Kapitel 50


27. August, London

Severus,

es tut mir leid, wenn ich dich verletzt habe. Ich wollte dich vielleicht reizen - dich wissen lassen, was du in mir auslöst...und ich mag dir immer noch wütend erschienen sein - aber in Wahrheit war ich einfach noch enttäuscht.

Wenn ich dich nun quälte, indem ich dir vor Augen führte, was du eben genau nicht von mir haben kannst, dann quälte ich mich gleichsam!

Wenn ich sage, dass ich dies mit einem anderen Mann versuchen möchte auszuleben - ja, wenn ich dir dies so explizit ankündige, so weiß ich selbst nicht genau, ob ich möchte dass du es mir verbietest, oder ob ich Absolution von dir erwarte.

Ich weiß es nicht, weil ich selbst nicht weiß, ob ich es mit meinen Gefühlen vereinbaren kann, mich unter den Händen eines anderen Mannes wiederzufinden, wenn es doch nur du bist, den ich eigentlich möchte.

Gleichzeitig schriebst du mir in einem deiner ersten Brief, dass ich meinen Körper...meine Lust nicht verleugnen soll, indem ich keusch warte, bis ich Liebe für jemanden empfinde, um mich willig hinzugeben.

Ich kann dich nicht haben - ebenso wenig wie du mich...also muss ich dir zugestehen dich mit anderen Frauen zu vergnügen, und du musst mir erlauben, mich anderen Männern hinzugeben.

So einfach ist das, nicht wahr?

Warum ist es dann dennoch so verdammt schwer?

Ich werde mich heute Abend mit The Giant treffen. Wir sind zum Abendessen verabredet und Harry wird in dieser Zeit über Hadass wachen.

Sie ist heute aufgestanden und ich muss zugeben, dass ich fast im Erdboden versunken bin, als sie mein Wohnzimmer sah.

Habe ich je erwähnt was für eine schlechte Hausfrau ich bin, Severus?

Damit meine ich nicht, dass es schmutzig bei mir sei...nein, das nicht gerade, aber mir fehlt jede Liebe fürs Detail. Ich habe einfach kein Händchen für die Dinge, die zur Wohnlichkeit beitragen. Es ist wohl eher zweckmäßig, wenn ich meine Bücher in endlosen Regalreihen im Wohnzimmer untergebracht habe, weil mein Arbeitszimmer bereits überfüllt ist. Es fehlt mir dadurch der Platz für Bilder und andere Schmuckgegenstände.

Ich konnte einen Teil deines Hauses sehen, als ich dich nachts 'besuchte'. Es ist wundervoll - hell - mediterran- weitläufig, und voller Hingabe eingerichtet. Ich weiß, dass dies in erster Linie das Werk von Hadass ist, und nun...nun muss sie hier wohnen und ich werde das Gefühl nicht los, dass es sie schockiert...dass sie meine Bücher für überflüssig hält und darauf brennt, Hand anzulegen bei meinen lieblos eingerichteten Räumen.

Ich sagte dir ja bereits, dass ich nicht viel benötige zum Leben - und trotz des Geldes, welches du mir zukommen ließest, habe ich nichts in meiner Wohnung verändert.

Mir ist klar, dass ich Hadass eine Aufgabe geben muss - doch sollte es wirklich die sein, mein Umfeld derart zu verändern? Ich werde zusehen, dass sie eine eigene Wohnung findet...aber es ist einfach noch zu früh dafür. Die Formalitäten brauchen Zeit. Harry kümmert sich darum, dass sie Ihre Papiere so schnell wie möglich bekommt. Ich möchte lieber nicht wissen, welche Wege er dafür gehen musste, aber er geht sie ohne sich zu beschweren. Ich bin ihm sehr dankbar!

Du fragtest mich, wie er darauf reagierte, dass es ausgerechnet deine Frau war, der er helfen sollte. Er hat nie etwas deswegen gesagt, außer seinen inständigen Fragen, wie es zu einem Kontakt zwischen uns kam. Ich sagte ihm die Wahrheit - dass ich dich anschrieb, weil ich Dinge zu deiner Verhandlung wissen wollte. Er glaubte mir natürlich, dass meine Neugier groß genug war, um einen Brief an einen verurteilten Verbrecher zu richten.

Als ich ihm von Hadass berichtete, wollte er mir anfangs nicht glauben, dass du sie auf diese Weise retten wolltest. Er war äußerst kritisch und ich denke er wollte mir nur einen Gefallen tun, als er half, sie aus dem Grab zu holen. Aber jetzt...ich kenne ihn einfach zu gut, Severus...er sieht in Hadass nicht deine Frau...er sieht in ihr eine wunderschöne Frau, die er beschützen möchte. Ich kann es ihm nicht verdenken. Sie ist wunderschön und sie braucht Schutz, denn sie ist hier ganz allein und sie hat so vieles, das sie verarbeiten muss.

Hadass bemerkte meine Teekanne natürlich sofort. Sie nahm sie in die Hände und sagte mit einem scheuen Lächeln, dass sie sich freue zu sehen, dass ich sie verwenden würde. Dann drehte sie sie vorsichtig und fragte mich, ob ich es gewesen sei, die das Flieder-Decor ausgesucht hätte. Ich schüttelte den Kopf und sie sah keineswegs so aus, als sei sie überrascht - sie brauchte mich nichts weiter zu fragen - sie wusste wessen Werk es war.

Himmel, was geschieht hier nur?

Sie ist deine Frau - auch wenn ihr nur ein einziges mal als Mann und Frau das Bett geteilt habt, so kennt sie dich soviel besser, als ich es tue - und irgendwie scheint sie sogar mich viel zu gut zu kennen.

Nein, ich bedaure nicht, dass ich dir beschrieb, wie ich mich dir in Gedanken hingab, während ich mir selbst Lust verschaffte - ich bedaure es nicht und ich schäme mich nicht dafür...ob ich es jemals tun werde kann ich dir nicht beantworten. Aber wenn ich Hadass ansehe, dann weiß ich, dass ich schon allein deshalb so etwas nicht tun darf, weil du so viel weniger mir gehörst, als ihr.

Ich habe ihr noch nicht gesagt, wie es um ihre Fähigkeit steht, jemals ein Kind zu bekommen. Ich ahne, dass es schlimm für sie wird - und sie ist noch so jung!

Wird sie ihre Zukunft überhaupt akzeptieren, die wir ihr boten, wenn sie gleichzeitig einen solch schweren Einschnitt akzeptieren muss?

Ich weiß es nicht! Ich selbst habe zwar keinen direkten Kinderwunsch, doch ist mir die Gewissheit wichtig, dass ich jederzeit eines bekommen könnte, wenn ich mich dafür entschiede. Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, wenn ich diese Möglichkeit durch die Schuld eines anderen Menschen verlieren würde. Es ist schwer für eine Frau - und mit Sicherheit auch für den Mann, der mit ihr sein Leben teilen möchte.

Hadass hat mich gebeten ihr einige Dinge zu besorgen und derzeit beschäftigt sie sich mit einer Handarbeit, die ich niemals zu Stande bringen würde.

Ich sagte ihr übrigens auch nicht, dass du keinen Kontakt zu ihr wünschst - ich wollte ihr dies nicht sagen...nicht jetzt...nicht später...niemals!

Aber sie selbst sagte mir, dass sie davon ausgeht, dass du es nicht wünschen würdest und ich widersprach ihr nicht. Sie bat mich, dir nur von ihr zu berichten, wenn du nach ihr fragst. Du fragtest mich, ob sie über die Auswirkung ihrer Verletzungen Bescheid weiß und ich berichte dir so viel mehr von ihr, weil ich vermeiden möchte, dich mit meinen innersten Gefühlen dir gegenüber zu bedrängen.

Ich will nicht, dass wir uns gegenseitig Schmerz zufügen.

Mir ist klar, dass es sich manchmal wohl auch in Zukunft nicht vermeiden lassen wird und ich bin bereit, das Risiko einzugehen.

Es hat mich unglaublich gefreut, als ich las, welche Bestrafungsmethode der neue Regent von Malfoy Island (wirst du sie umbenennen?) eingeführt hat.

Ich muss zugeben, dass es mich gefreut hat, dass du Narcissa auf diese Art 'außer Gefecht' gesetzt hast.

Und ich kann mir gut vorstellen, dass es für Lucius Malfoy eine Schmach gewesen sein muss, die Frau, die er scheinbar wirklich liebt, zur Dienstbotin herabgesetzt zu sehen.

Bei dem Thema Dienstbotin fällt mir ein, dass ich dir wohl noch etwas berichten sollte.

Ich schrieb dir, dass ich dich sah als du schlafend in deinem Bett lagst. Was ich dir verschwieg ist die Tatsache, dass ich dich schon viel früher an diesem Abend beobachtete.

Ich sah wie das Dienstmädchen deine Haare kämmte...und ich sah auch ihre Tochter...sowohl vor diesem Ereignis, als auch danach.

Severus, ich sah, wie sich das Kind zu dir ins Bett schlich und du es in deinen Armen einschlafen ließt. Ich konnte beobachten, wie die Mutter es holte und du auch offensichtlich sie getröstet hast.

Hasst du mich jetzt für meine Beobachtungen?

Wirst du mir schreiben, dass ich alles ganz falsch verstand?

Dieses Kind hat Schutz bei dir gesucht - willst du mir jetzt sagen, dass es das tat, weil du es schlecht behandelt hast?

Wäre es die Mutter gewesen, die sich in dein Bett gelegt hätte, ja, so hätte ich vermutlich angenommen, dass du deinen Entschluss, dir nicht eine Frau für die Nacht zu nehmen, geändert hattest...aber es war das Kind. Und eines weiß ich, auch ohne selbst Mutter zu sein - einem Kind macht man so schnell nichts vor. Kinder haben noch die Gabe tiefer blicken zu können, denn Worte greifen bei ihnen nicht so sehr wie die Dinge, die man für sie tut.

Ich weiß, dass du nicht möchtest, dass ich dich in einem solchen Licht sehe...dass ich diese Dinge von dir weiß.

Bitte, Severus - beschreib mir das Meer...beschreib es mir, damit ich weiß ob ein Sturm aufzieht.

Hermine