Ein unerwartetes Angebot, Kapitel 53
Es war Mitte März. Die Sonne schien, jedoch wehte ein kühler Wind über die Insel. Die Pflanzen hatten sich langsam von diesem kalten Winter erholt und begannen zu blühen und verbreitete überall Farbenpracht und Frühlingsgefühle.
Genau zwei Wochen war es nun her, seitdem die Fords ihrem alten Leben in Toronto den Rücken gekehrt hatten und ein neues Leben im alten Traumhaus in Four Winds Habour begonnen hatten. Rilla war regelrecht aufgeblüht, sie lachte und war fröhlich. Kenneth hatte seine Rilla seit der Geburt der kleinen Joyce nicht mehr so glücklich gesehen und wusste, dass es die beste Entscheidung gewesen war, hierher zu ziehen.
Er arbeitete mit Jem und Gilbert gemeinsam in der Praxis und merkte, wie viel besser ihm das Leben als "Landarzt" gefiel. Er konnte besser auf seine Patient eingehen und ein besseres Verhältnis zu ihnen aufbauen. Als er noch im Krankenhaus in Toronto gearbeitet hatte, war sein Alltag von Tod, Hektik und schlechter Laune geprägt. Ja, auch er fand langsam Gefallen an seinem neuen Leben.
Die kleine Joyce entwickelte sich prächtig und wurde von allen gemocht. Besonders ihr Großvater Gilbert und ihr Onkel Walter hatten einen Narren an ihr gefressen. So wie auch an diesem Nachmittag. Die Blythes, Fords, Merediths und Gardners hatten sich im Pfarrhaus eingefunden um der Trauung von Walter und Una beizuwohnen.
Reverend John Meredith stand vor dem Brautpaar und sprach eine ergreifende Rede. Wie glücklich er über die Hochzeit der beiden war, konnte man ihm gar nicht ansehen. Er war glücklich darüber, dass seine jüngste Tochter nicht alleine blieb, sondern den Mann ihres Herzens heiratete und mit ihm in Kingsport ein neues Leben beginnen würde.
Walter stand nervös vorne am Altar und lauschte den Worten seines zukünftigen Schwiegervaters. Una stand neben ihm, hielt sein Hand ganz fest in ihrer und lächelte. Sie trug das Kleid ihrer Mutter und strahlte wie die aufgehende Sonne. Una Meredith hatte noch nie hübscher ausgesehen, nicht einmal Faith Blythe oder Rilla Ford konnte sie an diesem Tag mit ihrer Schönheit überschatten.
Joyce saß auf dem Schoß ihres Großvaters Gilbert und quietschte vergnügt, als Walter und Una sich endlich küssen durften. Alle Anwesenden begannen zu lachen und bewarfen das Paar mit Reis. Nach und nach nahmen die beiden die Glückwünsche und Geschenke ihrer Gäste entgegen.
Doch das schönste Geschenk kam von Walter. Er reichte Una einen Hausschlüssel und verkündete, dass er 'Patty's House' gekauft hatte. Una strahlte über das ganze Gesicht und küsste ihn. Sie hatte Patty's House vom ersten Augenblick an in ihr Herz geschlossen und die Tatsache, dass sie nun ihr zukünftiges Leben mit Walter darin verbringen dürfte, war einfach unglaublich.
Man
tanzte ausgelassen im Wohnzimmer, obwohl es recht klein war, aß,
trank und feierte ausgelassen bis in den späten Nachmittag. Man
brachte das Brautpaar zum Bahnhof wo man sie verabschiedete und sie
in die Flitterwochen nach New York
schickte. Una küsste
ihren Vater zum letzten mal auf die Wange und dankte ihm für
alles. Sie stieg mit Walter in den Zug und fuhr mit ihm in eine
ungewisse Zukunft.
"Das war gestern doch wirklich eine schöne Feier", meinte Rilla, als sie am nächsten Morgen am Frühstückstisch saßen. Kenneth nahm noch einen Schluck Kaffee und erhob sich. "Ja das fand ich auch, Una sah wirklich glücklich aus. Es tut mir leid Rilla, aber ich habe dem alten Mr Finnigan versprochen nach ihm zu schauen", meinte Kenneth, küsste sie und die kleine Joyce auf Rillas Schoß zum Abschied.
Rilla winkte ab und war insgeheim froh darüber, dass Kenneth sich langsam einlebte und in seiner Arbeit völlig aufging. Sie erhob sich ebenfalls mit Joyce und brachte ihren Ehemann zur Tür. Sie küsste ihn zum Abschied, reichte ihm seinen Arztkoffer und öffnete die Tür.
"Hallo", grüßte eine freundliche Stimme die beiden. Die beiden wanden sich der Person zu und Rillas Gesicht erhellte sich. "Rebecca! Was…was machst du hier?", fragte Rilla. Kenneth begrüßte Rebecca flüchtig. "Tschuldigung, muss los", meinte er knapp und machte sich davon.
"Komm bitte erst einmal rein", sagte Rilla immer noch verdutzt und bat ihren Gast ein zu treten. Rebecca stellte ihre Reisetasche im Flur ab und schaute sich zufrieden um. "Ein nettes Haus", meinte sie und nahm am Tisch Platz. Rilla legte die kleine Joyce in den Laufstall, wo das Mädchen glücklich mit ihrem Teddy spielte.
Rilla nahm neben Rebecca am Tisch Platz und goss der Reisenden Tee ein. Rebecca nahm dankend einen großen Schluck und stellte die Tasse wieder ab. "Also, verrätst du mir nun, wie wir zu deinem Besuch kommen? Nicht das wir uns nicht freuen würden", lächelte Rilla und schaute ihre Freundin erwartungsvoll an.
"Ihr habt mich doch gebeten in eurem Häuschen nach dem rechten zu sehen und als ich nachgeschaut habe, fand ich ein Buch von Kenneth. Es sah wichtig aus, deshalb dachte ich mir, ich bringe es euch vorbei", meinte Rebecca nervös und nahm hektisch einen Schluck Tee zu sich.
Rilla lächelte sie an und berührte Rebeccas Hand: "Rebecca, du bist meine Freundin und ich kenne dich, was ist los? Du reist nicht einfach so wegen eines albernen Buches von Toronto nach Four Winds. Du hättest es uns schicken können oder Owen und Leslie bei ihrem Besuch mitgeben können. Also, was ist los? Hast du Schwierigkeiten, wie kann ich dir helfen?".
Rebecca wusste nicht so recht was sie antworten sollte und starrte in ihre Tasse. Nach einer Weile antwortete sie: "Der Grund ist einfach, ihr habt mir gefehlt. Ich weis, es ist lächerlich da ihr gerade einmal zwei Wochen weg seit, aber das ist die Wahrheit".
Rilla strich ihrer Freundin beruhigend über den Rücken: "Du hast mir auch gefehlt. Deine Besuche, unsere Gespräche und besonders deine Blaubeermuffins haben mir gefehlt. Du warst mir in Toronto eine große Stütze und bist mir sehr wichtig".
Die beiden umarmten sich. "Danke Rilla, das hast du aber nett gesagt", flüsterte Rebecca und küsste ihre Freundin zum Dank auf die Wange.
Rilla erhob sich und blickte
Rebecca mit großen Augen an. "Du wirst nun erst einmal bei
uns bleiben und der Rest wird sich zeigen".
"Aber ich kann
doch nicht einfach hier bleiben und euch belästigen",
widersprach Rebecca, Rilla schüttelte den Kopf.
"Du bleibst und damit basta. Und als erstes werde ich dich dazu verpflichten auf Joyce aufzupassen, während ich den Frühstückstisch kurz abräume und das Gästezimmer schnell herrichten gehe". Rebecca schmunzelte und wusste, dass jeder Widerspruch vergeblich war.
Die Tage verstrichen langsam. Rilla und Rebecca unternahmen viele Dinge: machten Spaziergänge im Regenbogental, saßen an den Felsen oder hielten sich auf Ingleside auf. "Vielen Dank Rilla, für die schönen Tage. Ich werde nun zu Bett gehen, eine gute Nacht", wünschte Rebecca an einem Abend im April. Rilla wünschte ihr ebenfalls eine schöne Nacht, wollte jedoch auf ihren Ehemann warten.
Rilla nahm sich ein Buch zu Hand und machte es sich in einem Sessel gemütlich. Sie musste zum Glück nicht lange auf Kenneth warten. Leise öffnete er die Hautüre, hängte seinen Mantel an den Haken und betrat das Wohnzimmer. "Du bist noch auf Rilla-my-Rilla?", fragte er seine Frau und küsste sie zur Begrüßung.
Er nahm neben Rilla Platz und strich ihr sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht. "Ich liebe dich Rilla, ich hoffe du weist das", flüsterte er und küsste sie. Sie schloss die Augen, kuschelte sich fest in seine Arme und lauschte seinen Worten. "Es geht Mrs Thomas Palmer besser, ihr schrecklicher Ausschlag ist endlich weg. Raphael McDougal…", Kenneth wurde plötzlich unterbrochen.
"Ken,
Entschuldigung das ich dich unterbreche, aber ich mach mir
Sorgen."
"Sorgen? Um Mr McDougal", erkundigte Kenneth sich
verwundert.
"Nein, um Rebecca".
"Was ist mit ihr? Soll
ich mal nach ihr schauen?", fragte Kenneth.
Rilla schüttelte
den Kopf: "Es geht ihr gut. Aber ich mach mir Sorgen. Sie ist
einsam, sehr sogar".
"Einsam? Hat sie das gesagt oder wie
kommst du darauf?".
"Sie wohnt alleine in einem Stadthaus,
hat keinen Mann und keine Kinder. Sie hat mir erzählt das sie in
Erwägung zieht, ihr Haus zu verkaufen und überlegt, bei
Julia einzuziehen. Die beiden sind zwar verwandt, aber du kennst ja
Julia", meinte Rilla und machte ein besorgtes Gesicht.
"Julia Spencer-Boyd? Das kann sie doch nicht ernst meinen. Sie muss sich wirklich einsam fühlen", meinte Kenneth und erhob sich. Er ging zum Fenster hinüber und starrte auf das Meer hinaus. Er mochte Rebecca. Sie war immer freundlich, nett und hilfsbereit. Sie war eine gute Freundin seiner Frau und er fand Rebeccas Schicksal sehr traurig.
"Also, welchen Plan hast du?", fragte
Kenneth.
Rilla erhob sich ebenfalls und legte ihm eine Hand auf
den Rücken. "Ken, ich habe mir überlegt Rebecca bei uns
aufzunehmen. Sie kann bei uns leben und muss nicht mehr einsam
bleiben. Was meinst du?", fragte Rilla.
Kenneth drehte sich um und legte seine Hände um ihre Hüfte. "Du hast so ein großes Herz, Rilla-my-Rilla. Ich würde mich freuen, sie bei uns zu haben. Meinst du den, sie wird bleiben? Ich weis nicht, vielleicht fühlt sie sich überrumpelt oder ähnliches".
Rilla legte ihm ihren Finger auf die Lippen. "Sie kann nicht anders. Sie muss bei uns leben, ich würde sie gerne hier haben", meinte Rilla und horchte plötzlich auf. Sie hörte jemand, in diesem Fall Rebecca, die Treppen hinunter schleichen und in die Küche gehen.
Rilla nahm Kenneths Hand und folgten ihrem Gast in die Küche. Rebecca stand über der Spüle und leerte ein Glas mit Wasser in schnellen Zügen. "Oh Rilla, Kenneth. Ich wollte euch nicht stören. Ich hatte Durst und naja, hier bin ich", lächelte sie die beiden an.
"Rebecca, wir müssen mit dir sprechen", meinte Rilla ernst und wies Rebecca an, sich zu setzten. Rebecca machte ein verwirrtes Gesicht und nahm Platz. Rilla nahm ebenfalls Platz und Kenneth legte ihr eine Hand auf die Schulter. "Ken und ich haben einen Entschluss gefasst, wir möchte dich bitte hier zu bleiben und bei uns zu wohnen".
Rebecca riss ihre Augen auf und starrte die beiden ungläubig an. "Ihr wollte, dass ich bei euch wohne? Ich würde euch nur stören und auf der Tasche liegen. Das war nicht der Grund meines Besuches. Es muss ja jetzt den Anschein haben, dass das mein Ziel war, was es aber nicht war! Ihr habt mir gefehlt und das war's. Ihr müsst mich das nicht fragen, weil ihr Mitleid mit mir habt", meinte Rebecca aufgebracht und erhob sich.
"Rebecca bitte.
Wir haben dich nicht aus Mitleid gefragt. Du hast mir gefehlt und ich
hätte dich gerne hier bei mir", versuchte Rilla ihren Gast zu
beruhigen.
"Ja Rebecca, wir hätten dich gerne hier bei
uns. Bitte bleib hier", sprach nun Kenneth mit seiner samtweichen
Stimme.
Rebecca nahm wieder Platz und schenkte den beiden ein Lächeln. "Ehrlich? Ihr wollt wirklich das ich hier bei euch bleibe? Aber es wird doch bestimmt sehr eng wenn drei Erwachsene hier leben und ihr dürft nicht vergessen, Joyce wird noch wachsen".
"Mach dir darum bitte keine Gedanken. Wir werden schon
genug Platz haben", lächelte Kenneth nun zurück.
"Okay
ich werde bleiben, aber nur, wenn ich euch den Haushalt führen
darf", sagte Rebecca mit fester Stimme.
Rilla sah geschockt
in Rebeccas Gesicht: "Nein, wir wollen nicht das du als
Haushälterin bei uns lebst. Du sollst als Gast bei uns leben und
nicht als Dienstmagd!"
"Ich werde hier nicht umsonst bei euch
leben. Lasst mich doch wenigsten um den Haushalt kümmern. Du
könntest dich besser um die kleine Joyce kümmern und
hättest mehr Zeit für deinen Mann. Ich werde euch den
Haushalt führen, basta. Ich möchte nicht jeden Tag mit
einem Schuldgefühl aufwachen und daran denken, dass ich euch auf
der Tasche liege. So, ich hoffe ihr akzeptiert es, ich werde keine
Widersprüche dulden", sagte sie im strengem Ton und lächelte
verschmitzt.
Rilla und Kenneth akzeptierten, nahmen sich doch insgeheim vor, Rebecca so gut es ging zu entlasten.
