erinnerungen sein, aber der Mann hier starb schließlich auch nicht umsonst. Es war keine pure Mordlust, die ihn das hier tun ließ.

Nein. Es war die Liebe zu seiner Frau und zu seinem ungeborenen Kind. Und das Vertrauen in Rick und die Gruppe. Unerschütterliches Vertrauen. Oder? War es wirklich so unerschütterlich?

Glenn schloss die Augen für einen kurzen Augenblick und sah noch einmal den Fremden vor sich an. Er schlief tief und fest, seine Atemzüge gingen regelmäßig. Er war wehrlos. Kurz entschlossen erhob Glenn seine Arme, das Messer fest umklammert und ließ es dann im Kopf des Mannes versinken.

Sein erster Mord. Er fühlte sich beschmutzt, so als würde er in Dreck baden, der ihm nie wieder von der Haut ging. Einfach besudelt. Entweder hatte der Teufel gerade von ihm Besitz ergriffen oder er selbst war zu einem Teufel geworden.

Glenn spürte den guten Menschen in sich sterben. Qualvoll. Aber er hatte es tun müssen. Für seine Frau und sein Kind. Er hatte es tun müssen... Je öfter er es in Gedanken wiederholte, desto glaubhafter klang es tatsächlich.

Er erwachte aus seiner Starre und blickte am blutüberströmten Gesicht des Mannes vorbei auf das bespritzte Bettlaken. Die Matratze war fleckig und Glenn überkam augenblicklich eine Übelkeit, die er noch nie zuvor gespürt hatte.

Hinter sich vernahm er den zittrigen Atem, den Heath immer wieder ausstieß. Er hatte es noch nicht getan, deshalb traf Glenn eine Entscheidung. Entschlossen erhob er sich und ging auf Heath zu, der wie in einer Art Trance gefangen zu sein schien.

Behutsam drückte Glenn Heaths Arm weg und hockte sich vor das Bett mit dem schlafenden Fremden. Beim zweiten Mal war es vielleicht nicht mehr so schlimm, aber Heath sollte das erste Mal gar nicht erst erleben müssen.

Er musste es tun. Für seine Frau und sein Kind. Glenn hielt die Luft an, holte aus und stach das Messer direkt durch das Ohr des Mannes in dessen Gehirn. Heath hinter ihm keuchte hörbar auf und drehte sich weg – zumindest hörte es sich so an.

Jetzt hatte wenigstens einer von ihnen beiden seine Unschuld bewahrt. Dennoch tat es Glenn leid. Es tat ihm leid, was für ein Mensch er hatte werden müssen, um weiter zu überleben. Es tat ihm leid, dass er es hatte tun müssen. Das einzige, das ihn tröstete war die Tatsache, dass er es Heath hatte ersparen können.

Glenn erhob sich und blinzelte mehrmals. Heath neben ihm legte ihm sachte eine Hand an die Schulter und blickte ihn mitleidig an. Es war aufrichtiges Bedauern, was er in seinen Augen sehen konnte. Bedauern darüber, dass Glenn es für ihn hatte tun müssen, nicht dass es geschehen war. So gut kannte er Heath trotz der kurzen Zeit, die sie miteinander verbracht hatten.

Er nickte ihm zu und ließ seinen Blick noch einmal über das Lager des soeben Verstorbenen schweifen. Bei den Polaroids über dessen Bett wurde Glenn stutzig. Es waren keine Bilder von Verwandten oder Familie, die dort hingen.

Es waren Bilder von verstümmelten Leichen. Leichen, die definitiv vor diesen Aufnahmen nicht schon untot gewesen waren. Das Blut und die Gehirnmasse, die dort abgebildet waren, sahen ziemlich frisch aus. Es waren also Trophäen, die hier vor Glenn ausgebreitet waren.

Vielleicht hatte er das Richtige getan. Für seine Frau und sein Kind. Aber was war schon richtig? Wer durfte noch zwischen richtig und falsch überhaupt noch die Grenze ziehen? Waren solche Grenzen nicht ohnehin obsolet?

Glenns Kopf war voll von derartigen Fragen und Zweifeln und sie schwirrten ihm im Sekundentakt durch die Gedanken. Er wurde zudem das Gefühl nicht los, dass das hier bisher viel zu einfach gelaufen war.

Sollte eine Gruppe, die zu einem Mann wie Negan gehörte, nicht sehr viel besser vorbereitet sein? Er ahnte Böses, auch wenn es nur ein Bauchgefühl war. Vielleicht hatte Rick Negans Leute unterschätzt – oder eben die Gruppe überschätzt. Arroganz konnten sie sich nicht leisten, nicht hier und nicht jetzt.

Das ungute Gefühl ließ ihn nicht mehr los und er starrte die Polaroids noch ein paar Sekunden lang an, bevor er sich mit Heath wieder auf den Weg machte. Er musste es wenigstens versuchen noch weiter durchzuziehen.

Er musste es tun. Für seine Frau und sein Kind...